Der Hamburger Handelskonzern lässt in seinem Logistikzentrum in Polen zunächst zehn zweiarmige Roboter von Sereact zurückgeschickte Ware prüfen, später sollen es 25 sein. Das Stuttgarter Unternehmen betreibt und wartet die Anlagen selbst. Ob weitere Standorte folgen, entscheidet die Otto Group nach der zweiten Phase.
Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügen„Ein Roboter, der nur den Katalog von gestern kennt, nützt in einem Retourenzentrum wenig“, sagt Sereact-Chef Ralf Gulde.[1] Zurückgeschickte Kleidung kommt gefaltet, zerknittert oder neu verpackt an, und das Sortiment eines Versandhändlers ändert sich ständig. Herkömmliche Automaten brauchen bekannte Produkte in vorhersehbarer Lage.
Das Wichtigste in Kürze
- Zehn zweiarmige Systeme starten in Polen, nach den ersten Ergebnissen kommen 15 weitere hinzu.
- Das KI-Modell Cortex soll auch unbekannte Artikel greifen und bewerten.
- Sereact betreibt die Roboter, die Otto Group mietet sie.
- Das Projekt gehört zu Ottos Plan, mittelfristig 350 Millionen Euro in Technologie und KI zu stecken.
Was sollen die Roboter in Polen leisten?

Die Roboter greifen jede Rücksendung, erkennen den Artikel, bewerten seinen Zustand und sortieren ihn weiter. Gesteuert werden sie von Cortex, dem KI-Modell von Sereact, das ohne Anlernen je Produkt und ohne festen Artikelkatalog auskommen soll.[1] Die Beschäftigten geben das Greifen und Heben ab, überwachen stattdessen die Anlagen, kümmern sich um Ausnahmen und entscheiden abschließend über die Qualität. „Unsere Kundinnen und Kunden erwarten, dass Retouren einfach und schnell gehen“, sagt Martin Umland, bei der Otto Group für das Lieferkettenmanagement zuständig.
Trainiert wird Cortex in der Simulation. Sereact baut reale Greifvorgänge mit den Nvidia-Werkzeugen Isaac Sim und Isaac Lab nach, erzeugt daraus Tausende Varianten und lässt Kleidung und Verpackung mit Nvidia Cosmos bei wechselndem Licht neu darstellen. Neue Fassungen prüft das Unternehmen an Testfällen, die im Training nicht vorkamen. Scheitert ein Roboter an einem Artikel, soll die korrigierte Fassung nach Tagen statt Wochen auf der Anlage laufen. Dasselbe Modell sortiert bereits Retouren für Zalando, an zwei Standorten des Logistikdienstleisters CEVA.
Warum mietet Otto die Roboter, statt sie zu kaufen?
Beim Mietmodell trägt Sereact Betrieb und Wartung, die Otto Group zahlt für die laufenden Anlagen. Das Risiko, dass das Modell im Alltag zu wenig dazulernt, liegt damit zum Teil beim Anbieter. Die Kehrseite: Mit jeder Retoure wird nach Guldes Worten das Modell besser, und dieses Modell gehört Sereact. Das Stuttgarter Unternehmen hat in diesem Jahr eine Finanzierungsrunde über 116 Millionen US-Dollar abgeschlossen und zählt auch IKEA, DHL und BMW zu seinen Kunden.
Mit KI-Robotern hat der Versandhändler schon Erfahrung. Im Mai 2023 ging er eine Partnerschaft mit dem kalifornischen Unternehmen Covariant ein, den Anfang sollten die Standorte Haldensleben und Altenkunstadt machen.[2] Im August 2024 holte Amazon drei Covariant-Gründer ins eigene Haus und sicherte sich eine Lizenz für deren Robotermodelle.[3] Die Lizenz war nicht exklusiv, die Gründer arbeiten seitdem aber für einen Wettbewerber im Onlinehandel.
Von Covariant zu Sereact
Otto mietet die Roboter, und jede Retoure macht das Modell von Sereact besser.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was gilt ab 2027 für lernende Roboter?
Ab dem 14. Januar 2027 gilt in der EU die neue Maschinenverordnung, sie löst die Maschinenrichtlinie von 2006 ab.[4] Übernimmt Software mit maschinellem Lernen in einer Maschine Sicherheitsfunktionen, muss eine unabhängige Stelle die Konformität bewerten. Die Risikobeurteilung muss außerdem erfassen, wie sich ein lernendes System im Betrieb verändern kann.
Für deutsche Händler stellt sich bei gemieteten Robotern die Frage, wer nach einem Update verantwortlich ist. Eine vom Hersteller nicht vorgesehene Änderung, die ein neues Risiko schafft, verlangt eine neue Konformitätsbewertung. Ob Cortex in Polen Sicherheitsfunktionen übernimmt, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Im Mietvertrag sollte deshalb stehen, wer als Hersteller gilt und wer die häufigen Modellupdates dokumentiert.
Quellen
4 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- SereactOtto Group und Sereact bringen NVIDIA-gestützte Physical AI in die Retourenbearbeitung
- FashionUnitedOtto will KI-Roboter in Logistikzentren einsetzen
- AmazonAmazon hires from AI robotics startup Covariant, licenses technology
- Amtsblatt der Europäischen UnionVerordnung (EU) 2023/1230 über Maschinen (29. Juni 2023), Artikel 54, Anhang I Teil A Nr. 5 und 6, Anhang III
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