Feldspat stellt in hellen Feinsteinzeugfliesen 40 bis 60 Prozent der Masse und kostet ab Grube rund zehn Cent pro Kilo. Trotzdem schlagen Italiens Fliesenhersteller Alarm: Seit der Sperrung der Straße von Hormus zahlen sie für Energie etwa doppelt so viel wie zuvor. Die EU führt das Allerweltsmineral seit 2024 sogar als kritischen Rohstoff. Die Gründe liegen zwischen türkischen Gruben und italienischen Brennöfen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenVom Mineral selbst haben die wenigsten gehört, obwohl viele Leser in diesem Moment darauf stehen: auf einer Bodenfliese, deren Scherben zu einem großen Teil aus geschmolzenem Feldspat besteht. Dieser Beitrag folgt dem Stoff von den Gruben der Westtürkei über die Porzellanmanufaktur in Meißen bis in die Brennöfen von Sassuolo. Unterwegs wird klar, warum ein Rohstoff für ein paar Cent pro Kilo eine teure Krise auslösen kann.
Das Wichtigste in Kürze
- Überall im Gestein: Feldspäte bilden mehr als die Hälfte der Erdkruste, 2025 förderte die Welt rund 31 Millionen Tonnen, angeführt von Indien, der Türkei und Iran.
- Das Flussmittel: In Fliese, Porzellan und Glas senkt Feldspat die Schmelztemperatur und macht den Scherben dicht.
- Der Preisschock: Teurer wird vor allem das Feuer. Italiens Keramikbranche zahlt für Gas über 70 Euro je Megawattstunde, etwa doppelt so viel wie vor der Hormus-Sperre.
- Europas Lücke: Die EU stuft Feldspat seit dem Critical Raw Materials Act als kritisch ein, Spanien und Italien beziehen ihn vor allem aus der Türkei.
Kurzer Härtetest: Kennen Sie Feldspat wirklich?
1 Welchen Anteil der Erdkruste bilden die Feldspäte? Aufklappen ↓
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2 Welche Aufgabe übernimmt Feldspat in Fliese und Porzellan? Aufklappen ↓
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3 Welches Flussmittel nutzte Meißen, bevor sich Feldspat durchsetzte? Aufklappen ↓
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4 Welches Land förderte 2025 laut USGS den meisten Feldspat? Aufklappen ↓
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5 Warum geraten Europas Fliesenwerke 2026 unter Druck? Aufklappen ↓
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Was ist Feldspat und wie entsteht das häufigste Mineral der Erdkruste?
Feldspat ist eine Familie von Silikatmineralen aus Silizium, Sauerstoff und Aluminium, ergänzt um Kalium, Natrium oder Calcium. Die Kristalle wachsen in erkaltender Gesteinsschmelze und stellen zusammen mehr als die Hälfte der Erdkruste. Keine andere Mineralgruppe kommt der Menge nach auch nur in die Nähe.
Ein Granitblock zeigt das Mineral ganz ohne Labor. Die rosafarbenen oder milchig weißen Körner mit glatten, spiegelnden Flächen sind Feldspat, die glasig grauen Körner dazwischen Quarz. Die glatten Flächen erklären auch den Namen: Bergleute nannten Minerale mit so ausgeprägter Spaltbarkeit „Spat“, die Herkunft des Zusatzes „Feld“ ist bis heute umstritten.
Die Industrie unterscheidet vor allem zwei Sorten. Kalifeldspat, mineralogisch Orthoklas oder Mikroklin, schmilzt zäh und hält die Form eines Tellers auch bei großer Hitze stabil. Natronfeldspat, der Albit, schmilzt früher und dünnflüssiger, weshalb Fliesenhersteller ihn schätzen. Zwischen Albit und dem calciumreichen Anorthit liegt die Reihe der Plagioklase, die in vielen Gesteinen den größten Anteil stellt.
Entstanden sind die Kristalle tief unter der Oberfläche, in Magmakammern, die über Jahrtausende bis Jahrmillionen abkühlen. Besonders begehrt sind Pegmatite: Gänge aus der letzten, an Wasser und Gasen reichen Restschmelze, in denen Feldspatkristalle faustgroß und größer werden. Solche Lagerstätten lassen sich sauber abbauen, weil das Mineral dort selten mit eisenhaltigen Begleitern verwachsen ist. Eisen würde die Fliese später grau oder gelblich färben.
Über Jahrmillionen zersetzen Wasser und Kohlensäure den Feldspat im Granit zu Kaolinit, dem Hauptbestandteil von Kaolin und vielen Tonen. Der Ton einer Fliese ist also in weiten Teilen verwitterter Feldspat, der im Ofen auf frischen Feldspat trifft. In der Oberpfalz lässt sich dieses Nebeneinander besichtigen: Im Becken von Hirschau und Schnaittenbach gewinnen Bergbaufirmen aus demselben Rohsand Kaolin, Quarz und Feldspat.
Knapp ist der Rohstoff geologisch nicht. Der U.S. Geological Survey nennt die weltweiten Ressourcen mehr als ausreichend und beziffert allein die Reserven Chinas auf 730 Millionen Tonnen, die der Türkei auf 720 Millionen Tonnen. Die Einschränkung steht im selben Bericht: Die Vorkommen liegen nicht immer bequem nahe an den großen Verbrauchszentren. Bei einem Durchschnittswert von umgerechnet rund 96 Euro je Tonne für marktfertigen US-Feldspat entscheidet deshalb die Fracht mit darüber, welche Grube zum Zug kommt.
Feldspat ist die häufigste Mineralgruppe der Erdkruste und verwittert über Jahrmillionen zu genau dem Ton, der später neben ihm in der Fliese landet. Geologisch knapp ist das Mineral nirgends, über die Wahl der Grube entscheidet vor allem der Frachtweg.
Wer entdeckte Feldspat und wie begann der Porzellanrausch?

Einen einzelnen Entdecker hat Feldspat nicht. Chinesische Töpfer brannten feldspathaltigen Porzellanstein schon Jahrhunderte vor Europa, der Rausch im Westen begann um 1700 mit der Jagd nach dem Rezept für das „weiße Gold“. Am Ende dieser Jagd stand eine sächsische Manufaktur, die den Feldspat erst nach einem Umweg entdeckte.
Das Vorbild lag in Jingdezhen, der Porzellanstadt im Süden Chinas. Die Töpfer dort mischten zwei Zutaten: eine weiße Erde, benannt nach dem Hügel Gaoling und uns heute als Kaolin vertraut, sowie einen zerkleinerten Porzellanstein, den die Europäer Petuntse nannten. Der Stein lieferte das Flussmittel, also genau die Funktion, die im europäischen Porzellan später der Feldspat übernahm.
In Sachsen machte Kurfürst August der Starke die Suche zur Staatsaffäre. Der Alchemist Johann Friedrich Böttger und der Naturforscher Ehrenfried Walther von Tschirnhaus experimentierten in Dresden unter strenger Geheimhaltung, im Januar 1708 gelangen die ersten brauchbaren Rezepturen für weißes Porzellan. Am 23. Januar 1710 verfügte August per Dekret die Gründung einer Porzellanmanufaktur auf der Albrechtsburg in Meißen.
Das frühe Meißener Porzellan kam allerdings noch ohne Feldspat aus. Als Flussmittel diente Alabaster, ein feinkörniger Gips, weshalb Fachleute vom „Kalkporzellan“ der Böttgerzeit sprechen. Erst nach 1720 setzte die Manufaktur erstmals Feldspat ein, bald den kalifeldspatreichen Stein von Siebenlehn, den Freiberger Hüttenleute 1724 rund zehn Kilometer von Freiberg entfernt gefunden hatten.
Aus dem Wechsel entstand die Rezeptur, die bis heute als klassisches Hartporzellan gilt: rund die Hälfte Kaolin, je ein Viertel Quarz und Feldspat, gebrannt bei 1.380 bis 1.450 Grad. So beschreibt die Gesellschaft Deutscher Chemiker die Meißener Masse in einem Beitrag zum 300. Jubiläum der Manufaktur. Das Geheimnis hielt nicht lange, abgeworbene Meißener Fachleute halfen schon 1718 und 1719 beim Aufbau einer Manufaktur in Wien.
Auch aus China selbst sickerte Wissen nach Europa. Der französische Jesuit François Xavier d’Entrecolles beschrieb 1712 in einem Brief aus Jingdezhen detailliert, wie die Töpfer vor Ort Kaolin und Petuntse aufbereiteten, eine frühe Form der Industriespionage. In England ließ sich der Apotheker William Cookworthy 1768 ein Patent auf Hartporzellan erteilen, gebrannt aus Kaolin und dem feldspathaltigen Cornish Stone aus Cornwall.
Zur Massenware wurde der Feldspat erst mit der Fliese. Im 20. Jahrhundert wuchsen Sassuolo in der Emilia-Romagna und die spanische Provinz Castellón zu Europas Fliesenzentren, heute stammen 94 Prozent der spanischen Fliesenproduktion aus Castellón. Ein Kartell wie beim Öl entstand nie, dafür ist das Mineral zu häufig und zu billig. Die Macht lag von Anfang an bei den Verarbeitern.
- Vorbild China: Kaolin plus Porzellanstein als Flussmittel, lange vor Europa
- Meißen 1710: zuerst Alabaster, nach 1720 Feldspat aus Siebenlehn
- Tonnengeschäft: Massenware erst durch die Fliese im 20. Jahrhundert
Wie hat Feldspat die Weltkarte verändert?

Feldspat hat keine Grenzen verschoben, doch die Keramik folgt seit 300 Jahren den Machtverschiebungen um Rohstoffe und Energie. Heute hängt Europas Fliese an zwei verwundbaren Strängen: Mineral aus wenigen Förderländern, Energie über Seewege, die ein Krieg blockieren kann.
Am Anfang stand ein Handelsdefizit. Die Ostindien-Kompanien der Niederlande und Englands schafften Porzellan in großen Mengen aus Asien nach Europa, und August der Starke überließ 1717 dem preußischen König sogar 600 Reiter im Tausch gegen 151 Porzellangefäße. Die Gründung von Meißen war deshalb auch Wirtschaftspolitik: Ein eigenes Porzellan sollte das Geld im Land halten. Die Manufaktur zog in die Albrechtsburg, weil sich das Rezept hinter Burgmauern besser schützen ließ.
Wie verwundbar die Kette bis heute bleibt, zeigte der Februar 2022. Die Ukraine exportierte 2019 fast fünf Millionen Tonnen Ballton und damit 81 Prozent der weltweiten Ausfuhren dieses Rohstoffs, wie die American Ceramic Society dokumentiert. Die meisten Gruben liegen im Donbas. Spaniens und Italiens Fliesenwerke hingen an diesem hochplastischen Ton, der dünne, großformatige Platten erst möglich macht, und mit dem russischen Angriff riss der Nachschub ab.
Die Branche reagierte mit neuen Lieferwegen, und Deutschland rückte dabei in eine unerwartete Rolle. Im Juni 2022 unterzeichneten Confindustria Ceramica und der Bundesverband Keramische Rohstoffe und Industrieminerale in München eine Absichtserklärung, die Tonlieferungen nach Italien bis Dezember 2022 um 30 Prozent zu steigern. Schon zuvor rollte rund eine Million Tonnen deutscher Industrieminerale pro Jahr per Güterzug über die Alpen. Deutsche Tongruben sprangen so teilweise für den Donbas ein.
Beim Feldspat selbst liegt der Schwerpunkt in der Westtürkei. In den Provinzen Muğla und Aydın konzentrieren sich die reichsten Lagerstätten und die höchsten Fördermengen des Landes, die wichtigsten Abnehmer waren 2024 Spanien, Italien und Russland. Auch die USA bezogen zwischen 2021 und 2024 laut USGS 93 Prozent ihrer Feldspat-Importe aus der Türkei. Ankara besitzt damit einen stillen Hebel über die Keramik des Mittelmeerraums.
Der dritte Förderriese heißt Iran. Das Land förderte 2025 nach USGS-Schätzung 3,9 Millionen Tonnen Feldspat, mehr als China, und steht seit Jahren unter westlichen Sanktionen. Seit die USA und Israel am 28. Februar 2026 Ziele in Iran angriffen und Teheran mit Vergeltung antwortete, ist die Schifffahrt durch die Straße von Hormus gestört. Durch die Meerenge laufen rund ein Fünftel des weltweiten Ölangebots und große Mengen Flüssiggas aus Katar, deren Verteuerung nun in jeder Ofenkalkulation auftaucht.
Am härtesten traf der Schock zunächst Indien, den größten Feldspatproduzenten der Welt. In Morbi im Bundesstaat Gujarat, wo rund 80 Prozent der indischen Keramik entstehen, stellten im März 2026 etwa 550 Fabriken die Produktion ein, weil Propan und Erdgas für die Öfen fehlten. Rund 40 Prozent der Hersteller dort feuern mit Propan, das über die Golfroute kommt. Die Zwangspause zeigte, welcher Rohstoff in der Keramik tatsächlich knapp werden kann: die Energie.
Der rote Faden zieht sich durch drei Jahrhunderte. Europa befreite sich mit Meißen von chinesischem Porzellan, band sich an ukrainischen Ton und hängt heute an türkischem Feldspat sowie an Gas, das Tanker zum Teil durch fremde Meerengen bringen. Jede gelöste Abhängigkeit hat eine neue geschaffen.
Warum ist Feldspat für die Weltwirtschaft so wichtig?

Feldspat ist ein Massenrohstoff mit kleinem Preis und großer Hebelwirkung. Rund 31 Millionen Tonnen förderte die Welt 2025, ohne diesen Nachschub müssten Fliesenwerke, Porzellanöfen und Glashütten ihre Rezepturen grundlegend umbauen.
Die Förderung verteilt sich auf wenige große Länder. Laut den Mineral Commodity Summaries 2026 des USGS führen Indien mit 6,0 und die Türkei mit 5,3 Millionen Tonnen, gefolgt von Iran, China, Italien und Thailand. Zusammen kommen diese sechs Staaten auf 74 Prozent der Weltproduktion. Die USA spielen mit 440.000 Tonnen nur eine Nebenrolle.
| Land | Förderung 2025 (Mio. t) | Anteil | Reserven (Mio. t) | Rolle im Markt |
|---|---|---|---|---|
| Indien | 6,0 | 19 % | 320 | größter Förderer, versorgt die eigene Fliesenindustrie in Morbi |
| Türkei | 5,3 | 17 % | 720 | wichtigster Exporteur, Hauptlieferant für Spanien und Italien |
| Iran | 3,9 | 13 % | 130 | großer Förderer unter Sanktionen, Anrainer der Straße von Hormus |
| China | 3,7 | 12 % | 730 | größte Reserven, riesige eigene Keramikindustrie |
| Italien | 2,2 | 7 % | k. A. | Förderer und zugleich Europas größte Fliesenindustrie |
| Thailand | 1,9 | 6 % | 45 | regionaler Lieferant für Asiens Keramik |
| Welt gesamt | 31,0 | 100 % | sehr groß | Ressourcen laut USGS mehr als ausreichend |
Wofür die Tonnen gebraucht werden, zeigt die US-Statistik beispielhaft. Keramik, Töpferwaren und sonstige Anwendungen machten 2025 dort 53 Prozent des Verbrauchs aus, die Glasherstellung 47 Prozent, von Glaswolle für die Dämmung über Flachglas bis zu Flaschen und Konservengläsern. Marktforscher wie Persistence Market Research sehen die Keramik weltweit bei gut der Hälfte der Nachfrage.
Einen Weltmarktpreis wie beim Kupfer sucht man vergeblich. Gehandelt wird über Lieferverträge zwischen Gruben, Aufbereitern und Werken, und die Preise hängen stark an Reinheit, Mahlfeinheit und Fracht. Der USGS weist für marktfertigen US-Feldspat 2025 einen Durchschnittswert von umgerechnet rund 96 Euro je Tonne aus. Massengutfrachter bringen das Material über das Mittelmeer, etwa vom türkischen Hafen Güllük an die Häfen nahe den Fliesenzentren Spaniens und Italiens.
Die Abhängigkeit reicht weiter, als der Preis vermuten lässt. Fiele Feldspat aus, müssten nicht nur Fliesenwerke ihre Rezepturen umstellen, sondern auch Hersteller von Sanitärkeramik, Geschirr, Behälterglas und Dämmstoffen. Die EU hat daraus Konsequenzen gezogen und Feldspat in ihre Liste kritischer Rohstoffe aufgenommen, die seit dem Critical Raw Materials Act vom Mai 2024 rechtlich verankert ist.
Deutschland fördert Feldspat noch selbst, vor allem im Kaolin-Revier Hirschau-Schnaittenbach in der Oberpfalz, wo die 1901 gegründeten Amberger Kaolinwerke und die Firmengruppe Dorfner Rohsand abbauen. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe zählt Feldspat zu den wenigen EU-kritischen Rohstoffen, die hierzulande noch gewonnen werden. Gleichzeitig exportiert Deutschland Keramikrohstoffe, vor allem Ton, in großem Stil nach Italien.
- Konzentration: sechs Länder mit drei Vierteln der Weltförderung
- Kein Börsenpreis: Lieferverträge statt Terminmarkt, rund 96 Euro je Tonne in den USA
- Kritisch seit 2024: Platz auf der EU-Liste nach dem Critical Raw Materials Act
In welchen Produkten steckt Feldspat, und was verschwindet ohne ihn?

Feldspat steckt in Bodenfliesen, Waschbecken, Kaffeetassen, Marmeladengläsern, Fensterscheiben und in der Glaswolle unter dem Dach. Sichtbar ist der Rohstoff fast nie, weil er im Ofen schmilzt und als glasige Bindung im Produkt aufgeht.
Am stärksten wirkt das Mineral in der Fliese. Feinsteinzeug, der heutige Standard für Böden und große Wandformate, besteht aus Ton oder Kaolin, Quarz und Feldspat, wobei der Feldspatanteil weiß brennender Massen nach Studien im Journal of the European Ceramic Society zwischen 40 und 60 Prozent liegt. Beim Brand um 1.200 Grad schmilzt der Feldspat als Erstes, füllt die Poren und verklebt die Körner zu einem dichten Scherben, der weniger als 0,5 Prozent Wasser aufnimmt.
Im Porzellan übernimmt Feldspat dieselbe Aufgabe mit anderem Ziel. Die Schmelze macht den Scherben dicht und lässt dünnes Porzellan im Gegenlicht durchscheinen, eine Eigenschaft, die Fachleute Transluzenz nennen. In Waschbecken und Toilettenschüsseln sorgt Feldspat in Masse und Glasur für die glatte, porenfreie Oberfläche, an der Schmutz schlecht haftet.
Im Glas spielt der Rohstoff eine Nebenrolle mit großer Wirkung. Den Hauptteil jeder Glasschmelze stellt Quarzsand, dessen Verknappung Fachleute als stille Krise der Bauindustrie beschreiben. Feldspat liefert zusätzlich Tonerde, also Aluminiumoxid, das Flaschen, Fenster und Glasfasern härter und chemisch beständiger macht.
Hinzu kommen Anwendungen, die kaum jemand vermutet. Fein gemahlen dient Feldspat als Füllstoff in Farben und Kunststoffen. Beim Zahnarzt heißt eine ganze Werkstoffklasse Feldspatkeramik, aus der Verblendschalen und Kronen entstehen. Mondstein, Labradorit und Amazonit, beliebte Schmucksteine, gehören ebenfalls zur Feldspatfamilie.
| Produkt | Beispiel | Aufgabe des Feldspats | Ersatz bei Lieferausfall |
|---|---|---|---|
| Fliesen | Feinsteinzeug für Böden | Flussmittel, verdichtet den Scherben | möglich, meist mit mehr Brennenergie |
| Sanitärkeramik | Waschbecken, WC | Flussmittel in Masse und Glasur | möglich, mit Rezepturumbau |
| Porzellan | Tassen, Teller | Flussmittel, sorgt für Transluzenz | schwierig, Farbe und Durchschein ändern sich |
| Glas | Flaschen, Fensterglas | liefert Tonerde für Härte und Beständigkeit | gut, über Altglas und andere Tonerdeträger |
| Dämmstoffe | Glaswolle | Tonerdequelle der Glasfaser | möglich |
| Zahnmedizin | Verblendkronen | Grundstoff der Feldspatkeramik | gut, über andere Dentalkeramiken |
Was fiele bei einem Lieferausfall weg? Die ehrliche Antwort überrascht: Ganz verschwinden würde kaum ein Produkt. Der USGS nennt eine Reihe von Ersatzstoffen, allen voran Nephelinsyenit, ein feldspatähnliches Gestein, dazu Tone, Schlacke aus Elektroöfen, Pyrophyllit, Spodumen und Talk. Fliesen und Flaschen blieben erhältlich, nur mit geänderten Rezepturen, anderen Brenntemperaturen und oft höheren Kosten.
Eng wird die Lage an zwei Stellen. Bei weißem, durchscheinendem Porzellan hängen Farbe und Transluzenz eng an der bewährten Mischung aus Kaolin, Quarz und Feldspat, jeder Tausch verlangt neue Brennversuche. Großformatige, dünne Feinsteinzeugplatten reagieren empfindlich auf jede Änderung der Masse, weil sie sich im Ofen verformen können. Vor allem aber verlangt jeder Ersatz, der schlechter schmilzt, mehr Hitze, und ein Ausfall des Feldspats träfe damit die Energierechnung, an der die Branche schon jetzt leidet.
Wie setzt sich der Preis einer Fliese zusammen?

Ab Werk erlöst die spanische Fliesenindustrie rechnerisch gut elf Euro je Quadratmeter. Davon fließen rund 1,90 Euro in Energie, der Feldspat in derselben Platte kostet knapp einen Euro, CO₂-Zertifikate schlagen mit gut zehn Cent zu Buche.
Die Rechnung beruht auf den Branchenzahlen des spanischen Herstellerverbands ASCER für 2025, über die das Wirtschaftsmagazin Economía 3 berichtet. Der Sektor setzte 4,834 Milliarden Euro um und produzierte 423 Millionen Quadratmeter Fliesen. Die Energierechnung lag bei 813,9 Millionen Euro, die Emissionsrechte kosteten 56 Millionen Euro. Geteilt durch die produzierte Fläche ergeben sich die Werte je Quadratmeter, als Näherung, weil Umsatz und Produktion eines Jahres nie exakt deckungsgleich sind.
Für den Feldspat hilft eine Überschlagsrechnung. Eine zehn Millimeter starke Feinsteinzeugplatte wiegt bei einer Dichte um 2,3 Gramm je Kubikzentimeter rund 23 Kilogramm pro Quadratmeter. Bei einem Feldspatanteil von 40 Prozent stecken darin gut neun Kilogramm des Minerals, zum US-Durchschnittswert von 96 Euro je Tonne also knapp ein Euro, bei 60 Prozent entsprechend gut 1,30 Euro. Türkische Exportware ab Hafen ist oft günstiger, dafür kommt die Seefracht hinzu.
Energie macht damit rund 17 Prozent des Werkserlöses aus. Die Zahl passt zur Angabe von Tile of Spain, der Exportmarke der spanischen Hersteller, wonach Strom und Wärme 17 bis 20 Prozent der direkten Herstellkosten ausmachen. Der Feldspat liegt bei etwa acht Prozent, die CO₂-Kosten bei gut einem Prozent. Die übrigen rund 74 Prozent verteilen sich auf Ton, Glasuren, Löhne, Abschreibungen, Verpackung, Transport und die Marge, die die Unternehmen nicht einzeln ausweisen.
Bis zum Baumarktregal in Deutschland kommen weitere Stufen hinzu: Lkw oder Schiff aus Spanien und Italien, die Spanne von Großhandel und Fachhandel sowie 19 Prozent Mehrwertsteuer. Der Rohstoff Feldspat schrumpft am Ende auf einen niedrigen einstelligen Prozentanteil des Ladenpreises.
Die aktuelle Krise verschiebt diese Gewichte. Ein Rechenbeispiel: Angenommen, die Energiekosten verdoppelten sich, wie von Confindustria Ceramica für Italien beschrieben, dann stiegen sie in der spanischen Rechnung von 1,92 auf rund 3,84 Euro je Quadratmeter. Bei unverändertem Verkaufspreis bliebe für alle übrigen Posten fast ein Viertel weniger übrig. Ein Keramikofen läuft überwiegend mit Erdgas, jenem Rohstoff, der auch über Europas Winter entscheidet.
Weitergeben lassen sich solche Sprünge nur begrenzt. Italiens Fliesenexporte nach Deutschland wuchsen 2025 mengenmäßig um 3,6 Prozent auf 45,5 Millionen Quadratmeter, wertmäßig nur um 2,6 Prozent, im ersten Quartal 2026 lautete das Verhältnis plus 2,9 zu plus 1,7 Prozent. Die Hersteller verkaufen also mehr Fläche zu leicht sinkenden Durchschnittspreisen, während ihre Kosten steigen. Den Gaspreis im europäischen Großhandel notiert die Handelsplattform TTF in Euro je Megawattstunde, der Dollarkurs wirkt deshalb nur indirekt über die Weltmarktpreise für Flüssiggas.
Wer verdient an Feldspat und wer zahlt drauf?

Am Feldspat selbst wird kaum jemand reich, dafür ist der Tonnenpreis zu niedrig. Gewinne und Verluste entstehen eine Stufe später am Brennofen: Vorn liegen Hersteller mit billiger Energie, ins Hintertreffen geraten die Werke in Italien, Spanien und Deutschland.
Zu den Gewinnern zählen die Bergbauregionen der Westtürkei. Die Türkei erzielt mit Feldspat und anderen Industriemineralen einen Außenhandelsüberschuss, wie eine Untersuchung in einer türkischen Fachzeitschrift auf der Plattform DergiPark festhält. Für Muğla und Aydın bedeutet der Export Arbeitsplätze in Gruben, Aufbereitungsanlagen und Häfen.
Auf der Verarbeitungsseite gewinnen Länder mit eigener, günstiger Energie. Confindustria-Ceramica-Präsident Augusto Ciarrocchi klagt, ausländische Wettbewerber profitierten von niedrigeren Preisen, weil sie über größere eigene Gasförderung oder günstigere Inlandsmärkte verfügten. In einer Energiekrise zählt dieser Standortvorteil mehr als jedes Design aus Sassuolo.
Auf der Verliererseite stehen zunächst die europäischen Keramikregionen. Italiens Branche setzt rund 7,5 Milliarden Euro um, erwirtschaftet einen Handelsüberschuss von etwa fünf Milliarden Euro und beschäftigt direkt und indirekt rund 40.000 Menschen. Ciarrocchi warnt, die Produktion in Italien drohe unwirtschaftlich zu werden. In Spanien hängen 16.000 direkte Arbeitsplätze an der Keramik, 72 Prozent des Umsatzes kommen aus dem Export.
In Deutschland sind die Folgen längst sichtbar. Die Porzellanmanufaktur Kahla in Thüringen, gegründet 1844, meldete Anfang 2026 zum zweiten Mal nach 2020 Insolvenz an und nannte neben schwacher Nachfrage stark gestiegene Energiekosten als Grund, betroffen sind rund 120 Beschäftigte. Schon im Februar 2024 hatte die Deutsche Steinzeug Cremer & Breuer AG, zu der die Marke Agrob Buchtal gehört, ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt, mit rund 1.000 Beschäftigten an vier Standorten.
In Indien standen im März und April 2026 in rund 550 Fabriken von Morbi die Öfen kalt, und mit ihnen ruhten die Schichten Tausender Beschäftigter. Verbraucher zahlen am Ende über höhere Fliesenpreise mit, in Europa wie in Asien.
Die EU hat Feldspat zum kritischen Rohstoff erklärt, doch Europas Fliesenwerke geraten am Gaspreis in Not und nicht am Mineral. Neun Kilo Feldspat pro Quadratmeter kosten knapp einen Euro, das Feuer dafür mehr als das Doppelte.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Der klassische Ressourcenfluch greift beim Feldspat nicht. Die Theorie beschreibt Länder, die so viel an einem Rohstoff verdienen, dass Staat und Wirtschaft sich nach ihm ausrichten. Die Holländische Krankheit meint den Mechanismus, bei dem hohe Rohstofferlöse die Landeswährung aufwerten und andere Exportbranchen verdrängen. Feldspat wirft pro Tonne viel zu wenig ab, um solche Effekte auszulösen.
Eher zeigt sich ein umgekehrtes Muster, das wir in der Redaktion den Fluch der Verarbeiter nennen: Europa besitzt das Wissen, die Maschinen und die Marken, aber nicht die billige Energie. Die Wertschöpfung sitzt in Sassuolo, Castellón und Kahla, und genau dort trifft der Gaspreis mit voller Wucht.
Am Mineral verdienen türkische Gruben solide, reich macht der Feldspat niemanden. Über Gewinner und Verlierer entscheidet der Energiepreis am Ofen, und dort liegen Italien, Spanien und Deutschland derzeit hinten.
Wie mächtig ist die Feldspat-Lobby?

Eine eigene Feldspat-Lobby mit großem Budget existiert nicht. Laut werden die Abnehmer: Keramik- und Glasverbände kämpfen um Energiepreise, Emissionsrechte und politische Rückendeckung, und die EU hat Feldspat immerhin zum kritischen Rohstoff erklärt.
Mit der Verordnung (EU) 2024/1252, dem Critical Raw Materials Act, trat am 23. Mai 2024 eine Liste von 34 kritischen Rohstoffen in Kraft, und Feldspat stand erstmals darauf. Kritisch heißt in der Logik der Kommission: wirtschaftlich wichtig und mit erhöhtem Versorgungsrisiko. Auf die kürzere Liste der strategischen Rohstoffe, für die Brüssel Ausbauziele und beschleunigte Genehmigungen vorsieht, gelangte Feldspat nicht.
Aus Sicht der Redaktion bleibt die Einstufung ein Frühwarnsystem ohne Löschmittel. Die EU beobachtet die Lieferketten kritischer Rohstoffe genauer, gegen einen verdoppelten Gaspreis hilft diese Aufmerksamkeit nicht. Die Rohstoffpolitik zielt auf das Mineral, das Problem der Keramik liegt beim Brennstoff.
Die italienische Keramik führt ihre Kampagne offen. Confindustria Ceramica lud zum Auftakt der Messe Cersaie am 21. September 2026 in Bologna Regierung und Unternehmen zu einer Konferenz über Energie, Emissionshandel und Investitionen. Ciarrocchis Kernbotschaft: Europa müsse entscheiden, ob der Kontinent seine Industrie im Übergang verteidigt oder hinnimmt, dass Produktion, Investitionen und Arbeitsplätze abwandern. Schon in der Energiekrise 2022/23 erstattete Rom den energieintensiven Betrieben 40 bis 45 Prozent ihrer Gas- und Stromkosten über Steuergutschriften.
Spaniens Verband ASCER argumentiert mit Zahlen. Die CO₂-Kosten der Branche stiegen 2025 um 53 Prozent auf 56 Millionen Euro, die Energierechnung um 2,8 Prozent auf 813,9 Millionen Euro, obwohl der Gasverbrauch pro Quadratmeter um fünf Prozent sank. Die Botschaft an Madrid und Brüssel lautet: Die Werke sparen Energie, und die Rechnung steigt trotzdem.
In Deutschland verlief die Debatte leiser. Das Fachmagazin 1200 Grad titelte im Juli 2023 „Die Politik hat die Fliesenindustrie vergessen“, als der Spitzenausgleich bei Energie- und Stromsteuer zum Jahresende auslaufen sollte. Seit Januar 2026 zahlt das produzierende Gewerbe dauerhaft nur noch den EU-Mindestsatz von 0,05 Cent Stromsteuer je Kilowattstunde. Für Brennöfen, die überwiegend mit Gas feuern, bleibt die Entlastung beim Strom allerdings ein Nebenschauplatz.
Die EU-Liste kritischer Rohstoffe verschafft dem Feldspat Aufmerksamkeit, aber keine Förderziele und keine billigere Energie. Die eigentliche Lobbyschlacht der Keramik dreht sich um Gaspreise und Emissionsrechte.
Wie kommen wir von Feldspat los?

Vollständig löst sich die Keramik nicht vom Feldspat, sie kann ihn aber strecken, ersetzen und mit weniger Energie schmelzen. Am schnellsten gelingt das beim Glas, am langsamsten beim weißen Porzellan.
Der wichtigste Ersatz heißt Nephelinsyenit. Das Gestein enthält mehr Alkalien als Feldspat, schmilzt früher und spart deshalb Brennenergie. Die USA decken ihren Bedarf fast vollständig mit Importen aus Kanada, 99 Prozent kamen laut USGS zwischen 2021 und 2024 von dort.
Beim Glas liegt der größte Hebel im Altglas. Jede Tonne Altglasscherben, die eine Hütte einschmilzt, ersetzt Rohstoffe und senkt den Energiebedarf der Wanne, weil Altglas leichter schmilzt als das Gemenge aus Sand, Soda, Kalk und Feldspat. Der USGS verweist ausdrücklich darauf, dass Recyclingglas den Verbrauch von Feldspat und Nephelinsyenit senkt.
Die Fliesenindustrie arbeitet an beiden Enden. Spanische Hersteller sparten 2023 durch Wiederverwertung und Prozessumstellungen rund 810.000 Tonnen Rohstoffe ein. Beim Energieverbrauch sank 2025 der Gasbedarf je Quadratmeter um fünf Prozent, und rund zwölf Prozent des Stroms stammen inzwischen aus eigenen Photovoltaikanlagen, nach neun Prozent im Vorjahr.
Die härteste Nuss bleibt der Ofen. Walzenöfen für Fliesen und Tunnelöfen für Porzellan laufen im Dauerbetrieb bei 1.200 Grad und mehr, fast immer mit Erdgas. Hersteller in Italien und Spanien erproben Wasserstoffbrenner und elektrische Beheizung in Pilotanlagen, von der Umstellung ganzer Werke ist die Branche jedoch Jahre entfernt.
Anders als beim Kalk, bei dem ein großer Teil des CO₂ aus dem Gestein selbst entweicht, stammen die Emissionen der Fliese überwiegend aus dem Brennstoff. Grüne Hitze würde das Klimaproblem der Keramik also zum großen Teil lösen, nur bezahlbar ist diese Hitze noch nicht. Der Rohstoff selbst muss dafür nicht ersetzt werden, er ist ungiftig und reichlich vorhanden.
Realistisch sortiert sich der Ausstieg aus dem fossilen Brennen so: Das Glas senkt seinen Feldspatbedarf schon heute über Recycling, die Fliese spart über effizientere Rezepturen und Öfen, das Porzellan hängt am längsten an der klassischen Mischung. Für den kompletten Umbau der Brennöfen braucht die Branche eher Jahrzehnte als Jahre.
- Ersatzstoff: Nephelinsyenit schmilzt früher und spart Energie
- Schnellster Hebel: Altglas senkt den Feldspatbedarf der Glashütten
- Langsamster Hebel: klimaneutrale Hitze für die Brennöfen
Was bedeutet die Hormus-Energiekrise für Deutschland?

Für Deutschland bedeutet die Hormus-Krise Preisdruck bei Fliesen, Sanitärkeramik, Geschirr und Glas, weil die Brennöfen in Italien, Spanien und im eigenen Land am Gaspreis hängen. Der Feldspat selbst bleibt verfügbar, teuer wird die Hitze, die ihn schmilzt.
Den Anlass lieferte Confindustria Ceramica am 8. September 2026: Mit einem Gaspreis, der sich über 70 Euro je Megawattstunde festgesetzt hat, kostet Energie für Italiens Keramik etwa doppelt so viel wie vor der Sperrung der Straße von Hormus. Auf der Cersaie in Bologna, die vom 21. bis 25. September mit 597 internationalen Ausstellern läuft, stand der Gaspreis im Mittelpunkt der Eröffnungskonferenz. Fern ist diese Debatte für deutsche Käufer nicht: Italien lieferte 2025 rund 45,5 Millionen Quadratmeter Fliesen nach Deutschland.
Auch Spanien rechnet mit Folgen. Nach einer Schätzung, über die Economía 3 berichtet, summieren sich die Mehrkosten der spanischen Industrie durch den Nahost-Konflikt bis Ende 2026 auf rund 7,4 Milliarden Euro, 70 Prozent davon im vierten Quartal. Die Keramik aus Castellón gehört zu den energieintensivsten Zweigen dieser Industrie.
Für private Bauherren und Renovierer heißt das: Angebote für Bad und Küche können schneller ihre Gültigkeit verlieren, Nachträge wegen gestiegener Materialpreise werden wahrscheinlicher. Sinnvoll ist, Preise und Liefertermine für Fliesen schriftlich zu fixieren, bevor der Handwerker bestellt. Bei feststehender Auswahl spricht wenig dafür, die Bestellung in den Winter zu schieben.
Für Unternehmen reicht die Wirkung weiter. Fliesenleger, Bauträger und Sanitärbetriebe kalkulieren mit Materialpreisen, die sich binnen Wochen verschieben können, und sollten Preisgleitklauseln in ihren Verträgen prüfen. Glasverarbeiter und Getränkeabfüller spüren die Energiekosten der Hütten über ihre Flaschenpreise. Deutsche Porzellan- und Fliesenhersteller in Thüringen, Oberfranken und der Oberpfalz hängen am selben europäischen Gasmarkt wie die Konkurrenz in Sassuolo.
Die Bundesregierung hat mit der dauerhaft gesenkten Stromsteuer für das produzierende Gewerbe ein Instrument geschaffen, das an den gasbeheizten Öfen kaum ankommt. Für den Rohstoff selbst sorgt die EU-Einstufung als kritischer Rohstoff für mehr Aufmerksamkeit, und mit dem Revier in der Oberpfalz besitzt Deutschland eine eigene Förderbasis. Ausreichen werden diese Bausteine nur, falls die Gaspreise wieder fallen.
Für die kommenden Monate zeichnen sich drei Szenarien ab:
- Optimistisch: Die Schifffahrt durch Hormus normalisiert sich bis zum Winter, der Gaspreis fällt deutlich unter 70 Euro je Megawattstunde, und die Fliesenpreise bleiben weitgehend stabil.
- Realistisch: Der Gaspreis verharrt über den Winter um 70 Euro, die spanische Industrie trägt wie prognostiziert den Großteil ihrer Mehrkosten im vierten Quartal, und ein Teil davon landet in den Preislisten für 2027.
- Pessimistisch: Ein kalter Winter trifft auf eine weitere Eskalation am Golf, Preisspitzen beim Gas zwingen energieintensive Werke zu Produktionspausen wie im März in Morbi, und weitere Insolvenzen wie bei Kahla folgen.
Als Unternehmer im Bau- oder Ausbaugewerbe sichern Sie sich am besten früh Liefermengen und Preise für das Frühjahr und halten Alternativen bei Formaten und Herstellern bereit. Als Verbraucher vergleichen Sie gerne Angebote mit festen Preisen, statt auf eine rasche Entspannung zu setzen.
Die Geschichte des Feldspats endet damit dort, wo sie in Meißen begann: bei der Frage, wer das Feuer beherrscht. Böttger suchte ein Flussmittel, um die Schmelztemperatur zu senken, heute braucht Europa bezahlbare Energie, um die Öfen überhaupt wirtschaftlich zu betreiben. Das Mineral liegt in der Türkei, in Indien und in der Oberpfalz bereit, der Engpass heißt Gas.
Deutsche Käufer spüren die Hormus-Krise über Fliesen aus Italien und Spanien sowie über heimische Porzellan- und Glaswerke. Feste Preise und frühe Bestellungen schützen besser als die Hoffnung auf einen schnellen Rückgang der Gaspreise.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zu Feldspat

Albit
Albit ist der natriumreiche Feldspat, in der Industrie auch Natronfeldspat genannt. Das Mineral schmilzt früher und dünnflüssiger als Kalifeldspat und eignet sich deshalb besonders für Fliesenmassen, die bei möglichst niedriger Temperatur dicht brennen sollen. Spanische und italienische Werke beziehen ihn überwiegend aus der Türkei.
Critical Raw Materials Act (CRMA)
Critical Raw Materials Act (CRMA) heißt die EU-Verordnung 2024/1252, die seit dem 23. Mai 2024 gilt. Die Verordnung führt Listen strategischer und kritischer Rohstoffe, verpflichtet zur Beobachtung der Lieferketten und setzt Ausbauziele für strategische Stoffe. Feldspat steht auf der Liste der kritischen, nicht der strategischen Rohstoffe.
Feinsteinzeug
Feinsteinzeug bezeichnet eine besonders dichte Keramik aus fein gemahlenem Ton oder Kaolin, Quarz und Feldspat, die unter hohem Druck gepresst und bei rund 1.200 Grad gebrannt wird. Das Material nimmt weniger als 0,5 Prozent Wasser auf und gilt heute als Standard für Bodenfliesen.
Flussmittel
Flussmittel sind Zusätze, die in einer keramischen Masse oder Glasschmelze die Schmelztemperatur senken. Feldspat übernimmt diese Rolle in Fliese, Porzellan und Glas, weil seine Alkalien früh eine glasige Schmelze bilden. Ohne Flussmittel wären deutlich höhere Brenntemperaturen und damit mehr Energie nötig.
Hartporzellan
Hartporzellan ist die klassische europäische Porzellanart, wie sie Meißen ab den 1720er-Jahren entwickelte. Die Masse besteht etwa zur Hälfte aus Kaolin und je zu einem Viertel aus Quarz und Feldspat und wird bei 1.380 bis 1.450 Grad gebrannt. Das Ergebnis ist dicht, hart und im Gegenlicht durchscheinend.
Kalifeldspat
Kalifeldspat fasst die kaliumreichen Feldspäte Orthoklas und Mikroklin zusammen. Die Schmelze bleibt zäh und stabil, deshalb bevorzugen Porzellanhersteller diese Sorte für formstabile Teller und Tassen. Im Granit fällt Kalifeldspat oft durch rosafarbene Körner auf.
Kaolin
Kaolin ist ein weißer Ton, der überwiegend aus dem Mineral Kaolinit besteht und durch die Verwitterung von Feldspat entsteht. Der Name geht auf den chinesischen Hügel Gaoling zurück. Kaolin liefert Porzellan und hellen Fliesen die weiße Farbe und die Formbarkeit vor dem Brand.
Nephelinsyenit
Nephelinsyenit ist ein feldspatähnliches Tiefengestein mit höherem Alkaligehalt als Feldspat. Das Material schmilzt früher und gilt als wichtigster Ersatzstoff für Feldspat in Glas und Keramik. Die USA importieren das Gestein fast ausschließlich aus Kanada.
Pegmatit
Pegmatit ist ein grobkörniges Gestein, das aus der letzten, an Wasser und Gasen reichen Restschmelze eines Magmas kristallisiert. Feldspatkristalle werden darin besonders groß und rein. Pegmatite zählen deshalb zu den wichtigsten Lagerstätten für hochwertigen Industriefeldspat.
Petuntse
Petuntse nannten europäische Beobachter den feldspathaltigen Porzellanstein, den chinesische Töpfer in Jingdezhen zerkleinerten und mit Kaolin mischten. Der Jesuit François Xavier d’Entrecolles beschrieb die Aufbereitung 1712 in einem Brief, der Europas Porzellanforschung befeuerte.
Plagioklas
Plagioklas bezeichnet die Mischungsreihe zwischen dem natriumreichen Albit und dem calciumreichen Anorthit. Plagioklase stellen den größten Teil der Feldspäte in der Erdkruste und stecken in vielen Gesteinen wie Basalt und Gabbro. Für die Keramik zählen vor allem die natriumreichen Glieder der Reihe.
Walzenofen
Walzenofen heißt der lange Durchlaufofen, in dem Fliesen auf rotierenden Keramikrollen durch die Brennzone laufen. Ein Brand dauert je nach Format weniger als eine Stunde, die Temperatur liegt bei rund 1.200 Grad. Beheizt werden die meisten Walzenöfen mit Erdgas, was die Branche so anfällig für Gaspreise macht.
FAQ: Feldspat macht die Fliese dicht, der Ofen macht sie teuer

Ist Feldspat ein Edelstein?
Die meisten Feldspäte sind unscheinbare Industrieminerale, einige Varietäten gelten aber als Schmucksteine. Mondstein, Labradorit und Amazonit gehören zur Feldspatfamilie. Für Fliesen und Glas zählt dagegen allein die chemische Reinheit, nicht der Glanz.
Warum gilt Feldspat in der EU als kritischer Rohstoff?
Feldspat steht seit dem Critical Raw Materials Act von 2024 auf der EU-Liste kritischer Rohstoffe, weil er wirtschaftlich wichtig ist und die Versorgung an wenigen Lieferländern hängt. Spanien und Italien beziehen große Mengen aus der Türkei. Auf der Liste strategischer Rohstoffe steht Feldspat nicht.
Wie viel Feldspat steckt in einer Fliese?
In hellem Feinsteinzeug macht Feldspat 40 bis 60 Prozent der Masse aus. Bei einer zehn Millimeter starken Platte von rund 23 Kilogramm pro Quadratmeter sind das etwa neun bis 14 Kilogramm. Der Materialwert liegt bei rund einem Euro je Quadratmeter.
Wird in Deutschland Feldspat abgebaut?
Ja, vor allem im Kaolin-Revier Hirschau-Schnaittenbach in der Oberpfalz. Dort gewinnen die Amberger Kaolinwerke und die Firmengruppe Dorfner aus demselben Rohsand Kaolin, Quarz und Feldspat. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe zählt Feldspat zu den wenigen EU-kritischen Rohstoffen aus heimischer Förderung.
Woran erkennt man Feldspat im Granit?
Feldspat zeigt sich im Granit als rosafarbene oder milchig weiße Körner mit glatten, glänzenden Spaltflächen. Die glasig grauen Körner daneben sind Quarz, dunkle Plättchen meist Glimmer. Die ausgeprägte Spaltbarkeit gab dem Mineral den Namensteil Spat.
Kann man Feldspat recyceln?
Direkt zurückgewonnen wird Feldspat kaum, weil er im Ofen schmilzt und fest im Produkt gebunden ist. Glashütten senken ihren Bedarf aber über Altglas, und Fliesenwerke führen Ausschuss in die Masse zurück. Spanische Hersteller sparten so 2023 rund 810.000 Tonnen Rohstoffe ein.
Quellen
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Modena Industria | Gas: prezzi raddoppiati. Confindustria ceramica: „Rischi per la ceramica e per tutta la manifattura nazionale“ | https://www.modenaindustria.it/gas-prezzi-raddoppiati-confindustria-ceramica-rischi-per-la-ceramica-e-per-tutta-la-manifattura-nazionale/ | besucht am 24.09.2026
Ingenio | Industria ceramica: focus su costi energetici ed ETS a Cersaie 2026 | https://www.ingenio-web.it/articoli/cersaie-2026-energia-ets-industria-ceramica/ | besucht am 24.09.2026
1200 Grad | Cersaie 2026: Branche zwischen Energiekrise und Preisdruck | https://www.1200grad.com/cersaie-2026-energiekrise-internationalitaet | besucht am 24.09.2026
Economía 3 | Castellón vuelve a mirar al gas: Ormuz amenaza los costes de la cerámica | https://economia3.com/2026/09/17/761224-castellon-vuelve-a-mirar-al-gas-ormuz-amenaza-los-costes-de-la-ceramica/ | besucht am 24.09.2026
Tile of Spain (ASCER) | Sustainable ceramics | https://tileofspain.com/en/meet-ceramics/sustainable-ceramics/ | besucht am 24.09.2026
Business Today | 550 factories halt production in Morbi: Gas crisis now paralyses India’s Rs 750 bn industry | https://www.businesstoday.in/india/story/550-factories-halt-production-in-morbi-gas-crisis-now-paralyses-indias-rs-750-bn-industry-521488-2026-03-19 | besucht am 24.09.2026
ifo Institut | Materialknappheit in der Industrie steigt sprunghaft an | https://www.ifo.de/fakten/2026-04-30/materialknappheit-der-industrie-steigt-sprunghaft | besucht am 24.09.2026
American Ceramic Society | Tile manufacturers face clay shortages due to war in Ukraine | https://ceramics.org/ceramic-tech-today/video-tile-manufacturers-face-clay-shortages-due-to-war-in-ukraine/ | besucht am 24.09.2026
Floor Daily | Confindustria Ceramica Signs Memorandum with Germany to Increase Clay Imports | https://www.floordaily.net/floorfocus/confindustria-ceramica-signs-memorandum-wgermany-to-i | besucht am 24.09.2026
DergiPark | Dünya ve Türkiye Açısından Feldispat Madenciliği ve Ticareti | https://dergipark.org.tr/en/pub/ketbt/article/1896734 | besucht am 24.09.2026
Gesellschaft Deutscher Chemiker | 300 Jahre Meißener Porzellanmanufaktur (Mitteilungen der Fachgruppe Geschichte der Chemie, Band 21) | https://archiv.gdch.de/fileadmin/downloads/Netzwerk_und_Strukturen/Fachgruppen/Geschichte_der_Chemie/Mitteilungen_Band_21/2010-21-03.pdf | besucht am 24.09.2026
Journal of the European Ceramic Society | Revisiting pyroplastic deformation. Application for porcelain stoneware tile bodies | https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0955221918305934 | besucht am 24.09.2026
Bayerisches Landesamt für Umwelt | Kaolingruben bei Hirschau und Schnaittenbach | https://www.lfu.bayern.de/geologie/bayerns_schoenste_geotope/65/index.htm | besucht am 24.09.2026
Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe | Bericht zur Rohstoffsituation in Deutschland (Pressemitteilung vom 22.12.2025) | https://www.bgr.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/BGR/bgr-2025-12-22_bericht-zur-rohstoffsituation.html | besucht am 24.09.2026
EUR-Lex | Verordnung (EU) 2024/1252 zur Schaffung eines Rahmens zur Gewährleistung einer sicheren und nachhaltigen Versorgung mit kritischen Rohstoffen | https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1252/oj/eng | besucht am 24.09.2026
t-online | Insolvenz: Porzellan-Hersteller Kahla aus Thüringen steht vor dem Aus | https://www.t-online.de/finanzen/aktuelles/wirtschaft/id_101158640/insolvenz-porzellan-hersteller-kahla-aus-thueringen-steht-vor-dem-aus.html | besucht am 24.09.2026
Onetz | Agrob Buchtal meldet Insolvenz in Eigenverwaltung an | https://www.onetz.de/oberpfalz/schwarzenfeld/agrob-buchtal-meldet-insolvenz-eigenverwaltung-id4646928.html | besucht am 24.09.2026
1200 Grad | Die Politik hat die Fliesenindustrie vergessen | https://www.1200grad.com/die-politik-hat-die-fliesenindustrie-vergessen | besucht am 24.09.2026
IHK Ostthüringen | Änderung des Energiesteuer- und Stromsteuergesetzes zum 1. Januar 2026 | https://www.ihk.de/gera/innovation-umwelt/energie/energie-stromsteuer/aenderung-energiesteuer-stromsteuergesetz-6931604 | besucht am 24.09.2026
Staatliche Kunstsammlungen Dresden | Dragonervase (Online Collection) | https://skd-online-collection.skd.museum/Details/Index/123262 | besucht am 24.09.2026
Wien Geschichte Wiki | Claudius Innozenz Du Paquier | https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Claudius_Innozenz_Du_Paquier | besucht am 24.09.2026
Persistence Market Research | Feldspathic Minerals Market Size, Share & Statistics | https://www.persistencemarketresearch.com/market-research/feldspathic-minerals-market-report.asp | besucht am 24.09.2026
Europäische Zentralbank | Euro-Referenzkurse (1 Euro = 1,1411 US-Dollar, 23.09.2026) | https://www.ecb.europa.eu/stats/policy_and_exchange_rates/euro_reference_exchange_rates/ | besucht am 24.09.2026