Helium kühlt jeden Kernspintomografen und jede Chipfabrik, und ein Drittel der Weltförderung stand im März 2026 binnen Stunden still. Den Ausfall löste ein Drohnenangriff aus, gerichtet auf eine einzige Industrieanlage an der Küste Katars. Die Spotpreise verdoppelten sich binnen einer Woche. Die Instandsetzung kann nach Branchenschätzung bis zu fünf Jahre dauern.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Für Einkäufer in Kliniken und Halbleiterwerken hängt an diesem Edelgas eine Lieferkette ohne Umleitung. Unterhalb von minus 269 Grad Celsius nennt der US Geological Survey keinen einzigen Ersatzstoff. Laborleiter ohne laufenden Liefervertrag zahlen inzwischen bis zu 75 Euro je Liter Flüssighelium, ein Vielfaches des amtlichen Basispreises.

Das Wichtigste in Kürze

  • Katar förderte 2025 rund 63 der weltweit 190 Millionen Kubikmeter Helium. Nach dem Angriff auf Ras Laffan im März 2026 fiel dieser Anteil vom Markt.
  • Helium entsteht durch radioaktiven Zerfall über Hunderte Millionen Jahre und fällt fast nur als Beiprodukt der Erdgasförderung an. Über die Menge entscheidet damit der Gasmarkt, nicht der Heliumbedarf.
  • Deutschland importiert sein Helium vollständig. Rund 40 Prozent des EU-Bedarfs stammen aus Katar, die polnische Förderung deckt etwa 8 Prozent des europäischen Verbrauchs.
  • Kernspintomografen, Glasfaserziehtürme, Teilchenbeschleuniger und Quantenrechner hängen ohne Ausweichweg am Gas. Luftballons und Schweißnähte nicht, dort übernehmen Wasserstoff, Argon und Stickstoff.
  • Ein amtlicher Weltmarktpreis existiert nicht. Der US Geological Survey nennt 12 US-Dollar je Kubikmeter als Basis für 2025, am Spotmarkt kostet dieselbe Menge inzwischen rund das Zehnfache.

Angeberwissen in fünf Fragen

Der Dr.-Web-Quizmaster
Wissenstest
Der Helium-Check
Testen Sie Ihr Vorwissen. Die Auflösung liefert der Artikel.
1Woher stammt das Helium in der Erdkruste?Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: B. Jeder Alphazerfall von Uran und Thorium setzt einen Heliumkern frei. Über Hunderte Millionen Jahre sammelt sich das Gas unter dichten Deckschichten, dieselben Fallen halten auch Erdgas. Das erste Kapitel rechnet die Zeiträume vor.
2Warum füllte die Reederei den Zeppelin Hindenburg 1937 mit Wasserstoff?Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: A. Eine Ergänzung zum Helium Act von 1925 untersagte 1927 jede Ausfuhr, und die USA hielten damals rund 80 Prozent der Weltproduktion. Ohne Zugang blieb dem Luftschiffbau nur das brennbare Alternativgas. Das Geschichtskapitel erzählt die Szene.
3Wie hoch war Katars Anteil an der Weltförderung 2025?Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: B. 63 von 190 Millionen Kubikmetern kamen 2025 aus Katar, das sind 33 Prozent. Im gehandelten Volumen liegt der Anteil bei etwa 40 Prozent, weil die USA ihre Förderung überwiegend selbst verbrauchen. Das Geopolitik-Kapitel ordnet die Zahlen ein.
4Welche Anwendung verbrauchte 2025 in den USA mehr Helium als die Kernspintomografie?Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: C. Auf Traggas gingen 17 Prozent, auf die Kernspintomografie 15 Prozent. Beim Ballon lässt sich das Gas ersetzen, beim Magneten nicht. Das Produktkapitel zeigt die Rangfolge.
5Wie viel Helium braucht ein heliumarmer Magnet im Vergleich zu einem klassischen Kernspintomografen?Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: C. Sieben Liter statt rund 1.500 Liter, also 0,5 Prozent. Mehr als 2.000 solche Magnete stehen weltweit, zusammen sparten sie nach Herstellerangaben über sechs Millionen Liter Flüssighelium. Das Alternativen-Kapitel rechnet den Hebel vor.

Was ist Helium und wie entsteht das Edelgas?

Helium ist das zweithäufigste Element des Universums und auf der Erde eine Rarität. Der Widerspruch erklärt sich über das Gewicht: Ein freigesetztes Heliumatom steigt in der Atmosphäre nach oben und entkommt der Erdanziehung endgültig. Unter allen industriell genutzten Rohstoffen verlässt allein dieses Gas den Planeten dauerhaft, sobald ein Ventil öffnet.

Nachgeliefert wird der Vorrat unter unseren Füßen von der Radioaktivität. Bei jedem Alphazerfall stößt ein schwerer Atomkern einen Kern aus zwei Protonen und zwei Neutronen ab, und genau dieses Gebilde ist ein Heliumatom ohne Elektronen. Uran und Thorium im Gestein arbeiten damit als geologische Heliumfabrik, allerdings in einem Tempo, das jede menschliche Zeitrechnung sprengt: Uran-238 halbiert sich in 4,47 Milliarden Jahren.

Das freigesetzte Gas wandert durch Poren nach oben, bis eine dichte Deckschicht den Weg versperrt. Dort sammelt sich der Vorrat über Hunderte Millionen Jahre in denselben Fallen, die auch Erdgas festhalten. Genau diese Nachbarschaft entscheidet über die gesamte Wirtschaft des Rohstoffs, denn Helium wird praktisch nie für sich allein gefördert, sondern in der Aufbereitungsanlage aus einem Erdgasstrom herausdestilliert. Wie stark ein Land am fossilen Gasgeschäft hängt, zeigt unsere Stoffgeschichte zum Erdöl in aller Deutlichkeit.

Die Konzentrationen schwanken dramatisch. Rohhelium aus der Gasaufbereitung enthält laut US Geological Survey 60 bis 80 Prozent Helium und erreicht die verlangten 99,997 Prozent erst in einer zweiten Reinigungsstufe. Erst danach nimmt ein Magnet oder ein Reinraum das Gas an. Neun Anlagen in den USA produzierten 2025 dieses Rohhelium, fünf lieferten die Reinstqualität, vier weitere reinigten Fremdmengen nach.

Interessant wird der Blick auf die Vorräte. Der US Geological Survey bezifferte die identifizierten Heliumvorkommen in amerikanischen Erdgaslagerstätten auf 8,49 Milliarden Kubikmeter und die Vorkommen außerhalb der USA auf 31,3 Milliarden Kubikmeter, davon 10,1 Milliarden in Katar, 8,2 Milliarden in Algerien und 6,8 Milliarden in Russland. Gegen die Weltförderung von 190 Millionen Kubikmetern gerechnet, ergibt das nach unserer Rechnung eine Reichweite von etwa zwei Jahrhunderten.

Der Engpass liegt also nicht im Gestein. Knapp sind die Anlagen, die das Gas aus dem Erdgasstrom holen, und die Schiffe, die den Stoff kalt genug über die Weltmeere bringen. Ein Feld ohne Verflüssigungsanlage ist für den Weltmarkt wertlos, egal wie viel Helium darin steckt.

Wer entdeckte Helium und wie begann der Wettlauf?

Altes Fernrohr, verbranntes Stoffstück und Zettel mit Aufschrift
Ein Ausfuhrverbot der USA zwang den Zeppelin Hindenburg 1937 zum Wasserstoff

Die Entdeckung geschah nicht im Labor, sondern am Himmel. Während der totalen Sonnenfinsternis vom 18. August 1868 beobachtete der französische Astronom Jules Janssen im indischen Guntur eine gelbe Spektrallinie in der Sonnenkorona, die zu keinem bekannten Element passte. Wenige Wochen später sah der Brite Norman Lockyer dieselbe Linie und benannte den Stoff nach Helios, dem griechischen Sonnengott.

Ein Element, das nur in der Sonne existierte, galt lange als Kuriosität. Erst 1895 gelang William Ramsay der irdische Nachweis, als er das Uranmineral Cleveit mit Säure behandelte und das entweichende Gas spektroskopisch prüfte. Damit war Helium ein Laborbefund, aber noch keine Ware.

Zur Ware wurde Helium durch ein Bohrloch in der Prärie. 1903 stieß die Gas, Oil and Developing Company auf einer Farm bei Dexter im US-Bundesstaat Kansas auf eine ergiebige Gasquelle, die zur Verblüffung aller Beteiligten nicht brannte. Zwei Chemiker der University of Kansas, Hamilton Cady und David McFarland, analysierten die Probe und fanden 1905 neben viel Stickstoff einen Heliumanteil von 1,84 Prozent. Die American Chemical Society führt diesen Befund heute als historischen Meilenstein der Chemie.

Militärisch interessant wurde das Gas im Ersten Weltkrieg, weil unbrennbare Luftschiffe plötzlich einen Wert bekamen. Die USA bauten daraufhin die weltweit erste Heliumindustrie auf und gossen die Kontrolle 1925 in den Helium Act, der die Förderung dem Bureau of Mines übertrug. Eine Ergänzung von 1927 verbot jede Ausfuhr aus den Vereinigten Staaten.

Für Deutschland bekam dieses Gesetz eine tödliche Bedeutung. Die Konstrukteure des Luftschiffs Hindenburg planten mit Helium, erhielten aber keines, weil die USA damals rund 80 Prozent der Weltproduktion hielten und den Export sperrten. Gefüllt wurde das Luftschiff deshalb mit Wasserstoff, und am 6. Mai 1937 brannte der Zeppelin in Lakehurst binnen Sekunden aus. Ein Exportverbot beendete damit eine ganze Verkehrstechnologie.

Wie hat Helium die Weltkarte verändert?

Globus mit Klebeband und Reißzwecke, daran Zettel mit Text „Katar: Da ist der Wurm drin“
Zwei Länder fördern drei Viertel des Heliums weltweit, die USA und Katar

Rohstoffe schaffen Abhängigkeiten, Abhängigkeiten schaffen Konflikte. Bei Helium verläuft dieser Kreislauf ungewöhnlich, weil das Gas nie eine Kolonie wert war und nie einen Krieg auslöste. Seine Machtwirkung entfaltete Helium stattdessen über die Kontrolle einiger weniger Anlagen, und diese Kontrolle wechselte im Verlauf eines Jahrhunderts zweimal den Kontinent.

Das amerikanische Monopol als Machtinstrument

Vier Jahrzehnte lang bestimmte Washington allein, wer Helium bekam. Der Helium Act von 1925 und das Ausfuhrverbot von 1927 machten aus einem Industriegas ein Staatsmonopol, das ausdrücklich der Landesverteidigung diente. Ab 1960 legte der Bund unter dem Cliffside-Feld bei Amarillo in Texas die Federal Helium Reserve an, ein unterirdisches Lager für Militär und Raumfahrt.

Abgewickelt wurde dieses Erbe aus haushaltspolitischen Gründen. Der Helium Privatization Act von 1996 verpflichtete den Bund zum Verkauf der eingelagerten Mengen, der Helium Stewardship Act von 2013 ordnete den Ausstieg neu, und am 27. Juni 2024 schloss das Bureau of Land Management den Verkauf des gesamten Federal Helium System an den Industriegashändler Messer ab. Die Staatskasse verbuchte dafür 460 Millionen US-Dollar, eine Einmalzahlung für eine Anlage, die zuvor bis zu 30 Prozent der amerikanischen Heliumversorgung trug.

Politisch blieb der Verkauf umstritten. Der Oversight Committee des US-Repräsentantenhauses forderte anschließend Unterlagen zu den chinesischen Geschäftsbeziehungen des Käufers an, und Fachleute aus dem Klinikeinkauf warnten vor Folgen für die Kernspintomografie. Der Protest verhinderte den Verkauf nicht, das Lager gehört seit 2024 einem privaten Unternehmen.

Katar wird zum Flaschenhals

Parallel dazu verschob sich das Gewicht an den Persischen Golf. Katar sitzt auf dem größten Erdgasfeld der Welt und baute daraus die größte Flüssiggasindustrie der Welt, und weil in diesem gewaltigen Gasstrom auch Helium mitläuft, entstand in Ras Laffan nebenbei der zweitgrößte Heliumproduzent des Planeten. Drei Anlagen mit einer Jahreskapazität von zusammen rund 67,5 Millionen Kubikmetern arbeiten dort nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur, eine vierte mit 48,6 Millionen Kubikmetern war für 2027 vorgesehen.

Diese Konzentration wurde schon 2017 zum Problem. Nachdem Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und weitere Nachbarn die Landgrenzen schlossen, mussten beide damals betriebenen Heliumanlagen für rund drei Wochen abschalten, weil der Ausfuhrweg fehlte. Physics World zog daraus eine Lehre, die 2026 noch schärfer gilt: Flüssighelium hält sich im Kryo-Container nur 30 bis 45 Tage, ein Vorratslager im klassischen Sinn existiert nicht.

Russland als abgeschnittene Reserve

Als drittes Gewicht sollte Russland auftreten. Die Gasaufbereitungsanlage Amur war auf 84,5 Millionen Kubikmeter Helium im Jahr ausgelegt und hätte den Weltmarkt entspannen können. Brände in den Jahren 2021 und 2022 sowie chronische Unterauslastung drückten die tatsächliche Förderung nach Marktanalysen auf einen Bruchteil, der US Geological Survey verzeichnet für 2025 rund 18 Millionen Kubikmeter.

Für europäische Einkäufer spielt diese Menge ohnehin keine Rolle. Die Einfuhrsperre der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten für russisches Helium galt nach Angaben des US Geological Survey auch 2025 unverändert weiter. Ein Drittel der theoretischen Weltkapazität liegt damit hinter einer Sanktionsmauer.

Der Angriff vom März 2026

Anfang März 2026 traf eine Drohne aus dem Iran das Terminal Ras Laffan, kurz darauf auch die Anlagen in Mesaieed. Katar stoppte die Produktion von Flüssigerdgas und damit auch von Helium und erklärte höhere Gewalt. Das Handelsblatt bezifferte die mögliche Instandsetzungsdauer auf bis zu fünf Jahre, der Deutsche Bundestag übernahm diese Angabe in eine Drucksache vom 12. Juni 2026.

Die Wirkung am Markt kam sofort. Rund ein Drittel des weltweiten Angebots verschwand, die Spotpreise verdoppelten sich innerhalb einer Woche, und die Gaselieferanten begannen zu rationieren. Seither entscheidet nicht mehr allein der Preis über die Zuteilung, sondern die Bedeutung der Endanwendung, eine Marktsegmentierung ohne Vorbild in der Geschichte dieses Rohstoffs.

Wo das Helium der Welt entsteht
Förderung nach Ländern 2025, Schätzwerte des US Geological Survey in Millionen Kubikmetern. Weltproduktion 190 Millionen Kubikmeter.
USA
81 Mio. m³
Katar
63 Mio. m³
Russland
18 Mio. m³
Algerien
11 Mio. m³
Kanada
6 Mio. m³
China
3 Mio. m³
Polen
3 Mio. m³

Die Abhängigkeit läuft über den Handel, nicht über die Förderung

Ausfuhr
52 Mio. m³
verschiffte Katar 2025 und deckte damit rund 40 Prozent des weltweit gehandelten Heliums. Die USA verbrauchen ihre Förderung überwiegend selbst.
Absatzmärkte
33 Prozent
der katarischen Ausfuhr gingen in die EU, 31 Prozent nach Südostasien, 29 Prozent nach China und 2 Prozent in die USA.
Eigenversorgung
8 Prozent
des europäischen Bedarfs von etwa 40 Millionen Kubikmetern deckt die polnische Förderung. Der Rest kommt über See.

Russland verfügt über die dritte Position in der Förderstatistik, fällt für Europa aber weg: Die Einfuhrsperre der EU und der USA für russisches Helium galt auch 2025 weiter. Algerien liefert 11 Millionen Kubikmeter, Kanada 6 Millionen. Die Rechnung geht damit nicht auf. Fällt Katar aus, existiert im gehandelten Volumen kein zweiter Lieferant dieser Größenordnung.

Warum ist Helium für die Weltwirtschaft so wichtig?

Digitalwaage mit einem Metallgewicht und Notizzettel „2,3 Milliarden Dollar Weltmarkt“
Der gesamte Heliumweltmarkt wiegt kaum mehr als ein mittelgroßer Maschinenbauer

Die Zahlen dieses Marktes wirken auf den ersten Blick niedlich. 190 Millionen Kubikmeter Helium förderte die Welt 2025, davon 81 Millionen die USA, deren Verkäufe der US Geological Survey mit rund 970 Millionen US-Dollar bewertete. Zum genannten Basispreis von 12 US-Dollar je Kubikmeter ergibt die gesamte Weltförderung nach unserer Rechnung einen Warenwert von etwa 2,3 Milliarden US-Dollar.

Diese Kleinheit ist die eigentliche Erklärung für die Dauerkrise. Ein Weltmarkt in der Größenordnung eines mittelständischen Maschinenbauers trägt keine Redundanz: Niemand finanziert eine Reserveanlage, deren Bau einen erheblichen Teil des globalen Jahresumsatzes dieses Rohstoffs verschlingt. Die Verwundbarkeit von Helium folgt damit nicht aus Geologie oder Geopolitik allein, sondern aus einer Rechnung, die für jeden einzelnen Investor rational aufgeht und für das System als Ganzes fahrlässig bleibt.

Gehandelt wird ohne Börse. Für Helium existiert kein Terminkontrakt und kein öffentlicher Referenzkurs, Mengen und Preise verhandeln Produzent und Abnehmer bilateral in Verträgen über mehrere Jahre, häufig mit Abnahmepflicht. Wettbewerbsvorteile entstehen deshalb nicht am Bohrloch, sondern am Verhandlungstisch und im Speicher.

Der Transportweg macht die Lage zusätzlich starr. Flüssighelium reist bei etwa minus 269 Grad Celsius in vakuumisolierten ISO-Containern über See, verdampft trotz Isolierung ständig und ist nach 30 bis 45 Tagen praktisch aufgebraucht. Als gasförmiger Puffer dient Europa der Kavernenspeicher Gronau-Epe im Münsterland mit 47 Millionen Kubikmetern Kapazität, dessen Füllstand die Betreiber nicht veröffentlichen.

Europa steht in dieser Rechnung schlecht da. Der Kontinent verbraucht nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur etwa 40 Millionen Kubikmeter im Jahr, die polnische Förderung von rund 3 Millionen Kubikmetern deckt davon 8 Prozent, und rund 40 Prozent kamen bislang aus Katar. Deutschland bezieht sein Helium vollständig aus dem Ausland, das bestätigte der Verband Pharma Deutschland gegenüber dem Bundestag.

Welche Industrien im Ernstfall stillstehen, ist präzise benennbar. Die Halbleiterfertigung braucht Helium als Kühl- und Schutzgas, die Medizintechnik für Magnetspulen, die Arzneimittelherstellung für die Chargenprüfung, die Raumfahrt für Tankdruck. Auf diese vier Bereiche entfällt zusammen der überwiegende Teil der industriellen Nachfrage, und in keinem davon existiert ein schneller Ersatz.

In welchen Produkten steckt Helium und was fällt ohne das Gas weg?

MRT-Scanner-Miniatur mit schwebendem blauen Ballon und Textanhänger vor weißem Hintergrund
Traggas verbraucht in den USA mehr Helium als alle Kernspintomografen

Die meisten Menschen kennen Helium vom Kindergeburtstag und ahnen nicht, dass der Luftballon der einzige Verwendungszweck ist, auf den die Welt notfalls verzichten könnte. Die amtliche Verbrauchsstatistik der USA für 2025 liest sich als Rangliste der Unentbehrlichkeit, und der Ballon steht darin überraschend weit oben.

Auf Analytik, Labor und Spezialgase gingen 22 Prozent, auf Schutzatmosphären, Glasfaser und Halbleiter 17 Prozent, auf Traggas ebenfalls 17 Prozent und auf die Kernspintomografie 15 Prozent. Luft- und Raumfahrt kam auf 9 Prozent, Schweißen auf 8 Prozent, Tauchen und Lecksuche auf jeweils 5 Prozent. Traggas, also überwiegend der Luftballon, verbraucht in dieser Aufstellung mehr Helium als alle Kernspintomografen des Landes zusammen.

Im Krankenhaus steckt die größte Einzelmenge. Ein Kernspintomograf hält seine Magnetspulen nur im Bad aus flüssigem Helium supraleitend, und der Bedarf reicht laut der Bundestagsdrucksache von wenigen Litern bis zu etwa 1.700 Litern je Gerät. Kippt die Supraleitung durch einen sogenannten Quench, verdampft die komplette Füllung binnen Minuten über eine Abblasleitung ins Freie.

In der Chipfertigung übernimmt Helium zwei Aufgaben zugleich. Das Gas führt Wärme aus dem Wafer ab und schirmt empfindliche Bauteile gegen Sauerstoff und Feuchtigkeit ab, weshalb ein Lieferstopp direkt in die Ausbeute der Anlagen durchschlägt. Wie eng diese Prozesskette am Ausgangsmaterial hängt, beschreibt unsere Stoffgeschichte zum Silizium, ohne dessen Reinheitsgrade kein Wafer entsteht.

Weniger bekannt sind die stillen Anwendungen. Im Ziehturm einer Glasfaserfabrik kühlt Helium die frisch gezogene Faser, in Raketen hält das Gas den Druck in leerlaufenden Treibstofftanks, in der Arzneimittelproduktion verlangt jede Charge eine heliumgestützte Prüfung vor der Freigabe. Beim Tauchen ersetzt Helium den Stickstoff im Atemgas, und in der Lecksuche verrät seine geringe Molekülgröße jede Undichtigkeit.

Die Kipp-Logik trennt diese Anwendungen scharf. Der US Geological Survey formuliert die Grenze eindeutig: Für kryogene Anwendungen unterhalb von minus 269 Grad Celsius existiert kein Ersatz. Argon, Wasserstoff und Stickstoff übernehmen dagegen beim Schweißen, beim Tauchen und als Traggas, teils mit Qualitätsabstrichen und höherem Risiko.

Bei einem längeren Lieferausfall steht deshalb keine Wurstfabrik still, sondern zuerst die Diagnostik und die Halbleiterproduktion. Der Ballonstand auf dem Stadtfest verschwindet als Erstes und tut niemandem weh. Der Kernspintomograf im Kreiskrankenhaus verschwindet als Letztes und trifft eine ganze Region.

Alltag voller Helium
Sechs Anwendungen und die Frage, ob ein anderes Gas den Dienst übernehmen kann.
Kernspintomograf
Die Magnetspulen arbeiten nur supraleitend. Je Gerät stecken von wenigen Litern bis zu etwa 1.700 Litern flüssiges Helium in der Kühlung.
Kein Ersatz
Chipfertigung
Helium kühlt Wafer und schirmt empfindliche Bauteile gegen Sauerstoff und Feuchtigkeit ab. Halbleiter zählen zu den größten Abnehmern.
Kein Ersatz
Glasfaserkabel
Im Ziehturm führt Helium die Wärme aus der frisch gezogenen Faser ab. Kein anderes Gas leitet Wärme schnell genug bei dieser Reinheit.
Kein Ersatz
Raketenstart
Helium hält den Druck in Treibstofftanks und spült Leitungen. Auf die Luft- und Raumfahrt gingen 2025 neun Prozent der US-Nachfrage.
Kein Ersatz
Luftballon
Traggas-Anwendungen verbrauchten 2025 in den USA 17 Prozent des Heliums, mehr als die Kernspintomografie mit 15 Prozent.
Austauschbar
Schutzgasschweißen
Beim Schweißen lassen sich Argon, Stickstoff und Helium gegeneinander tauschen. Beim Tauchen übernehmen Argon und Wasserstoff.
Austauschbar
Wo der Tausch klappt
Überall, wo Helium nur wegen seiner geringen Dichte oder seiner Reaktionsträgheit im Prozess steht. Argon, Stickstoff und Wasserstoff erfüllen diese Rolle, teils mit Qualitätsabstrichen.
Wo der Tausch scheitert
Unterhalb von minus 269 Grad Celsius existiert laut US Geological Survey kein Ersatz. Jede Anwendung, die Supraleitung braucht, hängt damit ohne Ausweichweg am Helium.

Bei einem Lieferausfall bleibt der Luftballon deshalb die erste Streichposition, während Klinik, Chipwerk und Startrampe keine Wahl haben. Genau diese Rangfolge stellen die Gaselieferanten seit März 2026 selbst her: Nicht mehr der Preis allein entscheidet über die Zuteilung, sondern die Bedeutung der Anwendung.

Wie setzt sich der Preis von Helium zusammen?

Ein digitales Thermometer zeigt -269°C neben einer Quittung über 75 Euro je Liter
Ohne Liefervertrag kostet ein Liter Flüssighelium bis zu 75 Euro

Die Preisbildung bei Helium beginnt mit einer Auffälligkeit: Ein öffentlicher Marktpreis existiert nicht. Keine Terminbörse notiert das Gas, keine Behörde veröffentlicht eine Preiszerlegung, und selbst große Abnehmer erfahren ihren Marktpreis nur über eigene Angebote. Diese Intransparenz ist keine Nebensache, sondern ein struktureller Vorteil der Anbieterseite.

Was öffentlich verfügbar ist, sind drei Ankerpunkte. Der US Geological Survey nennt für 2025 einen Basispreis von etwa 12 US-Dollar je Kubikmeter Grade-A-Helium und weist ausdrücklich darauf hin, dass Produzenten Zuschläge obendrauf setzen. Nach dem Ausfall in Katar verdoppelten sich die Spotpreise, und Institute ohne laufenden Liefervertrag zahlen laut QD Europe bis zu 75 Euro je Liter Flüssighelium.

Diese drei Zahlen lassen sich vergleichbar machen. Ein Liter flüssiges Helium ergibt beim Verdampfen rund 0,748 Kubikmeter Gas, der Spotpreis von 75 Euro je Liter entspricht damit nach unserer Umrechnung etwa 100 Euro je Kubikmeter. Gegen den amtlichen Basispreis von 12 US-Dollar gerechnet, zahlen vertragslose Käufer rund das Zehnfache.

Die Kostentreiber dahinter sind physikalisch, nicht kaufmännisch. Die Trennung vom Erdgas und die Reinigung auf 99,997 Prozent verbrauchen Energie, die Verflüssigung bei 4,2 Kelvin verbraucht deutlich mehr, der Kryo-Container verliert unterwegs täglich Ware, und Behältermiete sowie Rückführung leerer Tanks belasten jede Lieferung. Am Bohrloch entsteht deshalb nur ein kleiner Teil des Endpreises, der große Teil entsteht in Kälte und Logistik.

Für die Preisasymmetrie sorgen die Vertragslaufzeiten. Zuschläge lassen sich nach einem Lieferausfall binnen Wochen durchsetzen, Preissenkungen erreichen den Abnehmer erst zur nächsten Vertragsrunde, also oft Jahre später. Verstärkt wird der Effekt durch die Währung, denn abgerechnet wird international in US-Dollar, sodass europäische Käufer zusätzlich den Wechselkurs tragen.

Wie hart das in der Praxis trifft, zeigt ein Rechenbeispiel aus der Klinik. Eine vollständige Erstfüllung von 1.700 Litern kostet zum Spotpreis von 75 Euro je Liter rund 127.500 Euro, eine Summe, die in dieser Höhe in keinem Wartungsbudget steht. Ein einziger Quench kann diese Rechnung auslösen, ohne dass am Gerät ein Defekt vorliegt.

Wohin das Helium fließt
Verbrauch nach Anwendung in den USA 2025, dem einzigen Markt mit amtlich veröffentlichter Aufteilung.
Analytik, Labor, Spezialgase
22 %
Schutzatmosphären, Glasfaser, Halbleiter
17 %
Traggas
17 %
Kernspintomografie
15 %
Luft- und Raumfahrt
9 %
Schweißen
8 %
Tauchen
5 %
Lecksuche
5 %
Sonstige Anwendungen
2 %

Drei Preise für dasselbe Gas

12 Dollar
nennt der US Geological Survey als Basispreis je Kubikmeter Grade-A-Helium für 2025. Zuschläge der Produzenten kommen obendrauf.
Verdoppelt
Nach dem Ausfall von Ras Laffan im März 2026 verdoppelten sich die Spotpreise, weil rund ein Drittel des Angebots wegfiel.
75 Euro
je Liter Flüssighelium zahlen Institute ohne laufenden Liefervertrag. Umgerechnet auf Gas entspricht das rund 100 Euro je Kubikmeter.

Eine Terminbörse für Helium existiert nicht, deshalb fehlen ein öffentlicher Referenzkurs und eine amtliche Preiszerlegung. Verhandelt wird bilateral in mehrjährigen Verträgen, oft mit Abnahmepflicht. Einkäufer außerhalb dieser Verträge zahlen nach eigener Umrechnung von Dr. Web rund das Zehnfache des Basispreises. Die Verflüssigung bei 4,2 Kelvin, der Transport im Kryo-Container und die Verdampfungsverluste unterwegs treiben die Differenz.

Wer verdient an Helium und wer zahlt drauf?

Zwei graue Gasflaschen mit Manometern vor weißem Hintergrund. Die linke hat ein Etikett mit „Speicher“
Speicherbesitzer bestimmen im knappen Heliummarkt den Preis

Die Gewinnerseite dieser Krise sitzt nicht am Bohrloch, sondern am Speicher. Linde, Air Products und Air Liquide verfügen über eigene Lagerkapazitäten, und laut einer Analyse der Bank Citi hält Air Liquide in seinem deutschen Kavernenspeicher einen Vorrat für fast ein Jahr. Wer in einem knappen Markt liefern kann, bestimmt den Preis.

Zunächst verlor Katar selbst. Die Förderung von 63 Millionen Kubikmetern entspricht zum amtlichen Basispreis einem Warenwert von rund 756 Millionen US-Dollar, gerechnet nach den Angaben des US Geological Survey. Gegen die Erlöse aus dem Flüssigerdgas desselben Standorts bleibt Helium damit eine Nebenposition, und genau daraus folgt ein unangenehmer Schluss: Ein Wiederaufbau der Heliumanlagen rechnet sich für Katar nur gemeinsam mit der Rückkehr des Gasgeschäfts, niemals für sich allein.

Auf der Verliererseite stehen die kleinen Abnehmer. Universitätslabore, Forschungsinstitute und Handwerksbetriebe kaufen zu klein für mehrjährige Verträge und landen deshalb am Spotmarkt, dort also, wo aus 12 US-Dollar je Kubikmeter rund 100 Euro werden. Kliniken sichern sich über Rahmenverträge ab, tragen die Zuschläge aber im nächsten Budgetjahr.

Der klassische Ressourcenfluch greift bei Helium nur mittelbar. Kein Land lebt von seinem Helium, alle betroffenen Exporteure leben von Erdgas, und die holländische Krankheit trifft Katar über den Gasreichtum, nicht über das Edelgas. Interessanter ist der Umkehrfall: Ein Rohstoff, der nirgends die Staatskasse trägt, findet auch nirgends eine politische Lobby, die seine Versorgung sichert.

Als Lehrstück taugt der Vergleich zweier Anlagen. Polen fördert in Odolanów nur rund 3 Millionen Kubikmeter im Jahr, liefert aber verlässlich und innerhalb des europäischen Rechtsraums. Russland baute die Anlage Amur für 84,5 Millionen Kubikmeter, kämpfte mit Bränden und Unterauslastung und steht heute hinter einer Einfuhrsperre. Verlässlichkeit schlägt Kapazität, sobald ein Rohstoff politisch wird.

Katar verkauft Helium als Beiprodukt seines Flüssigerdgases, und darin liegt der Konstruktionsfehler dieses Weltmarkts. Ohne den Gasstrom aus Ras Laffan fällt ein Drittel der Heliumversorgung aus, obwohl kein einziges Heliumfeld erschöpft ist.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Wie mächtig ist die Helium-Lobby?

Papierstapel mit Text „Kritischer Rohstoff“, daneben Holzstempel und blauer Luftballon
Die EU listet Helium als kritischen Rohstoff, Deutschland bevorratet keines

Eine Helium-Lobby im klassischen Sinn existiert nicht, und genau das ist das Problem. Kein Verband kämpft ausschließlich für dieses Gas, kein Förderland finanziert damit seinen Haushalt, keine Wählergruppe fordert Versorgungssicherheit. Vertreten wird Helium nebenbei, von den Verbänden der Industriegasbranche, für die Helium eine Produktlinie unter vielen bildet.

Die Folgen dieser Vertretungslücke lassen sich an der amerikanischen Gesetzgebung ablesen. Der Helium Privatization Act von 1996 entstand aus Haushaltsnot, nicht aus Rohstoffstrategie, und der Verkauf des Federal Helium System 2024 brachte der Staatskasse 460 Millionen US-Dollar für eine Infrastruktur, die zuvor bis zu 30 Prozent der nationalen Versorgung stützte. Eine Einmalzahlung stand damit gegen eine dauerhafte Reserve, und die Einmalzahlung gewann.

In Europa läuft die Debatte formal weiter, praktisch aber ohne Konsequenz. Die EU-Kommission führt Helium seit der Liste von 2023 unter den kritischen Rohstoffen, gemeinsam mit 33 weiteren Materialien, und der Critical Raw Materials Act trat am 23. Mai 2024 in Kraft. Eine Liefergarantie folgt aus dieser Einstufung nicht, wie das Beispiel der Seltenen Erden seit Jahren zeigt: Die Liste beschreibt ein Risiko, ohne dieses Risiko zu beseitigen.

Deutschland steht noch einen Schritt weiter hinten. Bis heute gilt Helium national nicht als strategisch relevanter Rohstoff, eine Pflichtbevorratung für Kliniken existiert nicht, und ein Frühwarnsystem für heliumabhängige Lieferketten ist nicht dokumentiert. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen fragte die Bundesregierung am 8. Juni 2026 nach genau diesen drei Punkten, was den Nachholbedarf präziser beschreibt als jede Studie.

Beim Framing arbeitet die Branche mit einem eleganten Trick. Öffentlich verhandelt wird Helium als Ballongas und damit als Luxusproblem, während vier Fünftel der Menge in Industrie, Klinik und Forschung verschwinden. Ein Rohstoff, den die Öffentlichkeit für Spielzeug hält, muss keine unbequemen Fragen nach Reserven beantworten.

Wie kommen wir von Helium los?

Ein schwarzer Ring, ein blaugefülltes Becherglas und ein grauer Eimer auf weißem Grund
Versiegelte Magnete arbeiten mit sieben Litern statt rund 1.500 Litern Helium

Ein vollständiger Ausstieg steht nicht zur Debatte, eine drastische Verdünnung des Bedarfs schon. Der Weg dorthin verläuft in den Sektoren sehr unterschiedlich schnell, und die größten Fortschritte kommen aus der Medizintechnik, also gerade aus dem Bereich mit der höchsten Unverzichtbarkeit.

Am schnellsten geht der Austausch dort, wo Helium nur wegen seiner Reaktionsträgheit im Prozess steht. Beim Schweißen übernehmen Argon und Stickstoff, beim Tauchen Argon und Wasserstoff, beim Traggas der Wasserstoff mit höherer Tragkraft und höherem Risiko. Diese Anwendungen zusammen machten 2025 in den USA 30 Prozent des Verbrauchs aus und bilden damit die größte kurzfristig verfügbare Reserve.

Den spektakulärsten Sprung liefert die Kernspintomografie. Philips baut mit der BlueSeal-Technik versiegelte Magnete, die nach Herstellerangaben mit 7 Litern Helium arbeiten statt mit rund 1.500 Litern, also mit einem halben Prozent der bisherigen Menge. Mehr als 2.000 dieser 1,5-Tesla-Systeme stehen weltweit und sparten nach Firmenangaben bereits über sechs Millionen Liter Flüssighelium.

Der Nachfolger steht in den Startlöchern. Im Februar 2026 stellte Philips auf dem Europäischen Radiologiekongress den ersten heliumfreien 3,0-Tesla-Magneten vor, marktreif nach Herstellerangaben ab Mitte 2027. Bei diesen Geräten entfallen auch Nachfüllungen und Abblasleitungen, was den Umbau ganzer Radiologien vereinfacht.

Beim Recycling liegt viel Luft nach oben. Der US Geological Survey stellt für die Vereinigten Staaten fest, dass Helium in großvolumigen Anwendungen selten zurückgewonnen wurde, während geschlossene Kreisläufe in Laboren zunehmend verbreitet sind. Physikalisch spricht alles für Rückgewinnung, denn einmal entwichenes Helium ist unwiederbringlich verloren.

Auf der Angebotsseite tut sich mehr, als die Krisenmeldungen vermuten lassen. 2025 nahmen in den USA sechs neue Heliumbetriebe die Arbeit auf, drei davon in New Mexico und je einer in Colorado, Kansas und Montana, dazu kam ein Speicher in Beaumont in Texas. Neue Anlagen entstanden außerdem in Kanada und in Südafrika, und mehrere Projekte erschließen erstmals Lagerstätten ohne Kohlenwasserstoffe.

Der Zeithorizont bleibt trotzdem unangenehm lang. Eine Trennanlage plant und baut niemand in unter drei Jahren, Katars vierte Heliumanlage war ohnehin erst für 2027 vorgesehen, und eine fünfte mit 42,5 Millionen Kubikmetern steckt in der Planung. Bis dahin entscheidet allein der sparsamere Verbrauch darüber, wie eng der Markt bleibt.

Was bedeutet der Ausfall von Ras Laffan für Deutschland?

Landkarte mit Miniatur-Wasserturm und Notizzettel zum Füllstand
Der Kavernenspeicher Gronau-Epe ist Europas kurzfristiger Heliumpuffer

Der Drohnenangriff vom März 2026 traf ein Land, das keine einzige eigene Heliumquelle besitzt. Deutschland deckt seinen Bedarf vollständig über Importe, rund 40 Prozent des EU-Bedarfs kamen bislang aus Katar, und der Seeweg dafür führt durch die Straße von Hormus. Ein einziger Angriff auf eine Industrieanlage verschob damit die Versorgungslage eines ganzen Kontinents.

Kurzfristig hält der Puffer. Der Kavernenspeicher Gronau-Epe fasst 47 Millionen Kubikmeter, Air Liquide verfügt laut Citi über einen Jahresvorrat im deutschen Speicher, und die Deutsche Krankenhausgesellschaft sieht derzeit keine Anzeichen für Engpässe in den Kliniken. Moderne Kernspintomografen arbeiten sparsamer, und heliumfreie Geräte kommen häufiger zum Einsatz.

Beunruhigender liest sich die Lage in der Arzneimittelproduktion. Für die Freigabe jeder einzelnen Charge ist eine heliumgestützte Prüfung erforderlich, so der Verband Pharma Deutschland. Verfahren auf Basis von Wasserstoff oder Stickstoff sind technisch möglich, brauchen aber Entwicklungsarbeit, Validierung und behördliche Genehmigung, also Zeiträume von Jahren statt Wochen.

Die Preisspur zieht sich längst durch weitere Vorprodukte. Seit der Beeinträchtigung der Straße von Hormus stiegen die Preise für Butadien um 35 Prozent und für Acrylnitril um 60 Prozent, beides Ausgangsstoffe für Einmalhandschuhe und OP-Kittel. Steigende Energie- und Rohstoffkosten treffen damit dieselben Klinikbudgets, die auch die Heliumzuschläge tragen.

Politisch ist die Lage in Bewegung, aber nicht entschieden. Am 8. Juni 2026 richtete die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen 30 Fragen an die Bundesregierung, unter anderem zur Höhe strategischer Heliumreserven, zu Mindestvorgaben für die Bevorratung in Kliniken und zur möglichen Einstufung als strategisch relevanter Rohstoff. Die Fragestellung selbst dokumentiert, dass keine dieser Vorkehrungen bisher existiert.

Für die kommenden Monate zeichnen sich drei Verläufe ab:

  • Optimistisch: Der Nahostkonflikt beruhigt sich, Katar fährt Teilkapazitäten wieder an, die Spotpreise fallen im Jahresverlauf zurück. Neue US-Anlagen und die polnische Förderung überbrücken die Restlücke.
  • Realistisch: Ras Laffan bleibt über 2026 hinaus eingeschränkt, die Rationierung nach Anwendung setzt sich fort, Industriekunden zahlen dauerhaft höhere Zuschläge. Kliniken und Chipwerke behalten Vorrang, Labore und Handwerk weichen aus.
  • Pessimistisch: Die Instandsetzung zieht sich über Jahre, gleichzeitig fällt eine zweite Quelle aus. Dann greifen Zuteilung und Preisspitzen bis in die Diagnostik durch, und Wartelisten für Kernspinuntersuchungen verlängern sich.

Vier Schritte lohnen sich unabhängig vom Szenario:

  • Bestehende Lieferverträge auf Mengengarantien und Zuschlagsklauseln prüfen und Laufzeiten früher verlängern als üblich
  • Bei Neuanschaffungen in der Radiologie heliumarme oder versiegelte Magnetsysteme ausschreiben, auch bei höherem Anschaffungspreis
  • Im Labor Rückgewinnungsanlagen kalkulieren, weil sich der Investitionsvergleich beim aktuellen Spotpreis deutlich verschiebt
  • In der Fertigung prüfen, welche Prozessschritte sich auf Argon oder Stickstoff umstellen lassen, und den Wechsel vor dem nächsten Engpass validieren

Der Angriff auf Ras Laffan zerstörte keine Lagerstätte und zehrte keine Reserve auf. Zerstört wurde eine Anlage, und genau darin liegt die Lehre dieser Krise: Bei Helium entscheidet nicht der Vorrat im Boden über die Versorgung, sondern die Zahl der Orte, an denen das Gas den Weg aus dem Erdgas heraus findet. Solange diese Zahl klein bleibt, wird das Edelgas immer wieder knapp.

Glossar: 15 wichtige Fachbegriffe rund um Helium

Geöffnetes Lexikon mit Ballon und dem Schild „IDEENAUFSTIEG“
Die wesentlichen Fachbegriffe rund um Helium im Überblick

Alphazerfall

Alphazerfall beschreibt den radioaktiven Zerfall schwerer Atomkerne, bei dem ein Kern aus zwei Protonen und zwei Neutronen abgestrahlt wird. Genau dieser Kern ist ein Heliumatom ohne Elektronen. Alles Helium in der Erdkruste stammt aus diesem Prozess, überwiegend aus Uran und Thorium.

Bohrlochkonzentration

Bohrlochkonzentration meint den Heliumanteil im geförderten Erdgas. Ab etwa 0,3 Prozent gilt die Gewinnung als eigenständig wirtschaftlich. Katar liegt weit darunter und rechnet nur wegen der schieren Menge des verarbeiteten Flüssigerdgases.

Force Majeure

Force Majeure oder höhere Gewalt ist eine Vertragsklausel, mit der ein Lieferant sich von Lieferpflichten befreit, sobald ein unabwendbares Ereignis die Produktion verhindert. QatarEnergy zog die Klausel nach dem Angriff auf Ras Laffan im März 2026.

Grade-A-Helium

Grade-A-Helium bezeichnet Helium mit einer Reinheit von mindestens 99,997 Prozent. Medizin, Halbleiterfertigung und Forschung verlangen diese Qualität. Rohhelium aus der Gasaufbereitung enthält dagegen nur 60 bis 80 Prozent Helium und wird nachgereinigt.

Kavernenspeicher

Kavernenspeicher sind ausgesolte Hohlräume im Salzgestein, in denen Gase unter Druck lagern. Der Speicher Gronau-Epe im Münsterland fasst 47 Millionen Kubikmeter Helium und dient Europa als kurzfristiger Puffer gegen Lieferausfälle.

Kryo-Container

Kryo-Container sind vakuumisolierte Tanks im ISO-Format, in denen Flüssighelium bei etwa minus 269 Grad Celsius über See reist. Trotz Isolierung verdampft unterwegs ständig Gas, weshalb eine Ladung nach 30 bis 45 Tagen praktisch aufgebraucht ist.

Kritische Rohstoffe

Kritische Rohstoffe sind Materialien, die die EU-Kommission wegen hoher Lieferrisiken und großer wirtschaftlicher Bedeutung listet. Helium steht seit der Fassung von 2023 wieder darauf, gemeinsam mit 33 weiteren Stoffen. Eine Liefergarantie folgt aus der Einstufung nicht.

Federal Helium Reserve

Federal Helium Reserve war das staatliche US-Heliumlager im Cliffside-Feld bei Amarillo in Texas, angelegt für Militär und Raumfahrt. Der Bund verkaufte das System 2024 an den Industriegashändler Messer und nahm dafür 460 Millionen US-Dollar ein.

Helium-3

Helium-3 ist ein sehr seltenes Heliumisotop mit nur einem Neutron. Gewonnen wird der Stoff aus dem Zerfall von Tritium. Neutronendetektoren, Grundlagenforschung und Quantenrechner brauchen den Stoff, ein Ersatz existiert dort nicht.

Poolred

Poolred und vergleichbare Preisdatenbanken zeigen, was Helium fehlt: eine öffentliche Referenznotierung. Für Helium veröffentlicht keine Börse einen Kurs, weshalb Einkäufer den Marktpreis nur aus eigenen Verträgen und Gesprächen ableiten.

Quench

Quench nennt die Medizintechnik den plötzlichen Verlust der Supraleitung in einem Magneten. Die gespeicherte Energie verdampft dabei binnen Minuten die gesamte Heliumfüllung, die über eine Abblasleitung ins Freie entweicht. Ein einzelner Vorfall kostet mehrere Hundert Liter.

Ras Laffan

Ras Laffan ist Katars Industriehafen an der Nordostküste und der weltgrößte Standort für Flüssigerdgas. Drei Heliumanlagen mit zusammen rund 67,5 Millionen Kubikmetern Jahreskapazität hängen an diesem Gasstrom, eine vierte war für 2027 geplant.

Supraleitung

Supraleitung beschreibt den widerstandsfreien Stromfluss in bestimmten Materialien unterhalb einer kritischen Temperatur. Klassische Magnetspulen erreichen diesen Zustand nur in flüssigem Helium. Hochtemperatur-Supraleiter verschieben die Grenze nach oben und ersetzen Helium dort teilweise durch Stickstoff.

Traggas

Traggas ist Gas mit geringerer Dichte als Luft, das Ballons und Luftschiffe hebt. Helium erfüllt diese Aufgabe unbrennbar, Wasserstoff mit mehr Tragkraft und höherem Risiko. In der US-Verbrauchsstatistik 2025 lag Traggas mit 17 Prozent vor der Kernspintomografie.

Zero Boil-off

Zero Boil-off bezeichnet Magnetsysteme, die verdampftes Helium im geschlossenen Kreis zurückverflüssigen, statt das Gas abzublasen. Kliniken senken damit den Nachfüllbedarf drastisch. Heliumarme Magnete gehen noch weiter und versiegeln eine Füllung von wenigen Litern dauerhaft.

FAQ: Warum wird Helium immer wieder knapp?

Manometer an Schlauch mit „Druckausgleich läuft noch“-Zettel neben Fragezeichen-Kartenstapel
Die häufigsten Leserfragen zur Heliumversorgung kurz beantwortet

Warum wird Helium immer wieder knapp?

Helium fällt fast ausschließlich als Beiprodukt der Erdgasförderung an. Über die Menge entscheidet damit nicht der Heliumbedarf, sondern der Gasmarkt: Steht eine Verflüssigungsanlage still, verschwindet auch ihr Helium vom Markt. Dazu kommt eine extreme Konzentration. 2025 kamen 81 von 190 Millionen Kubikmetern aus den USA und 63 Millionen aus Katar. Der Ausfall einer einzigen Anlage nimmt deshalb sofort ein Drittel des Angebots vom Weltmarkt, so wie im März 2026 in Ras Laffan.

Was ist im März 2026 in Katar passiert?

Nach einem Drohnenangriff auf die Industrieanlagen von Ras Laffan und Mesaieed stellte Katar die Produktion von Flüssigerdgas und damit auch von Helium ein und erklärte höhere Gewalt. Die Instandsetzung kann nach Angaben des Handelsblatts bis zu fünf Jahre dauern. In Ras Laffan arbeiten drei Heliumanlagen mit einer Jahreskapazität von zusammen rund 67,5 Millionen Kubikmetern, damit hängt dort ein Drittel der Weltförderung an einem Standort.

Wie stark hängt Deutschland von Heliumimporten ab?

Deutschland bezieht sein Helium vollständig aus dem Ausland, das bestätigt der Verband Pharma Deutschland in einer Bundestagsdrucksache von Juni 2026. Rund 40 Prozent des EU-Bedarfs stammen aus Katar, die polnische Förderung deckt etwa 8 Prozent des europäischen Verbrauchs von rund 40 Millionen Kubikmetern. Als Puffer dient der Kavernenspeicher Gronau-Epe mit einer Kapazität von 47 Millionen Kubikmetern, dessen Füllstand nicht veröffentlicht wird.

Was kostet Helium aktuell?

Einen Börsenkurs für Helium führt keine Terminbörse, gehandelt wird bilateral in mehrjährigen Verträgen. Der US Geological Survey nennt für 2025 einen Basispreis von etwa 12 US-Dollar je Kubikmeter Grade-A-Helium, zuzüglich Zuschlägen der Produzenten. Nach dem Ausfall in Katar verdoppelten sich die Spotpreise. Institute ohne laufenden Liefervertrag zahlen bis zu 75 Euro je Liter Flüssighelium, umgerechnet rund 100 Euro je Kubikmeter Gas.

Lässt sich Helium ersetzen oder recyceln?

Beim Schweißen, beim Tauchen und als Traggas übernehmen Argon, Stickstoff oder Wasserstoff. Unterhalb von minus 269 Grad Celsius existiert laut US Geological Survey kein Ersatz, deshalb bleiben Kernspintomografen, Quantenrechner und Teilchenbeschleuniger gebunden. Rückgewinnung funktioniert technisch: Geschlossene Kreisläufe verbreiten sich in Laboren, und heliumarme Magnete brauchen sieben statt rund 1.500 Liter je Gerät. Einmal in die Atmosphäre entwichenes Helium ist dagegen endgültig verloren, weil das leichte Gas der Erdanziehung entkommt.

Gilt Helium in Deutschland als strategischer Rohstoff?

Die EU führt Helium seit der Liste von 2023 unter den kritischen Rohstoffen, zusammen mit 33 weiteren Materialien. Eine nationale Einstufung als strategisch relevanter Rohstoff steht dagegen offen: Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen fragte die Bundesregierung am 8. Juni 2026 ausdrücklich, ob eine solche Einstufung geplant sei. Eine Pflichtbevorratung für Kliniken existiert bislang nicht, auch danach erkundigt sich die Anfrage.

Quellen

US Geological Survey | Mineral Commodity Summaries 2026, Helium and Rare Gases | https://pubs.usgs.gov/periodicals/mcs2026/mcs2026-helium.pdf | besucht am 30.07.2026

Deutsche Rohstoffagentur (DERA) | Wenn Katar ausfällt: Risiken für die globale Heliumversorgung | https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DERA/SharedDocs/Meldungen/meldung-26-03-09-helium.html | besucht am 30.07.2026

Deutscher Bundestag | Drucksache 21/6470, Sachstand zu Abhängigkeiten der Gesundheitsversorgung von Energie- und Rohstoffimporten | https://dserver.bundestag.de/btd/21/064/2106470.pdf | besucht am 30.07.2026

QD Europe | Weltweite Heliumknappheit | https://qd-europe.com/de/de/neuigkeiten/produkt-und-anwendungsneuigkeiten-spectrum/weltweite-heliumknappheit/ | besucht am 30.07.2026

Bureau of Land Management | BLM completes sale of Federal Helium System | https://www.blm.gov/press-release/blm-completes-sale-federal-helium-system | besucht am 30.07.2026

Philips | Premiere in Europa: weltweit erster 3.0T-MRT mit heliumfreiem Betrieb | https://www.philips.de/a-w/about/news/archive/standard/news/2026/202602-philips-stellt-weltweit-ersten-3-0t-mrt-mit-heliumfreien-betrieb-vor.html | besucht am 30.07.2026

American Chemical Society | Discovery of Helium in Natural Gas, National Historic Chemical Landmark | https://www.acs.org/education/whatischemistry/landmarks/heliumnaturalgas.html | besucht am 30.07.2026

Physics World | Qatar blockade highlights fragility of helium supply | https://physicsworld.com/a/qatar-blockade-highlights-fragility-of-helium-supply/ | besucht am 30.07.2026

Europäische Kommission | Critical Raw Materials Act | https://single-market-economy.ec.europa.eu/sectors/raw-materials/areas-specific-interest/critical-raw-materials_en | besucht am 30.07.2026

Chemical & Engineering News | Iran war threatens global helium supply | https://cen.acs.org/business/specialty-chemicals/Iran-war-threatens-global-helium/104/web/2026/03 | besucht am 30.07.2026

4,3 16 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?