Rheinmetall erweitert das Pulverwerk Aschau am Inn für rund 350 Millionen Euro und hebt die Jahreskapazität von 1.700 auf 4.200 Tonnen Treibladungspulver. Der Engpass der europäischen Munitionsproduktion sitzt eine Stufe früher, beim Pulver und seinem Vorstoff Nitrocellulose.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenTreibladungspulver ist der Stoff, an dem Europas Artilleriemunition hängt, und Rheinmetall baut die Fertigung dafür in Oberbayern deutlich aus. Vergangene Woche legten der Konzern und Bayerns Staatsregierung im Landkreis Mühldorf den Grundstein.[1] Ministerpräsident Markus Söder sprach von Europas größter und modernster Pulverfabrik.
Das Wichtigste in Kürze
- Rheinmetall investiert rund 350 Millionen Euro in Aschau, konzernweit 650 Millionen Euro in Pulver und energetische Vorprodukte.
- Die Jahreskapazität am Standort steigt von 1.700 auf 4.200 Tonnen Pulver, dazu kommen über eine Million Treibladungsmodule und mehr als fünf Millionen brennbare Formteile.
- Aus mehr als 800 Beschäftigten sollen rund 1.400 werden, das Gelände wächst von 90 auf etwa 110 Hektar.
- Erste Anlagen laufen 2027 an, die Vollauslastung folgt 2028; Konzernziel sind 20.000 Tonnen Pulver im Jahr bis 2030.
Was entsteht in Aschau am Inn?

Rheinmetall steckt rund 350 Millionen Euro in den Ausbau des Nitrochemie-Werks Aschau und hebt die Jahreskapazität von 1.700 auf 4.200 Tonnen Treibladungspulver. Dazu kommen über eine Million Treibladungsmodule und mehr als fünf Millionen brennbare Formteile.[1]
Die Belegschaft wuchs seit 2022 um rund 80 Prozent auf mehr als 800 Menschen, künftig sollen dort etwa 1.400 Beschäftigte arbeiten. Das Werksgelände dehnt sich von 90 auf rund 110 Hektar aus. Erste Anlagen gehen 2027 in Betrieb, die volle Kapazität ist für 2028 vorgesehen.
Warum ist Pulver der Engpass und nicht die Granate?
Eine Artilleriegranate braucht Hülse, Zünder, Wirkladung und Treibladung. Die Treibladung besteht aus Pulver, und dieses Pulver hängt an einem einzigen Vorstoff: Nitrocellulose, gewonnen aus Zellstoff und Baumwoll-Linters.
Das Bundesministerium der Verteidigung beschreibt Rheinmetall als einen der größten Munitionshersteller der westlichen Welt, der die komplette Wertschöpfungskette abdeckt, von der Treibladung über Primer und Zünder bis zur Wirkladung.[2] Genau am Anfang dieser Kette klemmt die Versorgung.
Rheinmetall-Chef Armin Papperger bezifferte die europäische Abhängigkeit von chinesischen Baumwoll-Linters 2024 im Gespräch mit der Financial Times auf über 70 Prozent. Nitrocellulose stellt der Konzern bislang in Wimmis in der Schweiz, in Murcia in Spanien und in Wellington in Südafrika her.
Im April 2025 kaufte Rheinmetall deshalb Hagedorn-NC, einen Traditionsbetrieb mit rund 90 Beschäftigten und einem Werk in Lingen an der Ems, und stellt die Fertigung dort schrittweise von ziviler auf militärische Nitrocellulose um. Der Zukauf verschafft dem Konzern einen vierten Nitrocellulose-Standort.
Aschau ist eine Chemieanlage, kein Panzerwerk. Rheinmetall bezahlt dort für die Unabhängigkeit bei einem Vorstoff, den auch das dickste Auftragsbuch nicht herbeischafft.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Von der Baumwollfaser zum Treibladungsmodul
Was bedeutet der Ausbau für Zulieferer im DACH-Raum?
Aschau gehört zum Programm Firepower, mit dem Rheinmetall bis 2030 auf 20.000 Tonnen Treibladungspulver im Jahr kommen will. Weitere Ausbaustufen liegen in Wimmis, Murcia und Burgos.[1]
Das Muster zeigt sich auch jenseits Europas. Der bayerische Spezialchemie-Konzern AlzChem baut sein nächstes Treibladungs-Werk für 130 Millionen Euro in South Carolina, und in Neuss verwandelt Rheinmetall ein früheres Autozulieferer-Areal in eine Satellitenfertigung.
Chinas Handelsministerium führte wenige Tage nach der Grundsteinlegung vor, wie fragil diese Ketten sind, und verhängte eine Dual-Use-Exportsperre gegen Rheinmetall und zwei deutsche Mittelständler. Auch klassische Autozulieferer verschieben Gewicht in diese Richtung: ZF streicht 4.500 Stellen in der Verwaltung und meldet ein Plus bei Panzergetrieben.
Für Einkäufer und Werksplaner lohnt der Blick eine Stufe vor der Endmontage: Neue Pulverkapazität entsteht dort, wo eine Erlaubnis nach dem Sprengstoffgesetz und Fachpersonal vorhanden sind, in Aschau seit 1953. Fragen Sie bei Lieferzusagen für 2027 gerne zuerst nach der Nitrocellulose.
Quellen
[1] Rheinmetall: „Grundsteinlegung für Pulverwerk Aschau bei der Nitrochemie“ ↩
[2] Bundesministerium der Verteidigung: „Grundsteinlegung für Europas modernstes Pulverwerk“ ↩
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