Thyssenkrupp Polysius baut am Stammsitz Neubeckum 430 von rund 630 Stellen ab. Seit dem 1. Oktober arbeiten rund 180 Beschäftigte in der neu gegründeten Thyssenkrupp Polysius Solutions GmbH. Im Juli hatte der Zementanlagenbauer mit Partnern noch die weltweit erste Oxyfuel-Anlage in einem Zementwerk eingeweiht.

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Mit dem Stellenabbau bei Polysius schrumpft einer der ältesten Anlagenbauer Deutschlands am Stammsitz auf knapp ein Drittel seiner Belegschaft. Gottfried Polysius gründete den Betrieb 1859 in Dessau, nach dem Zweiten Weltkrieg zog das Unternehmen nach Neubeckum im Kreis Warendorf.

Das Wichtigste in Kürze

  • In Neubeckum fallen 430 Stellen weg, künftig bleiben dort rund 200 Arbeitsplätze.
  • Interessenausgleich und Sozialplan stehen seit Mitte Juli, der Abbau läuft.
  • Rund 180 Beschäftigte sind zum 1. Oktober in die neue Thyssenkrupp Polysius Solutions GmbH gewechselt.
  • Polysius-Chef Christian Myland hat das Unternehmen am 16. September verlassen, die Nachfolge ist offen.

Was ändert sich in Neubeckum?

Ein graues Rohr auf weißen Rollen mit oranger Fahne und weißer Aufschrift „NUR NOCH 200“
Am Stammsitz in Beckum arbeiten derzeit 630 Menschen. Nach dem geplanten Abbau von 430 Stellen sollen etwa 200 Arbeitsplätze verbleiben

Am Stammsitz arbeiten laut der Beckumer Lokalzeitung Die Glocke derzeit rund 630 Menschen. Nach dem Abbau von 430 Stellen sollen etwa 200 Arbeitsplätze übrig bleiben, das Unternehmen bestätigte die Zahlen auf Anfrage.[1] Einen Endtermin nennt Polysius nicht. Der Abbau soll schrittweise laufen, vorrangig über Aufhebungsverträge und Fluktuation.

Das Ereignis steht auf der Stufe der Umsetzung. Unternehmen und Arbeitnehmervertretung hatten sich nach Berichten der Lokalpresse Mitte Juli auf Interessenausgleich und Sozialplan geeinigt, nachdem Betriebsrat und IG Metall die Pläne zunächst abgelehnt hatten. Zum 1. Oktober nahm die neue Thyssenkrupp Polysius Solutions GmbH die Arbeit auf, rund 180 Beschäftigte wechselten aus der bisherigen Polysius GmbH dorthin.[2] Bei einigen entscheidenden Fragen zur Zukunft des Standorts hält sich Polysius laut Die Glocke weiter bedeckt.[3]

Für Neubeckum ist es die dritte Abbaurunde seit 2024. Im August 2024 strich Polysius zunächst 150 Stellen, wenige Wochen später weitere 150. Mitten in den Umbau fällt ein Wechsel an der Spitze: Christian Myland, seit Juni 2024 CEO von thyssenkrupp Polysius, trat am 16. September im gegenseitigen Einvernehmen zurück.[4]

Warum trennt Polysius Technik und Neubau?

In einer Stellungnahme begründet Polysius den Schritt mit dem eingebrochenen Neubaugeschäft und mit chinesischen Wettbewerbern, die in den Markt drängen. Hinzu kommt die schwache Lage der Zementhersteller, die sich mittelfristig kaum bessern dürfte. Künftig will sich das Unternehmen auf Technologie, Service, Modernisierung und Lösungen über den Lebenszyklus bestehender Anlagen konzentrieren.

Hinter dem Umbau steht eine Verschiebung im Markt. Neue Zementöfen bringen dem Anlagenbauer große Engineering-Aufträge, der Umbau bestehender Werke dagegen kleinere Pakete über viele Jahre. Den Umbau treibt vor allem der CO₂-Preis, der bei Heidelberg Materials bereits die Zementmarge deckelt. Rund zwei Drittel der Emissionen eines Zementwerks stammen aus dem Kalkstein selbst, nur eine Abscheidung des CO₂ entfernt sie.

Genau diese Technik hat Polysius in eine eigene Gesellschaft ausgelagert. Seit 1. Mai 2026 entwickelt die Tochter Calvion im Forschungszentrum in Ennigerloh die Dekarbonisierungsverfahren weiter. Dazu gehört das Verfahren hinter der Oxyfuel-Anlage in Mergelstetten, die seit dem 9. Juli fast das gesamte CO₂ einer Ofenlinie abfängt. Sechs Tage später stand in Neubeckum der Sozialplan.

Thyssenkrupp Polysius in Neubeckum
Was vom Stammsitz des Zementanlagenbauers bleibt
430
Stellen fallen am Stammsitz weg, rund zwei Drittel der heutigen Belegschaft
630 → 200
Beschäftigte heute und künftig in Neubeckum
rund 180
Beschäftigte arbeiten seit 1. Oktober in der Thyssenkrupp Polysius Solutions GmbH
300
Stellen strich Polysius bereits 2024 in zwei Runden
Der Umbau seit Mai 2026
1. Mai
Die Tochter Calvion übernimmt die Dekarbonisierungstechnik.
9. Juli
Die Oxyfuel-Anlage in Mergelstetten geht in Betrieb.
Mitte Juli
Interessenausgleich und Sozialplan für Neubeckum stehen.
16. September
CEO Christian Myland verlässt das Unternehmen.
1. Oktober
Die neue Polysius Solutions GmbH startet mit rund 180 Beschäftigten.

Wie passt der Abbau in den Konzernumbau?

Polysius gehört zum Segment Decarbon Technologies, das thyssenkrupp 2023 gebildet hat. Im selben Segment hat die Wasserstofftochter nucera gerade die eigene SOEC-Serienfertigung gestoppt. Gleichzeitig baut Vorstandschef Miguel López den Konzern zur Finanzholding um, in der sich jede Sparte allein rechnen muss.

Polysius kann den Zementofen der Zukunft bauen, nur bestellt in Europa kaum noch jemand einen neuen.

Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
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Der Fall reiht sich in eine Serie im deutschen Anlagenbau ein. Krones montiert Abfüllanlagen künftig in Indien und bei Swiss Steel steht der nächste Abbau in Deutschland an. Polysius unterscheidet sich von beiden Fällen, denn die eigene Technik hat gerade ihre Weltpremiere gefeiert. Gefragt bleibt das Wissen, die Großprojekte dagegen fehlen.

Zementwerksbetreiber mit Polysius-Anlagen sollten klären, welche Gesellschaft künftig Ersatzteile, Service und Modernisierung verantwortet, und laufende Verträge entsprechend prüfen. Ingenieurbüros und Zulieferer im Münsterland müssen mit weniger Abrufen aus Neubeckum rechnen. Personalverantwortliche in der Region können sich dagegen auf Bewerbungen von Verfahrenstechnikern und Projektingenieuren einstellen, die der Abbau freisetzt. Für die Debatte um den Standort Deutschland zeigt Neubeckum, dass sich Klimatechnik aus Deutschland exportieren lässt, die Arbeitsplätze im Neubau aber nicht automatisch mitwandern.

Quellen

[1] Die Glocke: „Stellenabbau bei Polysius: Bald nur noch 200 Arbeitsplätze in Neubeckum“ (18.09.2026)

[2] Die Glocke: „Polysius-Umbau in Neubeckum: 180 Mitarbeiter wechseln in neue Gesellschaft“ (Oktober 2026)

[3] Die Glocke: „Stellenabbau: Was Polysius zur Zukunft des Standorts Neubeckum sagt“ (05.10.2026)

[4] thyssenkrupp Polysius, Mitteilung via World Cement: „Personnel changes in the management of thyssenkrupp Polysius“ (16.09.2026)

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