Bis Februar 2022 lieferten zwei Firmen aus Mariupol und Odessa fast die Hälfte des Neons, mit dem die Chipindustrie ihre Belichtungslaser füllt. Das Gas fiel als Nebenprodukt von Stahlwerken an und kostete über viele Jahre rund neun Cent je Liter. Ende September stellte der japanische Laserhersteller Gigaphoton eine Anlage vor, die das Neon gleich in der Chipfabrik zurückgewinnt.
Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügenGigaphoton begründet die Neuheit mit einem Markt, in dem Angebot und Nachfrage wegen geopolitischer Risiken immer stärker schwankten. Als Russland die Ukraine angriff, standen beide ukrainischen Werke still. Der Einfuhrpreis für Neon in Südkorea stieg binnen eines Jahres auf das 27-Fache.
Diese Stoffgeschichte folgt dem Edelgas von einer glühenden Glasröhre in London über die Leuchtreklame in Los Angeles bis zu den Stahlwerken am Asowschen Meer und den Chipfabriken in Dresden.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Anlass: Gigaphoton hat am 30. September eine Anlage vorgestellt, die das Neon aus bis zu fünf Chiplasern auffängt und zur Hälfte wieder nutzbar macht. Die Chipindustrie rüstet sich damit für die nächste Lieferkrise.
- Der Rohstoff: Neon macht nur 18 von einer Million Teilchen der Luft aus. Das Gas fällt als Nebenprodukt großer Luftzerlegungsanlagen an, die meist Sauerstoff für Stahlwerke liefern.
- Die Abhängigkeit: 2014 kam nach Angaben der US-Handelskommission USITC rund 70 Prozent des Neons für Chiphersteller aus der Ukraine. Krimkrise und Krieg trieben den Preis zweimal in die Höhe.
- Die deutsche Lage: Die EU-Kommission stuft Neon nicht als kritischen Rohstoff ein. In Leuna betreibt Linde laut einer Studie der Deutschen Rohstoffagentur von 2018 die einzige europäische Aufreinigungsanlage für Neon.
Angeberwissen in fünf Fragen
1 Wie viel Neon steckt in der Luft, die Sie atmen? Aufklappen ↓
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2 Wer entdeckte Neon im Sommer 1898 in London? Aufklappen ↓
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3 Welchen Anteil hat Neon an der Gasfüllung eines Excimerlasers für die Chipbelichtung? Aufklappen ↓
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4 Aus welcher Anlage stammte das Rohneon des Herstellers Ingas in Mariupol? Aufklappen ↓
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5 Wie viel Neon im Jahr soll eine einzelne Recyclinganlage von Gigaphoton einsparen? Aufklappen ↓
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Was ist Neon und wie entsteht das Edelgas?
Neon ist ein farbloses, geruchloses Edelgas mit der Ordnungszahl 10, das mit anderen Stoffen praktisch nicht reagiert. Entstanden ist das Gas in schweren Sternen, auf der Erde findet sich Neon nur in Spuren in der Luft.
Im Weltall zählt Neon zu den fünf häufigsten Elementen, schreibt die britische Royal Society of Chemistry. In der Erdatmosphäre kommt das Gas dagegen auf rund 18 Teilchen je Million.
Das Element entsteht in Sternen mit mehr als acht Sonnenmassen. Hat ein solcher Stern sein Helium verbrannt, verschmelzen in seinem Kern bei rund 500 Millionen Grad zwei Kohlenstoffkerne zu Neon oder Natrium, beschreiben die Physiker Thomas Rauscher und Andreas Patkós. Nach diesem Kohlenstoffbrennen verbrennt der Stern bei rund einer Milliarde Grad einen Teil des Neons gleich weiter.
Lagerstätten für Neon existieren auf der Erde nicht. Die Luft ist die einzige bekannte Quelle für das Gas, hält Messer fest.
Gasehersteller gewinnen Neon durch die fraktionierte Destillation verflüssigter Luft. In der Destillation fällt ein Gemisch aus Neon und Helium an, das Fachleute Rohneon nennen. Eine eigene Säule trennt anschließend beide Gase, weil Neon bei minus 246 Grad kondensiert, Helium aber gasförmig bleibt.
Weil Neon so selten ist, lohnt sich die Gewinnung nur in sehr großen Luftzerlegungsanlagen. Solche Anlagen stehen vor allem an Stahlwerken, die große Mengen Sauerstoff für Hochöfen und Konverter brauchen. Ein Rechenbeispiel: Bei 18 Teilchen je Million müsste eine Anlage selbst bei vollständiger Ausbeute rund 55.000 Kubikmeter Luft verarbeiten, um einen Kubikmeter Neon zu erhalten.
| Kennzahl | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| Anteil an der Erdatmosphäre | rund 18 Teilchen je Million | Royal Society of Chemistry |
| Siedepunkt | minus 246 Grad | Royal Society of Chemistry |
| Reinheit für Laser (Neon 5.0) | mindestens 99,999 Prozent | Messer |
| Weltproduktion Rohneon 2017 | rund 720.000 Kubikmeter | Deutsche Rohstoffagentur |
| Daraus gewonnenes Reinneon | rund 360.000 Kubikmeter | Deutsche Rohstoffagentur |
Für Laser in der Elektronik und der Medizin verkauft Messer Neon 5.0 mit mindestens 99,999 Prozent Reinheit, die übrigen Stoffe liegen im Bereich weniger Millionstel.
Minen für Neon existieren nicht, begrenzt ist allein die Zahl der Anlagen, die das Gas auffangen und reinigen. Die Kosten der Gewinnung hängen vom Strompreis und von der Hauptproduktion ab. Eine Luftzerlegungsanlage, die Linde 1973 für die Thyssen-Hütte errichtete, brauchte laut einem Bericht der Nasa rund 224 Kilowattstunden je Tonne Sauerstoff. Neon fällt dabei mit an. Unsere Stoffgeschichte über Eisen und den Strompreis der europäischen Stahlwerke zeigt, wie knapp die Hütten selbst bei den Energiekosten kalkulieren.
Neon ist im Weltall häufig, auf der Erde aber nur ein Hauch in der Luft. Wie viel davon auf den Markt kommt, hängt an den Luftzerlegern der Stahlwerke.
Wer entdeckte Neon und wie begann der Rausch?

Entdeckt haben Neon die Chemiker William Ramsay und Morris Travers im Sommer 1898 in London. Den ersten Rausch löste der Franzose Georges Claude aus, der das Gas ab 1910 in Glasröhren zum Leuchten brachte und damit die Leuchtreklame erfand.
Am University College London suchten Ramsay und Travers nach weiteren unbekannten Gasen in der Luft. Die beiden verflüssigten gereinigtes Argon und ließen das Gas langsam verdampfen, berichtet das Science History Institute in Philadelphia. Als die Forscher eine der Fraktionen in einer Glasröhre unter Spannung setzten, leuchtete das Gas tiefrot. Travers schrieb später, das karminrote Licht sei ein Anblick gewesen, den man nie vergesse.
Den Namen schlug Ramsays dreizehnjähriger Sohn vor. Er wollte das Gas „novum“ nennen, nach dem lateinischen Wort für neu. Der Vater übernahm die Idee, wählte aber das griechische „neos“.
Ramsay fand im selben Jahr auch Krypton und Xenon, die Nobelstiftung verzeichnet alle drei Gase für 1898. 1904 erhielt er den Nobelpreis für Chemie für die Entdeckung der Edelgase in der Luft und ihre Einordnung ins Periodensystem.
Ohne die Verflüssigung der Luft wäre Neon ein Laborstoff geblieben. Im Mai 1895 verflüssigte Carl von Linde in München erstmals Luft in einem kontinuierlichen Verfahren, steht in einer Firmenschrift des Konzerns. 1902 baute der Ingenieur die erste Luftzerlegungsanlage für Sauerstoff.
Im selben Jahr gründeten der Erfinder Georges Claude und der Geschäftsmann Paul Delorme in Paris das Unternehmen L’Air Liquide. Claude suchte nach einer Verwendung für das Neon, das bei seiner Sauerstoffproduktion anfiel. 1910 meldete er sein erstes Patent für Neonlicht an, im Dezember zeigte er die Röhren auf dem Pariser Autosalon. Seine Röhren waren sechs Meter lang und leuchteten bis zu 1.200 Stunden.
1923 bestellte der Autohändler Earle C. Anthony bei Claude zwei Schilder mit dem Schriftzug „Packard“ für seinen Laden in Los Angeles, schreibt das Science History Institute. Die beiden Schilder kosteten etwa halb so viel wie ein neuer Packard, die Passanten blieben davor stehen. Claude verkaufte danach Lizenzen für seine Leuchtröhren in aller Welt.
Claude warb während der deutschen Besatzung öffentlich für den Nationalsozialismus und wurde 1945 wegen Kollaboration zu lebenslanger Haft verurteilt, berichtete das US-Magazin Time.
Die Entdeckung von 1898 blieb ohne Markt, bis Claude ab 1910 das Neon aus seinen Sauerstoffanlagen in Leuchtröhren füllte. Den Massenmarkt öffnete ein Autohändler in Los Angeles.
Wie hat Neon die Weltkarte verändert?

Neon hat keine Grenze verschoben, aber zweimal gezeigt, wie verwundbar die Chipindustrie ist. Weil die Sowjetunion ihre Stahlwerke mit Anlagen zum Auffangen des Gases ausstattete, lag die Weltversorgung bis 2022 zu großen Teilen in der Ukraine.
Kolonialkriege, Grenzziehungen oder Verstaatlichungen wie beim Erdöl fehlen in der Geschichte des Neons. Kein Land besitzt das Gas, jedes könnte Neon aus seiner Luft gewinnen.
Abhängig ist die Chipindustrie von den Anlagen, die das Gas auffangen, und von den Stahlwerken, an denen diese Anlagen stehen.
Das sowjetische Erbe am Asowschen Meer
In den 1960er-Jahren begannen Forscher, Neon in einer neuen Art von Laser einzusetzen. Die Sowjetunion baute daraufhin mehr Anlagen zur Neongewinnung als jedes andere Land, berichtete das US-Radio NPR unter Berufung auf den Gasmarktexperten Dick Betzendahl. Eine wirtschaftliche Entscheidung sei das nicht gewesen, sagte Betzendahl: Man habe geglaubt, das Gas einmal zu brauchen. Die Planer dachten dabei an militärische Laser.
Die Anlagen standen an den großen Stahlkombinaten im Osten der Ukraine und in Russland. In Mariupol fiel das Rohneon im Stahlwerk Azovstal an, schrieb die Fachzeitschrift Optics & Photonics News.
Weil so viel Neon aus der früheren Sowjetunion kam, investierte der Westen kaum in eigene Anlagen, fasst NPR zusammen.
Nach dem Ende der Sowjetunion reinigten private Firmen das Gas für den Weltmarkt: Ingas in Mariupol, Cryoin und Iceblick in Odessa. Das Rohneon stammte nach Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters teils aus russischen Stahlwerken. Die Chipfabriken in Asien und den USA kauften nach dem Preis.
Die Krim 2014 als erster Preisschock
Als Russland 2014 die Krim besetzte, lieferte die Ukraine nach Angaben der US-Handelskommission USITC rund 70 Prozent des Neons für Chiphersteller weltweit.
Odessa lag wenige Hundert Kilometer westlich der Halbinsel. Der Neonpreis stieg danach um mehr als 600 Prozent gegenüber dem Niveau vor der Besetzung, Lieferungen verzögerten sich an der russisch-ukrainischen Grenze. Laut einem Arbeitspapier der USITC sank die ukrainische Ausfuhr 2015 gegenüber dem Vorjahr um 35 Prozent, der Durchschnittspreis je Kubikmeter stieg von umgerechnet 45 auf 155 Euro.
Die Chiphersteller reagierten mit Diversifizierung. Zwischen 2014 und 2021 fiel der ukrainische Weltmarktanteil nach den Berechnungen der USITC von 70 auf 50 Prozent, China baute im selben Jahrzehnt erhebliche Kapazitäten auf.
| Jahr | Ereignis | Folge für Neon |
|---|---|---|
| 2014 | Russland besetzt die Krim | Preis steigt um mehr als 600 Prozent |
| 2015 | Ukrainische Ausfuhr sinkt um 35 Prozent | Großhandelspreis bis zu 2,68 Euro je Liter |
| Februar 2022 | Russland greift die Ukraine an | Ingas und Cryoin stellen die Produktion ein |
| März 2022 | Engpass in China | Großhandelspreis fast neunmal so hoch wie am 24. Februar |
| Mai 2022 | Russland beschränkt Ausfuhr von Edelgasen | Export nur mit staatlicher Genehmigung, bis Ende 2023 verlängert |
| 2023 | Ukrainischer Geheimdienst ermittelt gegen Cryoin | Vermögen 2025 unter staatliche Verwaltung gestellt |
2022: Krieg, Ausfuhrschranken und Ermittlungen
Vor dem Angriff am 24. Februar 2022 stellten Ingas und Cryoin nach Berechnungen von Reuters zusammen 45 bis 54 Prozent des Neons in Halbleiterqualität her.
Ingas lieferte 15.000 bis 20.000 Kubikmeter im Monat, Cryoin 10.000 bis 15.000. Beide Werke stellten die Arbeit ein, die Anlagen in Mariupol wurden teils zerstört und besetzt.
Ingas nahm im Mai 2022 an einem Ausweichstandort im Gebiet Odessa die Produktion wieder auf, berichtete das ukrainische Portal dev.ua.
Der chinesische Großhandelspreis für Neon stieg zwischen dem 24. Februar und dem 17. März 2022 auf fast das Neunfache, meldete das taiwanische Portal TechNews.
Ab dem 30. Mai 2022 durften Edelgase wie Neon nur noch mit staatlicher Sondergenehmigung ausgeführt werden, zunächst bis Jahresende, meldete Reuters. Im Oktober 2022 verlängerte Präsident Wladimir Putin per Dekret Ausfuhrbeschränkungen bis Ende 2023, für Edelgase der Mikroelektronik verlangte die Regierung eine Genehmigung des Kabinetts, berichtete die Agentur Interfax.
Im März 2023 warf der ukrainische Geheimdienst SBU der Führung von Cryoin vor, mit Russland zusammenzuarbeiten, berichtet das Magazin Forbes Ukraine. Im September 2025 übertrug ein Kiewer Gericht das Vermögen der Firma an die staatliche Vermögensverwaltung Arma. Cryoin selbst nennt das Verfahren politisch motiviert.
Die neue Landkarte: Korea, China und Japan
Der Chiphersteller SK Hynix kündigte im Oktober 2022 an, den Anteil von Neon aus koreanischer Aufbereitung von 40 auf 100 Prozent zu erhöhen, meldete das Korea JoongAng Daily.
2021 stammten 23 Prozent der koreanischen Neoneinfuhren aus der Ukraine. Den größten Zuwachs verbuchte seitdem China: Von Januar bis Juli 2023 kamen 68,1 Prozent der koreanischen Einfuhren an Krypton, Neon und Xenon aus China, Ende 2021 lag der Anteil bei 16,7 Prozent, berichtete die Korea Economic Daily.
Im Juni 2026 eröffnete Posco Air Solution am Stahlwerk Gwangyang eine Anlage für Xenon, Krypton und Neon mit 130.000 Normkubikmetern im Jahr, genug für etwa 52 Prozent des Bedarfs der koreanischen Chipindustrie an diesen Gasen.
Japan setzt auf neue Anlagen im eigenen Land. Neon sei in Japan besonders knapp, das Land sei vor allem auf Einfuhren angewiesen, schrieb Air Liquide im Februar 2025. Eine neue Luftzerlegungsanlage des Konzerns soll ab 2027 auch Neon liefern, das Wirtschaftsministerium in Tokio fördert das Projekt.
Im Juli 2026 verhängte China ein vorübergehendes Ausfuhrverbot für Helium, meldete Reuters. Neon betraf diese Entscheidung nicht, doch die Chipindustrie bezieht inzwischen einen großen Teil ihrer Edelgase aus China.
Warum ist Neon für die Weltwirtschaft so wichtig?

Der Neonmarkt ist winzig, seine Hebelwirkung groß. Die Welt erzeugte 2017 rund 360.000 Kubikmeter reines Neon, über 80 Prozent davon gingen in Laser. Ohne diese Laser lassen sich die meisten Chips der Welt nicht belichten.
Laser verbrauchten 2017 nach einer Auswertung der Deutschen Rohstoffagentur DERA rund 83 Prozent des Neons, die Herstellung von Bildschirmen 14 Prozent, Forschung und andere Zwecke 2 Prozent. Auf Leuchtmittel entfiel noch 1 Prozent. Allein die Halbleiterindustrie steht nach den Angaben der DERA für 70 bis 75 Prozent der weltweiten Nachfrage.
Die Chipindustrie braucht das Gas für die DUV-Lithografie. In diesem Verfahren belichtet ultraviolettes Licht aus Excimerlasern die Schaltkreise auf den Wafer. Diese Technik reicht nach Angaben des Marktforschers TrendForce von Strukturen mit 180 Nanometern bis zu solchen von 10 bis 19 Nanometern und deckt rund 75 Prozent der weltweiten Fertigungskapazität der Auftragsfertiger ab. Die modernste EUV-Technik für die feinsten Strukturen kommt ohne Neon aus. Ein Lieferausfall bei Neon träfe vor allem Fabriken mit DUV-Belichtung. Neue Gaslieferanten müssen dort erst zugelassen werden, was nach Angaben der USITC drei bis 18 Monate dauert.
Eine Börse für Neon existiert nicht. Die Gasekonzerne verkaufen das Gas direkt an Laserhersteller und Chipfabriken. Den US-Markt für Excimergase bezifferte die USITC 2022 auf nur rund 36 Millionen Euro. Gerade weil der Markt so klein ist, lohnten sich neue Anlagen lange nicht.
Deutschland: Leuna liefert, Dresden verbraucht
Deutschland erzeugte 2017 rund 20.000 Kubikmeter Neon, rechnete die DERA hoch. Seit 2008 gewinnt Linde in zwei Luftzerlegungsanlagen in Leuna Rohneon und reinigt dort auch Gas aus dem Ausland. Deutschland führte 2017 nach Zahlen des Statistischen Bundesamts 182.061 Kubikmeter Neon, Krypton und Xenon ein, die Statistik trennt die drei Gase nicht.
Die größten Chipfabriken des Landes stehen in Sachsen. Infineon hat im Juli 2026 in Dresden seine Smart Power Fab eröffnet, eine Fabrik für Leistungshalbleiter mit 300-Millimeter-Wafern, für die der Konzern 5 Milliarden Euro investierte. Hinzu kommen die Werke von Bosch und Globalfoundries in Dresden sowie die Fabrik der Gemeinschaftsfirma ESMC, die TSMC, Bosch, Infineon und NXP für rund 10 Milliarden Euro bauen und die ab 2027 Chips mit Strukturen bis 12 Nanometer fertigen soll.
Neon ist ein Nischenstoff mit Schlüsselrolle. Ohne das Gas stünde die Belichtung von rund drei Vierteln der Fertigungskapazität der Auftragsfertiger still.
In welchen Produkten steckt Neon und was verschwindet ohne das Gas?

Im fertigen Produkt steckt fast nie Neon, das Gas verschwindet nach getaner Arbeit im Abgas der Laser. Ohne Neon ließen sich trotzdem die meisten Chips für Smartphones, Autos und Haushaltsgeräte nicht herstellen, weil ihre Belichtung den Excimerlaser braucht.
Wo Neon gebraucht wird
Rund 96 Prozent des Gases in einem Excimerlaser für die Chipbelichtung sind Neon, schreibt der Laserhersteller Cymer. Der Rest besteht aus Argon oder Krypton, Fluor und Spuren von Xenon. Das Neon verstärkt nach einer Erklärung des Chemikers Geoffrey Ozin die Bildung der angeregten Moleküle, deren Zerfall das ultraviolette Licht erzeugt.
Die Füllung verschmutzt im Betrieb. Ohne Aufbereitung tauschen die Fabriken das Gasgemisch etwa alle zwei Wochen aus, schreibt Ozin.
| Produkt oder Anwendung | Rolle des Neons | Ersatz möglich? |
|---|---|---|
| Prozessoren und Speicher in Smartphones und Laptops | Hauptbestandteil des Lasergases für die DUV-Belichtung | Nein, nur bei EUV-Fertigung entfällt Neon |
| Leistungshalbleiter für Autos und Wechselrichter | Lasergas für die Belichtung, etwa in Dresden | Nein |
| Flachbildschirme | Excimerlaser und Hintergrundbeleuchtung, 14 Prozent der Nachfrage 2017 | Offen, je nach Bildschirmtechnik |
| Augenlaser-Operationen | Lasergas in medizinischen Excimerlasern | Kaum |
| Leuchtreklame | Füllgas der Leuchtröhre, rein rot-orange | Ja, durch LED |
| Kühlung supraleitender Werkstoffe | flüssiges Kältemittel | Ja, durch Helium, bei geringerer Kühlleistung |
Die bekannteste Anwendung ist zugleich die kleinste: Leuchtmittel brauchten 2017 nur 1 Prozent des Neons. Reines Neon leuchtet rot-orange, andere Farben entstehen durch Argon, Quecksilber und Leuchtstoffe, beschreibt das Profiling-Institut.
Für großflächige Standardwerbung hat die LED die Neonröhre weitgehend abgelöst, steht im Berufsbild des Leuchtröhrenglasbläsers. Als medizinische Anwendungen der Neonlaser nennt Messer Augenoperationen und die Gefäßchirurgie. Flüssiges Neon kühlt je Volumen mehr als 40-mal so stark wie flüssiges Helium und mehr als dreimal so stark wie flüssiger Wasserstoff, schreibt die Royal Society of Chemistry.
Was ohne Neon stillstünde
Ersetzen lassen sich ausgerechnet die bekannten Anwendungen. Leuchtreklame und Kühlung kämen ohne Neon aus, der Ersatz kostet Geld oder Leistung. Im Excimerlaser kann dagegen kein anderes Gas das Neon gleichwertig ersetzen, TrendForce nennt das Gas in dieser Mischung unverzichtbar. Mit Helium sinkt laut Ozin die Laserleistung.
Ein Lieferausfall träfe deshalb nicht die Hersteller von Leuchtreklame, sondern die Fabriken für Mikrocontroller, Speicher und Leistungshalbleiter. Wie abhängig die Elektronik ohnehin von wenigen Stoffen ist, beschreibt unsere Stoffgeschichte über Silizium und die Chipfabriken der Welt.
Vorräte und weitere Bezugsquellen würden die Fertigung vor einem Stillstand bewahren, schrieb TrendForce im Februar 2022, warnte aber vor höheren Kosten für die Wafer.
Wie setzt sich der Preis von Neon zusammen?

Der Preis von Neon folgt weniger den Kosten als der Knappheit. Weil das Gas ohnehin im Stahlwerk anfällt, lag der Großhandelspreis über viele Jahre bei rund neun Cent je Liter. Bei jeder Lieferkrise vervielfachte er sich innerhalb weniger Monate.
Eine Aufschlüsselung nach Kostenbestandteilen veröffentlicht kein Gasekonzern.
Das Rohneon kostet in der Luftzerlegung kaum mehr als die zusätzliche Abtrennung, denn Strom und Anlage finanziert der Verkauf des Sauerstoffs an das Stahlwerk. Hinzu kommen die Aufreinigung auf 99,999 Prozent, der Transport in Druckflaschen und das Anmischen des Lasergases mit Fluor und Argon oder Krypton. Neon verhält sich zum Stahlwerk wie die Molke zur Käserei: ein Rest der eigentlichen Produktion, der erst Geld bringt, wenn jemand die Anlage zum Auffangen bezahlt. Das Angebot reagiert entsprechend träge: Mehr Neon kommt nur auf den Markt, wenn die Hütten mehr Stahl erzeugen oder neue Reinigungsanlagen entstehen.
Nach Angaben der DERA verdoppelte bis verdreifachte sich der Durchschnittspreis im Großhandel 2012 bis 2014 wegen steigender Nachfrage. 2015 schnellte er auf bis zu 2,68 Euro je Liter, am Spotmarkt auf bis zu 4,47 Euro. Im September 2017 lag der Preis wieder bei rund sieben Cent je Liter.
Nach Zahlen des koreanischen Zolls stieg der durchschnittliche Einfuhrpreis von umgerechnet 52 Euro je Kilogramm im Jahr 2021 auf 1.441 Euro im Jahr 2022, berichtete der Korea Herald.
| Zeitraum | Preis | Quelle |
|---|---|---|
| Langjähriges Niveau vor 2012 | rund 0,09 Euro je Liter | DERA |
| 2015, Höhepunkt | bis 2,68 Euro je Liter, Spotmarkt bis 4,47 Euro | DERA |
| September 2017 | rund 0,07 Euro je Liter | DERA |
| 2021, Einfuhr Südkorea | rund 52 Euro je Kilogramm | Korea Herald nach koreanischem Zoll |
| 2022, Einfuhr Südkorea | rund 1.441 Euro je Kilogramm | Korea Herald nach koreanischem Zoll |
| 2024, Einfuhr Südkorea | rund 30 Euro je Kilogramm | Dealsite |
Bis 2024 fiel der Preis wieder auf rund 30 Euro je Kilogramm, meldete das koreanische Wirtschaftsportal Dealsite. Was die Chipfabriken an die Laserhersteller zahlen, bleibt Vertragssache. Den Gewinn der Krisenjahre teilten sich Aufbereiter, Händler und Gasekonzerne, die gerade Ware hatten. Die Preisangaben der Statistiken lauten auf Dollar, ein stärkerer Dollar verteuert das Gas deshalb für Käufer im Euroraum.
Für den Endpreis eines Chips spielt Neon in normalen Jahren kaum eine Rolle, eine genaue Zahl dazu veröffentlicht kein Chiphersteller. Die Krisen trafen die Fabriken vor allem über die Verfügbarkeit. Deshalb zeigt die Grafik statt einer Preiszusammensetzung, wofür die Welt Neon verbraucht und wie stark der Preis schwankte.
Wer verdient an Neon und wer zahlt drauf?

Verdient haben die Neonaufbereiter und Gasekonzerne, die in den Krisen Ware hatten, und zuletzt die Produzenten in China und Südkorea. Die Rechnung beglichen die Chipfabriken mit Aufschlägen, die Ukraine mit dem Verlust ihrer Werke in Mariupol.
Einen Ressourcenfluch im klassischen Sinn kennt Neon nicht. Kein Land lebt vom Neon, und keine Regierung finanziert ihren Haushalt mit dem Gas. Die Holländische Krankheit, bei der ein Rohstoffboom die Währung aufwertet und die übrige Industrie verdrängt, setzt einen großen Exportwert voraus. Den hat Neon nie erreicht. Eine verwandte Schwäche zeigte trotzdem die Ukraine: Ihr Neongeschäft hing an einer einzigen Industrie. Die Ukraine verdiente am Neon nur, solange ihre Stahlwerke liefen. Mit Azovstal ging 2022 auch die Grundlage von Ingas verloren. Die Aufbereiter in Odessa hingen am Rohneon aus Russland, also ausgerechnet am Land, das die Ukraine angriff.
Die großen Gasekonzerne bauten aus. Linde kündigte 2016 an, die Neonproduktion an seinem Standort La Porte in Texas um 40 Millionen Liter im Jahr zu erweitern. Posco Air Solution will mit seinen Edelgasen bis 2030 einen Jahresumsatz von 200 Milliarden Won erreichen, umgerechnet rund 135 Millionen Euro, berichtete der Korea Herald.
| Akteur | Rolle | Bilanz seit 2014 |
|---|---|---|
| Ukraine | bis 2021 rund die Hälfte der Weltversorgung | verliert Mariupol und den Großteil des Marktes |
| Russland | Lieferant von Rohneon | beschränkt 2022 und 2023 die Ausfuhr von Edelgasen |
| China | Ausbau eigener Anlagen seit 2014 | gewinnt Marktanteile, etwa in Südkorea |
| Südkorea | großer Verbraucher | baut eigene Produktion auf, eröffnet 2026 die Anlage in Gwangyang |
| Gasekonzerne | Aufreinigung und Handel | investieren in neue Anlagen, etwa in den USA und Japan |
| Chipfabriken | Endverbraucher | zahlen Krisenaufschläge, sparen mit Recycling |
Die Chipfabriken zahlten zweimal drauf. 2015 stiegen die Preise laut Cymer auf das bis zu 20-Fache des langjährigen Niveaus, 2022 kostete Neon in Südkorea das 27-Fache des Vorjahres.
Brüssel stuft Neon als unkritisch ein, obwohl der Einfuhrpreis in Südkorea 2022 auf das 27-Fache stieg.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Das Stahlwerk Azovstal und die Anlagen von Ingas wurden im Krieg zerstört und besetzt, mit ihnen verschwand die größte Neonquelle der Ukraine. Der Verlust machte die Abhängigkeit der Chipindustrie ein zweites Mal sichtbar.
Für eine Holländische Krankheit fehlt dem Neon der Exportwert. Verwundbar werden durch das Gas die Länder mit den Chipfabriken, nicht die Lieferländer.
Wie mächtig ist die Neon-Lobby?

Eine eigene Neon-Lobby existiert nicht. Die Industriegasekonzerne und ihr Branchenverband vertreten die Hersteller, Neon spielt dabei keine Rolle. Die Fördermittel fließen in die Chipfabriken, die das Gas verbrauchen.
Im Lobbyregister des Bundestags gibt der Industriegaseverband für 2025 Ausgaben für Interessenvertretung von 230.001 bis 240.000 Euro an, bei 1,5 Vollzeitstellen und 55 Mitgliedern. Linde meldet 300.001 bis 310.000 Euro im Jahr, Air Liquide Deutschland 170.001 bis 180.000 Euro. Der Verband nennt als Themen unter anderem die Stromkosten und einen Industriestrompreis, das Neon taucht nicht auf.
Nach den Beihilfeleitlinien für die Strompreiskompensation 2026 sind aus dem Sektor Industriegase nur Wasserstoff und anorganische Sauerstoffverbindungen der Nichtmetalle begünstigt, zeigt eine Übersicht der IHK Lippe zu Detmold.
Edelgase fehlen auf der Liste, gefördert werden dafür die Fabriken, die Neon verbrauchen. Für die Smart Power Fab in Dresden flossen rund 1 Milliarde Euro aus dem europäischen Chipgesetz und einem europäischen Förderprogramm für Mikroelektronik, berichtete das Fachportal Evertiq. Für die ESMC-Fabrik übernimmt der Bund 5 der rund 10 Milliarden Euro. Die Versorgung mit dem Lasergas für diese Werke spielt in den Förderbescheiden keine eigene Rolle.
Die EU-Kommission hat 2023 erstmals geprüft, ob Neon auf die Liste der kritischen Rohstoffe gehört, gemeinsam mit Krypton, Xenon und Rohholz. Keiner der vier Stoffe gilt als kritisch, schreibt die Kommission in ihrer Studie. Helium steht dagegen seit 2023 auf der Liste.
Die Aufnahme scheiterte am Versorgungsrisiko: 0,7 Punkte bei einer Schwelle von 1,0. Die wirtschaftliche Bedeutung lag mit 3,1 Punkten über der Schwelle von 2,8.
Aus unserer Sicht greift diese Einstufung zu kurz. Ein Versorgungsrisiko von 0,7 Punkten passt schlecht zu zwei Preisschocks innerhalb von acht Jahren. Die Krisen von 2015 und 2022 haben gezeigt, dass ein kleiner Markt eine große Industrie ausbremsen kann.
Die Lücke liegt zwischen den Förderbescheiden: Milliarden fließen in Chipfabriken, während ihr Lasergas weder als kritischer Rohstoff gilt noch von der Strompreiskompensation profitiert.
Wie kommen wir von Neon los?

Ganz loskommen wird die Chipindustrie von Neon erst mit dem Abschied von der DUV-Belichtung, und der ist nicht in Sicht. Schneller wirken Sparsamkeit und Recycling: Die Laser brauchen heute deutlich weniger Gas als vor der Krise von 2015, und immer mehr Fabriken fangen das verbrauchte Neon wieder auf.
Nach der Krise von 2015 forderten die Chiphersteller von den beiden einzigen Herstellern von Excimerlasern für die Halbleiterindustrie, Cymer und Gigaphoton, weniger Gasverbrauch, berichtet die DERA. Cymer hatte bis 2016 rund 3.800 Laser ausgeliefert, Gigaphoton rund 1.300. Cymer brachte eine zweite Generation seiner Spartechnik heraus, die den Verbrauch gegenüber Lasern ohne diese Technik um bis zu 75 Prozent senkt, berichtete die Fachzeitschrift Laser Focus World.
Das verbrauchte Gas besteht noch zu mehr als 95 Prozent aus Neon, schreibt Cymer. SK Hynix beziffert seine Rückgewinnungsquote auf 72,7 Prozent und will auf 77 Prozent kommen.
Samsung plante, ab 2025 drei Viertel seines Neons für die Belichtung aus Recyclinggas zu decken. Gigaphoton greift diese Entwicklung nun für die ArF-Laser auf, die die feineren DUV-Strukturen belichten. Eine Anlage fängt das Gas von bis zu fünf Lasern auf und spart bis zu 470.000 Liter im Jahr, bei einer Rückgewinnungsquote von 50 Prozent. Der japanische Konkurrent Kanken Techno zeigte Anfang September auf der Semicon Taiwan ein System mit einer Rückgewinnungsquote von mehr als 90 Prozent, berichtete Tom’s Hardware.
Bei den übrigen Anwendungen ist der Abschied leichter. Die Leuchtreklame wechselt seit Jahren zur LED, die DERA erwartete für die Neonbeleuchtung zwischen 2017 und 2022 einen Rückgang von 5,6 Prozent im Jahr. In der Kältetechnik ersetzt Neon umgekehrt teils das Helium, das selbst immer wieder knapp wird.
Der eigentliche Ausstieg liegt in der EUV-Lithografie, die ihr Licht mit einem Plasma aus Zinn erzeugt und ohne Neon auskommt, schreibt Tom’s Hardware. Für die feinsten Strukturen bieten TSMC und Samsung diese Technik an. Die übrigen Auftragsfertiger erzielen nach Angaben von TrendForce mehr als 90 Prozent ihres Umsatzes mit Strukturen zwischen 180 und rund 10 Nanometern, die mit DUV belichtet werden.
Den Neonbedarf senken Laser mit sparsamer Steuerung und das Recycling in der Fabrik. Nur eine andere Belichtung kann das Gas ersetzen, und die lohnt sich bisher nur für die feinsten Chips.
Was bedeutet das Neon-Recycling für Deutschland?

Für deutsche Chipfabriken senkt das Recycling das Risiko der nächsten Krise, ohne die Gefahr zu beseitigen. Deutschland hat mit Leuna eine eigene Quelle, verbraucht in Dresden aber immer mehr Lasergas.
Mit sparsamen Lasern und Recycling vor Ort wolle das Unternehmen die Risiken bei der Beschaffung seltener Gase mindern und die Lieferketten der Halbleiterindustrie widerstandsfähiger machen, sagte Firmenchef Tatsuo Enami. Einen Liefertermin nannte der Hersteller nicht.
Für Verbraucher bleibt Neon unsichtbar, das Gas arbeitet in der Fabrik und steckt nicht im Smartphone oder im Auto. Spürbar würde ein Engpass erst, wenn Chips knapp werden.
Infineon, Bosch und Globalfoundries fertigen in Dresden Chips mit Strukturen, die per DUV belichtet werden, Globalfoundries baut dort seine Fertigung für 1,1 Milliarden Euro aus. Jeder neue Reinraum erhöht den Bedarf an Lasergas, während Europa nach Angaben der DERA von 2018 nur eine einzige Reinigungsanlage für Neon hat.
Eine eigene Neon-Strategie der Bundesregierung haben wir bei der Recherche nicht gefunden.
Auf europäischer Ebene fehlt das Gas auf der Liste der kritischen Rohstoffe, die nächste Überprüfung steht spätestens drei Jahre nach der Liste von 2023 an.
Drei Szenarien für die kommenden Jahre
| Szenario | Annahme | Folge für deutsche Fabriken |
|---|---|---|
| Optimistisch | Recycling setzt sich durch, Korea, Japan und die USA bauen Anlagen aus | Neonpreise bleiben niedrig, Krisen dämpft das zurückgewonnene Gas |
| Realistisch | Recycling wächst langsam, China baut seinen Marktanteil weiter aus | stabile Versorgung, aber neue Abhängigkeit von chinesischen Lieferungen |
| Pessimistisch | China beschränkt die Ausfuhr von Edelgasen wie zuvor beim Helium | Preisschock wie 2022, Engpässe für Fabriken ohne Vorräte |
Wir halten das realistische Szenario für das wahrscheinlichste: Die Branche spart seit der Krise von 2015 Gas, doch die Lieferungen verlagern sich nach Asien.
Was Sie jetzt tun können
- Als Einkäufer von Chips: Fragen Sie Ihre Lieferanten gerne, aus welchen Fabriken die Bauteile stammen und ob diese Fabriken Neon zurückgewinnen.
- Als Betreiber von Lasern: Prüfen Sie gerne Verträge mit Gaselieferanten auf eine zweite Bezugsquelle und auf Mindestmengen in der Krise.
- Als Hersteller von Leuchtreklame: Rechnen Sie bei Neonröhren gerne mit Preisschwankungen, die LED bietet die stabilere Alternative.
Gigaphotons Recyclinganlage zeigt, dass die Chipindustrie die nächste Neonkrise erwartet. Für Deutschland heißt das: Dresden wächst, und die Versorgung mit Lasergas wächst nicht automatisch mit.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zu Neon

DUV-Lithografie
Die DUV-Lithografie belichtet Schaltkreise mit tiefem ultraviolettem Licht von 248 oder 193 Nanometern Wellenlänge. Das Licht stammt aus Excimerlasern, deren Gas zum größten Teil aus Neon besteht. Die meisten Chipschichten weltweit entstehen mit dieser Technik.
Edelgas
Ein Edelgas ist ein Element der achten Hauptgruppe des Periodensystems, das kaum oder gar nicht mit anderen Stoffen reagiert. Zu den Edelgasen zählen Helium, Neon, Argon, Krypton, Xenon und Radon. Neon bildet keine bekannte beständige Verbindung.
EUV-Lithografie
Die EUV-Lithografie arbeitet mit extrem kurzwelligem ultraviolettem Licht, das ein Laser in einem Plasma aus Zinntröpfchen erzeugt. Die Technik kommt ohne Neon aus und wird für die feinsten Strukturen eingesetzt. Die Anlagen sind teurer als DUV-Belichter.
Excimerlaser
Ein Excimerlaser erzeugt ultraviolettes Licht, indem angeregte Moleküle aus einem Edelgas und einem Halogen zerfallen. In der Chipindustrie arbeiten Laser mit Kryptonfluorid (KrF) und Argonfluorid (ArF). Rund 96 Prozent der Gasfüllung sind Neon.
Halbleiterqualität
Halbleiterqualität bezeichnet Gase und Stoffe mit so hoher Reinheit, dass sie in der Chipfertigung eingesetzt werden können. Bei Neon bedeutet das mindestens 99,999 Prozent, Fremdstoffe liegen im Bereich weniger Millionstel.
Kohlenstoffbrennen
Das Kohlenstoffbrennen ist eine Phase im Leben schwerer Sterne, in der Kohlenstoffkerne bei rund 500 Millionen Grad verschmelzen. In diesem Vorgang entstehen Neon und Natrium. Bei rund einer Milliarde Grad verbrennt der Stern danach einen Teil des Neons weiter.
Kritischer Rohstoff
Ein kritischer Rohstoff ist nach der Methode der EU-Kommission ein Stoff mit hohem Versorgungsrisiko und großer wirtschaftlicher Bedeutung. Die Liste wird mindestens alle drei Jahre überprüft. Neon wurde 2023 geprüft und nicht aufgenommen.
Lasergas
Lasergas ist die Gasmischung, mit der ein Gaslaser gefüllt wird. Bei Excimerlasern besteht die Mischung aus Neon als Puffergas, Argon oder Krypton, Fluor und Spuren von Xenon. Die Mischung verschmutzt im Betrieb und muss erneuert oder gereinigt werden.
Leuchtröhre
Die Leuchtröhre ist eine Glasröhre mit Edelgasfüllung, die unter Spannung leuchtet. Reines Neon ergibt Rot-Orange, andere Farben entstehen durch Argon, Quecksilber und Leuchtstoffe. Georges Claude zeigte die ersten Röhren 1910 in Paris.
Luftzerlegungsanlage
Eine Luftzerlegungsanlage verflüssigt Luft und trennt sie durch Destillation in Stickstoff, Sauerstoff und Argon. Große Anlagen gewinnen zusätzlich Neon, Krypton und Xenon. Viele stehen an Stahlwerken, die Sauerstoff in großen Mengen brauchen.
Rohneon
Rohneon ist ein Gemisch aus Neon und Helium, das in der Luftzerlegung als Nebenstrom anfällt. Erst nach mehreren Reinigungsschritten entsteht daraus Neon für Laser. Aus rund 720.000 Kubikmetern Rohneon wurden 2017 rund 360.000 Kubikmeter Reinneon.
Rückgewinnungsquote
Die Rückgewinnungsquote gibt an, welcher Anteil des eingesetzten Neons nach der Nutzung aufgefangen und wieder verwendet wird. SK Hynix meldet 72,7 Prozent, Gigaphoton nennt für seine neue Anlage 50 Prozent.
FAQ: Neon: das Edelgas für Chips, das an der Ukraine hing

Ist Neon giftig?
Nein, Neon ist nicht giftig und hat im Körper keine bekannte Funktion, schreibt die Royal Society of Chemistry. Wie jedes Gas kann Neon in geschlossenen Räumen aber den Sauerstoff verdrängen. Deshalb gelten für Druckflaschen die üblichen Sicherheitsregeln.
Wofür braucht man Neon in der Chipherstellung?
Neon ist der Hauptbestandteil des Gases in Excimerlasern, die bei der DUV-Lithografie die Schaltkreise auf den Wafer belichten. Rund 96 Prozent der Füllung sind Neon. Die Halbleiterindustrie steht für 70 bis 75 Prozent der weltweiten Nachfrage.
Wird in Deutschland Neon hergestellt?
Ja, Linde gewinnt seit 2008 in Leuna Rohneon und betreibt dort nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur von 2018 die einzige europäische Aufreinigungsanlage für Neon. Deutschland erzeugte 2017 hochgerechnet rund 20.000 Kubikmeter.
Leuchten Neonröhren wirklich mit Neon?
Nur die rot-orangen Röhren leuchten mit reinem Neon. Andere Farben entstehen durch Argon, Quecksilber und Leuchtstoffe in der Röhre. Für Standardwerbung hat die LED die Neonröhre weitgehend abgelöst.
Kann man Neon recyceln?
Ja, das verbrauchte Lasergas besteht noch zu mehr als 95 Prozent aus Neon und lässt sich auffangen und reinigen. SK Hynix gewinnt 72,7 Prozent zurück, Gigaphoton stellte im September 2026 eine Anlage mit 50 Prozent Rückgewinnung vor.
Ist Neon ein kritischer Rohstoff der EU?
Nein, die EU-Kommission hat Neon 2023 erstmals geprüft und nicht als kritisch eingestuft. Helium steht dagegen auf der Liste. Die Kommission überprüft die Liste mindestens alle drei Jahre.
Quellen
48 Quellen anzeigenQuellen ausblendenabgerufen am 24.10.2026
- Gigaphoton Inc.Achieves a 50% Neon Gas Recycling Rate and Contributes to a Stable Supply Through Gas Reduction Technologies (Business Wire, 30.09.2026)
- Tom’s HardwareGigaphoton debuts neon recycling system with claimed 50% recovery rate
- Royal Society of ChemistryPeriodic Table: Neon
- Messer Specialty GasesNeon
- Thomas Rauscher, Andreas PatkósOrigin of the Chemical Elements, Handbook of Nuclear Chemistry
- Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Deutsche RohstoffagenturEdelgase: Versorgung wirklich kritisch? DERA Rohstoffinformationen 39
- NASA Technical Reports ServerMethods of reducing energy consumption of the oxidant supply system for MHD/steam power plants
- Science History InstituteA Blaze of Crimson Light: The Story of Neon
- NobelstiftungThe Nobel Prize in Chemistry 1904
- NobelstiftungWilliam Ramsay, Biographical
- Linde EngineeringAir separation plants. History and technological progress
- Air LiquideOur innovation journey
- TimeFrance: Paranoia?
- NPR, Planet MoneyTranskript zur Neonknappheit
- Optica, Optics & Photonics NewsOptics in Ukraine: Glorious Past, Uncertain Future
- U.S. International Trade CommissionUkraine, Neon, and Semiconductors, Executive Briefings on Trade
- U.S. International Trade CommissionA PE Model of Neon Exports from Ukraine, Working Paper
- Reuters via Cyprus MailRussia’s attack on Ukraine halts half of world’s neon output for chips
- Reuters via The Financial ExpressRussia restricts export of key gases for production of chips
- InterfaxRestrictions on exporting certain types of goods, raw materials extended until end of 2023
- TechNewsNeonpreis in China steigt fast um das Neunfache
- dev.uaUkrainische Werke nehmen die Neonproduktion wieder auf
- Forbes UkraineArma sucht Verwalter für den Neonhersteller Cryoin
- Korea JoongAng DailySK hynix to source domestically produced neon gas for chip manufacturing
- Korea Economic DailyKorea’s reliance on China for rare gases
- Korea Economic DailySK Hynix neon gas recycling technology
- Korea Economic DailySamsung neon gas recycling
- Korea HeraldPosco Air Solution targets W200b in annual sales by 2030
- DealsiteNeongaspreis fällt von 1.600 auf 33 Dollar
- ChemxplorePOSCO Air Solution completes high-purity rare gas plant at Gwangyang
- Air LiquideAir Liquide boosts presence in Japan with new air separation unit
- Reuters via InternazionaleChina temporarily bans helium exports
- TrendForcePressemitteilung zu Gasen aus der Ukraine und der Halbleiterfertigung
- Cymer, Ted Cacouris und Emmanuel RausaHow One Light Source Manufacturer Overcame The 2015 Neon Crisis
- Advanced Science News, Geoffrey OzinUnderstanding the science behind the neon shortage
- Laser Focus WorldCymer zur Senkung des Neonverbrauchs
- LindeLinde expanding global neon supply capabilities
- Profiling-InstitutBerufsbild Leuchtröhrenglasbläser
- Messer USANeon
- EvertiqInfineon opens €5 billion Smart Power Fab in Dresden
- EvertiqGlobalFoundries breaks ground on €1.1bn Dresden expansion
- Dr. WebESMC-Chipfabrik Dresden: Richtfest für die Zehn-Milliarden-Wette auf Autochips
- Deutscher BundestagLobbyregister, Industriegaseverband e. V. (R000970)
- Deutscher BundestagLobbyregister, Linde GmbH (R002782)
- Deutscher BundestagLobbyregister, Air Liquide Deutschland GmbH (R002255)
- IHK Lippe zu DetmoldBeihilfeleitlinien Strompreiskompensation
- Europäische KommissionStudy on the Critical Raw Materials for the EU 2023
- Europäische ZentralbankEuro-Referenzkurse
