2025 verlor das Produzierende Gewerbe in Deutschland 143.000 Erwerbstätige, während Kliniken, Schulen, Kitas und Ämter 205.000 Beschäftigte hinzugewannen. Die Gehälter liegen in beiden Welten fast gleichauf. Der Unterschied zeigt sich erst bei der Frage, woher das Geld für die neuen Stellen kommt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenFür den Bäcker gegenüber dem Werkstor ist ein Gehalt zunächst ein Gehalt, ob der Zulieferer überweist oder das Landratsamt. Für die Volkswirtschaft gibt die Herkunft des Geldes den Ausschlag. Hier lesen Sie, warum 100.000 neue Stellen in Verwaltung, Bildung und Pflege 100.000 verlorene Industriejobs beim Konsum fast ersetzen, bei Steuern, Exporterlösen und Folgejobs aber nicht, und ab welchem Punkt der Umbau gefährlich wird.
Das Wichtigste in Kürze
- 2025 sank die Zahl der Erwerbstätigen im Produzierenden Gewerbe ohne Bau um 143.000, im Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit stieg sie um 205.000. Das IAB erwartet bis 2027 dasselbe Muster.
- Beim Konsum ist der Tausch fast neutral: Vollzeitkräfte im Verarbeitenden Gewerbe verdienten im April 2025 im Schnitt 4.913 Euro brutto im Monat, in der öffentlichen Verwaltung 4.727 Euro.
- Bei der Finanzierung nicht: 384,3 Milliarden Euro Arbeitnehmerentgelt zahlte der Staat 2025 aus Steuern, Beiträgen und Schulden. Ein Industriejob erwirtschaftet rund 109.800 Euro Wertschöpfung und verdient Geld im Ausland.
- Studien aus den USA, England und Bonn zeigen: Ein Industriejob zieht 1,6 lokale Stellen nach sich, neue Staatsjobs verdrängen dagegen Industriejobs.
1 Um wie viele Erwerbstätige schrumpfte 2025 das Produzierende Gewerbe ohne Bau? Aufklappen ↓
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2 Wie viele zusätzliche Jobs vor Ort schafft ein neuer Industriejob laut Enrico Moretti? Aufklappen ↓
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3 Was geschah in englischen Kommunen mit Industriejobs, als der öffentliche Sektor Stellen schuf? Aufklappen ↓
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4 Wie viel Arbeitnehmerentgelt zahlte der deutsche Staat 2025 seinen Beschäftigten? Aufklappen ↓
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5 Welchen Anteil am Bruttoinlandsprodukt hatte die britische Industrie 2024 noch? Aufklappen ↓
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Wie viele Jobs verliert die Industrie, und wie viele schafft der Staat?

Seit 2019 hat die deutsche Industrie nach Berechnungen von EY rund 341.500 Stellen abgebaut, allein in den zwölf Monaten bis März 2026 fielen 127.300 weg. Im Bereich Öffentliche Verwaltung, Erziehung, Gesundheit kamen von 2019 bis 2025 laut Eurostat rund 1,08 Millionen Erwerbstätige hinzu.
Ende Juni 2026 arbeiteten in deutschen Industriebetrieben mit mindestens 50 Beschäftigten 5,29 Millionen Menschen, 144.100 weniger als ein Jahr zuvor, meldet das Statistische Bundesamt. Am härtesten traf der Abbau die Autoindustrie: Mit 691.500 Beschäftigten zählte die Branche so wenige wie nie seit 2005.
Seit 2019 fiel in der Autoindustrie nach Berechnungen von EY jeder siebte Arbeitsplatz weg, rund 125.800 Stellen.
Jan Brorhilker, Managing Partner bei der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY, sah die deutsche Industrie schon im Februar 2026 in einer „tiefen Krise“. Weitere Kürzungen sind beschlossen und reichen bis 2030:
- Volkswagen: mehr als 35.000 Stellen bis 2030, sozialverträglich nach der Tarifeinigung vom Dezember 2024
- Bosch: rund 13.000 zusätzliche Stellen in der Sparte Mobility bis Ende 2030
- ZF: bis zu 14.000 Stellen in Deutschland bis Ende 2028
- Thyssenkrupp Steel: insgesamt 11.000 Stellen durch Abbau und Ausgliederung bis 2030
Der Staat stellt weiter ein
Zum Stichtag 30. Juni 2025 zählte Destatis im öffentlichen Dienst rund 5,5 Millionen Beschäftigte, 95.100 mehr als ein Jahr zuvor. Rund 12 Prozent aller Erwerbstätigen standen damit im Staatsdienst. Den stärksten Zuwachs meldeten Schulen, Hochschulen und Kitas.
Die Zahl der Erzieherinnen und Erzieher im öffentlichen Dienst hat sich von 2010 bis 2025 fast verdoppelt, im Schnitt kamen jedes Jahr 11.500 hinzu.
Kliniken freier Träger, Pflegedienste und Wohlfahrtsverbände zählen statistisch zur Privatwirtschaft, finanzieren sich aber zum großen Teil über Krankenkassen, Pflegekassen und öffentliche Zuschüsse. Die Erwerbstätigenrechnung von Destatis fasst diese Träger mit dem öffentlichen Dienst im Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit zusammen. Für 2025 meldete das Amt dort ein Plus von 205.000 Erwerbstätigen, den größten Anteil steuerte das Gesundheitswesen bei.
Im selben Jahr sank die Zahl der Erwerbstätigen im Produzierenden Gewerbe ohne Bau um 143.000.
Dr. Web hat nachgerechnet, wie viele Menschen in Deutschland für den Staat arbeiten, einschließlich der Träger, die offiziell nicht dazugehören.
Eurostat zählt alle Erwerbstätigen, Destatis und EY zählen in der Industrie nur Betriebe ab 50 Beschäftigten. Der Bereich Öffentliche Verwaltung, Erziehung, Gesundheit enthält auch private Kliniken, Pflegedienste und soziale Träger.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erwartet keine Wende. Nahezu alle zusätzlichen Stellen entstünden im Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit, schreiben die Nürnberger Forscher in ihrer Prognose vom September 2026: plus 170.000 Beschäftigte in diesem Jahr und plus 145.000 im nächsten. Für das Produzierende Gewerbe ohne Bau rechnet das IAB mit minus 155.000 und minus 129.000.
Die Zahl der Erwerbstätigen insgesamt sinkt nach derselben Prognose 2026 gegenüber dem Vorjahr um 210.000. Der Tausch geht also nicht einmal mehr eins zu eins auf.
Von 2019 bis 2025 sank die Zahl der Erwerbstätigen im Verarbeitenden Gewerbe nach Eurostat-Daten um rund 511.000 auf 7,26 Millionen. Im Bereich Öffentliche Verwaltung, Erziehung, Gesundheit stieg die Zahl um rund 1,08 Millionen auf 12,37 Millionen. Auf jeden verlorenen Industriejob kamen rechnerisch zwei neue Stellen im öffentlichen und staatsnahen Bereich.
- Industrie: rund 341.500 Stellen weniger seit 2019, beschlossene Abbaupläne bis 2030
- Staat und Soziales: rund 1,08 Millionen Erwerbstätige mehr von 2019 bis 2025
- Prognose: fast jeder neue Job bis 2027 im öffentlichen und staatsnahen Bereich, laut IAB
Finanziert ein Staatsgehalt den Konsum genauso wie ein Industrielohn?

In der ersten Runde fast vollständig. Vollzeitkräfte in der öffentlichen Verwaltung verdienten im April 2025 im Schnitt 4.727 Euro brutto im Monat, im Verarbeitenden Gewerbe 4.913 Euro. Für Supermarkt, Autohaus und Handwerker zählt das Gehalt, nicht der Arbeitgeber.
Ökonomen messen diesen Effekt mit dem Multiplikator. Der Wert gibt an, wie viel zusätzliche Wirtschaftsleistung ein Euro Staatsausgaben auslöst. Die US-Ökonomin Valerie Ramey kommt in ihrer Auswertung der Forschung seit der Finanzkrise für die meisten Schätzungen auf Werte zwischen 0,6 und 1.
Für Deutschland hat das DIW Berlin Quartalsdaten von 1991 bis 2025 ausgewertet: Ein zusätzlicher Euro Staatskonsum erhöht die Wirtschaftsleistung innerhalb eines Jahres um bis zu 1,10 Euro.
Steuersenkungen wirken laut derselben Studie verzögert, mittelfristig aber stärker, mit rund 1,80 Euro je Euro.
Staatsjobs haben zudem einen Vorzug, den Fabriken nicht bieten können. Lehrerinnen, Pflegekräfte und Sachbearbeiter behalten ihr Gehalt auch in der Rezession, während Zulieferer Kurzarbeit anmelden. Die Nachfrage dieser Beschäftigten im Supermarkt und beim Handwerker hängt deshalb nicht an der Konjunktur. Gerade in einer Industrieflaute stützt dieses Geld den Einzelhandel.
| Bereich | Bruttomonatsverdienst April 2025 | Bruttojahresverdienst 2025 | Stundenverdienst April 2025 |
|---|---|---|---|
| Gesamtwirtschaft | 4.784 € | 64.441 € | 28,19 € |
| Verarbeitendes Gewerbe | 4.913 € | 67.520 € | 29,60 € |
| Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen | rund 5.730 € (Rechnung) | keine Angabe | 35,54 € |
| Öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung | 4.727 € | 59.350 € | 27,35 € |
| Erziehung und Unterricht | 5.282 € | 66.297 € | 30,78 € |
| Gesundheits- und Sozialwesen | 4.794 € | 62.503 € | 28,59 € |
Die Autoindustrie zahlt mehr
Die Stellen, die gerade verschwinden, liegen überdurchschnittlich oft in der Autoindustrie, und dort zahlen die Betriebe deutlich besser. Im April 2025 lag der Bruttostundenverdienst bei Herstellern von Kraftwagen und Kraftwagenteilen ohne Sonderzahlungen bei 35,54 Euro, in der öffentlichen Verwaltung bei 27,35 Euro. Der Abstand beträgt 30 Prozent.
Mit Sonderzahlungen kommt die Autoindustrie sogar auf 44,75 Euro je Stunde, die Verwaltung bleibt bei 27,35 Euro.
Ein Rechenbeispiel: Bei 37,1 Wochenstunden entspräche der Autolohn rund 5.730 Euro im Monat, rund 1.000 Euro mehr als der Durchschnitt der Verwaltung. Wechselten 100.000 Beschäftigte aus der Autoindustrie in Verwaltungsjobs, sänke die Bruttolohnsumme rechnerisch um rund 1,2 Milliarden Euro im Jahr, die Sonderzahlungen der Autobranche noch nicht eingerechnet.
Für den Handel vor Ort bleibt der Tausch trotzdem verkraftbar. Die eigentliche Rechnung beginnt eine Ebene höher, bei der Frage, wer die neuen Gehälter bezahlt.
Beim Konsum ersetzt ein Staatsgehalt einen Industrielohn fast vollständig und stabilisiert in der Rezession sogar die Nachfrage. Nur gegenüber den gut bezahlten Autojobs verliert die Region spürbar Kaufkraft, rund 30 Prozent je Arbeitsstunde.
Woher kommt das Geld für 100.000 zusätzliche Staatsstellen?

Aus Steuern, Sozialbeiträgen und neuen Schulden. Der Staat verdient das Geld für die Gehälter nicht am Markt, sondern bezieht die Mittel aus Löhnen, Gewinnen und Umsätzen der übrigen Wirtschaft oder nimmt Kredite auf.
2025 zahlte der deutsche Staat seinen Beschäftigten 384,3 Milliarden Euro Arbeitnehmerentgelt, 63 Milliarden Euro oder rund 20 Prozent mehr als 2022. Insgesamt gab der Staat 2.259 Milliarden Euro aus und nahm 2.140 Milliarden ein. Die Lücke von 119 Milliarden Euro entsprach 2,7 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Die Staatsquote erreichte nach Eurostat 50,5 Prozent.
Ein Teil des Geldes fließt sofort zurück, weil auch Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst Lohnsteuer zahlen, Angestellte zusätzlich Sozialbeiträge. Diese Abgaben stammen aber aus einem Gehalt, das vorher aus Steuern und Beiträgen bezahlt wurde. Für die öffentlichen Kassen bleibt unterm Strich eine Nettobelastung, die Unternehmen und ihre Beschäftigten decken müssen.
Ein Industriejob funktioniert umgekehrt. Der Betrieb verkauft Maschinen, Autos oder Chemikalien, oft ins Ausland, und bezahlt aus dem Erlös Löhne, Gewerbesteuer und Körperschaftsteuer. Auf den Bruttolohn fallen 2026 Sozialbeiträge von zusammen 42,3 Prozent an, im Regelfall je zur Hälfte von Arbeitgeber und Beschäftigtem bezahlt. Jeder Industriejob speist damit die Kassen, aus denen der Staatsjob bezahlt wird.
Die doppelte Rechnung
Ein Rechenbeispiel: Angenommen, 100.000 Vollzeitstellen in der Industrie fielen weg und 100.000 Stellen in der öffentlichen Verwaltung kämen hinzu. Mit den durchschnittlichen Bruttojahresverdiensten von 2025, 67.520 Euro in der Industrie und 59.350 Euro in der Verwaltung, sänke die Lohnsumme von 6,75 auf 5,94 Milliarden Euro im Jahr.
Auf der Einnahmeseite fielen die Sozialbeiträge aus den Industrielöhnen weg, rechnerisch rund 2,9 Milliarden Euro, dazu Lohnsteuer, Gewerbesteuer und Körperschaftsteuer. Auf der Ausgabeseite kämen 5,94 Milliarden Euro Gehälter hinzu, bei Angestellten zuzüglich des Arbeitgeberanteils. Die Beiträge der neuen Angestellten flössen zwar wieder an die Sozialkassen, bezahlt würden aber auch sie aus dem Haushalt. Ein Tausch, der in der Arbeitsmarktstatistik als Nullsummenspiel erscheint, belastet die öffentlichen Kassen von beiden Seiten zugleich.
Dr. Web hat in einer eigenen Analyse durchgerechnet, wer 2035 noch den Sozialstaat finanziert, wenn die industrielle Basis weiter schrumpft.
Ein Staatsgehalt verteilt Einkommen um, das anderswo entsteht. Fallen 100.000 Industriejobs weg und entstehen 100.000 Verwaltungsstellen, verlieren die öffentlichen Kassen Beiträge sowie Steuern und zahlen zugleich rund 5,9 Milliarden Euro Gehälter mehr.
Warum zählt ein Industriejob für die Volkswirtschaft mehr?

Ein Industriejob holt Geld aus dem Ausland ins Land, erzeugt mehr Wertschöpfung je Kopf und finanziert die Forschung. 2025 exportierte Deutschland Waren für 1.563 Milliarden Euro, und im Verarbeitenden Gewerbe entstanden je Erwerbstätigen rund 109.800 Euro Wertschöpfung.
Exporte bezahlen die Importe
Deutschland kauft im Ausland Öl, Gas, Smartphones, Kleidung und Urlaubsreisen. Bezahlt wird diese Rechnung vor allem mit Autos, Maschinen und Chemie. 2025 lag der Exportüberschuss bei Waren laut Destatis bei 200,5 Milliarden Euro, der Überschuss der gesamten Leistungsbilanz nach Angaben der Bundesbank bei 203 Milliarden Euro oder rund 4,5 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Gegenüber 2024 schrumpfte dieser Überschuss laut Bundesbank um 52 Milliarden Euro.
Eine kommunale Kita exportiert nichts. Die Arbeit der Erzieherinnen ist wertvoll, holt aber keinen Euro von außen ins Land.
Nach einer Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft hingen 2018 im Verarbeitenden Gewerbe mehr als 61 Prozent der Jobs direkt oder indirekt vom Export ab. In der Gesamtwirtschaft betraf das 11,4 Millionen Arbeitsplätze, gut ein Viertel aller Jobs. Schrumpft die Industrie, schrumpft genau der Teil der Wirtschaft, der die Importe verdient.
| Merkmal | Verarbeitendes Gewerbe | Öffentliche Verwaltung, Erziehung, Gesundheit |
|---|---|---|
| Erwerbstätige 2025 | 7,26 Mio. | 12,37 Mio. |
| Veränderung 2019 bis 2025 | minus 511.000 | plus 1,08 Mio. |
| Bruttowertschöpfung 2025 | 797,2 Mrd. € | 832,9 Mrd. €, zu Kosten bewertet |
| Wertschöpfung je Erwerbstätigen 2025 | rund 109.800 € | rund 67.300 € |
| Exportabhängige Jobs (2018) | mehr als 61 % | keine Angabe |
| Bezahlt aus | Erlösen von Kunden im In- und Ausland | Steuern, Sozialbeiträgen, Schulden |
Wo die Produktivität wächst
Die Wertschöpfung je Erwerbstätigen lag 2025 nach Eurostat-Daten im Verarbeitenden Gewerbe bei rund 109.800 Euro, im Bereich Öffentliche Verwaltung, Erziehung, Gesundheit bei rund 67.300 Euro. Der Vergleich hinkt an einer Stelle: Leistungen ohne Marktpreis bewertet die Statistik zu ihren Kosten. Das britische Statistikamt beschreibt die Folge nüchtern: Teilt man den so gemessenen Output durch den Input, kommt immer eins heraus.
Messbare Produktivitätsgewinne entstehen vor allem in Betrieben, deren Maschinen, Software und Abläufe besser werden. 2023 stemmte das Verarbeitende Gewerbe laut Stifterverband 79,5 Prozent der internen Forschungsausgaben der deutschen Wirtschaft, die Autoindustrie allein ein Drittel.
Der Ökonom William Baumol hat 1967 die Folge für alle übrigen Bereiche beschrieben. Steigt die Produktivität in einem Sektor stetig, während die Löhne überall mitsteigen, verteuern sich die Sektoren ohne Produktivitätsfortschritt immer weiter. Ein Streichquartett braucht für Beethoven heute dieselben vier Musiker wie vor 200 Jahren, die Gage folgt trotzdem dem allgemeinen Lohnniveau.
Pflege, Unterricht und Verwaltung funktionieren ähnlich. Bezahlt werden die steigenden Kosten dieser Arbeit aus den Produktivitätsgewinnen der Industrie. Schrumpfen diese Gewinne, wird jede Kita-Stunde für die Gesellschaft relativ teurer.
- Export: Industriejobs verdienen das Geld, mit dem Deutschland Öl, Gas und Konsumgüter bezahlt.
- Forschung: 79,5 Prozent der internen Forschungsausgaben der Wirtschaft stammen aus der Industrie.
- Kosten: Ohne Produktivitätsgewinne der Fabriken wird jede Stunde in Pflege und Unterricht relativ teurer.
Eine Stelle im Amt gibt Geld aus, das ein Industriejob verdient hat; seit 2019 fehlen 341.500 davon.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was zeigen Bonn, England und die USA?

Neue Staatsjobs schaffen vor Ort wenige zusätzliche private Stellen und verdrängen sogar Industriejobs. Verlorene Industriejobs hinterlassen dagegen Lücken, die über ein Jahrzehnt offen bleiben. Sozialtransfers schließen davon nur einen Teil.
Was ein neuer Job vor Ort auslöst
Der Ökonom Enrico Moretti von der University of California in Berkeley hat mit Volkszählungsdaten von 1980 bis 2000 gemessen, wie viele Folgejobs ein neuer Arbeitsplatz in einer US-Stadt erzeugt. Jeder zusätzliche Industriejob schuf in derselben Stadt 1,6 Stellen in Branchen, die nur vor Ort verkaufen, vom Restaurant bis zur Arztpraxis. Ein Hightech-Job zog sogar 4,9 Stellen nach sich. Das Geld, das die Fabrik von außen einnimmt, landet über die Löhne in der lokalen Wirtschaft.
Je qualifizierter die Stelle, desto stärker der Effekt: Moretti zählte 2,52 Folgejobs je qualifiziertem Job und 1,04 je unqualifiziertem.
Giulia Faggio und Henry Overman haben für das Centre for Economic Performance an der London School of Economics untersucht, was neue Stellen im öffentlichen Sektor in englischen Kommunen von 2003 bis 2007 bewirkten. Jede zusätzliche Stelle schuf 0,5 Jobs im Bau und bei lokalen Dienstleistern, verdrängte aber 0,4 Jobs in der Industrie. Auf die private Beschäftigung insgesamt hatte der Staat als Arbeitgeber keinen messbaren Effekt.
Für Deutschland kam die Ökonomin Charlotte Senftleben-König in einem Arbeitspapier der Humboldt-Universität mit Daten aus 412 Kreisen zu einem schärferen Befund: Zehn zusätzliche Stellen im öffentlichen Sektor verdrängten acht private Jobs, vor allem in Branchen, die ihre Produkte überregional verkaufen. In einer Fachzeitschrift ist das Papier nicht erschienen, der Befund weist aber in dieselbe Richtung.
Bonn als Großversuch
1949 wurde Bonn Hauptstadt der Bundesrepublik, Ministerien und Bundesbehörden zogen in die Universitätsstadt am Rhein. Sascha Becker, Stephan Heblich und Daniel Sturm haben ausgewertet, was der Zuzug für die private Wirtschaft bedeutete. Im Journal of Urban Economics berichten die drei Ökonomen: Jeder zusätzliche Staatsjob kostete rund 0,2 Industriejobs und schuf gut einen weiteren Job im übrigen Privatsektor.
Eine Behörde hält Läden und Handwerker vor Ort beschäftigt, Exporterlöse bringt sie nicht in die Stadt.
Moretti misst US-Städte von 1980 bis 2000, Faggio und Overman englische Kommunen von 2003 bis 2007, Becker, Heblich und Sturm die Hauptstadtwahl Bonns. Ein Arbeitspapier der Humboldt-Universität findet für deutsche Kreise acht verdrängte private Jobs je zehn öffentliche Stellen.
Großbritannien hat den Tausch hinter sich
Seit Juni 1979 verlor das britische Verarbeitende Gewerbe nach Angaben des Statistikamts ONS fast 4,1 Millionen Stellen, das Gesundheits- und Sozialwesen gewann im selben Zeitraum 2,6 Millionen hinzu. 2024 kam die Industrie laut Weltbank noch auf 8 Prozent der britischen Wirtschaftsleistung.
Die Gesamtzahl der Jobs stieg seit 1979 sogar um gut 8,4 Millionen. Neue Arbeit entstand allerdings selten dort, wo Zechen und Stahlwerke geschlossen hatten.
Forscher der Sheffield Hallam University zählten Anfang 2022 rund 790.000 Briten, die als erwerbsunfähig Leistungen bezogen, nach ihrer Einschätzung bei Vollbeschäftigung aber arbeiten würden. Diese versteckte Arbeitslosigkeit ballt sich laut der Studie in den alten Industrieregionen und in Küstenstädten. In Blaenau Gwent, einem früheren Kohle- und Stahlrevier in Wales, bezogen 2021 13,3 Prozent der 16- bis 64-Jährigen Leistungen wegen Erwerbsunfähigkeit.
Der China-Schock in den USA
David Autor, David Dorn und Gordon Hanson haben verfolgt, was mit amerikanischen Regionen geschah, deren Fabriken gegen Importe aus China verloren. Der Importdruck erklärt nach der Rechnung der drei Ökonomen mindestens ein Viertel des Rückgangs der US-Industriebeschäftigung von 1990 bis 2007. Löhne und Erwerbsbeteiligung blieben in den betroffenen Regionen mindestens ein Jahrzehnt lang gedrückt.
Sozialleistungen fingen den Schaden nur teilweise auf. Stiegen die Importe aus China um umgerechnet rund 890 Euro je Arbeitskraft, sank das Lohneinkommen je Erwachsenem im Erwerbsalter um rund 490 Euro im Jahr, die Transfers je Einwohner stiegen um rund 52 Euro. Die Renten wegen Erwerbsunfähigkeit legten dabei mehr als dreißigmal so stark zu wie die eigens für Verlierer des Handels geschaffene Hilfe.
- Großbritannien: 4,1 Millionen Industriejobs weniger seit 1979, 2,6 Millionen mehr im Gesundheits- und Sozialwesen
- Versteckte Arbeitslosigkeit: rund 790.000 Erwerbsunfähige, gehäuft in alten Industrieregionen
- USA: gedrückte Löhne über ein Jahrzehnt nach dem China-Schock, Transfers als Teilersatz
Ist der Abschied von der Industrie zwangsläufig ein Drama?

Nicht zwangsläufig. In reichen Ländern sinkt der Industrieanteil meist, weil Fabriken schneller produktiver werden als Dienstleister. Gefährlich wird der Umbau, sobald steuerfinanzierte Stellen die verlorenen Jobs ersetzen statt exportfähiger Dienste. So verläuft der Umbau derzeit in Deutschland.
Robert Rowthorn und Ramana Ramaswamy nannten die Deindustrialisierung 1997 in einer Studie für den Internationalen Währungsfonds die „natürliche Folge erfolgreicher wirtschaftlicher Entwicklung“, verbunden mit steigendem Lebensstandard (übersetzt aus dem Englischen). Den Hauptgrund sehen die beiden Ökonomen im schnelleren Produktivitätswachstum der Industrie. Mehr als 60 Prozent des Rückgangs beim Industrieanteil an der Beschäftigung erklärt die Studie damit.
Die Niederlande und Frankreich kommen nach Weltbank-Daten mit rund 10 Prozent Industrieanteil am Bruttoinlandsprodukt aus. Dieselbe Statistik zeigt aber auch das Gegenbeispiel: Die Schweiz, eines der reichsten Länder der Welt, kam 2024 auf 19,1 Prozent, mehr als Deutschland mit 18,0 Prozent. Wohlstand und Industrie schließen sich nicht aus.
| Land | Industrieanteil am BIP 2024 | Einordnung |
|---|---|---|
| Irland | 29,6 % | durch Bilanzen internationaler Konzerne stark überzeichnet |
| Schweiz | 19,1 % | hoher Wohlstand mit starker Industrie |
| Deutschland | 18,0 % | 1991 noch 24,6 % |
| Niederlande | 10,1 % | Wohlstand mit Handel und Dienstleistungen |
| Frankreich | 9,6 % | seit Jahrzehnten schrumpfende Industrie |
| Großbritannien | 8,0 % | seit 1979 fast 4,1 Mio. Industriejobs weniger |
Die Industrie schrumpft, statt produktiver zu werden
1991 lag der deutsche Industrieanteil am BIP laut Weltbank noch bei 24,6 Prozent. Der langsame Rückgang seither entspricht dem Lehrbuch von Rowthorn, der Einbruch der letzten Jahre nicht: Im Verarbeitenden Gewerbe sank die preisbereinigte Wirtschaftsleistung 2025 laut Destatis im dritten Jahr in Folge. Die Industrie verliert Beschäftigte, weil sie weniger verkauft, nicht weil sie mit weniger Menschen mehr herstellt.
Auch die Dienstleister, die einen Teil der Lücke füllen könnten, bauen ab. Die Unternehmensdienstleister, zu denen Ingenieurbüros, Beratungen und Zeitarbeitsfirmen zählen, hatten 2025 laut Destatis 64.000 Erwerbstätige weniger als im Vorjahr.
Unsere Einschätzung: Deutschland erlebt keine Deindustrialisierung nach dem Muster reicher Dienstleistungsländer, sondern einen Tausch von Stellen, die am Markt verdient werden, gegen Stellen, die der Haushalt bezahlt.
Seit 2025 erzeugt der Bereich Öffentliche Verwaltung, Erziehung, Gesundheit nach Eurostat-Daten nominal sogar mehr Bruttowertschöpfung als das Verarbeitende Gewerbe, 832,9 gegen 797,2 Milliarden Euro, obwohl die Statistik seine Leistung nur zu Kosten bewertet.
Die Rechnung landet zuerst im Rathaus
Sindelfingen, Standort eines großen Mercedes-Werks, plante für 2026 mit 128 Millionen Euro Gewerbesteuer und rechnet inzwischen nur noch mit 30 Millionen, die Stadt verhängte eine Haushaltssperre. Ingolstadt nahm 2023 noch 191,5 Millionen Euro Gewerbesteuer ein und erwartete für 2025 nur 55 Millionen. Stuttgart schloss das Jahr 2025 mit einem Defizit von 711,7 Millionen Euro ab, dem höchsten der Stadtgeschichte.
In Wolfsburg brach die Gewerbesteuer 2024 um 40 Prozent auf 151 Millionen Euro ein, bis 2029 rechnet die Stadt mit 455 Millionen Euro Kreditbedarf.
Kitas, Schulen und Bürgerämter dieser Städte bleiben trotzdem geöffnet, die Gehälter dort laufen weiter. Das Geld fehlt dort zuerst, wo die Industrie zuerst geht. Warum die Kommunalfinanzen mit der Industriebasis kippen, hat Dr. Web ausführlich nachgezeichnet.
Ein sinkender Industrieanteil ist kein Drama, solange produktivere Fabriken und exportfähige Dienste ihn verursachen. Deutschland verliert dagegen Produktion und Unternehmensdienste zugleich, und die Gewerbesteuer der Autostädte bricht bereits ein.
Was bedeutet der Umbau für Ihr Unternehmen?

Der Konsum vor Ort bricht nicht sofort ein, dafür steigen mittelfristig Abgaben, und der Staat konkurriert härter um Fachkräfte. Betriebe, deren Kunden in der Industrie sitzen, sollten ihre Abhängigkeit beziffern.
Fast jede neue Stelle entsteht laut IAB derzeit im öffentlichen und staatsnahen Bereich, und die Gehälter dort halten mit. Vollzeitkräfte im Bereich Erziehung und Unterricht verdienten 2025 im Schnitt 66.297 Euro brutto im Jahr, fast so viel wie Beschäftigte im Verarbeitenden Gewerbe mit 67.520 Euro. Hinzu kommt die Sicherheit einer Stelle, die nicht von Aufträgen abhängt. Mittelständler, die Verwaltungs-, IT- oder Technikpersonal suchen, konkurrieren deshalb mit Schulträgern, Behörden und Kliniken.
Die Sozialbeiträge summieren sich 2026 auf 42,3 Prozent des Bruttolohns, für Kinderlose auf 42,9 Prozent. Schrumpft die Zahl gut bezahlter Industriebeschäftigter, verteilt sich die Last auf weniger Schultern. Jeder zusätzliche Prozentpunkt verteuert jede Stelle in Ihrem Betrieb.
Zulieferer, Ingenieurbüros, Zeitarbeitsfirmen und Kantinenbetreiber hängen direkt an der Industrie. Industrie, Energieversorger und Bau bezogen 2023 laut der Input-Output-Rechnung von Destatis Vorleistungen im Wert von 646 Milliarden Euro aus dem Dienstleistungsbereich. Diese Aufträge schrumpfen mit jeder verlagerten Fertigung.
Vier Schritte helfen bei der Bestandsaufnahme:
- Den Umsatzanteil mit Industrie- und Autokunden aus der Kundenliste beziffern
- Haushaltslage und Gewerbesteuer-Entwicklung der Standortgemeinde verfolgen, weil Haushaltssperren öffentliche Aufträge stoppen
- Gehälter für Verwaltungs- und Technikstellen mit den Tarifen des öffentlichen Dienstes vergleichen
- Leistungen ausbauen, die sich überregional verkaufen lassen und nicht an einer einzigen Branche hängen
Unsere Haltung: 100.000 neue Stellen in Kitas, Kliniken und Ämtern ersetzen keine 100.000 Industriejobs, sie leben von deren Erträgen. Für den Bäcker gegenüber dem Werkstor ändert sich im ersten Jahr wenig. Ein paar Jahre später fehlt der Stadt die Gewerbesteuer, wie Sindelfingen und Ingolstadt gerade erleben, und die Sozialkassen erhöhen Beiträge, die auch der Bäcker zahlt.
Gegensteuern lässt sich nur über Wertschöpfung, die am Markt bezahlt wird, in der Fabrik, im Softwarehaus oder im Ingenieurbüro. Eine Wirtschaftspolitik, die den Stellenzuwachs im öffentlichen Dienst als Beschäftigungserfolg verbucht, verwechselt die Ausgaben eines Landes mit seinen Einnahmen.
Glossar: 16 wichtige Fachbegriffe zu Industriejobs, Staatsjobs und Strukturwandel

Abgabenquote
Abgabenquote bezeichnet die Summe aus Steuern und Sozialbeiträgen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Für Deutschland lag der Wert 2024 nach Eurostat bei 40,9 Prozent. Die Quote zeigt, wie viel des Erwirtschafteten über öffentliche Kassen umverteilt wird, und steigt, sobald gut bezahlte Beitragszahler wegfallen.
Arbeitnehmerentgelt
Arbeitnehmerentgelt umfasst in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung die Bruttolöhne und -gehälter sowie die Sozialbeiträge der Arbeitgeber. Der deutsche Staat zahlte 2025 nach Destatis 384,3 Milliarden Euro an seine Beschäftigten, das sind die Personalkosten von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherungen.
Automatischer Stabilisator
Automatischer Stabilisator heißt jede Größe im Staatshaushalt, die Konjunkturschwankungen ohne neuen Beschluss dämpft, etwa Arbeitslosengeld oder progressive Steuern. Auch Stellen im öffentlichen Dienst wirken so: Die Gehälter laufen in der Rezession weiter und stützen die Nachfrage im Einzelhandel.
Baumol’sche Kostenkrankheit
Baumol’sche Kostenkrankheit beschreibt eine Beobachtung des Ökonomen William Baumol von 1967. Arbeitsintensive Dienstleistungen wie Pflege, Unterricht oder Musik werden kaum produktiver, ihre Löhne folgen aber dem allgemeinen Niveau. Diese Dienstleistungen verteuern sich deshalb im Vergleich zu Industriegütern immer weiter.
Bruttowertschöpfung
Bruttowertschöpfung misst den Wert der produzierten Waren und Dienstleistungen abzüglich der Vorleistungen. Im Verarbeitenden Gewerbe lag der Wert 2025 bei rund 109.800 Euro je Erwerbstätigen. Leistungen des Staates ohne Marktpreis bewertet die Statistik zu ihren Kosten, Produktivitätsfortschritte bleiben dort deshalb unsichtbar.
China-Schock
China-Schock nennen die Ökonomen David Autor, David Dorn und Gordon Hanson den starken Anstieg chinesischer Importe in die USA ab 1990. Betroffene Regionen verloren Industriejobs, Löhne und Erwerbsbeteiligung blieben dort mindestens ein Jahrzehnt gedrückt, während die Sozialtransfers stiegen.
Deindustrialisierung
Deindustrialisierung bezeichnet den sinkenden Anteil der Industrie an Beschäftigung und Wirtschaftsleistung eines Landes. Ökonomen unterscheiden den gesunden Fall, in dem Fabriken produktiver werden, vom schädlichen, in dem Absatz und Produktion schrumpfen. In Deutschland sank der Industrieanteil am BIP von 24,6 Prozent 1991 auf 18,0 Prozent 2024.
Erwerbstätigenrechnung
Erwerbstätigenrechnung heißt die Statistik von Destatis, die alle Erwerbstätigen nach Wirtschaftsbereichen zählt, also Arbeitnehmer, Selbstständige und Beamte. Die Statistik fasst öffentlichen Dienst, Schulen, Kliniken und soziale Träger im Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit zusammen, unabhängig davon, ob der Arbeitgeber staatlich oder privat ist.
Gewerbesteuer
Gewerbesteuer ist die wichtigste eigene Steuerquelle der Städte und Gemeinden. Unternehmen zahlen die Steuer auf ihren Gewerbeertrag, die Höhe bestimmt der Hebesatz der Kommune. Bricht der Gewinn eines großen Industriebetriebs ein, fehlt der Standortgemeinde das Geld sofort, wie Sindelfingen und Ingolstadt zeigen.
Handelbarer Sektor
Handelbarer Sektor umfasst Branchen, deren Waren oder Leistungen sich überregional und international verkaufen lassen, vor allem die Industrie. Sein Gegenstück ist der nicht handelbare Sektor mit Friseuren, Restaurants oder Arztpraxen, der nur Kunden vor Ort bedient. Exporterlöse entstehen nur im handelbaren Sektor.
Leistungsbilanz
Leistungsbilanz erfasst den Handel eines Landes mit Waren und Dienstleistungen, dazu grenzüberschreitende Einkommen sowie Übertragungen. Deutschland erzielte 2025 nach der Bundesbank einen Überschuss von 203 Milliarden Euro, vor allem dank der Industrieexporte.
Lokaler Multiplikator
Lokaler Multiplikator gibt an, wie viele zusätzliche Jobs ein neuer Arbeitsplatz in derselben Stadt oder Region auslöst. Der Ökonom Enrico Moretti fand für US-Städte 1,6 Folgejobs je Industriejob und 4,9 je Hightech-Job. Für Stellen im öffentlichen Sektor messen Studien deutlich kleinere Werte.
Staatsausgabenmultiplikator
Staatsausgabenmultiplikator beschreibt, um wie viel die gesamte Wirtschaftsleistung steigt, wenn der Staat einen zusätzlichen Euro ausgibt. Die meisten Schätzungen liegen zwischen 0,6 und 1, das DIW fand für den deutschen Staatskonsum innerhalb eines Jahres bis zu 1,10 Euro.
Staatsquote
Staatsquote setzt die Ausgaben des Staates ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Für Deutschland lag die Quote 2025 nach Eurostat bei 50,5 Prozent. Die Quote misst, wie viel Geld durch öffentliche Kassen fließt, nicht wie viele Menschen der Staat beschäftigt.
Verdrängungseffekt
Verdrängungseffekt heißt in der Ökonomie die Beobachtung, dass staatliche Aktivität private Aktivität ersetzt, statt sie zu ergänzen. Bei Stellen im öffentlichen Sektor zeigt er sich etwa darin, dass Fachkräfte von Industriebetrieben zu Behörden wechseln und Industriejobs in der Region wegfallen.
Versteckte Arbeitslosigkeit
Versteckte Arbeitslosigkeit beschreibt Menschen, die nicht als arbeitslos gemeldet sind, aber bei guter Lage am Arbeitsmarkt arbeiten würden. Forscher der Sheffield Hallam University zählten 2022 in Großbritannien rund 790.000 Fälle unter den Beziehern von Leistungen wegen Erwerbsunfähigkeit, gehäuft in früheren Industrieregionen.
FAQ: Ein Staatsjob ersetzt keinen Industriejob

Wie viele Industriearbeitsplätze hat Deutschland seit 2019 verloren?
Nach Berechnungen von EY rund 341.500 bis Ende März 2026, ein Rückgang um gut 6 Prozent. Allein die Autoindustrie verlor seit 2019 etwa 125.800 Stellen, jeden siebten Arbeitsplatz. Grundlage sind Daten des Statistischen Bundesamts für Betriebe mit mindestens 50 Beschäftigten.
Wie viele Menschen arbeiten im öffentlichen Dienst?
Zum Stichtag 30. Juni 2025 zählte Destatis rund 5,5 Millionen Beschäftigte, 95.100 mehr als ein Jahr zuvor. Das entspricht etwa 12 Prozent aller Erwerbstätigen. Nicht mitgezählt sind Kliniken freier Träger, Pflegedienste und Wohlfahrtsverbände, die sich zum großen Teil aus Beiträgen und Zuschüssen finanzieren.
Verdient man im öffentlichen Dienst weniger als in der Industrie?
Im Durchschnitt etwas weniger. Vollzeitkräfte in der öffentlichen Verwaltung verdienten 2025 brutto 59.350 Euro im Jahr, im Verarbeitenden Gewerbe 67.520 Euro. Im Bereich Erziehung und Unterricht lag der Wert mit 66.297 Euro fast gleichauf, die Autoindustrie zahlt je Stunde rund 30 Prozent mehr als die Verwaltung.
Was bedeutet Deindustrialisierung?
Deindustrialisierung bezeichnet den sinkenden Anteil der Industrie an Beschäftigung und Wirtschaftsleistung. In reichen Ländern ist das oft eine Folge schnellerer Produktivitätsgewinne in Fabriken. Schädlich wird der Prozess, sobald Produktion und Absatz schrumpfen, ohne dass exportfähige Branchen nachwachsen.
Wie hoch ist die Staatsquote in Deutschland?
2025 lag die Staatsquote nach Eurostat bei 50,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 2024 bei 49,4 Prozent. Der Staat gab 2025 rund 2.259 Milliarden Euro aus und nahm 2.140 Milliarden Euro ein, das Defizit betrug 2,7 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Wie viele Arbeitsplätze hängen in Deutschland am Export?
Nach einer Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft hingen 2018 rund 11,4 Millionen Jobs direkt oder indirekt vom Export ab, gut ein Viertel aller Arbeitsplätze. Im Verarbeitenden Gewerbe betraf das mehr als 61 Prozent der Stellen. Neuere Zahlen in dieser Abgrenzung liegen nicht vor.
Quellen
41 Quellen anzeigenQuellen ausblendenabgerufen am 15.10.2026
- EYArbeitsplatzabbau in der Industrie hält trotz leichtem Umsatzplus an, Industriebarometer Q1 2026
- EYIndustriebarometer Q4 2025
- Statistisches BundesamtPressemitteilung N057: Stellenabbau in der Automobilindustrie
- Börsen-ZeitungBosch streicht zusätzlich 13.000 Stellen
- ZDFheuteVW-Tarifrunde: Einigung mit der IG Metall
- autohaus.deZF will bis zu 14.000 Stellen streichen
- Logistik Heute (dpa)Sanierung: Stellenabbau bei Stahlkonzern Thyssenkrupp Steel
- Statistisches BundesamtPressemitteilung 215: Öffentlicher Dienst 2025
- Statistisches BundesamtPressemitteilung 001: Erwerbstätigenzahl im Jahr 2025 fast unverändert
- Institut für Arbeitsmarkt- und BerufsforschungIAB-Kurzbericht 17/2026: IAB-Prognose 2026/2027
- EurostatErwerbstätige nach Wirtschaftsbereichen, nama_10_a10_e
- EurostatBruttowertschöpfung nach Wirtschaftsbereichen, nama_10_a10
- Statistisches BundesamtBruttomonatsverdienste nach Wirtschaftszweigen, Stichmonat April 2025
- Statistisches BundesamtBruttojahresverdienste nach Wirtschaftszweigen 2025
- Statistisches BundesamtStatistischer Bericht Verdienste, Tabelle 62361-04
- National Bureau of Economic ResearchValerie Ramey: Ten Years After the Financial Crisis (Working Paper 25531)
- DIW BerlinWochenbericht 29/2026: Staatskonsum stabilisiert die Wirtschaft kurzfristig
- Statistisches BundesamtEinnahmen und Ausgaben des Staates, Defizit nach Maastricht
- EurostatGovernment revenue, expenditure and main aggregates, gov_10a_main
- Techniker KrankenkasseAktuelle Beitragssätze in der Sozialversicherung 2026
- Statistisches BundesamtPressemitteilung 056: Außenhandel 2025
- Deutsche BundesbankStatistiken: Zahlungsbilanz und Leistungsbilanz 2025
- Institut der deutschen Wirtschaft (iwd)Viele Jobs hängen am Export
- UK Statistics AuthorityNational Statistician’s Independent Review of the Measurement of Public Services Productivity
- StifterverbandFuE Facts 2023
- National Bureau of Economic ResearchWilliam Nordhaus: Baumol’s Diseases. A Macroeconomic Perspective (Working Paper 12218)
- Statistisches BundesamtPressemitteilung 017: Bruttoinlandsprodukt 2025
- American Economic ReviewEnrico Moretti: Local Multipliers
- Centre for Economic Performance (LSE)Giulia Faggio, Henry Overman: The effect of public sector employment on local labour markets
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- National Bureau of Economic ResearchAutor, Dorn, Hanson: The China Syndrome (Working Paper 18054)
- National Bureau of Economic ResearchAutor, Dorn, Hanson: The China Shock (Working Paper 21906)
- Internationaler WährungsfondsRowthorn, Ramaswamy: Deindustrialization. Its Causes and Implications (Economic Issues 10, 1997)
- Statistisches BundesamtInput-Output-Rechnung 2023
- Stuttgarter ZeitungEinbruch bei der Gewerbesteuer: Böblingen muss drastisch sparen
- Volksstimme (dpa)Autostädte leiden unter Schwund bei Gewerbesteuer
- Landeshauptstadt StuttgartJahresabschluss 2025: Stuttgart verzeichnet Rekorddefizit von 711,7 Millionen Euro
