Rheinmetall und Alstom einigten sich grundsätzlich auf die Übernahme des Kasseler Lokomotivwerks. Für die rund 900 Beschäftigten bleibt offen, wie viele zum Panzerbauer nebenan wechseln und zu welchen Konditionen. Der Lokbau in Kassel soll laut HNA enden.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Einigung über das Kasseler Alstom-Werk in wesentlichen Eckpunkten bestätigten Rheinmetall und Alstom am späten Montagnachmittag auf Anfrage der HNA.[1] Über Details verhandeln die Vorstände noch, danach halten die Konzerne die Vereinbarung vertraglich fest.
Das Wichtigste in Kürze
- Am 5. Oktober bestätigten beide Konzerne eine Grundsatzeinigung, der Vertrag steht noch aus.
- Rheinmetall braucht Flächen und Personal für die Serienfertigung des Radpanzers Boxer direkt nebenan.
- Über Zahl und Konditionen der Übertritte verhandeln die Konzerne mit IG Metall und Betriebsrat.
Was haben Rheinmetall und Alstom vereinbart?

Ein Rheinmetall-Sprecher nannte als gemeinsames Ziel, dass Alstom-Beschäftigte des Standorts künftig bei Rheinmetall Landsysteme in Kassel arbeiten können. Betriebsratschef Markus Hohmann bestätigte, dass IG Metall und Betriebsrat mit am Tisch sitzen und sich bei einigen Themen noch nicht mit den Konzernen einig sind.[1]
Alstom betont, weiter Lokomotiven zu bauen und Kunden vertragsgemäß zu beliefern. Nach Informationen der HNA soll der Lokbau in Kassel, der den Großteil der Arbeit im Werk ausmacht, trotzdem enden. Laut Hohmann sucht Alstom in der Stadt nach Flächen für andere Sparten wie den Service. Rheinmetall fertigt direkt nebenan im Industriepark Mittelfeld Radpanzer und will den Boxer dort in Serie bauen, eine weitere Großbestellung der Bundeswehr steht laut HNA bevor.[1]
Warum kauft ein Panzerbauer eine Lokfabrik?
Laut HNA fehlen Rheinmetall Flächen und Arbeitskräfte, Alstom will nach Einschätzung von Beobachtern weniger Werke in Deutschland betreiben.[1] Lokomotive und Radpanzer verlangen dasselbe Handwerk: Schwere Stahlbaugruppen werden geschweißt und endmontiert. Mit dem Nachbarwerk kann Rheinmetall eingearbeitete Schweißer und Monteure gewinnen und spart sich den Neubau samt Genehmigungsverfahren.
Eine Vorlage liefert Görlitz, wo KNDS das frühere Alstom-Werk schrittweise bis 2027 übernimmt und Baugruppen für Leopard 2, Puma und Boxer fertigt. Laut Rahmenvereinbarung vom Februar 2025 wechseln 350 bis 400 der rund 700 Beschäftigten zu KNDS. Für bis zu 75 weitere prüft der Panzerbauer Stellen an anderen Standorten, 100 Beschäftigte erhalten Angebote von Alstom.[3] Den Ausschlag gab laut Alstom die Erfahrung der Belegschaft in der Metallverarbeitung.
Auch anderswo wechseln zivile Werke in die Rüstung. Volkswagen verkauft das Werk Osnabrück an Aurelius, ab 2027 sollen dort Bauteile für die Luftabwehr entstehen. Beim Verkauf des Mercedes-Werks Ludwigsfelde an KNDS wartet der Käufer laut Handelsblatt auf den Boxer-Auftrag der Bundeswehr.
In Kassel braucht Rheinmetall vor allem eingearbeitete Schweißer und Monteure. Die Lokfabrik nebenan hat beides schneller zu bieten als jeder Neubau.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet der Wechsel für Beschäftigte und Lieferanten?
Ob die Beschäftigten ihre Bedingungen behalten, hängt an der Form der Übernahme. Geht ein Betrieb oder Betriebsteil durch Rechtsgeschäft auf einen neuen Inhaber über, tritt dieser nach § 613a BGB in alle bestehenden Arbeitsverhältnisse ein. Tarifliche Regelungen gelten dann als Teil des Arbeitsvertrags weiter und dürfen in der Regel frühestens nach einem Jahr zum Nachteil der Beschäftigten geändert werden.[4] Rheinmetall und Alstom verhandeln aber ausdrücklich darüber, wie viele Beschäftigte wechseln. Die offene Kopfzahl deutet auf das Görlitzer Modell hin, bei dem nur ein Teil der Belegschaft mitgeht.
Am 30. September zogen rund 500 Beschäftigte vor der Betriebsversammlung durch Kassel. Danach sprach Dennis Schindehütte von der IG Metall Nordhessen von einer „aufgeladenen Situation“.[2] Lieferanten des Kasseler Lokbaus sollten jetzt klären, wo Alstom die Lokomotiven künftig baut und ob ihre Rahmenverträge an das Werk gebunden sind. Mit Kassel wechselt ein weiteres Werk von der Schiene zur Rüstung. Für die Debatte um den Standort Deutschland liefert die Stadt ein neues Beispiel.
Quellen
[1] HNA: „Kasseler Lokbau vor dem Aus: Rheinmetall und Alstom bestätigen Einigung“ (05.10.2026)
[2] HNA: „Alstom-Beschäftigte demonstrieren in Kassel: Wichtiges Gespräch über Werk steht wohl bevor“ (30.09.2026)
[3] Alstom: „Alstom und KNDS erzielen Einigung: Gute Zukunft für Industriestandort Görlitz“ (05.02.2025)
[4] Bundesministerium der Justiz: „§ 613a BGB: Rechte und Pflichten bei Betriebsübergang“ (abgerufen am 06.10.2026)
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