Fast jede zweite Stellenanzeige im Lokalteil stammt inzwischen von einer Behörde, einer Kita oder einem sozialen Träger. Wer fragt, wie viele Menschen arbeiten für den Staat, bekommt meist nur eine grobe Schätzung zur Antwort. Die tatsächliche Zahl überrascht, und noch überraschender ist, wer alles daneben steht, ohne offiziell dazuzugehören. Dieser Artikel rechnet nach, sauber getrennt nach Datenqualität, und zeigt am Ende, wo die seriöse Zahl endet und die politische Behauptung beginnt.

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Das Wichtigste in Kürze

  • 5,5 Millionen Menschen arbeiten direkt im öffentlichen Dienst, rund 12 Prozent aller Erwerbstätigen
  • Rund 2 Millionen weitere arbeiten in der freien Wohlfahrtspflege, größtenteils staatlich mitfinanziert
  • Öffentliche Aufträge im Umfang von bis zu 500 Milliarden Euro pro Jahr lassen sich keiner festen Personenzahl zuordnen
  • Rund ein Viertel aller Arbeitsplätze in Deutschland hängt gleichzeitig vom Export ab, nicht vom Staat

Was bedeutet „am Staat zu hängen“ eigentlich?

Blau-oranger Aktenordner „PROJEKTUNTERLAGEN FALL 2024“ und „BERICHTE | 2024“
Staatsquote 2025 überschreitet psychologisch wichtige 50-Prozent-Marke: Staatsausgaben machen 50,3 Prozent des BIP aus

Zwei völlig unterschiedliche Fragen werden in der öffentlichen Debatte gerne vermischt. Die erste betrifft die Staatsquote: das Verhältnis der gesamten Staatsausgaben zum Bruttoinlandsprodukt. 2025 lag dieser Wert bei 50,3 Prozent, ein Comeback über die psychologisch aufgeladene 50-Prozent-Marke, die zuletzt in den Corona-Jahren überschritten wurde. Diese Kennzahl beantwortet, wie viel Geld durch den Staat fließt, nicht wie viele Menschen dort arbeiten. Für die Ausgabenseite lohnt ein eigener Blick, den ein separater Dr.-Web-Artikel liefert.

Die zweite Frage, die dieser Artikel behandelt, ist eine Beschäftigungsfrage. Wer zählt zum Staat, wer zur freien Wirtschaft, und wer sitzt dazwischen? Genau diese Zwischenkategorie macht die Sache kompliziert. Ein Bauunternehmen mit Rathaus-Auftrag ist formal privat, wirtschaftlich aber vollständig von einer öffentlichen Ausschreibung abhängig. Eine Erzieherin bei einem freien Träger zählt statistisch nicht zum öffentlichen Dienst, obwohl die Kommune den Großteil der Kosten übernimmt. Diese Grauzone trennt den vorliegenden Artikel von jeder amtlichen Standardstatistik, die entweder nur den engen Staatsdienst oder nur grobe Wirtschaftszweige kennt.

Drei Gruppen bilden zusammen das vollständige Bild, das dieser Artikel Schritt für Schritt aufbaut: der direkte öffentliche Dienst mit seinen 5,5 Millionen Beschäftigten, ein diffuses Feld staatsnaher, aber formal privater Arbeitsplätze, und schließlich die exportorientierte Wirtschaft als Gegenpol, der eigene Abhängigkeiten jenseits des Staates erzeugt.

International zeigt sich, wie unterschiedlich Länder diese Frage beantworten. Die Staatsquote lag 2024 in Finnland bei 57,6 Prozent, in Frankreich bei 57,1 Prozent, in Österreich bei 56,3 Prozent, während Irland mit 23,5 Prozent das europäische Schlusslicht bildete, begünstigt durch die Ansiedlung multinationaler Konzerne. Deutschland bewegt sich mit seinen 50,3 Prozent im europäischen Mittelfeld, leicht über dem EU-Durchschnitt von 49,6 Prozent. Diese Zahlen liefern zwar keine Antwort auf die Beschäftigungsfrage, zeigen aber, dass eine hohe Staatsquote allein noch kein deutsches Sonderphänomen ist.

Wie viele Menschen arbeiten wirklich direkt für den Staat?

Papiermodelle von Schule, Gerichtsgebäude und Rathaus mit einer Frauensilhouette in der Mitte
5,5 Millionen Menschen arbeiten im öffentlichen Dienst, verteilt auf sehr unterschiedliche Aufgabenbereiche.

Im Jahresdurchschnitt 2025 waren rund 46,0 Millionen Menschen mit Arbeitsort in Deutschland erwerbstätig, ein Wert, der nach dem Beschäftigungshöchststand des Vorjahres nahezu stabil blieb. Davon zählten zum Stichtag 30. Juni 2025 rund 5,5 Millionen Personen zum öffentlichen Dienst, ein Zuwachs von 95.100 Beschäftigten gegenüber dem Vorjahr. Damit arbeitete 2025 gut jeder achte Erwerbstätige im Staatsdienst, ziemlich genau 12 Prozent.

Der größte Einzelposten sind die allgemeinbildenden und beruflichen Schulen mit 1.069.600 Beschäftigten, gefolgt von den Hochschulen inklusive Universitätskliniken mit 651.300 Personen und den kommunalen Kindertageseinrichtungen mit 298.000 Beschäftigten. Bei den Kitas hat sich die Zahl seit 2010 fast verdoppelt, ein Plus von 96 Prozent in fünfzehn Jahren, wenn auch mit zuletzt abflachender Wachstumsrate.

AufgabenbereichBeschäftigte 2025Entwicklung zum Vorjahr
Schulen (allgemeinbildend und beruflich)1.069.600+19.000
Hochschulen inklusive Kliniken651.300+13.900
Kommunale Kindertagesbetreuung298.000+7.500
Übrige Bereiche (Verwaltung, Polizei, Justiz, Sozialversicherung u. a.)rund 3,48 Mio.siehe Einzelstatistik

Quelle: Statistisches Bundesamt, Stand 30. Juni 2025

Ein Blick auf die Historie relativiert die aktuelle Aufregung um wachsende Behördenzahlen. 1991 arbeiteten noch 6,7 Millionen Menschen im öffentlichen Dienst im engeren Sinn, 2008 sank die Zahl auf einen historischen Tiefstand von 4,5 Millionen. Privatisierungen bei Bahn, Post, Telekom und zahlreichen kommunalen Betrieben trieben diesen Rückgang über zwei Jahrzehnte. Seit 2009 wächst die Zahl wieder, vor allem wegen des Ausbaus der Kinderbetreuung, zusätzlicher Stellen bei der Polizei und im Bildungsbereich.

Zwei Strukturmerkmale runden das Bild ab. Erstens die Verteilung nach Arbeitszeit: 2023 arbeiteten rund 3,4 Millionen Beschäftigte in Vollzeit und 1,8 Millionen in Teilzeit, ein historischer Höchstwert für Teilzeit, der von 16 Prozent im Jahr 1991 auf mittlerweile über 31 Prozent gestiegen ist. Zweitens die Ebenenverteilung: Mit 2,6 Millionen Beschäftigten arbeitet fast die Hälfte aller Staatsdiener bei den Bundesländern, nur rund jede zehnte Person direkt beim Bund.

Diese Schieflage erklärt sich aus der Aufgabenverteilung des Grundgesetzes. Schulen, Polizei und ein großer Teil der Verwaltung liegen in Länderhoheit, während der Bund vor allem Ministerien, Sicherheitsbehörden und die Finanzverwaltung stellt. Auch bei den Personalkosten zeigt sich dieses Muster deutlich: Die Länder geben fast jeden dritten Euro ihres Haushalts für Personal aus, die Gemeinden jeden vierten, der Bund dagegen nur knapp neun Prozent. Ein guter Tarifabschluss fällt beim Bund entsprechend kaum ins Gewicht, während er Länder und Kommunen unmittelbar unter Druck setzt.

Auch die Geschlechterverteilung hat sich über die Jahrzehnte deutlich gewandelt. Der Frauenanteil im öffentlichen Dienst stieg von 47 Prozent im Jahr 1998 auf mittlerweile 54,64 Prozent, allerdings mit enormen Unterschieden je nach Aufgabenbereich. In Kindertagesstätten liegt der Frauenanteil bei 97 Prozent, im Schuldienst bei mehr als zwei Dritteln, während bei der Polizei nur rund ein Viertel der Beschäftigten weiblich ist. Diese Spannbreite zeigt, wie sehr sich hinter der einen großen Zahl von 5,5 Millionen völlig unterschiedliche Arbeitswelten verbergen.

Auch das öffentliche Ansehen der einzelnen Berufsgruppen unterscheidet sich erheblich, was die pauschale Rede vom „aufgeblähten Staatsdienst“ zusätzlich erschwert. Feuerwehrleute belegen in Berufe-Rankings seit Jahren Spitzenplätze, und auch das Vertrauen in Beamtinnen und Beamte insgesamt legte zuletzt um acht Prozentpunkte zu. Wer über zu viele Staatsbedienstete klagt, meint in der Regel eine ganz bestimmte Untergruppe der Verwaltung, selten aber die Feuerwehrfrau oder den Polizeikommissar nebenan.

Beamte, Richter, Soldaten: der harte Kern des Staatsdienstes

Eine gefaltete schwarz-rot-goldene Schärpe mit Bundesadler und Fransen auf Weiß
Rund 1,9 Millionen Menschen tragen Beamtenstatus, inklusive Soldatinnen, Soldaten, Richterinnen und Richtern.

Innerhalb der 5,5 Millionen Beschäftigten bildet eine kleinere Gruppe den institutionellen Kern der Staatlichkeit. Rund 1,9 Millionen Personen haben Beamtenstatus, inklusive Soldatinnen, Soldaten, Richterinnen und Richter. Die übrigen gut drei Millionen arbeiten als Tarifbeschäftigte nach TVöD oder vergleichbaren Tarifverträgen, mit sämtlichen Rechten und Pflichten regulärer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Der Unterschied ist mehr als reine Formsache. Beamtinnen und Beamte fallen aus der gesetzlichen Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung heraus, versichern sich privat und erhalten im Ruhestand eine Pension statt einer Rente. Im Gegenzug verpflichten sich Staatsbedienstete zu einem Diensteid, verlieren das Streikrecht und tragen als Repräsentanten des Staates besondere Wohlverhaltenspflichten. Die Ausgaben des deutschen Staates für Pensionen, Hinterbliebenenversorgung und Beihilfen belaufen sich mittlerweile auf über 86 Milliarden Euro jährlich, mit klar steigender Tendenz, seit die Zahl der Ruhestandsbeamten 2013 mit 1,132 Millionen einen ersten historischen Höchststand erreichte.

Zum harten Kern zählen typischerweise folgende Berufsgruppen:

  • Lehrkräfte an staatlichen Schulen, mit 712.700 verbeamteten Personen der mit Abstand größte Einzelposten
  • Polizeivollzugsbeamtinnen und -beamte bei Bund und Ländern, inklusive Bundeskriminalamt
  • Richterinnen und Richter an ordentlichen Gerichten sowie Staatsanwaltschaften
  • Berufs- und Zeitsoldatinnen sowie -soldaten der Bundeswehr, rund 179.500 Personen
  • Verwaltungsbeamtinnen und -beamte im gehobenen und höheren Dienst

Fast jede vierte Person im öffentlichen Dienst ist inzwischen 55 Jahre oder älter, das entspricht rund einer Million Beschäftigten. Der demografische Wandel trifft den Staatsdienst also von zwei Seiten gleichzeitig: Aufgaben wachsen, geeigneter Nachwuchs fehlt, und die Versorgungslasten der ausscheidenden Generation steigen parallel dazu weiter an. Das Durchschnittsalter aller Beschäftigten liegt mittlerweile bei 46 Jahren, deutlich höher als noch vor zwei Jahrzehnten. Nur noch rund 21 Prozent der Beschäftigten sind jünger als 35 Jahre, während 57 Prozent zwischen 35 und 54 Jahren alt sind.

Wie stark der Beamtenanteil variiert, zeigt sich auch zwischen den Bundesländern deutlich. Manche Länder verbeamten traditionell einen sehr hohen Anteil ihres Lehrpersonals, andere setzen stärker auf Tarifbeschäftigung. Die meisten Beamtinnen und Beamten finden sich in der Besoldungsstufe A13, vor allem weil dort das gesamte gehobene Lehrpersonal eingruppiert ist. Bei den Tarifbeschäftigten liegt der Schwerpunkt in der Gehaltsstufe E9. Das durchschnittliche Bruttojahresgehalt einer Vollzeitkraft im Bereich öffentliche Verwaltung, Verteidigung und Sozialversicherung beträgt aktuell rund 54.500 Euro, ein Wert, der über alle Aufgabenbereiche und Erfahrungsstufen hinweg gemittelt ist und daher wenig über einzelne Karrierepfade verrät.

Die unsichtbare zweite Reihe: Wer lebt von öffentlichen Aufträgen?

Oranger Aktenordner
Öffentliche Aufträge im Umfang von bis zu 500 Milliarden Euro jährlich lassen sich keiner festen Personenzahl zuordnen.

Neben den 5,5 Millionen direkt Beschäftigten existiert ein zweiter, deutlich größerer Wirtschaftskreislauf. Bund, Länder und Kommunen vergeben jährlich öffentliche Aufträge im Umfang von schätzungsweise 15 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts, rund 500 Milliarden Euro nach OECD-Berechnung. Nahezu 80 Prozent dieses Gesamtvolumens entfallen auf Länder und Kommunen, nicht auf den Bund, was die föderale Struktur der öffentlichen Beschaffung unterstreicht.

Die amtliche Vergabestatistik erfasst allerdings nur einen Ausschnitt, nämlich Aufträge ab 25.000 Euro. Allein 2023 wurden dort 195.000 Aufträge mit einem Gesamtvolumen von 125 Milliarden Euro registriert, aufgeteilt in Bauleistungen mit 40 Milliarden, Lieferleistungen mit 41 Milliarden und Dienstleistungen mit 50 Milliarden Euro. Die deutliche Differenz zur OECD-Schätzung von 500 Milliarden zeigt, wie viel Beschaffung außerhalb der amtlichen Erfassungsschwelle stattfindet, etwa durch kleinere, aber in der Summe zahlreiche kommunale Vergaben.

Nahezu 70 Prozent aller Bundeswehr-Aufträge gehen nach Stückzahl an mittelständische Unternehmen, nicht an die bekannten Großkonzerne. Für eine belastbare Personenzahl reicht das trotzdem nicht. Bauarbeiter, IT-Dienstleister, Reinigungskräfte in öffentlichen Gebäuden, Facility-Manager, Unternehmensberatungen: All diese Berufsgruppen tauchen in keiner Statistik als „staatsabhängig“ auf, obwohl ihr Arbeitsplatz teilweise vollständig an einer einzigen kommunalen Ausschreibung hängt. Genau hier liegt der größte blinde Fleck der gesamten Debatte, größer vermutlich als alle anderen Kategorien dieses Artikels zusammen.

Das Bundeswirtschaftsministerium selbst bezeichnet die öffentliche Auftragsvergabe als bedeutenden Wirtschaftsfaktor, ohne eine eigene Beschäftigtenstatistik dazu zu führen. Vergaberecht regelt lediglich das Verfahren: Gleichbehandlung, Transparenz, Mittelstandsförderung. Wie viele Vollzeitstellen hinter einem konkreten Straßenbauauftrag oder einer IT-Ausschreibung stehen, bleibt Sache der beauftragten Unternehmen selbst und wird auf staatlicher Seite nicht systematisch erfasst. Diese strukturelle Lücke ist kein Versäumnis einzelner Behörden, sondern die logische Folge eines Systems, das Auftragsvergabe und Beschäftigungsstatistik von Anfang an getrennt organisiert.

Ein einzelnes Beispiel zeigt die Größenordnung: 2019 vergab allein das Bundesministerium der Verteidigung 519 Lieferverträge oberhalb des EU-Schwellenwerts, mit einem Gesamtwert von rund 3 Milliarden Euro. Wie viele Arbeitsplätze diese eine Ministeriumsvergabe bei Zulieferern, Herstellern und Dienstleistern sicherte, lässt sich aus den öffentlichen Daten nicht mehr rekonstruieren. Multipliziert über alle Bundesministerien, Länder und Kommunen hinweg, wird deutlich, warum diese Kategorie in jeder seriösen Gesamtschau als Fragezeichen stehen bleiben muss statt als feste Zahl.

Caritas, Diakonie und Co.: der stille Riese der Wohlfahrtspflege

Zwei ineinander verschlungene Herzen aus rotem und blauem Papierstreifen auf weißem Grund
Caritas und Diakonie gelten gemeinsam als größter privater Arbeitgeberverbund der Welt.

Die einzige flächendeckende Erhebung zur freien Wohlfahrtspflege liefert die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege alle vier Jahre. Zum Stichtag 1. Januar 2020 waren in 125.370 Einrichtungen und Diensten mit über 4,3 Millionen Betten und Plätzen gut zwei Millionen Menschen hauptamtlich beschäftigt. Aktuellere Teilerhebungen zeigen für einzelne Felder bereits deutlich höhere Werte: 551.000 Beschäftigte in der Altenhilfe und 473.000 in der Kinder- und Jugendhilfe, was auf ein weiteres Wachstum seit 2020 hindeutet.

TrägerHauptamtlich BeschäftigteEinrichtungen
Deutscher Caritasverbandrund 771.000rund 25.100
Diakonie Deutschlandrund 600.000mehrere Tausend
AWO, Paritätischer, DRK, ZWST zusammenrund 630.000verteilt auf alle Hilfefelder

Quelle: Caritas-Zentralstatistik, Diakonie Deutschland, BAGFW-Gesamtstatistik 2020

Caritas und Diakonie zusammen gelten seit Jahrzehnten als größter privater Arbeitgeberverbund der Welt. Fast 40 Prozent aller Beschäftigten der Wohlfahrtspflege arbeiten allein unter dem Dach der Caritas. Hinzu kommen laut Branchenschätzungen weitere zwei bis drei Millionen ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die in keiner der genannten Beschäftigtenzahlen auftauchen, aber für den laufenden Betrieb vieler Einrichtungen unverzichtbar sind.

Die Finanzierung läuft über eine Mischung aus Krankenkassenbeiträgen, Pflegeversicherung, staatlichen Sozialleistungen, kommunalen Zuwendungen und Spenden. Wer die Frage stellt, ob diese Jobs ohne den Staat existieren würden, bekommt keine einfache Ja-oder-Nein-Antwort darauf. Der überwiegende Teil der Finanzierung stammt aus öffentlichen oder gesetzlich regulierten Quellen, ein kleinerer, aber keineswegs unbedeutender Teil aus Eigenmitteln, Kirchensteuer und Spendenaufkommen.

Das Wachstumstempo der Branche übertrifft dabei viele klassische Wirtschaftszweige deutlich. Seit 1993 ist die Zahl der Einrichtungen und Dienste um 46 Prozent gestiegen, die Zahl der Mitarbeitenden sogar um 71 Prozent. Besonders die Behindertenhilfe legte seit 2012 um 21 Prozent zu. Bei der Caritas allein wuchs die Kinder- und Jugendhilfe seit 2010 um 57 Prozent, getrieben vom Ausbau der Kleinkindbetreuung und der sozialpädagogischen Einzelbetreuung. Das Marktumfeld hat sich seit den 1990er-Jahren zusätzlich verändert: Das Pflegeversicherungsgesetz von 1994 stellte freigemeinnützige und private Träger erstmals rechtlich gleich, sodass mittlerweile auch gewinnorientierte Privatunternehmen in Teilen der Alten- und Krankenpflege mitkonkurrieren, ein Markt, der vor drei Jahrzehnten in dieser Form noch nicht existierte.

Rüstungsindustrie: Boom dank Staat oder Boom dank Ausland?

Graues Zahnrad-Icon mit Schutzschild und Kreuz auf weißem Hintergrund mit Schatten
Die Rüstungsindustrie wächst rasant, hängt aber zu 70 Prozent am Export, nicht am deutschen Staat.

Kaum eine Branche polarisiert die Debatte um Staatsnähe so sehr wie die Rüstungsindustrie. Die genannten Zahlen hängen stark von der gewählten Abgrenzung und dem Erhebungsjahr ab.

AbgrenzungBeschäftigteStand
BDSV-Mitgliedsunternehmen, direktrund 115.0002023
Verteidigungsindustrie, direkter Effektrund 105.0002024
Gesamte Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, direkter Effektrund 387.0002024

Quelle: BDSV, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie zählt mittlerweile 550 Mitgliedsunternehmen, mehr als doppelt so viele wie zu Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Allein zwischen 2024 und 2025 traten rund 200 Firmen dem Verband bei, seit November 2025 kamen weitere 100 hinzu. Der Jahresumsatz der Mitgliedsunternehmen lag zuletzt bei rund 46 Milliarden Euro.

Eine entscheidende Relativierung darf in keiner seriösen Darstellung fehlen. Ein erheblicher Teil der Wertschöpfung der Branche entsteht im Exportgeschäft, nicht über deutsche Staatsaufträge. Die Initiative Readiness 2030 der Europäischen Union will zusätzlich rund 800 Milliarden Euro in Rüstungsgüter investieren, größtenteils finanziert von anderen EU-Staaten. Wer die Rüstungsindustrie pauschal als „staatsabhängig“ einordnet, unterschlägt diesen entscheidenden Unterschied zwischen Inlandsnachfrage und Exportgeschäft.

Nahezu 70 Prozent aller Bundeswehr-Aufträge gehen nach Stückzahl an mittelständische Firmen, nicht an die bekannten Großkonzerne. Der Fachkräftebedarf der Branche wächst dabei schneller, als neues Personal gefunden wird. Branchenschätzungen zeigen für Deutschland einen konkreten Zusatzbedarf von 55.000 bis 75.000 Personen bis 2030, zusammengesetzt aus bereits heute offenen Stellen von rund 30.000, erwarteten Wachstumseinstellungen von 15.000 bis 25.000 und dem alterungsbedingten Ersatzbedarf von 10.000 bis 20.000 Personen.

Regional konzentriert sich die Branche zunehmend auf neue Standorte abseits der traditionellen Zentren. Ostdeutschland etabliert sich als aufstrebendes Zentrum, wie BDSV-Hauptgeschäftsführer Hans Christoph Atzpodien gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland bestätigte: Große Systemhäuser wie Hensoldt und Airbus Defence and Space eröffneten dort neue Standorte, ebenso die Rüstungskonzerne MBDA, Diehl Defence und KNDS, wenn auch mit insgesamt weniger Beschäftigten als in den westlichen Bundesländern.

Wie viele Arbeitsplätze hängen wirklich am Export?

Ein hellblauer Schiffscontainer mit Aufschrift und Logo steht auf weißem Grund
Annähernd jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland hängt vom Export ab, nicht vom Staat.

Diese Frage führt weg vom Staat und hin zu einem zweiten großen Abhängigkeitsverhältnis der deutschen Volkswirtschaft. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hängt annähernd jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland vom Export ab. Berechnungen der IW Consult kamen für 2018 bereits auf 11,4 Millionen exportbedingte Jobs, eine Steigerung um 64 Prozent gegenüber 1998. Zwanzig Jahre zuvor, 1997, zählte die Statistik erst 6,7 Millionen Stellen, was zeigt, wie stark die Exportabhängigkeit über zwei Jahrzehnte gewachsen ist.

SektorAnteil exportabhängiger Jobs
Gesamtwirtschaftrund 25 bis 28 Prozent
Verarbeitendes Gewerbe (Industrie)mehr als 61 Prozent
Dienstleistungssektorüberwiegend indirekt, über Zulieferketten

Quelle: Statistisches Bundesamt, IW Consult, Bundeswirtschaftsministerium

Von den rund 11 Millionen exportbedingten Jobs hängt gut die Hälfte direkt an exportierenden Unternehmen, der Rest an Zulieferern über Vorleistungen. Logistikfirmen, IT-Dienstleister und Unternehmensberatungen zählen überwiegend zur zweiten Gruppe: Ihre Auftragslage folgt der Nachfrage exportierender Industriebetriebe, ohne dass eigene Waren jemals die Grenze überqueren. Besonders wichtig bleibt der europäische Markt, an den deutlich mehr als die Hälfte aller Export-Arbeitsplätze gekoppelt sind. Wie konkret einzelne Handelspartner wirken, zeigte zuletzt die Brexit-Debatte: Rund 460.000 Arbeitsplätze in Deutschland hingen laut einer IAB-Studie direkt oder indirekt am Exportgeschäft mit Großbritannien, davon 60.000 allein in der Automobilindustrie.

Die Unterscheidung zwischen Export- und Inlandsjobs ist dabei mehr als akademisch. Exportarbeitsplätze holen tatsächlich neue, von außen kommende Nachfrage ins Land, während rein inlandsorientierte Jobs vorhandene Kaufkraft in erster Linie umverteilen. Diese Sichtweise greift allerdings zu kurz, wenn sie unterstellt, nur der Export schaffe echten Mehrwert: Auch Bau, Gesundheit und Bildung erzeugen reale Wertschöpfung und tragen zum Bruttoinlandsprodukt bei, unabhängig davon, ob am Ende eine Rechnung ins Ausland geht.

Die geografische Verteilung der Exportnachfrage hat sich in den vergangenen Jahren verschoben, ohne die grundsätzliche Europa-Abhängigkeit aufzulösen. 2020 gingen 67,1 Prozent der deutschen Warenexporte nach Europa, davon 57 Prozent in die EU und 36,6 Prozent in die Eurozone, beide Anteile leicht rückläufig gegenüber den Vorjahren. Zugleich exportierte Deutschland 2023 Waren im Wert von 1.562 Milliarden Euro und importierte gleichzeitig für 1.353 Milliarden Euro, ein Überschuss, der international immer wieder als wirtschaftliches Ungleichgewicht kritisiert wird. Als rohstoffarmes Land bleibt Deutschland zugleich in hohem Maße importabhängig, insbesondere im Energiebereich, was die Verwundbarkeit der Volkswirtschaft in beide Richtungen zeigt.

Boomt die Exportindustrie wirklich, oder kriselt sie?

Oranger 3D-Pfeil auf weißem Grund, der links ansteigt und rechts abfällt
Während die Rüstungsindustrie boomt, schrumpft die klassische Exportindustrie das dritte Jahr in Folge.

Der Kontrast zur boomenden Rüstungsindustrie könnte kaum größer ausfallen. Während Rheinmetall und andere Systemhäuser Rekordauftragsbestände vermelden, registriert das Statistische Bundesamt für das Produzierende Gewerbe im Jahr 2025 einen Rückgang der Bruttowertschöpfung um 1,3 Prozent, das dritte Krisenjahr in Folge. Die Autobranche verlor zwischen Herbst 2022 und Herbst 2024 rund 18.000 Beschäftigte und kommt aktuell noch auf 887.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Hohe Energiekosten, US-Zölle, die spürbare Aufwertung des Euro und wachsende Konkurrenz aus China setzen die exportorientierte Industrie zusätzlich unter Druck. Die deutschen Ausfuhren stiegen 2025 zwar erstmals nach drei Rückgangsjahren wieder leicht an, liegen im Gesamtvolumen aber weiterhin unter dem Niveau von vor der Pandemie. Die sogenannten Wirtschaftsweisen senkten ihre Wachstumsprognose für 2026 im Sommer wegen der Folgen des Irankriegs deutlich, von zuvor 0,9 auf nur noch 0,5 Prozent, unter anderem wegen steigender Öl- und Gaspreise.

Ein Widerspruch drängt sich hier auf. Dieselbe Volkswirtschaft, die gerade eine boomende Rüstungsbranche mit Fachkräftemangel trägt, sieht gleichzeitig eine ihrer traditionellen Kernindustrien schrumpfen und Stellen abbauen. Beide Entwicklungen laufen parallel, nicht nacheinander, und genau das macht die Lage für Arbeitsmarktprognosen so unübersichtlich. Ein einfacher Blick auf „die Exportindustrie“ als Ganzes verdeckt, wie unterschiedlich Rüstung, Automobilbau und Maschinenbau derzeit dastehen.

Nach zwei Rezessionsjahren wuchs die deutsche Gesamtwirtschaft 2025 nur um 0,2 Prozent, getragen vor allem von den gestiegenen Konsumausgaben privater Haushalte und des Staates. Die Exportwirtschaft dagegen gab erneut nach, unter dem Druck höherer US-Zölle, der Euro-Aufwertung und stärkerer Konkurrenz aus China. Sowohl bei Ausrüstungen als auch bei Bauten wurde 2025 weniger investiert als im Vorjahr, ein Signal, dass Unternehmen der exportorientierten Industrie mit größerer Vorsicht in die Zukunft blicken als der öffentliche Sektor, dessen Konsumausgaben 2025 sogar stärker wuchsen als die der privaten Haushalte.

Wo sich die Zahlen überschneiden: die Fallstricke der Doppelzählung

Zwei überlappende, hellgrüne Glasscheiben bilden ein Venn-Diagramm auf weißem Grund
Wer Vergabevolumen und Rüstungsbeschäftigte separat addiert, zählt denselben Euro zweimal.

Wer jetzt einfach alle bisher genannten Zahlen addiert, begeht einen methodischen Fehler mit Ansage. Die Rüstungsindustrie ist bereits Teil des Vergabevolumens aus dem vierten Kapitel, zumindest in ihrem inländischen Auftragsanteil über die Bundeswehr. Eine getrennte Addition würde denselben Euro und teilweise dieselbe Person zweimal zählen.

Auch die Wohlfahrtspflege lässt sich nicht sauber isolieren. Krankenkassenbeiträge, Pflegeversicherung und Spendengelder fließen gemeinsam in dieselben Träger, ohne dass sich der staatliche Anteil einer einzelnen Stelle scharf abgrenzen lässt. Wer trotzdem eine seriöse Gesamtsumme bilden will, sollte drei Grundregeln beachten:

  • Harte Personenzahlen nur dort verwenden, wo eine echte Vollerhebung existiert, wie beim öffentlichen Dienst und bei der Wohlfahrtspflege.
  • Finanzvolumina wie das Vergabevolumen nicht ungeprüft in Personenzahlen umrechnen, ohne die Branchenstreuung zu kennen.
  • Exportanteile explizit abziehen, bevor eine Branche pauschal als staatsabhängig gilt, wie im Fall der Rüstungsindustrie ausführlich gezeigt.

Diese drei Regeln unterscheiden eine seriöse Bestandsaufnahme von einer politisch motivierten Schlagzeile, die einfach alle verfügbaren Millionen addiert, bis die gewünschte Botschaft passt.

Ein konkretes Beispiel verdeutlicht die Gefahr. Zählt eine Berechnung sowohl das gesamte Vergabevolumen von 500 Milliarden Euro als auch separat 115.000 Rüstungsbeschäftigte hinzu, entsteht der falsche Eindruck zusätzlicher, bislang unentdeckter Staatsnähe. Tatsächlich stecken die inländischen Rüstungsaufträge des Bundes bereits in der ersten Zahl. Wer beide Werte addiert, bläst die eigene Schlagzeile künstlich auf und liefert der Gegenseite in der politischen Debatte ein leichtes Ziel für berechtigte Kritik an der Methodik.

Das Gesamtbild: Wie groß ist der Staatstropf wirklich?

Ein unvollständiges Puzzle mit orangefarbenen und weißen Mustern auf weißem Grund
Rund 7,5 Millionen Menschen hängen nachweislich am Staat, die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen.

Eine seriöse Gesamtschau verzichtet auf eine einzige, scheinbar exakte Zahl und arbeitet stattdessen mit Bandbreiten je nach tatsächlicher Datenqualität.

KategorieBeschäftigteDatenqualität
Öffentlicher Dienst, direkt5,5 Mio.Vollerhebung, sehr belastbar
Freie Wohlfahrtspflegerund 2,0 Mio.Vollerhebung, letzter Stand 2020
Rüstungsindustrie, nur Inlandsanteilgrob 30.000 bis 50.000Schätzung, Exportanteil bereits abgezogen
Öffentliche Aufträge insgesamt (Bau, IT, Dienstleistung)nicht seriös bezifferbarnur Finanzvolumen von 125 bis 500 Mrd. € bekannt

Zusammengerechnet ergeben allein die beiden harten Kategorien bereits rund 7,5 Millionen Menschen, deren Erwerbstätigkeit unmittelbar oder ganz überwiegend am Staat hängt, das entspricht etwas mehr als 16 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland. Hinzu kommt ein diffuses, aber vermutlich noch größeres Feld an Bau-, IT- und Beratungsjobs, für das schlicht keine seriöse Personenzahl existiert. Ehrlicher als jede Pseudo-Präzision ist der Hinweis, dass diese Datenlücke selbst zum politischen Thema werden sollte, bevor über konkrete Obergrenzen gestritten wird.

Die Rüstungsindustrie taucht in dieser Gesamtrechnung bewusst nur mit ihrem kleinen, bereits um den Exportanteil bereinigten Inlandswert auf, nicht mit den vollen 115.000 BDSV-Beschäftigten. Wer die größere Zahl verwenden möchte, muss gleichzeitig offenlegen, dass ein erheblicher Teil davon an ausländischer Nachfrage hängt, nicht am deutschen Staatshaushalt. Am Ende bleibt festzuhalten, dass sich rund 16 Prozent als solide Untergrenze belegen lassen, die tatsächliche Größenordnung aber je nach Definition der Grauzone durchaus zweistellig höher liegen könnte.

Gesund oder gefährlich? Zwei Lager streiten über die Staatsnähe der Wirtschaft

Papier-Balkenwaage mit 12g links und 30g rechts auf weißem Grund
Über die richtige Obergrenze der Staatsquote streiten Ökonomen und Verbände seit Jahren.

Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion forderte 2025 eine Obergrenze der Staatsquote von unter 45 Prozent bis 2030 und zitierte Helmut Kohls Satz, bei einer Staatsquote von 50 Prozent beginne der Sozialismus. Aus dieser Perspektive verdrängt jede zusätzliche staatsnahe Stelle unternehmerische Initiative, Wettbewerbsfähigkeit und Eigenverantwortung.

„Wer beim öffentlichen Dienst automatisch an Bürokratie denkt, hat die Kita-Erzieherin und den Feuerwehrmann vergessen. Beide zählen genauso zur Statistik wie der Sachbearbeiter, den die Debatte eigentlich meint.“

— Markus Seyfferth, Dr. Web

Der Bundesverband der Freien Berufe hält dagegen: Jeder Euro, den der Staat ausgibt, wurde zuvor von der Wirtschaft erarbeitet, eine dauerhafte Senkung der Staatsquote gelinge nur über echte Strukturreformen, nicht über bloße Umverteilung zwischen staatlichen Ebenen. Eine Expertengruppe attestierte den staatlichen Strukturen zudem konkrete Ineffizienz und forderte, Verwaltungsaufwand ohne erkennbaren Mehrwert für die Bevölkerung gezielt abzubauen, gerade weil solche Leerläufe Unzufriedenheit erzeugen, ohne irgendjemandem zu nützen.

Beide Lager tragen einen wahren Kern in sich. Der demografische Wandel treibt Sozialausgaben, Pflege und Bildung strukturell nach oben, weitgehend unabhängig von jeder Bürokratie-Debatte, wie die wachsenden Beschäftigtenzahlen bei Kitas, Schulen und in der Wohlfahrtspflege eindrücklich zeigen. Gleichzeitig wächst die in diesem Artikel beschriebene Grauzone aus staatlich finanzierten, aber formal privaten Arbeitsplätzen offenbar schneller, als die amtliche Statistik das erfassen kann. Genau diese Unsichtbarkeit, mehr als die reine Größe des Staatsdienstes, verdient nach unserer Einschätzung die eigentliche politische Aufmerksamkeit. Wer über eine Obergrenze der Staatsquote streitet, ohne die Grauzone überhaupt zu beziffern, diskutiert am eigentlichen Kern der Sache vorbei.

Was heißt das für den Standort Deutschland?

Bild eines Kompasses aus Messing vor weißem Hintergrund
Staatsdienst und Rüstungsindustrie werben gleichzeitig um dieselben knappen Fachkräfte.

Zwei scheinbar gegensätzliche Branchen kämpfen gerade um dieselben knappen Fachkräfte. Die Rüstungsindustrie braucht laut Branchenschätzungen bis 2030 zusätzlich 55.000 bis 75.000 Beschäftigte, vom CNC-Fachmann über Schweißerinnen mit Sicherheitszertifizierung bis zur KI-Expertin für autonome Waffensysteme. Der öffentliche Dienst kämpft parallel mit einer Pensionierungswelle und einem Durchschnittsalter von 46 Jahren, während gleichzeitig neue Aufgaben in Kitas, Schulen und Pflege entstehen.

Auf europäischer Ebene könnte sich diese Konkurrenz noch verschärfen. Erhöht die gesamte NATO ihre Verteidigungsausgaben von zwei auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, benötigt allein Europa nach einer Kearney-Studie zusätzlich 760.000 Fachkräfte für die Rüstungsindustrie, ein Vielfaches des heutigen deutschen Zusatzbedarfs. Haben Sie sich schon gefragt, woher diese Menschen kommen sollen, wenn Schulen, Kitas und Pflegeheime gleichzeitig um dieselben Nachwuchskräfte werben?

Beide Sektoren wachsen, beide altern, und beide konkurrieren strukturell um dieselbe schrumpfende Zahl junger Erwerbstätiger. Wer über die Zukunft des Standorts Deutschland spricht, kommt an dieser doppelten Fachkräftefrage nicht vorbei, ganz gleich, wie die politische Debatte um die Staatsquote am Ende ausgeht.

Für Unternehmen in der freien Wirtschaft bedeutet das konkret: Personalplanung, die allein auf klassische Wettbewerber schaut, greift zu kurz. Wer heute IT-Fachkräfte, Ingenieurinnen oder Verwaltungspersonal sucht, konkurriert nicht mehr nur mit anderen Mittelständlern, sondern gleichzeitig mit einem wachsenden Staatsdienst, einer boomenden Rüstungsindustrie und einer expandierenden Wohlfahrtspflege. Diese drei Sektoren zusammen binden schätzungsweise ein Sechstel aller Erwerbstätigen in Deutschland, mit steigender Tendenz. Wer diese Konkurrenz um Köpfe frühzeitig einpreist, plant realistischer als jeder Wettbewerber, der noch in alten Kategorien denkt.

Glossar

Staatsquote: Verhältnis der gesamten Staatsausgaben zum Bruttoinlandsprodukt, 2025 bei 50,3 Prozent.

Öffentlicher Dienst: Alle Beschäftigten bei Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherungsträgern, rund 5,5 Millionen Personen.

Freie Wohlfahrtspflege: Sechs große Wohlfahrtsverbände wie Caritas und Diakonie, überwiegend staatlich mitfinanziert.

Vergabevolumen: Gesamtsumme aller öffentlichen Aufträge an private Unternehmen, geschätzt bis zu 500 Milliarden Euro jährlich.

BDSV: Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, zentraler Branchenverband der Rüstungsindustrie.

Häufige Fragen

Wie viele Menschen arbeiten im öffentlichen Dienst?

Rund 5,5 Millionen Menschen, das sind etwa 12 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland (Stand Juni 2025).

Wie viele Beamte gibt es in Deutschland?

Rund 1,9 Millionen Personen haben Beamtenstatus, inklusive Soldatinnen, Soldaten, Richterinnen und Richter.

Wie viel Prozent der Arbeitsplätze hängen vom Export ab?

Annähernd jeder vierte Arbeitsplatz, im verarbeitenden Gewerbe mehr als 61 Prozent.

Wie finanziert sich die freie Wohlfahrtspflege?

Über eine Mischung aus Krankenkassenbeiträgen, Pflegeversicherung, staatlichen Zuschüssen und Spenden.

Wie viele Menschen arbeiten in der Rüstungsindustrie?

Rund 135.700 direkt bei BDSV-Mitgliedsunternehmen, bis zu 270.000 bis 500.000 inklusive Zulieferkette.

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