Artikel teilen

Auf dem Weg zur Arbeit passieren Sie das Werkstor des Zulieferers mit dem Aushang zum Sozialplan und zwei Straßen weiter das Banner, mit dem die Kita Erzieherinnen sucht. Arbeit wäre also da. Im zweiten Quartal 2026 kamen laut Statistischem Bundesamt 187.000 Erwerbstätige in Verwaltung, Erziehung und Gesundheit hinzu, die Industrie verlor 159.000.

Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügen

Knapp drei Millionen Menschen waren im September 2026 arbeitslos gemeldet, rund eine Million Stellen blieben im zweiten Quartal unbesetzt. Hier lesen Sie, ob Deutschland die Arbeit ausgeht oder die Arbeitskräfte, wer die neuen Stellen bezahlt und wie viel Arbeit genug ist.

Auf einen Blick

Das Wichtigste in Kürze

  • Von 2023 bis 2025 entstanden laut IAB 463.000 der 472.000 zusätzlichen Stellen bei öffentlichen Dienstleistern, in Erziehung und Gesundheit. Das Produzierende Gewerbe ohne Bau verlor 152.000 Beschäftigte.
  • Arbeit fehlt nicht: Im zweiten Quartal 2026 waren rund eine Million Stellen offen, bis 2040 erreichen 13,3 Millionen Erwerbspersonen das Rentenalter, 2026 schrumpft das Arbeitskräfteangebot erstmals.
  • Knapp ist die Produktivität: Je Arbeitsstunde wächst die Wertschöpfung seit 2019 um knapp 0,4 Prozent im Jahr, der Sachverständigenrat erwartet bis 2031 nur 0,2 bis 0,3 Prozent Wachstum des Produktionspotenzials.
  • Erwerbstätige in Deutschland arbeiteten 2025 laut OECD 1.332 Stunden, in den USA 1.800. Die Rechnung für Renten, Pflege und Kitas begleicht die Privatwirtschaft, allein die Sozialbeiträge liegen 2026 bei 42,3 Prozent.
Der Dr.-Web-Quizmaster
Wissenstest
Was wissen Sie über Arbeit und Arbeitskräfte?
5 Fragen aus dem Artikel. Wählen Sie Ihre Antwort, dann decken Sie die Lösung auf.
1 Wie viele der 472.000 zusätzlichen Beschäftigten von 2023 bis 2025 entfielen auf öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: C. Laut IAB entstanden 463.000 der 472.000 neuen Stellen in diesen Bereichen. Das Produzierende Gewerbe ohne Bau verlor im selben Zeitraum 152.000 Beschäftigte.
2 Welche Wochenarbeitszeit stellte John Maynard Keynes 1930 seinen Enkeln in Aussicht? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: A. Keynes schlug Schichten von drei Stunden vor, eine Woche mit 15 Arbeitsstunden. Er rechnete mit einem vier- bis achtmal so hohen Lebensstandard.
3 Welcher Anteil der US-Beschäftigten arbeitete 2018 in Tätigkeiten, die 1940 noch nicht existierten? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: B. Ein Team um den MIT-Ökonomen David Autor kam auf rund 60 Prozent. Neue Technik schafft also auch neue Berufe.
4 Wie viele Stunden arbeiteten Erwerbstätige in Deutschland 2025 nach Angaben der OECD im Schnitt? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: A. Deutschland lag 2025 bei 1.332 Stunden, 40 weniger als 2019. Japan kam auf 1.598, die USA auf 1.800 Stunden.
5 Wie viele Erwerbspersonen erreichen in Deutschland bis 2040 das Rentenalter von 67 Jahren? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: C. Das Statistische Bundesamt rechnet mit 13,3 Millionen, 30 Prozent aller Erwerbspersonen.

Wo kommen die Menschen unter, die jetzt entlassen werden?

Notenständer mit „RECHNUNG“-Blatt, „Fällig!“-Notiz und drei Geldstapeln auf hellem Grund
Im zweiten Quartal 2026 wuchsen Beschäftigtenzahlen in Kitas, Kliniken, Pflegeheimen und Ämtern um 187.000, während Industrie, Handel und Unternehmensdienstleister 326.000 Arbeitsplätze verloren

Zum größten Teil in Kitas, Kliniken, Pflegeheimen und Ämtern. Im zweiten Quartal 2026 kamen dort 187.000 Erwerbstätige hinzu, während Industrie, Handel und Unternehmensdienstleister zusammen 326.000 verloren.

Ende Juni 2026 arbeiteten in deutschen Industriebetrieben mit mindestens 50 Beschäftigten 5,29 Millionen Menschen, 144.100 weniger als ein Jahr zuvor, meldet das Statistische Bundesamt. Die Autoindustrie zählte mit 691.500 Beschäftigten so wenige wie zuletzt 2005, bei den Herstellern von Kfz-Teilen sank die Zahl binnen eines Jahres um 7,6 Prozent, im Maschinenbau um 2,7 Prozent auf 905.900. Seit 2019 hat die deutsche Industrie nach Berechnungen der Prüfungsgesellschaft EY rund 341.500 Stellen abgebaut.

Volkswagen streicht bis 2030 mehr als 35.000 Stellen in Deutschland, Bosch rund 13.000 in der Sparte Mobility, ZF bis 2028 bis zu 14.000 und Thyssenkrupp Steel durch Abbau und Ausgliederung 11.000.

Insgesamt zählte Destatis im August 2026 rund 45,4 Millionen Erwerbstätige, 235.000 weniger als ein Jahr zuvor. Die Bundesagentur für Arbeit meldete im September 2.994.000 Arbeitslose, eine Quote von 6,4 Prozent und 40.000 mehr als im Vorjahr.

Vor allem Vollzeitstellen gehen verloren. Ihre Zahl sank im zweiten Quartal 2026 laut IAB um 0,9 Prozent, die Teilzeitquote stieg auf einen Rekordwert.

Ein Teil der Entlassenen wechselt direkt den Arbeitgeber. Der Rüstungselektroniker Hensoldt vereinbarte im März 2026 mit dem Autozulieferer Aumovio, der früheren Autosparte von Continental, bis zu rund 600 Beschäftigte in Ulm, Lindau und Markdorf zu übernehmen.

Im sächsischen Görlitz übernimmt der Panzerbauer KNDS das Alstom-Werk für Doppelstockwagen und etwa die Hälfte der rund 700 Beschäftigten, die dort künftig Schweißbaugruppen für Leopard 2, Boxer und Puma fertigen.

Solche Wechsel betreffen Hunderte, die Abbauprogramme Zehntausende. Was eine Region verliert, sobald kein neuer Arbeitgeber einspringt, zeigt die Rechnung zur Werksschließung und ihren Folgen.

Arbeit für alle auf einen Blick
Arbeitslose, offene Stellen und Demografie, darunter die Veränderung der Erwerbstätigen im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahresquartal.
2,99 Mio.
Arbeitslose im September 2026, Quote 6,4 Prozent
1,02 Mio.
offene Stellen im zweiten Quartal 2026
13,3 Mio.
Erwerbspersonen erreichen bis 2040 das Rentenalter
−74.000
Arbeitskräfteangebot 2026, der erste Rückgang
Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit
+187.000
plus 1,5 Prozent
Produzierendes Gewerbe ohne Bau
−159.000
minus 2,0 Prozent
Handel, Verkehr, Gastgewerbe
−115.000
minus 1,1 Prozent
Unternehmensdienstleister
−52.000
minus 0,8 Prozent
Information und Kommunikation
−24.000
minus 1,5 Prozent
Bau
−17.000
minus 0,7 Prozent

Dunkler Balken: Zuwachs, heller Balken: Rückgang. Insgesamt sank die Zahl der Erwerbstätigen um 212.000 auf 45,7 Millionen.

Geht uns die Arbeit aus?

Ein kleiner Roboterarm beschriftet eine Stempelkarte im Prospekthalter vor weißem Hintergrund
Keynes beschrieb 1930 die technologische Arbeitslosigkeit: Technik spart Arbeit schneller ein, als neue Arbeit entsteht.

Die Sorge beschäftigte Ökonomen schon 1930, eingetreten ist sie bisher nicht. Neu ist, dass die künstliche Intelligenz erstmals Büroarbeit im großen Stil übernehmen könnte, also genau die Stellen, die bisher als sicher galten.

In seinem Essay „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“ beschrieb der britische Ökonom John Maynard Keynes 1930 die technologische Arbeitslosigkeit: Maschinen sparen Arbeit schneller ein, als die Wirtschaft neue Arbeit für die frei gewordenen Arbeitskräfte findet.

Keynes rechnete damit, dass der Lebensstandard in hundert Jahren vier- bis achtmal so hoch liegen würde. Für die Enkel schlug er deshalb Schichten von drei Stunden vor, eine Woche mit 15 Arbeitsstunden.

Der Internationale Währungsfonds schätzte im Januar 2024, dass fast 40 Prozent aller Arbeitsplätze weltweit von KI betroffen sind, in Industrieländern rund 60 Prozent.

Die Ökonomen von Goldman Sachs kamen 2023 auf Arbeit im Umfang von 300 Millionen Vollzeitstellen, die automatisiert werden könnte.

Noch schärfer äußerte sich Dario Amodei, Chef des KI-Entwicklers Anthropic, im Mai 2025. KI könne binnen ein bis fünf Jahren die Hälfte der Einstiegsjobs im Büro überflüssig machen und die Arbeitslosigkeit in den USA auf 10 bis 20 Prozent treiben, sagte Amodei nach einem Bericht von Business Insider.

Für Deutschland ist die Warnung nicht abstrakt. Wie die Maschine zuerst Sachbearbeitung und Backoffice erreicht, zeigt unsere Analyse zum KI-Tsunami in den Bürojobs.

Auf den Punkt

Die Angst vor dem Ende der Arbeit stützt sich auf Schätzungen, welche Aufgaben Maschinen übernehmen könnten. Wie viele Stellen am Ende wegfallen, beziffern IWF und Goldman Sachs nicht.

Oder gehen uns die Arbeitskräfte aus?

Sanduhr mit Spielkegeln: Letzte Runde. Weiß
Bis 2040 erreichen 13,3 Millionen Erwerbspersonen das Rentenalter, 30 Prozent aller Erwerbspersonen.

Die Gegenseite hält die Angst vor dem Ende der Arbeit für einen Denkfehler. In Deutschland kommt die Demografie hinzu: 2026 schrumpft das Arbeitskräfteangebot zum ersten Mal.

Ökonomen nennen den Denkfehler Lump-of-Labour-Trugschluss: die Annahme, eine Volkswirtschaft habe eine feste Menge Arbeit, die sich nur verteilen lässt. Der Begriff gilt als Prägung des britischen Ökonomen David Schloss aus dem Jahr 1891.

Ein Team um den MIT-Ökonomen David Autor hat die amerikanischen Berufsbezeichnungen seit 1940 ausgewertet. Rund 60 Prozent der Beschäftigten arbeiteten 2018 in Tätigkeiten, die 1940 noch nicht existierten.

Um 1900 arbeiteten 41 Prozent der US-Beschäftigten in der Landwirtschaft, im Jahr 2000 noch 2 Prozent. Von 1995 bis 2010 stieg die Zahl der Geldautomaten in den USA von rund 100.000 auf 400.000, die Zahl der Bankkassierer wuchs trotzdem leicht.

Keynes selbst nannte die technologische Arbeitslosigkeit übrigens „nur eine vorübergehende Phase gestörter Anpassung“.

Bis 2040 erreichen 13,3 Millionen Erwerbspersonen das Rentenalter von 67 Jahren, 30 Prozent aller Erwerbspersonen, rechnet das Statistische Bundesamt vor. Die Zahl der Menschen zwischen 20 und 66 Jahren, 2024 noch 51,2 Millionen, sinkt bis 2035 je nach Zuwanderung um 3,2 bis 4,9 Millionen.

Ohne Zuwanderung fehlten 6,2 Millionen. Um den Verlust abzufangen, müssten bis 2035 per Saldo jedes Jahr etwa 570.000 Menschen im Erwerbsalter nach Deutschland ziehen.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) beziffert den Effekt für dieses Jahr. Allein durch die Alterung verliert der Arbeitsmarkt 2026 rund 470.000 Arbeitskräfte, Zuwanderung und höhere Erwerbsbeteiligung gleichen das nur zum Teil aus. Unter dem Strich schrumpft das Erwerbspersonenpotenzial erstmals, um 74.000 Menschen.

Schon heute hängen Pflege, Bau und Logistik an Zugewanderten. Unser Gedankenexperiment rechnet vor, wer in Deutschland ohne Ausländer pflegt, putzt und baut.

Auf den Punkt
  • Geschichte: 60 Prozent der US-Jobs von 2018 entstanden in Tätigkeiten, die 1940 noch nicht existierten
  • Rente: 13,3 Millionen Erwerbspersonen erreichen bis 2040 das Rentenalter
  • Angebot: 2026 sinkt das Erwerbspersonenpotenzial erstmals, um 74.000 Menschen

Wer hat die besseren Belege?

Waage mit „Prognose“ (links) und „Tatsachen“ (orangefarbene Kegel rechts) im Gleichgewicht
Auf 100 offene Stellen kamen im zweiten Quartal 2026 laut IAB 291 Arbeitslose.

Für Deutschland die Seite, die vor fehlenden Arbeitskräften warnt. Die KI-Schätzungen beschreiben Aufgaben, die Maschinen übernehmen könnten, die Demografie zählt Menschen, die sicher in Rente gehen.

BefundWertStandQuelle
Arbeitslose2.994.000, Quote 6,4 %September 2026Bundesagentur für Arbeit
Offene Stellenrund 1,02 Mio.2. Quartal 2026IAB-Stellenerhebung
Arbeitslose je 100 offene Stellen2912. Quartal 2026IAB
Engpassberufe1572025Bundesagentur für Arbeit
Erwerbspersonenpotenzialminus 74.000, erstmalsPrognose 2026IAB
Erwerbspersonen, die das Rentenalter erreichen13,3 Mio.bis 2040Statistisches Bundesamt
Menschen von 20 bis 66 Jahrenminus 3,2 bis 4,9 Mio.2024 bis 2035Statistisches Bundesamt
Weltweite Jobs mit KI-Bezugfast 40 %, Industrieländer rund 60 %Januar 2024IWF
US-Jobs in Tätigkeiten, die 1940 nicht existiertenrund 60 %2018Autor u. a.
Was für fehlende Arbeitskräfte spricht und was für fehlende Arbeit. Quellen: Bundesagentur für Arbeit, IAB, Statistisches Bundesamt, IWF, Autor, Chin, Salomons und Seegmiller (NBER).

Die Zahlen der KI-Warner messen etwas anderes, als die Schlagzeilen nahelegen. „Betroffen“ heißt beim IWF wie bei Goldman Sachs, dass ein Teil der Aufgaben eines Berufs automatisierbar ist. Wie viele Stellen am Ende wegfallen, sagt der Wert nicht. Goldman Sachs erwartet in derselben Studie sogar ein Plus von 7 Prozent beim weltweiten Bruttoinlandsprodukt binnen zehn Jahren.

Ein Befund passt allerdings nicht ins Bild vom leer gefegten Arbeitsmarkt. Auf 100 offene Stellen kamen im zweiten Quartal 2026 laut IAB 291 Arbeitslose. Die Stellen sind dort offen, wo die Entlassenen nicht herkommen. Unter den 157 Engpassberufen des Jahres 2025 führt die Bundesagentur für Arbeit vor allem Pflege und Gesundheit, Bau und Handwerk, Berufskraftfahrer und Erzieher. Softwareentwicklung und IT-Vertrieb stehen nicht mehr auf der Liste.

Auf den Punkt

Arbeitskräfte werden knapp, Arbeit nicht. Bei 291 Arbeitslosen je 100 offenen Stellen passen Qualifikation und Ort allerdings oft nicht zusammen.

Wo entstehen die neuen Jobs, und wer bezahlt sie?

Kanne gießt Pflanzen und Fabrikmodell, die alle in Töpfen sind
Von 2023 bis 2025 entstanden 463.000 von 472.000 neuen Stellen in Verwaltung, Erziehung und Gesundheit.

Fast nur dort, wo Steuern und Sozialbeiträge die Gehälter zahlen. Von 2023 bis 2025 entfielen nach Daten des IAB 463.000 der 472.000 zusätzlichen Beschäftigten auf öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit.

Der Rest der Wirtschaft trat in diesen drei Jahren auf der Stelle. Das Produzierende Gewerbe ohne Bau verlor 152.000 Beschäftigte, die Unternehmensdienstleister wuchsen 2023 noch und schrumpften 2024 und 2025. Für 2026 erwartet das IAB in Verwaltung, Erziehung und Gesundheit erneut 170.000 Beschäftigte mehr, in der Industrie 155.000 weniger.

Im öffentlichen Dienst selbst arbeiteten zum 30. Juni 2025 nach Destatis 5.475.100 Menschen, so viele wie nie. Zehn Jahre zuvor zählte das Amt 4.645.500. In einem Jahrzehnt kamen also 829.600 Stellen hinzu, ein Plus von 17,9 Prozent.

Die Nürnberger Forscher nennen die Gründe: den Ausbau der Kitas und die Alterung, die mehr Pflege und mehr Medizin verlangt. 2026 kommen nach ihrer Prognose rund 20.000 Beamte hinzu, etwa für Verteidigung und Grenzschutz.

Für diese Stellen spricht ein Argument, das in keiner Statistik über Industriejobs auftaucht. Eine Kita entlastet Eltern, die dadurch mehr arbeiten können, eine Pflegekraft versorgt Menschen, deren Kinder sonst zu Hause blieben. Der Bedarf ist echt, die Arbeit ebenfalls.

Bezahlt wird diese Arbeit aber aus einer anderen Kasse als ein Industrielohn. Ein Zulieferer bezahlt seine Leute aus den Erlösen von Kunden, die freiwillig kaufen, viele davon im Ausland. Eine Kita, eine Behörde und zum großen Teil auch eine Klinik bezahlen ihre Leute aus Steuern und Sozialbeiträgen, der Staat zusätzlich aus Krediten. Das Geld dafür haben vorher Betriebe und Beschäftigte der Privatwirtschaft erwirtschaftet, die ihre Erlöse am Markt verdienen. Die neuen Stellen geben dieses Geld aus, sie verdienen keines hinzu.

2025 zahlte der deutsche Staat seinen Beschäftigten nach Destatis 383,8 Milliarden Euro Arbeitnehmerentgelt. Die Staatsausgaben erreichten laut Eurostat 50,1 Prozent der Wirtschaftsleistung, 2019 lag die Quote bei 45,3 Prozent. Wie viel das Wachstum dieses Jahres der Staatskasse verdankt, zeigt unsere Auswertung der Herbstprognose 2026 mit 210.000 Erwerbstätigen weniger.

Wer gewinnt, wer zahlt
Die neuen Stellen entstehen fast nur dort, wo Steuern und Beiträge die Gehälter zahlen. Das Geld dafür erwirtschaftet die Privatwirtschaft.
Gewinner
+463.000
Stellen in Verwaltung, Erziehung und Gesundheit von 2023 bis 2025
+829.600
Beschäftigte im öffentlichen Dienst von 2015 bis 2025
1.600
geplante Einstellungen bei Hensoldt im Jahr 2026
Zahler
42,3 %
Sozialbeiträge auf jeden Bruttolohn im Jahr 2026
383,8 Mrd. €
Personalkosten des Staates im Jahr 2025
33 → 47
Menschen ab 67 je 100 Erwerbsfähige im Jahr 2024, bis 2038 je nach Variante bis zu 47

Stellenzuwachs nach IAB-Prognose vom September 2026, Personalstand des öffentlichen Dienstes jeweils zum 30. Juni. Personalkosten als Arbeitnehmerentgelt des Staates.

Auf der Zahlerseite stehen Beschäftigte und Betriebe der Privatwirtschaft. Von jedem Bruttolohn gehen 2026 zusammen 42,3 Prozent an Kranken-, Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung, je zur Hälfte von Arbeitgeber und Arbeitnehmer bezahlt, dazu kommen Lohn- und Unternehmenssteuern. Den Rest übernehmen künftige Steuerzahler über die Kredite.

Ob 100.000 neue Staatsstellen 100.000 verlorene Industriejobs ersetzen, hat Dr. Web nachgerechnet. Das Ergebnis lautet: Ein Staatsjob ersetzt keinen Industriejob, weil er Geld ausgibt, das der Industriejob verdient hat.

Deutschland stellt ein, aber fast nur auf Rechnung der Steuer- und Beitragszahler: 463.000 von 472.000 neuen Stellen seit 2023.

Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Zitat teilen
Auf den Punkt
  • Gewinner: Beschäftigte in Kita, Pflege und Verwaltung mit 463.000 neuen Stellen von 2023 bis 2025
  • Zahler: Beschäftigte und Betriebe der Privatwirtschaft mit 42,3 Prozent Sozialbeiträgen
  • Staat: 383,8 Milliarden Euro Personalkosten im Jahr 2025, Staatsquote 50,1 Prozent

Warum entscheidet die Produktivität über die Rechnung?

Stoppuhr und kleine Rakete neben Schild mit „GROSSPROJEKT“
Je Arbeitsstunde wächst die Wertschöpfung in Deutschland seit 2019 um knapp 0,4 Prozent im Jahr.

Nur mehr Wert je Arbeitsstunde bezahlt mehr Pflege, Kitas und Renten, ohne dass alle länger arbeiten müssen. Genau dieser Wert wächst in Deutschland nur noch langsam: seit 2019 um knapp 0,4 Prozent im Jahr.

Je Erwerbstätigenstunde sank die Arbeitsproduktivität nach Destatis-Daten 2023 um 1,2 Prozent und 2024 um 0,3 Prozent. 2025 stieg sie um 1,1 Prozent. Über die sechs Jahre seit 2019 summiert sich das auf rund 2,3 Prozent.

Im Vergleich fällt die Bilanz noch schwächer aus. Nach Berechnungen der OECD stieg die reale Produktivität je Stunde von 2019 bis 2025 in Deutschland um 1,6 Prozent, in den USA um 11,8 Prozent.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung rechnet in seinem Frühjahrsgutachten 2026 vor, was das für die Zukunft bedeutet. Das Produktionspotenzial, also die Wirtschaftsleistung bei normal ausgelasteten Fabriken und Büros, wächst 2026 um 0,5 Prozent, 2027 um 0,3 Prozent und bis 2031 nur noch um 0,2 bis 0,3 Prozent im Jahr. Von 1970 bis 1990 wuchs das Potenzial um rund 2,5 Prozent im Jahr, seit 2010 im Schnitt um 0,9 Prozent. Bei 0,2 Prozent im Jahr bräuchte die deutsche Wirtschaftsleistung rechnerisch knapp 350 Jahre, um sich zu verdoppeln.

Das Arbeitsvolumen, also die Summe aller geleisteten Stunden, lag im zweiten Quartal 2026 bei 14,4 Milliarden Stunden, 0,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Ab 2027 bremst das schrumpfende Arbeitsvolumen das Wachstum laut Gutachten um rund 0,3 Prozentpunkte im Jahr. Der technische Fortschritt im weiteren Sinn, die totale Faktorproduktivität, steuert nur etwa 0,2 Prozentpunkte bei.

Der Ökonom William Baumol beschrieb 1967, dass arbeitsintensive Dienstleistungen wie Pflege und Unterricht kaum produktiver werden, ihre Löhne aber mit der übrigen Wirtschaft steigen. Wandern Beschäftigte aus der Industrie in solche Bereiche, sinkt das Produktivitätswachstum im Durchschnitt, selbst wenn jede einzelne Pflegekraft hervorragend arbeitet.

Befürworter staatlicher Stellen halten dagegen, die Statistik unterschätze den öffentlichen Dienst. Staatliche Leistungen ohne Marktpreis bewerten die Statistiker zu ihren Kosten, ein besser organisiertes Amt erscheint deshalb nie als produktiver. Das britische Statistikamt hat 2025 einen Bericht dazu vorgelegt, wie sich die Produktivität öffentlicher Dienste besser messen lässt. Für die Rechnung ändert die Messfrage wenig: Gehälter, Renten und Kredite werden in Euro bezahlt, nicht in besserer Statistik.

Auf den Punkt

Mehr Leistungen ohne mehr Stunden bezahlt nur eine höhere Produktivität. Der Sachverständigenrat erwartet bis 2031 aber nur 0,2 bis 0,3 Prozent Potenzialwachstum im Jahr.

Wie viel Arbeit ist genug?

Wochenplaner-Block und Mini-Hängematte aus Stiften mit „PAUSE“-Schild auf weißem Grund
Vollzeitkräfte wünschen sich laut IAB rund sechs Stunden weniger je Woche, als sie tatsächlich arbeiten.

So viel, wie die bestellten Leistungen kosten. Deutsche Erwerbstätige arbeiteten 2025 laut OECD im Schnitt 1.332 Stunden, 40 weniger als 2019 und weniger als in jedem anderen Land unseres Vergleichs.

Ein Grund ist die Teilzeit. Nach Eurostat arbeiteten 2025 in Deutschland 29,4 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 15 und 64 Jahren in Teilzeit, unter Frauen 48,6 Prozent, unter Männern 12,2 Prozent. In der EU lag der Anteil bei 17,7 Prozent, in den Niederlanden bei 42,7 Prozent. Das IAB, das auch Minijobs zählt, kam im zweiten Quartal 2026 auf den Rekordwert von 40,3 Prozent.

Viele Beschäftigte wollen weniger arbeiten, nicht mehr. Vollzeitbeschäftigte Frauen wünschten sich 2021 im Schnitt 34,7 Wochenstunden, 6,2 weniger als tatsächlich, Männer 36,8 Stunden, 5,5 weniger, wie ein Forschungsbericht des IAB zeigt. Die Wünsche sind nach Einschätzung der IAB-Autorinnen über Jahrzehnte bemerkenswert stabil geblieben.

Ein Feldversuch der Universität Münster mit 45 Organisationen testete 2024 sechs Monate lang die Vier-Tage-Woche. Die Lebenszufriedenheit der Beschäftigten stieg deutlich, Umsatz und Gewinn stiegen leicht, aber statistisch nicht signifikant. Mehr als 70 Prozent der Organisationen wollten weitermachen.

Die private Rechnung geht damit für viele auf. Weniger Stunden kosten Einkommen, bringen aber Zeit. Diese Entscheidung liegt beim Einzelnen. Wo die Grenze für ein gutes Leben liegt, fragt unser Essay Wann ist genug wirklich genug?

Die gemeinsame Rechnung schrumpft dagegen nicht mit. Auf 100 Menschen zwischen 20 und 66 Jahren kamen 2024 nach Destatis 33 Menschen ab 67, bis 2038 steigt der Wert auf 43 bis 47. Jede Stunde, die nicht gearbeitet wird, fehlt bei Renten, Pflege und Kitas, solange die Produktivität sie nicht ausgleicht.

Keynes hätte die Lage vermutlich mit Genugtuung betrachtet. Seine Enkel könnten sich weniger Arbeit leisten, solange sie nicht zugleich mehr bestellen.

Auf den Punkt

Weniger zu arbeiten ist eine private Entscheidung, die sich viele leisten können. Die gemeinsame Rechnung wächst trotzdem: Der Altenquotient steigt bis 2038 von 33 auf bis zu 47.

Was machen andere Länder anders?

Fünf weiße Karteikartenstapel und ein oranger Stapel mit „Urlaub!“-Fähnchen vor weißem Grund
Erwerbstätige in den USA arbeiten 1.800 Stunden im Jahr, in Deutschland 1.332.

In den Niederlanden und der Schweiz arbeiten mehr Menschen, und sie arbeiten zugleich mehr Stunden je Kopf. Erwerbstätige in den USA arbeiten 468 Stunden mehr im Jahr als in Deutschland. Die US-Wirtschaft steigerte ihre Stundenproduktivität seit 2019 siebenmal so stark wie die deutsche.

Bei der Erwerbstätigenquote liegt Deutschland gut. 81,1 Prozent der 20- bis 64-Jährigen waren 2025 laut Eurostat erwerbstätig, im EU-Schnitt 76,1 Prozent. Vorn liegen die Niederlande mit 83,4 Prozent, die Schweiz mit 82,4 Prozent und Schweden mit 81,8 Prozent.

Bei den Stunden je Erwerbstätigen fällt Deutschland zurück. Die OECD zählte 2025 in Schweden 1.421 Stunden, in den Niederlanden 1.436, in der Schweiz 1.512, in Japan 1.598 und in den USA 1.800. Die Organisation weist selbst darauf hin, dass die Reihe für Trends taugt und weniger für einen genauen Vergleich der Niveaus.

Die Niederlande haben eine noch höhere Teilzeitquote als Deutschland und kommen trotzdem auf 104 Stunden mehr je Erwerbstätigen.

Bei der kaufkraftbereinigten Stundenproduktivität lag Deutschland 2025 laut OECD fast gleichauf mit den USA und den Niederlanden. Der Abstand entsteht im Tempo. Die Stundenproduktivität der USA stieg seit 2019 um 11,8 Prozent, die deutsche um 1,6 Prozent. Deutsche Erwerbstätige arbeiten zudem 40 Stunden weniger im Jahr als 2019.

Wie viel andere Länder arbeiten
Jährliche Arbeitsstunden je Erwerbstätigen im Jahr 2025, dazu Erwerbstätigenquote der 20- bis 64-Jährigen und Produktivität.
USA
1.800
Produktivität je Stunde seit 2019 plus 11,8 Prozent
Japan
1.598
Schweiz
1.512
Erwerbstätigenquote 82,4 Prozent
Niederlande
1.436
Erwerbstätigenquote 83,4 Prozent
Schweden
1.421
Erwerbstätigenquote 81,8 Prozent
Deutschland
1.332
Erwerbstätigenquote 81,1 Prozent, Produktivität seit 2019 plus 1,6 Prozent
−40 Std.
arbeiteten Erwerbstätige in Deutschland 2025 weniger als 2019
100 : 102
kaufkraftbereinigte Produktivität je Stunde 2025, Deutschland zu USA
29,4 %
Teilzeitquote in Deutschland 2025, Niederlande 42,7 Prozent

Die OECD empfiehlt die Stundenreihe für Trends, nicht für einen genauen Vergleich der Niveaus. Produktivität real in Landeswährung, kaufkraftbereinigtes Niveau als Index (Deutschland = 100).

Wo geht die Rechnung nicht auf?

Ein weißer Taschenrechner mit der Anzeige FEHLER und ein Beleg liegen auf weißem Grund
Von den Arbeitslosen ab 55 findet binnen eines Monats nur jeder 37. eine Stelle.

Auf beiden Seiten. Die Optimisten unterschätzen, wie schwer der Wechsel vom Band in die Pflege fällt. Die Warner vor dem Ende der Arbeit übersehen die Demografie.

Ein Monteur aus der Getriebefertigung wird nicht über Nacht zur Pflegefachkraft, und eine Ingenieurin aus der Motorenentwicklung nicht zur Erzieherin. Die Pflege wächst längst vor allem durch Zuwanderung: Gegenüber Juni 2024 arbeiteten dort 46.000 Menschen mit ausländischem Pass mehr, aber 5.000 Deutsche weniger, meldet die Bundesagentur für Arbeit.

Auch die neuen Industriejobs haben einen Haken. Die Kunden von Hensoldt und KNDS sind Armeen. Bestellt die Bundeswehr, zahlen deutsche Steuerzahler; kommt der Auftrag aus dem Ausland, fließt fremdes Geld ins Land wie bei jedem anderen Export.

Die KI-Warner unterschätzen ihrerseits, wie schnell die Zahl der Menschen im Erwerbsalter sinkt. Selbst wenn Maschinen Millionen Bürostunden übernehmen, fehlen bis 2035 je nach Zuwanderung 3,2 bis 4,9 Millionen Menschen zwischen 20 und 66 Jahren. Eine KI, die Sachbearbeitung erledigt, schließt eine Lücke, die ohnehin entsteht.

Fallen Bürojobs schneller weg, als Ältere umlernen können, entstehen Verlierer, auch wenn die Gesamtrechnung aufgeht. Von den Arbeitslosen ab 55 Jahren fand im September 2026 laut Bundesagentur binnen eines Monats nur 2,69 Prozent eine Stelle, bei den 25- bis 54-Jährigen 6,26 Prozent.

Auf den Punkt
  • Umschulung: Vom Band in die Pflege wechselt kaum jemand über Nacht
  • Rüstung: Aufträge der Bundeswehr bezahlen ebenfalls die Steuerzahler
  • Demografie: bis 2035 je nach Zuwanderung 3,2 bis 4,9 Millionen weniger Menschen im Erwerbsalter
  • Ältere: 2,69 Prozent Chance je Monat auf eine Stelle, Jüngere 6,26 Prozent

Was heißt das für Ihren Betrieb?

Ein geschlossenes, weißes Gittertor mit der Beschriftung „Tor 1“ und einem orangefarbenen Schlüssel
Fachkräfte aus Abbauprogrammen gehören zur schnellsten Reserve für Betriebe, die einstellen.

Arbeitskraft bleibt auf Jahre knapp und teuer, auch wenn die Arbeitslosigkeit steigt. Betriebe, die jetzt Fachkräfte aus Abbauprogrammen übernehmen und in Produktivität investieren, sichern sich den knappsten Faktor.

Vier Hebel liegen nahe:

  • Übernahme statt Ausschreibung: Wie Hensoldt bei Aumovio lassen sich ganze Teams aus Sozialplänen übernehmen, bevor die Kündigungsfristen ablaufen.
  • Automatisieren, was knapp ist: Jede Stunde, die eine Maschine oder Software übernimmt, macht eine Fachkraft für Aufgaben frei, die niemand sonst erledigt.
  • Wochenstunden aufstocken: Teilzeitkräften mehr Wochenstunden anzubieten, gewinnt Arbeitszeit schneller, als eine neue Stelle besetzt ist.
  • Abgaben einpreisen: Mit 42,3 Prozent Sozialbeiträgen zahlt der Betrieb auf jeden Bruttolohn rund ein Fünftel obendrauf.

Für Selbstständige und Gründer gilt dieselbe Rechnung von der anderen Seite. Ein Geschäftsmodell mit wenig Personal macht unabhängig vom knappsten Gut des kommenden Jahrzehnts.

Auf den Punkt

Fachkräfte aus Abbauprogrammen sind die schnellste Reserve. Jede Stunde, die eine Maschine übernimmt, senkt die Abhängigkeit vom knappsten Faktor.

Was folgt aus der Streitfrage?

Bon, orangefarbener Aufkleber mit der Aufschrift „TEUER!“, orangefarbener Kugelschreiber
Pflege, Kitas, Renten und Bundeswehr bezahlen am Ende die Beschäftigten der Privatwirtschaft.

Dass Deutschland die Arbeit ausgeht, geben die Zahlen nicht her. Knapp werden die Menschen und Stunden, die mehr erwirtschaften, als sie kosten.

Unsere Einordnung: Arbeit für alle bleibt in Deutschland auf absehbare Zeit vorhanden. Rund eine Million Stellen sind offen, bis 2040 gehen 13,3 Millionen Erwerbspersonen in Rente. Knapp wird produktive Arbeit, also Arbeit, für die jemand freiwillig bezahlt und die mehr erwirtschaftet, als sie kostet. Dass fast alle neuen Stellen der vergangenen drei Jahre in Bereichen entstanden, die aus Steuern und Beiträgen leben, löst das Problem nicht, sondern vergrößert die Rechnung. Eine Erzieherin leistet wertvolle Arbeit, ihr Gehalt bezahlen trotzdem andere, und jede zusätzliche Stelle dieser Art braucht eine Stelle in der Privatwirtschaft, die genug abwirft.

Pflege, Kitas, Renten und eine größere Bundeswehr sind politisch bestellt. Die Rechnung begleichen die Menschen, die in der Privatwirtschaft arbeiten, jetzt über Abgaben oder später über Schulden.

Den Ausweg zeigen keine neuen Programme, sondern die Preise. Steigende Löhne melden, wo Leute fehlen, und dorthin wechseln Menschen, sobald Abgaben, Regeln und Anerkennungsverfahren den Wechsel nicht verteuern. Die Frage nach der Arbeit für alle beantwortet am Ende eine alte Regel: Wer die Musik bestellt, muss sie auch bezahlen.

Glossar: 14 wichtige Fachbegriffe zu Arbeit, Demografie und Produktivität

Geöffnetes Buch mit grauen Streifen und eingelegter orangefarbener „FLEISSKARTE“
Vom Altenquotienten bis zur totalen Faktorproduktivität: die wichtigsten Begriffe zum Thema.

Altenquotient

Altenquotient heißt die Zahl der Menschen ab 67 Jahren je 100 Menschen im Alter von 20 bis 66. Das Statistische Bundesamt nennt für 2024 einen Wert von 33, bis 2038 steigt er auf 43 bis 47. Der Quotient zeigt, wie viele Erwerbsfähige rechnerisch für einen Rentner aufkommen.

Arbeitsproduktivität

Arbeitsproduktivität misst die Wirtschaftsleistung je Erwerbstätigen oder je geleisteter Arbeitsstunde. Die Stundenproduktivität bereinigt den Effekt von Teilzeit. In Deutschland wuchs sie von 2019 bis 2025 um rund 2,3 Prozent, knapp 0,4 Prozent im Jahr.

Arbeitsvolumen

Arbeitsvolumen bezeichnet die Summe aller in einer Volkswirtschaft geleisteten Arbeitsstunden. Das Statistische Bundesamt nennt für das zweite Quartal 2026 einen Wert von 14,4 Milliarden Stunden. Das Volumen sinkt, sobald weniger Menschen arbeiten oder die Arbeitszeit je Kopf zurückgeht.

Baumol’sche Kostenkrankheit

Baumol’sche Kostenkrankheit beschreibt eine Beobachtung des Ökonomen William Baumol von 1967. Arbeitsintensive Dienstleistungen wie Pflege oder Unterricht werden kaum produktiver, ihre Löhne folgen aber dem allgemeinen Niveau. Diese Leistungen verteuern sich deshalb im Vergleich zu Industriegütern immer weiter.

Engpassberuf

Engpassberuf nennt die Bundesagentur für Arbeit einen Beruf, in dem offene Stellen lange unbesetzt bleiben und auf jede Stelle wenige Arbeitslose kommen. 2025 zählte die Behörde 157 solcher Berufe, vor allem in Pflege, Gesundheit, Bau, Handwerk und Erziehung.

Erwerbspersonenpotenzial

Erwerbspersonenpotenzial umfasst alle Menschen, die arbeiten oder arbeiten könnten: Erwerbstätige, Arbeitslose und die sogenannte Stille Reserve. Nach der Prognose des IAB sinkt der Wert 2026 zum ersten Mal, um 74.000 Menschen, weil mehr Ältere in Rente gehen als Junge nachrücken.

Erwerbstätigenquote

Erwerbstätigenquote gibt an, welcher Anteil einer Altersgruppe erwerbstätig ist, auch mit wenigen Stunden. Eurostat nennt für Deutschland 2025 bei den 20- bis 64-Jährigen 81,1 Prozent, für die EU 76,1 Prozent. Über die Stunden je Kopf sagt die Quote nichts.

Lump-of-Labour-Trugschluss

Lump-of-Labour-Trugschluss nennen Ökonomen die Annahme, eine Volkswirtschaft habe eine feste Menge an Arbeit, die sich nur verteilen lässt. Daraus folgt der Fehlschluss, jede Maschine oder jeder zusätzliche Arbeitnehmer nehme anderen Arbeit weg. Der Begriff gilt als Prägung von David Schloss aus dem Jahr 1891.

Produktionspotenzial

Produktionspotenzial bezeichnet die Wirtschaftsleistung, die eine Volkswirtschaft bei normaler Auslastung von Arbeitskräften und Maschinen erbringen kann. Der Sachverständigenrat erwartet für Deutschland bis 2031 nur noch 0,2 bis 0,3 Prozent Wachstum im Jahr, von 1970 bis 1990 waren 2,5 Prozent üblich.

Sozialversicherungsbeiträge

Sozialversicherungsbeiträge zahlen Arbeitgeber und Beschäftigte im Grundsatz je zur Hälfte auf den Bruttolohn bis zur Beitragsbemessungsgrenze. 2026 summieren sich Kranken-, Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung samt durchschnittlichem Zusatzbeitrag auf 42,3 Prozent.

Staatsquote

Staatsquote setzt die Ausgaben des Staates ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Für Deutschland lag die Quote 2025 nach Eurostat bei 50,1 Prozent, 2019 bei 45,3 Prozent. Die Kennzahl misst, wie viel Geld durch öffentliche Kassen fließt, nicht wie viele Menschen der Staat beschäftigt.

Technologische Arbeitslosigkeit

Technologische Arbeitslosigkeit beschrieb John Maynard Keynes 1930 als Arbeitslosigkeit, die entsteht, weil Technik Arbeit schneller einspart, als neue Arbeit für die frei gewordenen Arbeitskräfte entsteht. Keynes selbst hielt sie für eine vorübergehende Phase.

Teilzeitquote

Teilzeitquote nennt den Anteil der Erwerbstätigen in Teilzeit. Die Werte hängen von der Abgrenzung ab: Eurostat kommt für Deutschland 2025 auf 29,4 Prozent, das IAB mit Minijobs im zweiten Quartal 2026 auf 40,3 Prozent. Unter Frauen arbeitet fast jede zweite in Teilzeit.

Totale Faktorproduktivität

Totale Faktorproduktivität erfasst den Teil des Wachstums, der weder aus mehr Arbeit noch aus mehr Kapital stammt, sondern aus besserer Technik und Organisation. Der Sachverständigenrat schätzt ihren Beitrag in Deutschland derzeit auf etwa 0,2 Prozentpunkte im Jahr.

FAQ: Arbeit für alle: Uns fehlen keine Jobs, sondern Zahler

Balkenwaage mit Fragezeichen und „FAQ“-Schild vor grauem Hintergrund
Häufige Fragen zu offenen Stellen, Arbeitszeit, Sozialbeiträgen und künstlicher Intelligenz.

Hat Deutschland noch genug Arbeit für alle?

Gemessen an offenen Stellen und Demografie ja. Im zweiten Quartal 2026 waren laut IAB rund eine Million Stellen offen, bis 2040 erreichen 13,3 Millionen Erwerbspersonen das Rentenalter. Knapp sind Fachkräfte in Pflege, Bau, Handwerk und Erziehung, während in der Industrie Stellen wegfallen.

Wo entstehen in Deutschland neue Arbeitsplätze?

Fast ausschließlich bei öffentlichen Dienstleistern, in Erziehung und Gesundheit. Von 2023 bis 2025 entfielen dort laut IAB 463.000 der 472.000 zusätzlichen Stellen. Der öffentliche Dienst zählte Mitte 2025 mit 5.475.100 Beschäftigten so viele wie nie.

Wie viele Stunden arbeiten Erwerbstätige in Deutschland im Jahr?

Nach Angaben der OECD 2025 im Schnitt 1.332 Stunden, 40 weniger als 2019. Die Niederlande kamen auf 1.436, die Schweiz auf 1.512 und die USA auf 1.800 Stunden. Ein wichtiger Grund für den niedrigen deutschen Wert ist die hohe Teilzeitquote.

Was bedeutet Lump of Labour?

Der Begriff bezeichnet die Annahme, eine Volkswirtschaft habe eine feste Menge an Arbeit, die sich nur verteilen lässt. Ökonomen halten das für einen Trugschluss: In den USA arbeiteten 2018 rund 60 Prozent der Beschäftigten in Tätigkeiten, die 1940 noch nicht existierten.

Vernichtet künstliche Intelligenz Arbeitsplätze?

Belegt ist das bisher nicht. Der IWF sieht fast 40 Prozent aller Jobs weltweit von KI betroffen, in Industrieländern rund 60 Prozent. Betroffen heißt aber, dass ein Teil der Aufgaben automatisierbar ist, nicht dass die Stelle wegfällt. In Deutschland sinkt zugleich die Zahl der Menschen im Erwerbsalter.

Wie hoch sind die Sozialversicherungsbeiträge 2026?

Zusammen 42,3 Prozent des Bruttolohns: 14,6 Prozent Krankenversicherung plus durchschnittlich 2,9 Prozent Zusatzbeitrag, 18,6 Prozent Rentenversicherung, 3,6 Prozent Pflegeversicherung und 2,6 Prozent Arbeitslosenversicherung. Arbeitgeber und Beschäftigte teilen sich die Beiträge im Grundsatz je zur Hälfte.

Quellen

39 Quellen anzeigenQuellen ausblendenabgerufen am 27.10.2026
  1. Statistisches BundesamtPressemitteilung N057: Beschäftigung in der Industrie im 2. Quartal 202614.08.2026
  2. EYIndustriebarometer Q1 2026: Arbeitsplatzabbau in der Industrie hält an25.05.2026
  3. ZDFheuteVW-Tarifrunde: Einigung mit der IG Metall20.12.2024
  4. BoschPresse-Statement zu Entwicklungen bei Bosch Mobility25.09.2025
  5. electriveZF streicht bis zu 14.000 Stellen26.07.2024
  6. Logistik Heute (dpa)Sanierung: Stellenabbau bei Stahlkonzern Thyssenkrupp Steel02.12.2025
  7. Statistisches BundesamtPressemitteilung 347: Erwerbstätigkeit im August 202630.09.2026
  8. Statistisches BundesamtPressemitteilung 292: Erwerbstätigkeit im 2. Quartal 202618.08.2026
  9. Bundesagentur für ArbeitPresseinfo 37/2026: Arbeitsmarkt im September 202630.09.2026
  10. Europäische Sicherheit & TechnikHensoldt gewinnt Personal von Automobilzulieferer16.03.2026
  11. Europäische Sicherheit & TechnikKNDS übernimmt Alstom-Werk in Görlitz05.02.2025
  12. Yale University (Lehrmaterial)John Maynard Keynes: Economic Possibilities for our Grandchildren1930
  13. Internationaler WährungsfondsKristalina Georgieva: AI Will Transform the Global Economy14.01.2024
  14. Goldman SachsGenerative AI could raise global GDP by 7 percent05.04.2023
  15. Business Insider (via Yahoo)Anthropic CEO says AI could wipe out half of entry-level white-collar jobs28.05.2025
  16. National Bureau of Economic ResearchAutor, Chin, Salomons, Seegmiller: New Frontiers. The Origins and Content of New Work, 1940–2018 (Working Paper 30389)
  17. Massachusetts Institute of TechnologyDavid Autor: Why Are There Still So Many Jobs? (Journal of Economic Perspectives, 2015)
  18. Statistisches BundesamtPressemitteilung N039: 13,3 Millionen Erwerbspersonen erreichen bis 2040 das Rentenalter23.06.2026
  19. Statistisches Bundesamt16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung: Annahmen und Ergebnisse
  20. Institut für Arbeitsmarkt- und BerufsforschungIAB-Kurzbericht 17/2026: IAB-Prognose 2026/202724.09.2026
  21. Institut für Arbeitsmarkt- und BerufsforschungIAB-Stellenerhebung: Rückgang der offenen Stellen im zweiten Quartal 202603.09.2026
  22. Bundesagentur für ArbeitPresseinfo 32/2026: Fachkräfte bleiben knapp, Zuwanderung gewinnt weiter an Bedeutung02.09.2026
  23. Statistisches BundesamtPressemitteilung 215: Personal im öffentlichen Dienst 202522.06.2026
  24. Statistisches BundesamtBeschäftigte im öffentlichen Dienst nach Geschlecht, Zeitreihe
  25. Statistisches BundesamtEinnahmen und Ausgaben des Staates, Defizit nach Maastricht
  26. EurostatGovernment revenue, expenditure and main aggregates, gov_10a_main
  27. Techniker KrankenkasseAktuelle Beitragssätze in der Sozialversicherung 2026
  28. Statistisches BundesamtVolkswirtschaftliche Gesamtrechnungen: Gesamtwirtschaftliche Kennzahlen, Arbeitsproduktivität
  29. OECDProductivity Database, DSD_PDB@DF_PDB
  30. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen EntwicklungFrühjahrsgutachten 202627.05.2026
  31. National Bureau of Economic ResearchWilliam Nordhaus: Baumol’s Diseases. A Macroeconomic Perspective (Working Paper 12218)
  32. UK Statistics AuthorityNational Statistician’s Independent Review of the Measurement of Public Services Productivity13.03.2025
  33. OECDAverage annual hours actually worked per worker, DSD_HW@DF_AVG_ANN_HRS_WKD
  34. EurostatPart-time employment as percentage of the total employment, lfsa_eppga
  35. Institut für Arbeitsmarkt- und BerufsforschungIAB-Arbeitszeitrechnung für das zweite Quartal 202601.09.2026
  36. Institut für Arbeitsmarkt- und BerufsforschungWanger, Weber: Arbeitszeit. Trends, Wunsch und Wirklichkeit (Forschungsbericht 16/2023)
  37. Universität Münster (idw)Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche: ErgebnisseOktober 2024
  38. EurostatEmployment rate by sex, age group 20-64, lfsi_emp_a
  39. Bundesagentur für Arbeit, StatistikArbeitsmarkt für Ältere, Deutschland, September 2026
4,5 14 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?