Hans-Werner Sinn will die Uhr um 15 Jahre zurückdrehen: Atomkraftwerke wieder ans Netz, die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren abschaffen, Sozialleistungen nur noch gegen Mitwirkung. Der frühere Präsident des ifo Instituts begründet das mit einer Zahl: Seit 2018 ist die Produktion im verarbeitenden Gewerbe um 16 Prozent geschrumpft. Welche seiner Rezepte die Prüfung bestehen, entscheidet über Ihren Strompreis und das Rentenalter Ihrer Belegschaft mit.
Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügenDeutschlands Wirtschaft wuchs von 2018 bis 2025 laut OECD real um 1,9 Prozent, weniger als die jedes anderen Mitgliedslands. Hier lesen Sie, was Sinn zurückdrehen will, welche seiner Zahlen stimmen, wer bei der Rückabwicklung gewinnt und wer zahlt und was davon schon umgesetzt wird.
Das Wichtigste in Kürze
- Sinns Diagnose stimmt: Deutschland wuchs von 2018 bis 2025 real um 1,9 Prozent, die OECD insgesamt um 13,4 Prozent. Die Industrie produzierte im August 2026 16,2 Prozent weniger als 2018.
- Unter Merkel beschlossen wurden der Atomausstieg 2011, die Rente nach 45 Beitragsjahren 2014 und das Klimaziel 2045. Das Bürgergeld führte die Ampelkoalition 2023 ein, seit Juli 2026 gilt die Neue Grundsicherung.
- Ein Teil der Rückabwicklung läuft schon: degressive Abschreibung bis Ende 2027, gelockerte EU-Berichtspflichten, eine Rentenkommission, die die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren abschaffen will.
- Am schwächsten steht der Rückweg zur Kernkraft. Die Bundesregierung hat keinen Wiedereinstieg beschlossen, in den drei zuletzt abgeschalteten Reaktoren werden die Einbauten zerlegt.
1 Um wie viel wuchs Deutschlands reale Wirtschaftsleistung von 2018 bis 2025 nach Daten der OECD? Aufklappen ↓
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2 In welchem Jahr beschloss der Bundestag den Atomausstieg nach dem Unglück von Fukushima? Aufklappen ↓
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3 Wie viele Kinder kamen 2025 in Deutschland zur Welt? Aufklappen ↓
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4 Welches Rentenalter gilt in Dänemark ab 2040? Aufklappen ↓
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5 Wie hoch ist die degressive Abschreibung für bewegliche Wirtschaftsgüter, die bis Ende 2027 angeschafft werden? Aufklappen ↓
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Was schlägt Hans-Werner Sinn vor?

Der Ökonom will zentrale Entscheidungen der Jahre seit 2011 zurücknehmen: zurück zur Kernkraft, länger arbeiten, Sozialleistungen nur gegen Mitwirkung. Dazu kommen schnellere Abschreibungen und das Ende der EU-Nachhaltigkeitsregeln sowie der CO2-Flottengrenzwerte.
Seinen Plan stellte Hans-Werner Sinn am 9. Oktober 2026 in Luzern vor, auf einem Symposium des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) zu Ehren des Ökonomen Lars Feld. Seit das IWP die Aufzeichnung des Vortrags am 20. Oktober veröffentlicht hat, zitieren Zeitungen den Satz von seiner Folie: „15 Jahre Merkel rückabwickeln“.
Sinn leitete von 1999 bis 2016 das Münchner ifo Institut. In Luzern sprach er von einer Krise, „wie es sie seit dem Krieg nicht gegeben hat“.
Als Ursachen zählt er sieben auf: den Wegfall günstiger Energieimporte, die Zollpolitik der USA, die Demografie, eine nach seinen Worten konsumorientierte Wirtschaftspolitik unter Angela Merkel, schwache Schulen, die Regulierung aus Brüssel und eine Klimapolitik im Alleingang. Am schwersten wiege die Demografie. Mit Merkels Erbe verbindet er drei Punkte: den Atomausstieg, den Rückbau der Agenda 2010 bis hin zum Bürgergeld und die Frührente. Seine Antwort passt auf eine Folie: Rente, Atom, aktivierende Sozialpolitik. Gemeint ist ein Sozialstaat, der hilft, aber Mitwirkung verlangt, „Workfare statt Welfare“, wie Sinn sagt, also Arbeit statt bloßer Fürsorge.
Für Ihren Betrieb geht es dabei um handfeste Größen: den Strompreis, das Rentenalter Ihrer Belegschaft, Berichtspflichten gegenüber Banken und Kunden und die Frage, wie schnell sich eine neue Maschine steuerlich abschreiben lässt.
Wie es um den Standort insgesamt steht, beschreibt unsere Bestandsaufnahme zum Standort Deutschland.
Zum Vergleich: Die Industrie der EU produzierte im August 2026 1,5 Prozent mehr als 2018, die der Schweiz 2025 rund 26 Prozent mehr. Strompreis ohne Mehrwertsteuer, Jahresverbrauch 2.000 bis 20.000 Megawattstunden.
Wie tief steckt Deutschland in der Krise?

Tiefer als jedes andere Mitgliedsland der OECD. Von 2018 bis 2025 wuchs die Wirtschaft real um 1,9 Prozent, die Industrie produzierte im August 2026 gut 16 Prozent weniger als 2018. Sinns Diagnose hält der Prüfung weitgehend stand.
Nach Daten der OECD lag das reale Bruttoinlandsprodukt Deutschlands 2025 nur 1,9 Prozent über dem Wert von 2018. Japan kam auf 2,2 Prozent, Frankreich auf 7,8, die Schweiz auf 13,2 und die USA auf 18,6 Prozent. Die OECD insgesamt kam auf 13,4 Prozent.
Das Statistische Bundesamt meldet für 2025 ein Wachstum von 0,2 Prozent, für 2024 nach der Überarbeitung vom Sommer 2026 eine glatte Null. Für das laufende Jahr erwartet die Bundesregierung in ihrer Herbstprojektion vom 8. Oktober 1,3 Prozent.
Der Staat ersetze nach Sinns Worten mit schuldenfinanzierten Ausgaben für Rüstung und Infrastruktur die privaten Investitionen. Das bringe einen Nachfrageeffekt, „aber das ist ja kein Wachstum“.
Am deutlichsten zeigt sich der Abstieg im verarbeitenden Gewerbe. Laut Eurostat lag die Produktion im August 2026 um 16,2 Prozent unter dem Durchschnitt von 2018, in der EU insgesamt dagegen um 1,5 Prozent darüber.
Der Rückgang begann schon 2019, also vor der Pandemie: Der Index fiel in diesem Jahr um knapp 3 Prozent.
In den ersten acht Monaten 2026 produzierte die Autoindustrie im Schnitt 24,8 Prozent weniger als 2018, die Chemie 21,8 Prozent und der Maschinenbau 21,1 Prozent. Sinn nannte für den Maschinenbau 23 Prozent, das entspricht dem Stand vom Juni. In der Schweiz wuchs die Industrieproduktion von 2018 bis 2025 um rund 26 Prozent. Den Zuwachs liefert vor allem die Pharmabranche, die Hersteller von Vorleistungsgütern liegen auch dort 8 Prozent unter dem Stand von 2018.
Auch Sinns Satz über die negativen Nettoinvestitionen stimmt, mit einer Einschränkung. Private Haushalte, Unternehmen und Finanzsektor investierten 2025 nach Eurostat-Daten zusammen 33,1 Milliarden Euro weniger, als ihr Kapitalstock an Wert verlor. Der Staat investierte 29,9 Milliarden Euro mehr.
Das private Minus stammt fast ganz aus dem Wohnungsbau, Unternehmen außerhalb des Finanzsektors lagen mit 2,2 Milliarden Euro knapp im Plus.
Die Demografie verschärft das Bild. 2025 kamen laut Statistischem Bundesamt 654.241 Kinder zur Welt, so wenige wie seit 1946 nicht mehr. Die Zahl der Menschen ab 65 steigt nach der Vorausberechnung von Eurostat von 13,4 Millionen im Jahr 2000 auf 22,6 Millionen im Jahr 2035, rund neun Millionen mehr, wie Sinn sagt.
Seine zweite Zahl lässt sich nicht nachvollziehen. Die Erwerbsbevölkerung schrumpfe gegenüber 2000 um 6,6 Millionen, sagte Sinn. Das Statistische Bundesamt erwartet bei den 20- bis 66-Jährigen von 2024 bis 2035 ein Minus von 3,2 Millionen, ohne jede Zuwanderung eines von 6,2 Millionen. Einen Wert von 6,6 Millionen weist das Amt nicht aus.
Was der Verlust an Industrie für Löhne und Steuereinnahmen bedeutet, zeigt unsere Analyse zur Deindustrialisierung und ihren Kosten.
- Wachstum: plus 1,9 Prozent von 2018 bis 2025, die OECD insgesamt plus 13,4 Prozent
- Industrie: minus 16,2 Prozent Produktion im August 2026 gegenüber 2018
- Geburten: 654.241 im Jahr 2025, so wenige wie seit 1946 nicht mehr
Was genau soll zurückgedreht werden?

Eine Liste, die Entscheidungen aus Merkels Amtszeit mit späteren mischt. Atomausstieg, Rente nach 45 Beitragsjahren, Rentenhaltelinie und Klimaziel 2045 beschloss der Bundestag unter Merkel, das Bürgergeld und das Verbrenner-Aus kamen unter der Ampelkoalition.
Den Atomausstieg beschloss der Bundestag am 30. Juni 2011, knapp vier Monate nach dem Reaktorunglück von Fukushima, mit 513 Ja-Stimmen aus Union, FDP, SPD und Grünen. Die letzten drei Reaktoren gingen am 15. April 2023 vom Netz, nachdem die Ampelkoalition ihre Laufzeit um dreieinhalb Monate gestreckt hatte.
Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren, bekannt als Rente mit 63, gilt seit dem 1. Juli 2014 und kam von der großen Koalition. 2024 gingen laut Deutscher Rentenversicherung rund 269.000 Menschen auf diesem Weg in Rente, etwa ein Viertel aller neuen Altersrenten. Die Altersgrenze dafür steigt schrittweise auf 65 Jahre.
Sinn wirft Merkel außerdem vor, den Nachhaltigkeitsfaktor ausgehebelt zu haben. Die Formel von 2004 bremst den Anstieg der Renten, sobald auf einen Beitragszahler mehr Rentner kommen. Seit 2019 gilt eine Haltelinie von 48 Prozent für das Rentenniveau, die den Faktor laut Deutscher Rentenversicherung aussetzt.
Union und SPD haben sie im Dezember 2025 bis 2031 verlängert.
Das Bürgergeld löste am 1. Januar 2023 Hartz IV ab, beschlossen von SPD, Grünen und FDP. 2025 bezogen im Jahresschnitt 5,32 Millionen Menschen Regelleistungen, 3,90 Millionen davon galten als erwerbsfähig. Bund und Kommunen zahlten nach Angaben der Bundesregierung 46,65 Milliarden Euro für Regelbedarf und Unterkunft.
Das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 schrieb die große Koalition im Juni 2021 ins Klimaschutzgesetz. Kurz zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht beanstandet, dass der Klimaschutz für die Zeit nach 2030 nicht ausreichend geregelt war.
Aus Brüssel kommen die Regeln, die Sinn unter dem Kürzel ESG zusammenfasst: die Taxonomie für grüne Investitionen, die Nachhaltigkeitsberichte nach der CSRD, Offenlegungspflichten für Finanzprodukte und die Lieferkettenrichtlinie. Dazu kommen die Flottengrenzwerte, nach denen neue Pkw ab 2035 kein CO2 mehr ausstoßen dürfen. Deutschland stimmte ihnen 2023 im Rat zu.
| Entscheidung | Beschluss | Regierung | Sinns Forderung | Stand Oktober 2026 |
|---|---|---|---|---|
| Atomausstieg | 30.06.2011 | Union, FDP (Merkel II) | zurück zur Kernkraft | Rückbau läuft, Wiedereinstieg nicht beschlossen |
| Rente nach 45 Beitragsjahren | ab 01.07.2014 | Union, SPD (Merkel III) | abschaffen, länger arbeiten | Kommission empfiehlt Abschaffung, Kabinett plant Beschluss 2026 |
| Haltelinie 48 Prozent | ab 2019, verlängert bis 2031 | Union, SPD (Merkel IV, Merz) | Nachhaltigkeitsfaktor wirken lassen | gilt bis 2031 |
| Klimaneutralität 2045 | 24.06.2021 | Union, SPD (Merkel IV) | Klimaklub statt Alleingang | gilt |
| Bürgergeld | ab 01.01.2023 | SPD, Grüne, FDP (Scholz) | Workfare statt Welfare | seit 01.07.2026 Neue Grundsicherung |
| CSRD, Lieferkettenrichtlinie | 2022, 2024 | EU | abschaffen | seit 18.03.2026 nur noch für große Unternehmen |
| CO2-Flottengrenzwerte 2035 | 2023 | EU, mit deutscher Zustimmung (Scholz) | abschaffen | Kommission schlägt 90 Prozent Minderung vor |
Einen Teil der Liste arbeitet die Bundesregierung aus Union und SPD bereits ab. Seit dem 1. Juli 2026 gilt die Neue Grundsicherung anstelle des Bürgergelds, mit Kürzungen um 30 Prozent für drei Monate bei Pflichtverstößen.
Die EU begrenzt die Berichtspflicht nach der CSRD seit März 2026 auf Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und mehr als 450 Millionen Euro Umsatz.
Nicht alles auf Sinns Liste stammt von Merkel. Das Bürgergeld und die Zustimmung zum Verbrenner-Aus kamen von der Ampelkoalition, die Haltelinie bei der Rente haben Union und SPD 2025 verlängert.
Wer gewinnt, wer zahlt bei der Rückabwicklung?

Gewinnen würden Betriebe mit hohem Strombedarf, investierende Unternehmen und die jüngeren Beitragszahler. Zahlen müssten die Jahrgänge kurz vor der Rente, Leistungsbezieher ohne Arbeit und zunächst der Staat, den schnellere Abschreibungen Steuereinnahmen kosten.
Am klarsten verteilt die Rente Lasten. Fällt die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren weg, betrifft das jedes Jahr gut eine Viertelmillion Menschen. Diese Beschäftigten könnten weiter vorzeitig gehen, aber nur mit einem Abschlag von 0,3 Prozent je Monat. Vier Jahre früher bedeuten 14,4 Prozent weniger Rente, lebenslang.
Auf der anderen Seite stehen die Beitragszahler. Der Beitragssatz zur Rentenversicherung liegt 2026 bei 18,6 Prozent des Bruttolohns, je zur Hälfte von Arbeitgeber und Beschäftigten bezahlt. Jedes Jahr, das die geburtenstarken Jahrgänge länger arbeiten, bringt Beiträge statt Renten und dämpft den Druck auf diesen Satz.
Die Kernkraft würde vor allem Betrieben mit hohem Stromverbrauch nützen. Im ersten Halbjahr 2026 zahlten Industriekunden mit einem Jahresverbrauch von 2.000 bis 20.000 Megawattstunden laut Eurostat in Deutschland 17,4 Cent je Kilowattstunde ohne Mehrwertsteuer, in Frankreich 12,4 Cent, im EU-Schnitt 15,6 Cent.
Die einzige Kostenschätzung für eine Reaktivierung kommt vom US-Institut Radiant Energy Group, das die Kernkraft befürwortet: 1,7 Milliarden Euro und 47 Monate allein für Neckarwestheim II.
Ein Neubau kostet ein Vielfaches. Der französische Rechnungshof beziffert den Reaktor Flamanville 3 auf 23,7 Milliarden Euro, geplant waren 3,3 Milliarden.
Bei der Grundsicherung liegt die Last bei Leistungsbeziehern, die Arbeit ablehnen oder Termine versäumen. Die Entlastung der Steuerzahler bleibt bisher klein: Für die Neue Grundsicherung erwartet die Bundesregierung Einsparungen nur im zweistelligen Millionenbereich, bei Ausgaben von 46,65 Milliarden Euro im Jahr 2025.
Workfare im Sinne Sinns geht weiter. Gemeinnützige Arbeit für alle Erwerbsfähigen müssten Jobcenter und Kommunen organisieren, anleiten und versichern.
Bei den Abschreibungen zahlt zuerst der Staat. Das Investitionssofortprogramm vom Juli 2025 erlaubt bis Ende 2027 eine degressive Abschreibung von 30 Prozent im Jahr und senkt die Körperschaftsteuer ab 2028 schrittweise. Für das Gesamtpaket rechnet der Gesetzentwurf im Jahr 2029 mit 17,07 Milliarden Euro weniger Steuereinnahmen.
Die Entlastung landet dort, wo Unternehmen gehören. Das DIW schätzt, dass 86 Prozent der Entlastungen aus dem Paket an die einkommensstärksten 10 Prozent der Bevölkerung gehen. Ob das Geld als Investition zurückkommt, entscheidet über den Erfolg.
Beim Ende der ESG-Regeln gewinnen Mittelständler, die Daten für Berichte großer Kunden und Banken liefern müssen. Verlieren würden die Berater, die sich auf diese Berichte spezialisiert haben, und Anleger, die nachhaltige Fonds auf Basis dieser Daten auswählen. Das Ende der Flottengrenzwerte entlastet Hersteller, die noch viele Verbrenner verkaufen, und belastet jene, die früh auf Elektroautos gesetzt haben. Die EU-Kommission hat im Dezember 2025 vorgeschlagen, das Ziel für 2035 auf 90 Prozent weniger CO2 zu senken.
Strompreisabstand Deutschland zu Frankreich im ersten Halbjahr 2026. Steuerausfall für das Gesamtpaket aus degressiver Abschreibung und Körperschaftsteuersenkung laut Gesetzentwurf.
- Gewinner: Betriebe mit hohem Strombedarf, investierende Unternehmen, jüngere Beitragszahler
- Zahler: rentennahe Jahrgänge, Leistungsbezieher ohne Arbeit
- Staat: 17,07 Milliarden Euro weniger Steuern im Jahr 2029 durch das Investitionsprogramm
Was spricht für Sinns Rezept?

Beim Rentenalter und bei den Abschreibungen hat Sinn breite Unterstützung, bis in Institute, die ihm sonst widersprechen. Sachverständigenrat, Rentenkommission und sogar DIW-Präsident Marcel Fratzscher wollen länger arbeiten lassen.
Der Sachverständigenrat schlug schon im Jahresgutachten 2023/24 vor, das Rentenalter an die Lebenserwartung zu koppeln: Von jedem zusätzlichen Lebensjahr sollen acht Monate auf die Arbeit und vier auf die Rente entfallen. Die Alterssicherungskommission der Bundesregierung empfahl im Juni 2026, die Rente nach 45 Beitragsjahren mit Härtefallregeln abzuschaffen und das Rentenalter ab 2032 an die Lebenserwartung zu binden, bis 2041 auf 67,5 Jahre. Der Koalitionsausschuss sagte am 2. Juli die Umsetzung zu, ein Kabinettsbeschluss ist noch für 2026 geplant.
Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, geht weiter. „Die Rente mit 70 ist die sozialste Rentenreform“, schrieb er im Juni 2026. Ein längeres Arbeitsleben schütze die Jungen vor immer höheren Beiträgen und schaffe Spielraum gegen Altersarmut.
Für die beschleunigte Abschreibung gibt es belastbare Belege. Die Ökonomen Eric Zwick und James Mahon untersuchten die Sonderabschreibung in den USA und kamen auf ein Investitionsplus von 10,4 Prozent in den Jahren 2001 bis 2004 und von 16,9 Prozent 2008 bis 2010. Kleine Firmen reagierten besonders stark.
Sinn beruft sich auf das US-Steuergesetz von 1981, mit dem Ronald Reagan kürzere Abschreibungsfristen einführte. Das Instrument fördere gezielt Investitionen im Inland, während eine Steuersenkung auch Gewinne aus dem Ausland begünstige.
Das ifo Institut empfahl 2025, die degressive Abschreibung dauerhaft einzuführen, weil sie den Kapitalstock ähnlich stark erhöhe wie eine niedrigere Körperschaftsteuer, aber weniger koste.
Auch beim Grundsatz von Fördern und Fordern hat Sinn Belege auf seiner Seite. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stellte fest: Steigt die Wahrscheinlichkeit einer Leistungskürzung von 1 auf 10 Prozent, nehmen im Monat 0,5 Prozentpunkte mehr Leistungsbezieher eine Arbeit auf.
Beim Klima argumentiert Sinn mit dem Ölmarkt. Die weltweite Förderung habe über Jahrzehnte kaum auf den Preis reagiert. Erst als die Nachfrage in der Pandemie weltweit gleichzeitig einbrach, kürzten die Förderländer ihre Mengen.
Daraus folgert er: Ein Klimaklub vieler Staaten, wie ihn der Nobelpreisträger William Nordhaus 2015 vorschlug, könne wirken. „Alleingänge sind nutzlos“, steht auf Sinns Folie.
Für die Jahre, in denen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente sind, rechnet unser Szenario Deutschland 2035 und die Finanzierung des Sozialstaats die Lasten durch.
Länger arbeiten und schneller abschreiben haben Unterstützer in allen Lagern. Für die Abschreibung belegen Daten aus den USA ein Investitionsplus von 10 bis 17 Prozent.
Was halten die Kritiker dagegen?

Am meisten Widerspruch bekommt der Rückweg zur Kernkraft, gefolgt von Sinns Krisendiagnose und seinem Urteil über die Klimapolitik. Kritiker verweisen auf den laufenden Rückbau, auf die Baukosten neuer Reaktoren und auf den Emissionshandel.
Die Bundesregierung hat einen Wiedereinstieg in die Kernkraft nicht beschlossen, wie sie am 12. August 2026 auf eine Anfrage im Bundestag antwortete. Alle Anlagen haben eine Genehmigung für Stilllegung und Abbau. In den drei zuletzt abgeschalteten Reaktoren ist der Kern entladen, die Einbauten werden zerlegt. Auch die Betreiber haben umgeplant. PreussenElektra, bis 2023 Betreiber von Isar 2, nennt im Lobbyregister des Bundestags als Aufgabe den Rückbau von acht Kernkraftwerken. Atomenergie sei „zu teuer, zu gefährlich“ und blockiere die künftige gesicherte Versorgung, schrieb Claudia Kemfert vom DIW im April 2023, ein Neubau dauere Jahrzehnte.
Der Krisendiagnose widerspricht Sebastian Dullien, Direktor des gewerkschaftsnahen IMK. „Die akuten Probleme sind in erster Linie Folge externer Schocks“, sagte er im September 2026, gemeint sind die Energiepreise und der Protektionismus Chinas und der USA. Klassische Probleme der preislichen Wettbewerbsfähigkeit seien das nicht.
Kürzungen im Sozialstaat, warnt Dullien, schwächten die Binnenwirtschaft.
Die Gemeinschaftsdiagnose der großen Institute vom September 2026 erwartet 1,3 Prozent Wachstum für 2026 und 1,1 Prozent für 2027. Ihr Titel: „Aufschwung mit Strukturproblemen“.
Gegen Sinns Klimathese steht Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Eine Lockerung des EU-Emissionshandels wäre für Europas Glaubwürdigkeit ein „Riesenproblem“, warnte er im Oktober 2025. Anders als Sinns Rechnung setzt der Emissionshandel nicht an der Nachfrage nach Öl an. Das System begrenzt die Menge der Zertifikate. Seit Januar 2026 belastet der CO2-Grenzausgleich auch Importe aus Ländern ohne vergleichbaren CO2-Preis.
Allerdings verliert der Klimaschutz auch ohne Sinns Kurswechsel an Tempo. 2025 sanken die Treibhausgase nach Daten des Umweltbundesamts nur noch um 0,1 Prozent, insgesamt liegen sie 48,2 Prozent unter dem Wert von 1990.
Bei der Abschreibung warnt das DIW vor Mitnahmeeffekten: Unternehmen schreiben schneller ab, was sie ohnehin gekauft hätten. Das IAB schränkt auch seinen eigenen Befund zu Leistungskürzungen ein. Oberhalb einer Wahrscheinlichkeit von 10 Prozent wachse der Effekt kaum noch. Betroffene landeten zudem häufiger in schlechter bezahlten Stellen.
Sinn hält die Speicherung von Sommerstrom für den Winter für ungelöst, auch Wasserstoff verbrauche drei Viertel der Energie auf dem Weg zurück zum Strom. Was der Energieträger heute kostet und kann, prüft unsere Stoffgeschichte über Wasserstoff als Hoffnungsträger.
- Kernkraft: kein Wiedereinstieg beschlossen, die Einbauten werden zerlegt
- Diagnose: IMK sieht vor allem externe Schocks, keine Schwäche der Wettbewerbsfähigkeit
- Klima: der Emissionshandel begrenzt die Menge, nicht die Nachfrage nach Öl
Wer hat die besseren Belege?

Bei der Diagnose Sinn, bei der Rente seine Befürworter, bei der Kernkraft die Kritiker. Seine Klimathese stützt sich auf einen einzigen Fall am Ölmarkt, den Einbruch der Nachfrage in der Pandemie.
| Sinns These | Befund | Urteil |
|---|---|---|
| Seit 2018 mit Japan OECD-Schlusslicht | BIP 2018 bis 2025 plus 1,9 %, Japan plus 2,2 %, OECD plus 13,4 % | belegt |
| Industrieproduktion minus 16 % | minus 16,2 % im August 2026 gegenüber 2018 (Eurostat) | belegt |
| Auto minus 25 %, Maschinenbau minus 23 %, Chemie minus 22 % | minus 24,8 %, minus 21,1 %, minus 21,8 % im Schnitt Januar bis August 2026 | weitgehend belegt |
| Private Nettoinvestitionen negativ | minus 33,1 Mrd. Euro im Jahr 2025, fast ganz im Wohnungsbau | belegt mit Einschränkung |
| Neun Millionen mehr Menschen ab 65 als 2000 | plus 9,2 Mio. bis 2035 (Eurostat) | belegt |
| Erwerbsbevölkerung minus 6,6 Mio. | minus 3,2 Mio. von 2024 bis 2035, ohne Zuwanderung minus 6,2 Mio. | nicht belegt |
| Wind und Sonne bei rund 9 % der Endenergie | rund 10 % im Jahr 2025 (eigene Rechnung nach UBA) | belegt |
| Rückkehr zur Kernkraft | Rückbau läuft, Kosten nur von Befürwortern geschätzt | nicht belegt |
| Abschreibungen beleben Investitionen | plus 10,4 bis 16,9 % in den USA (Zwick und Mahon) | belegt |
| Klimapolitik im Alleingang wirkungslos | Ölmarkt reagiert kaum, Emissionshandel deckelt aber die Menge | umstritten |
Sinns Zahlen zur Industrie stimmen, auch wenn er für die Branchen die ungünstigsten Monate heranzieht. Der August 2026 zeigt für die Autoindustrie sogar ein Minus von 31,7 Prozent gegenüber 2018, eine Folge von Produktionspausen. Der Jahresschnitt 2025 lag bei minus 20,4 Prozent.
Bei der Energiewende rechnet Sinn ehrlich mit der richtigen Größe. Wind und Sonne lieferten 2025 nach Daten des Umweltbundesamts 226 Terawattstunden, rund 10 Prozent des Bruttoendenergieverbrauchs. Erneuerbare insgesamt kamen auf 23,9 Prozent, beim Strom auf 55,1 Prozent.
Der Blick auf den Strom allein unterschätzt den Weg.
Seine Rechnung, Wind und Sonne müssten sich verzehnfachen, unterstellt allerdings einen gleichbleibenden Verbrauch. Elektroautos und Wärmepumpen brauchen für dieselbe Fahrt oder dieselbe warme Wohnung deutlich weniger Endenergie als Verbrenner und Gasheizung. Der Bedarf sinkt also mit dem Umbau.
Beim Ölmarkt hat Sinn ein Argument, das auch Kritiker ernst nehmen: Was Europa nicht verbrennt, kann anderswo billiger verbrannt werden. Der Emissionshandel deckelt jedoch die Menge in Europa. Der Grenzausgleich setzt zudem an den Importen an. Ob beides reicht, wird sich erst zeigen.
Sinns Zahlen zur Industrie stimmen, seine Zahl zur Erwerbsbevölkerung nicht. Für die Kernkraft fehlt ein belastbarer Weg zurück, für die Abschreibung gibt es belastbare Belege.
Wie machen es andere Länder?

Mehrere Nachbarn gehen Teile von Sinns Weg schon. Dänemark hebt das Rentenalter bis 2040 auf 70 Jahre, Schweden und die Schweiz setzen wieder auf Kernkraft, Frankreich erzeugt zwei Drittel seines Stroms in Reaktoren.
Dänemark koppelt das Rentenalter seit Jahren an die Lebenserwartung. Heute liegt es bei 67 Jahren, 2030 bei 68, 2035 bei 69. Im Mai 2025 beschloss das Parlament den Schritt auf 70 Jahre ab 2040.
2025 führte Dänemark zudem für einen Teil der Sozialhilfebezieher eine Arbeitspflicht von bis zu 37 Wochenstunden ein.
Die Niederlande binden das Rentenalter ebenfalls an die Lebenserwartung, mit einem Zuwachs von zwei Dritteln jedes gewonnenen Lebensjahres. Ab 2028 liegt es bei 67 Jahren und drei Monaten.
Schweden baut die Kernkraft wieder aus. Am Standort Ringhals sollen drei kleine modulare Reaktoren des britischen Herstellers Rolls-Royce SMR entstehen, der erste Block Mitte der 2030er-Jahre.
Die Schweiz deckte 2025 laut Bundesamt für Energie 27,2 Prozent ihres Stroms aus Kernkraft. Am 19. Juni 2026 strich das Parlament das Neubauverbot aus dem Kernenergiegesetz, ein Referendum ist angekündigt. Beim Rentenalter bleibt die Schweiz bei 65 Jahren, ohne Kopplung an die Lebenserwartung.
Frankreich erzeugte 2025 nach Angaben des Netzbetreibers RTE 68,1 Prozent seines Stroms in Kernkraftwerken. Industriekunden zahlen dort rund 5 Cent je Kilowattstunde weniger als in Deutschland.
Ein Land mit ähnlicher Industrie, aber anderem Ergebnis sind die Niederlande. Warum sie beim Wohlstand vorn liegen, zeigt unsere Wohlstands-WM zwischen Deutschland und den Niederlanden.
Industriestrom ohne Mehrwertsteuer, Jahresverbrauch 2.000 bis 20.000 Megawattstunden, erstes Halbjahr 2026. Die Schweiz bleibt beim Referenzalter 65 ohne Kopplung.
- Dänemark: Rentenalter 70 ab 2040, gekoppelt an die Lebenserwartung
- Schweiz: 27,2 Prozent Kernstrom, Neubauverbot im Juni 2026 gestrichen
- Frankreich: 68,1 Prozent Kernstrom, Industriestrom 12,4 Cent je Kilowattstunde
Wo geht Sinns Rechnung nicht auf?

Beim Etikett, bei der Kernkraft und bei der Klimarechnung. Hinter „Merkel“ stehen Beschlüsse von vier Koalitionen und der EU. Die Reaktoren sind kaum noch zu retten. Seine Kritiker übersehen dafür, dass die Industrie schon vor jedem äußeren Schock schrumpfte.
Das Etikett verdeckt breite Mehrheiten. Für den Atomausstieg stimmten 2011 Union, FDP, SPD und Grüne. Das Bürgergeld führte die Ampelkoalition ein, die Haltelinie bei der Rente verlängerten Union und SPD im Dezember 2025. Hinter „15 Jahre Merkel“ stehen Entscheidungen, die vier Bundesregierungen getroffen oder bestätigt haben.
Bei der Kernkraft fehlt die Zeit. Selbst das befürwortende Gutachten von Radiant rechnet für einen Reaktor mit fast vier Jahren bis zum Neustart. Die Einbauten werden zudem bereits zerlegt.
Ein Neubau dauert noch länger: Am Reaktor Flamanville 3 wurde ab 2007 gebaut, Strom lieferte er erst Ende 2024.
Bei der Abschreibung fordert Sinn etwas, das es schon gibt, nur befristet. Die degressive Abschreibung von 30 Prozent gilt für Anschaffungen bis Ende 2027. Sein eigentlicher Punkt ist die Dauer: Für Investitionen ab 2028 müsste die Regel heute feststehen.
Seine Kritiker machen es sich ihrerseits zu leicht. Die These von den externen Schocks erklärt nicht, warum die Industrieproduktion schon 2019 um knapp 3 Prozent fiel, vor Pandemie und Energiepreisschock. Auch die Gemeinschaftsdiagnose spricht von Strukturproblemen.
Das Etikett Merkel verdeckt breite Mehrheiten. Umgekehrt erklärt die These von den externen Schocks nicht, warum die Industrie schon 2019 schrumpfte.
Was heißt das für Ihren Betrieb?

Planen Sie mit dem, was beschlossen ist: degressive Abschreibung bis Ende 2027, sinkende Körperschaftsteuer ab 2028, Aktivrente und schärfere Grundsicherung. Auf eine Rückkehr der Kernkraft sollten Sie Ihre Stromverträge nicht bauen.
Ziehen Sie Investitionen vor, die ohnehin anstehen. Bewegliche Wirtschaftsgüter, die Sie bis zum 31. Dezember 2027 anschaffen, dürfen Sie mit 30 Prozent im Jahr abschreiben, höchstens mit dem Dreifachen des linearen Satzes.
Bei einer Maschine für 100.000 Euro und zehn Jahren Nutzungsdauer sind das im ersten Jahr 30.000 statt 10.000 Euro.
Elektrofahrzeuge lassen sich im Anschaffungsjahr zu 75 Prozent abschreiben. Die Körperschaftsteuer sinkt 2028 von 15 auf 14 Prozent und danach jedes Jahr um einen Punkt bis auf 10 Prozent im Jahr 2032.
Halten Sie erfahrene Kräfte länger. Seit dem 1. Januar 2026 bleiben mit der Aktivrente bis zu 2.000 Euro Arbeitslohn im Monat steuerfrei, sobald Beschäftigte die Regelaltersgrenze erreicht haben und weiterarbeiten.
Rechnen Sie bei der Personalplanung damit, dass die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren wegfällt. Die Übergangsregeln stehen noch nicht fest, ein Kabinettsbeschluss ist für 2026 geplant.
Prüfen Sie Ihre Berichtspflichten. Nach der CSRD müssen nur noch Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und 450 Millionen Euro Umsatz berichten. Große Kunden und Banken fragen trotzdem weiter nach Daten zu Emissionen und Lieferketten, weil sie selbst berichten müssen.
Planen Sie beim Strom mit dem Netz, das es gibt: Lastgang prüfen, Eigenerzeugung und Speicher rechnen, Lieferverträge mit Preisabsicherung schließen. Woher der Strom bei Flaute heute noch kommt, zeigt unsere Stoffgeschichte über die Braunkohle.
Unsere Einordnung: Taugt der Rückwärtsgang als Zukunftsplan?

Zur Hälfte. Länger arbeiten, schneller abschreiben und Hilfe an Mitwirkung knüpfen sind gut begründet und teils schon auf den Weg gebracht. Die Rückkehr zur Kernkraft und der Abschied vom Klimaziel lösen das Problem nicht, das Sinn selbst am genauesten beschreibt.
Im Film „Zurück in die Zukunft“ reist Marty McFly in die Vergangenheit und muss dort einen Fehler korrigieren, damit seine Gegenwart stimmt. Sinns Plan funktioniert anders: Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, nur die Regeln, die sie hinterlassen hat. Genau dort liegt die Stärke seines Vortrags.
Seine Diagnose hält der Prüfung stand. Deutschland wuchs von 2018 bis 2025 langsamer als jedes andere OECD-Land, die Industrie produziert ein Sechstel weniger. Mit äußeren Schocks allein lässt sich nicht erklären, warum die Schweiz und der EU-Schnitt im selben Umfeld zulegten.
Die Industrie produziert 16 Prozent weniger als 2018, dagegen hilft längeres Arbeiten mehr als jeder stillgelegte Reaktor.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Der stärkste Hebel ist die Lebensarbeitszeit. Dass Sachverständigenrat, Rentenkommission und der Präsident des DIW hier mit Sinn übereinstimmen, zeigt, wie weit diese Erkenntnis über die Lager hinaus reicht.
Eine Kopplung an die Lebenserwartung nimmt das Thema aus dem Wahlkampf und gibt Betrieben Planungssicherheit.
Beim Strom dagegen führt der Rückwärtsgang ins Leere. Die Reaktoren werden zerlegt, ein Neubau käme in den 2040er-Jahren. Niedrigere Steuern, Umlagen und Netzentgelte senken den Industriestrompreis schneller als jede Debatte über Brennelemente.
Das Etikett „Merkel“ schadet der Sache. Aus einer Frage nach Regeln wird so eine Frage nach Personen, dabei haben vier Koalitionen die meisten dieser Regeln beschlossen oder bestätigt. Ob Rente mit 63, Haltelinie oder Klimaziel 2045: Prüfen sollte man sie an ihrer Wirkung, nicht an der Kanzlerin, unter der sie entstanden.
Glossar: 14 wichtige Fachbegriffe zu Rente, Energie und Steuern

Bruttoendenergieverbrauch
Bruttoendenergieverbrauch heißt die Energie, die bei Haushalten, Betrieben und im Verkehr ankommt, zuzüglich der Verluste in Netzen und des Eigenverbrauchs der Kraftwerke. An dieser Größe misst die EU den Anteil erneuerbarer Energien. In Deutschland lag er 2025 bei 23,9 Prozent.
CO2-Flottengrenzwerte
CO2-Flottengrenzwerte legen fest, wie viel CO2 die neu zugelassenen Pkw eines Herstellers im Schnitt ausstoßen dürfen. Nach der EU-Verordnung von 2023 sinkt der Wert bis 2035 auf null. Die Kommission schlug im Dezember 2025 vor, das Ziel auf 90 Prozent Minderung zu senken.
CSRD
CSRD steht für die EU-Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen. Die Richtlinie verlangt Berichte zu Umwelt, Sozialem und Unternehmensführung. Seit dem Sammelgesetz der EU zum Bürokratieabbau (Omnibus I) vom März 2026 gilt sie nur noch für Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und 450 Millionen Euro Umsatz.
Degressive Abschreibung
Degressive Abschreibung setzt einen festen Prozentsatz auf den jeweiligen Restwert an. In den ersten Jahren fallen die Beträge deshalb höher aus als bei gleichen Jahresraten. Für Anschaffungen vom 1. Juli 2025 bis Ende 2027 sind 30 Prozent im Jahr erlaubt.
Emissionshandel
Emissionshandel bedeutet, dass Unternehmen für jede Tonne CO2 ein Zertifikat abgeben müssen. Die EU legt die Gesamtmenge fest und senkt sie jedes Jahr, der Preis bildet sich am Markt. Das System erfasst Kraftwerke, Industrie und Luftverkehr innerhalb Europas.
Grünes Paradoxon
Grünes Paradoxon nannte Hans-Werner Sinn 2008 ein Buch und eine These: Kündigen Staaten eine strengere Klimapolitik an, fördern Ölstaaten ihre Vorräte schneller, solange sie noch Geld bringen. Einseitige Nachfragesenkung kann den Klimaschutz damit sogar verzögern.
Haltelinie
Haltelinie heißt die gesetzliche Untergrenze für das Rentenniveau von 48 Prozent. Die Grenze gilt seit 2019 und wurde im Dezember 2025 bis 2031 verlängert. Solange sie greift, ist der Nachhaltigkeitsfaktor in der Rentenformel nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung ausgesetzt.
Klimaklub
Klimaklub beschreibt einen Vorschlag des Ökonomen William Nordhaus von 2015. Mehrere Staaten vereinbaren einen gemeinsamen CO2-Preis und belegen Importe aus Ländern außerhalb des Klubs mit einem Zoll. So lohnt sich der Beitritt, das Trittbrettfahren wird teuer.
Nachhaltigkeitsfaktor
Nachhaltigkeitsfaktor heißt ein Bestandteil der Rentenformel, den die Regierung 2004 einführte. Er dämpft die jährliche Rentenerhöhung, sobald das Verhältnis von Rentnern zu Beitragszahlern steigt. Durch die Haltelinie von 48 Prozent wirkt er bis 2031 nicht.
Nettoinvestitionen
Nettoinvestitionen sind die Bruttoinvestitionen abzüglich der Abschreibungen, also des Wertverlusts von Gebäuden, Maschinen und Anlagen. Ein negativer Wert bedeutet, dass der Kapitalstock schrumpft. Der private Sektor in Deutschland lag 2025 bei minus 33,1 Milliarden Euro.
Neue Grundsicherung
Neue Grundsicherung heißt die Leistung, die seit dem 1. Juli 2026 das Bürgergeld ersetzt. Der Bundestag beschloss sie im März 2026. Bei Pflichtverstößen sinkt die Leistung um 30 Prozent für drei Monate, nach wiederholt versäumten Terminen kann sie ganz entfallen.
Rente nach 45 Beitragsjahren
Rente nach 45 Beitragsjahren ist die abschlagsfreie Altersrente für besonders langjährig Versicherte, umgangssprachlich Rente mit 63. Die Regel gilt seit Juli 2014, die Altersgrenze steigt schrittweise auf 65 Jahre. 2024 nutzten sie rund 269.000 Neurentner.
Streckbetrieb
Streckbetrieb bezeichnet den Weiterbetrieb eines Kernkraftwerks mit den vorhandenen Brennelementen, ohne neue nachzuladen. Die letzten drei deutschen Reaktoren liefen so von Ende 2022 bis zum 15. April 2023, die Leistung nahm dabei allmählich ab.
Workfare
Workfare setzt sich aus den englischen Wörtern für Arbeit und Wohlfahrt zusammen. Gemeint ist ein Sozialstaat, der Hilfe an eine Gegenleistung knüpft, etwa gemeinnützige Arbeit oder Weiterbildung. Dänemark verlangt seit 2025 von einem Teil der Sozialhilfebezieher bis zu 37 Wochenstunden.
FAQ: Back to the Future: Was hat Herr Sinn im Sinn?

Was fordert Hans-Werner Sinn?
Sinn will zentrale Entscheidungen seit 2011 zurücknehmen: Rückkehr zur Kernkraft, längeres Arbeiten, Sozialleistungen nur gegen Mitwirkung. Dazu kommen beschleunigte Abschreibungen, das Ende der EU-Regeln zur Nachhaltigkeitsberichterstattung und der CO2-Flottengrenzwerte sowie ein internationaler Klimaklub.
Wo hat Sinn seinen Plan vorgestellt?
Am 9. Oktober 2026 in Luzern, auf einem Symposium des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik zu Ehren des Ökonomen Lars Feld. Die Aufzeichnung veröffentlichte das Institut am 20. Oktober bei YouTube.
Kann Deutschland zur Kernkraft zurückkehren?
Kurzfristig kaum. Die Bundesregierung hat keinen Wiedereinstieg beschlossen, alle Anlagen haben eine Genehmigung für Stilllegung und Abbau. In den drei zuletzt abgeschalteten Reaktoren werden die Einbauten bereits zerlegt.
Wird die Rente mit 63 abgeschafft?
Die Alterssicherungskommission der Bundesregierung hat das im Juni 2026 empfohlen, mit Härtefallregeln. Der Koalitionsausschuss sagte die Umsetzung zu, ein Kabinettsbeschluss ist noch für 2026 geplant.
Was bedeutet Workfare statt Welfare?
Der Staat hilft weiter, verlangt aber eine Gegenleistung, etwa gemeinnützige Arbeit oder Weiterbildung. Sinn setzt das gegen ein System, das nach seiner Ansicht das Fernbleiben vom Arbeitsmarkt belohnt.
Ist Deutschland seit 2018 Schlusslicht der OECD?
Ja. Nach Daten der OECD wuchs Deutschlands reale Wirtschaftsleistung von 2018 bis 2025 um 1,9 Prozent, Japan folgte mit 2,2 Prozent. Die OECD insgesamt kam auf 13,4 Prozent, die USA auf 18,6 Prozent.
Quellen
57 Quellen anzeigenQuellen ausblendenabgerufen am 27.10.2026
- Institut für Schweizer WirtschaftspolitikHans-Werner Sinn: Deutschlands grosse Krise. Analyse und Politikoptionen (YouTube-Video, Vortrag vom 09.10.2026)
- Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik«15 Jahre Merkel rückabwickeln», sagt Hans-Werner Sinn
- WELTEx-Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn: „15 Jahre Merkel rückabwickeln“
- OECDQuarterly National Accounts: GDP growth, DF_QNA_EXPENDITURE_GROWTH_OECD
- Statistisches BundesamtPressemitteilung 269: Sommerüberarbeitung 2026 der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen
- BundesregierungHerbstprojektion 2026
- EurostatProduction in industry, monthly data, sts_inpr_m
- EurostatProduction in industry, annual data, sts_inpr_a
- EurostatNon-financial transactions by institutional sector, nasa_10_nf_tr
- Statistisches BundesamtPressemitteilung 146: Geburten im Jahr 2025
- EurostatPopulation on 1st January by age group, demo_pjangroup
- EurostatPopulation projections EUROPOP2023, proj_23np
- Statistisches BundesamtPressemitteilung 446: 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung
- Deutscher BundestagNamentliche Abstimmung zum Atomgesetz, Drucksache 17/6070
- Deutscher BundestagStreckbetrieb der drei verbliebenen Atomkraftwerke beschlossen
- Deutscher BundestagAntwort der Bundesregierung, Drucksache 21/7609
- Deutscher BundestagAntrag, Drucksache 21/7394 (Kosten einer Wiederinbetriebnahme nach Radiant Energy Group)
- Deutscher BundestagLobbyregister: PreussenElektra GmbH, R002421
- ZDFheuteRente ohne Abschlag: 270.000 Menschen gehen früher in Rente (Zahlen der Deutschen Rentenversicherung)
- Deutsche Rentenversicherung BundStatement zum Kabinettsbeschluss Rentenpaket 2025
- Deutscher BundestagAbstimmungsergebnis Rentenpaket 2025
- Deutsche Rentenversicherung BundZum Abschlussbericht der Alterssicherungskommission
- Börsen-ZeitungMerz: Kabinett soll Rentenreform noch 2026 billigen
- Deutscher BundestagAntwort der Bundesregierung zu Ausgaben und Leistungsberechtigten im Bürgergeld, Drucksache 21/6855
- Deutscher BundestagAbstimmungsergebnis Neue Grundsicherung
- beck-aktuellBundestag beschließt Reform des Bürgergelds
- BundesumweltministeriumNovelle des Klimaschutzgesetzes beschreibt verbindlichen Pfad zur Klimaneutralität 2045
- EUR-LexRichtlinie (EU) 2026/470 (Omnibus I, Nachhaltigkeitsberichterstattung und Sorgfaltspflichten)
- EUR-LexVerordnung (EU) 2023/851 zu den CO2-Emissionsnormen für neue Pkw
- Europäisches Parlament, Legislative ObservatoryVerfahren 2025/0420(COD), CO2-Emissionsnormen für Pkw
- Rat der Europäischen UnionFortschrittsbericht zu den CO2-Emissionsnormen für Pkw, ST 10065/26 REV 1
- Deutscher BundestagGesetzentwurf für ein steuerliches Investitionssofortprogramm, Drucksache 21/323
- BundesfinanzministeriumFAQ zur Aktivrente
- EurostatElectricity prices for non-household consumers, nrg_pc_205
- Journal de l’ÉconomieCour des comptes: Flamanville 3 kostet 23,7 Milliarden Euro
- Deutsches Institut für WirtschaftsforschungStellungnahme zum steuerlichen Investitionssofortprogramm
- Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen EntwicklungJahresgutachten 2023/24, Pressemitteilung zu Kapitel 5
- Deutsches Institut für WirtschaftsforschungMarcel Fratzscher: Die Rente mit 70 ist die sozialste Rentenreform
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- National Bureau of Economic ResearchEconomic Recovery Tax Act of 1981 und Accelerated Cost Recovery System (Working Paper 828)
- ifo Institut (RePEc)Menkhoff, Peichl u. a.: Degressive Abschreibung (ifo Schnelldienst 8/2025)
- Institut für Arbeitsmarkt- und BerufsforschungIAB-Politikbrief Juli 2025: Sanktionen in der Grundsicherung
- American Economic AssociationWilliam Nordhaus: Climate Clubs. Overcoming Free-Riding in International Climate Policy (American Economic Review 105/4, 2015)
- Institut für Makroökonomie und KonjunkturforschungPressemitteilung: IMK prognostiziert 1,3 Prozent Wirtschaftswachstum 2026
- Deutsches Institut für WirtschaftsforschungGemeinschaftsdiagnose Herbst 2026: Aufschwung mit Strukturproblemen
- Deutsches Institut für WirtschaftsforschungClaudia Kemfert: Atomenergie ist zu teuer, zu gefährlich und blockiert die künftige gesicherte Energieversorgung
- evangelisch.de (epd)Edenhofer befürchtet Riesenproblem bei Lockerung von EU-Klimaregeln
- UmweltbundesamtPressemitteilung 08/2026: Treibhausgasdaten 2025
- UmweltbundesamtErneuerbare Energien in Zahlen
- OECDPensions at a Glance 2025: Future retirement ages
- Den Store Danske (lex.dk)Folkepension og pensionsalder
- BeskæftigelsesministerietAftale om en ny arbejdspligt
- RijksoverheidAOW-leeftijd
- Bundesamt für EnergieSchweizerische Elektrizitätsstatistik 2025
- Schweizer ParlamentGeschäft 25.068: Änderung des Kernenergiegesetzes
- European Nuclear SocietyVattenfall’s Videberg Kraft Selects Rolls-Royce SMR for New Reactors at Ringhals Site
- Connaissance des Énergies95,2 % d’électricité bas carbone en 2025 (Bilan électrique von RTE)
