Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben am 24. September 2026 ihre Wachstumsprognose für Deutschland mehr als verdoppelt: Statt 0,6 erwarten die Institute nun 1,3 Prozent Plus beim Bruttoinlandsprodukt. Am selben Tag meldete das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dass 2026 rund 210.000 Menschen weniger erwerbstätig sein werden. Beide Zahlen stimmen, und die Tabellen im Gutachten erklären, warum.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenWer die Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2026 über die Schlagzeile hinaus liest, findet ein Wachstum, das vor allem aus dem Export und aus der Staatskasse stammt. Privater Konsum und Unternehmensinvestitionen tragen im Inland praktisch nichts bei, während Industrie und Autozulieferer weiter Stellen streichen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Institute erwarten 1,3 Prozent Wachstum für 2026, davon entfallen 0,3 Prozentpunkte allein auf zusätzliche Arbeitstage.
- Ohne importierte Vorleistungen gerechnet tragen Exporte 0,8 und der Staatskonsum 0,6 Prozentpunkte zum Wachstum bei, privater Konsum und Investitionen dagegen nichts.
- Das Staatsdefizit steigt von 136,5 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf 192,2 Milliarden Euro 2026 und 237,3 Milliarden Euro 2028.
- Das IAB erwartet 2026 im Produzierenden Gewerbe 160.000 Erwerbstätige weniger, bei öffentlichen Dienstleistern, Erziehung und Gesundheit 170.000 mehr.
- Unternehmens- und Vermögenseinkommen wachsen 2026 um 6,4 Prozent, die gewinnabhängigen Steuern steigen trotzdem nur schwach.
Woher kommen die 1,3 Prozent Wachstum?

Das Wachstum 2026 stammt etwa zur Hälfte aus dem Export und zur anderen Hälfte aus dem Staatskonsum. Die Institute weisen in ihrem Gutachten aus, wie viel jede Nachfragekomponente zur Wertschöpfung im Inland beiträgt, wenn man die importierten Vorleistungen herausrechnet. Nach dieser Rechnung liefern die Exporte 0,8 Prozentpunkte und die Konsumausgaben des Staates 0,6 Prozentpunkte. Der private Konsum kommt auf 0,0 Prozentpunkte, die Bruttoanlageinvestitionen ebenfalls.[1]
Hinzu kommen zwei statistische Effekte. Das Jahr 2026 hat mehr Arbeitstage als 2025, was die Jahresrate um 0,3 Prozentpunkte erhöht. Kalenderbereinigt wächst die Wirtschaft um 1,0 Prozent. Außerdem hat das Statistische Bundesamt im Sommer die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen revidiert und das Niveau der Wirtschaftsleistung angehoben, wodurch auch die Rezession der Jahre 2023 und 2024 milder ausfällt als bisher ausgewiesen. Für das dritte Quartal 2026 erwarten die Institute nur noch ein Plus von 0,1 Prozent, weil Niedrigwasser seit Mitte Juli vor allem die Chemieindustrie bremst.[1]
Wie belastbar ist das Exportplus?
Die Institute halten selbst offen, ob die Exportstärke anhält. Im ersten Halbjahr stiegen Ausfuhren und Industrieproduktion deutlich kräftiger als erwartet. Getragen wurde das Plus vom weltweiten KI-Boom, etwa über die Ausfuhr von Datenverarbeitungsgeräten und den Bau von Rechenzentren, wovon auch Zulieferer wie Infineon mit dem KI-Strombedarf profitieren. Dazu kam ein Sonderfaktor: Wettbewerber aus der Golfregion hatten infolge des Iran-Kriegs erhebliche Produktionsausfälle. Ein Teil des Anstiegs dürfte nach Einschätzung der Institute auf vorsorglichen Lageraufbau und zeitweilige Wettbewerbsvorteile zurückgehen. Offen sei daher, „in welchem Maße die jüngste Exportstärke bereits eine nachhaltige Erholung widerspiegelt“.[1]
Oliver Holtemöller, Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), fasst die Lage so zusammen: „Die Wirtschaft hat sich robuster entwickelt als erwartet. Der Aufschwung steht jedoch auf einem schmalen Fundament, denn hohe Energiepreise und Strukturprobleme belasten.“[2] Handelspolitisch bleibt das Umfeld schwierig. Nachdem der Oberste Gerichtshof der USA am 20. Februar 2026 die Notstandszölle für unrechtmäßig erklärt hatte, ersetzte Washington sie im Juli durch neue, potenziell dauerhafte Zölle. Das Zollniveau liegt damit unter dem von 2025, aber nach Einschätzung der Institute weiterhin erheblich über dem Stand vor der Trump-Regierung.[1] Konzerne reagieren darauf mit Produktion vor Ort, wie Audis Pläne für ein US-Werk zeigen. Zusätzlich drückt chinesische Konkurrenz auf den angestammten Absatzmärkten deutscher Anbieter.[1]
Wie viel des Wachstums ist auf Schulden gebaut?
Ein großer Teil: Die neuen Kreditspielräume für Infrastruktur, Klimaneutralität und Verteidigung setzen nach Angabe der Institute 2026 „die weitaus größten expansiven Impulse“.[1] Die Verteidigungsausgaben wachsen über die Ausnahme von der Schuldenbremse und das Sondervermögen Bundeswehr, aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität fließt Geld in Schienen und Straßen. Gegenüber dem jeweiligen Vorjahr beziffern die Institute die Mehrausgaben für Verteidigung auf 7,0 Milliarden Euro im Jahr 2026 und 17,0 Milliarden Euro im Jahr 2027. Das Sondervermögen Infrastruktur schlägt mit zusätzlichen 7,5 und 8,0 Milliarden Euro zu Buche. Zusammen belasten alle finanzpolitischen Maßnahmen den Staatshaushalt 2026 um 21,5 Milliarden Euro stärker als im Vorjahr, das entspricht 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung.[1] Wie Rüstungsaufträge Industriestandorte umbauen, zeigt der Verkauf des VW-Werks Osnabrück.
Die Kehrseite steht im selben Gutachten. Das Finanzierungsdefizit des Staates steigt von 136,5 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf 192,2 Milliarden Euro im Jahr 2026, 213,2 Milliarden Euro im Jahr 2027 und 237,3 Milliarden Euro im Jahr 2028. Das sind am Ende 4,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zwischen 2025 und 2028 wachsen die Nettoprimärausgaben um 18,6 Prozent, der europäische Ausgabenpfad sieht 13,3 Prozent vor. Bis 2031 dürften die staatlichen Zinsausgaben auf knapp 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, vor dem Kurswechsel der Finanzpolitik im Jahr 2022 lagen sie bei 0,75 Prozent. Ab 2029 halten die Institute erhebliche Konsolidierungsmaßnahmen für nötig, und schon 2028 wirkt die Finanzpolitik leicht restriktiv, unter anderem durch einen um 1,3 Prozentpunkte höheren Rentenbeitrag.[1] Den Befund zur Haushaltspolitik fassen die Institute in der Überschrift ihrer Pressemitteilung in drei Worte: „Finanzpolitik auf Abwegen“.[2]
Die Prognose rechnet richtig, nur das Wort Aufschwung führt in die Irre. Solange Staatskasse und Sondereffekte im Export das Wachstum tragen und die Unternehmen im Inland nicht investieren, entstehen daraus keine neuen Industriearbeitsplätze.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Warum wächst die Wirtschaft, während Stellen verschwinden?
Die Industrie setzt mit weniger Beschäftigten mehr um, und die großen Konzerne wachsen vor allem im Ausland. Seit Mitte 2023 hat das Verarbeitende Gewerbe knapp 400.000 Stellen abgebaut, während bei öffentlichen Dienstleistern, in Erziehung und Gesundheit mehr als 500.000 Stellen hinzukamen.[1] Laut EY-Industriebarometer stieg der Industrieumsatz im zweiten Quartal 2026 um 4,7 Prozent. Die Zahl der Industriebeschäftigten lag zugleich um 2,7 Prozent unter dem Vorjahr, ein Minus von rund 144.000 Stellen binnen eines Jahres. In der Autoindustrie blieb der Umsatz nahezu stabil, die Beschäftigung fiel um 5,8 Prozent. Seit 2019 sind dort rund 142.400 Arbeitsplätze weggefallen, etwa jeder sechste.[3] Aktuelle Beispiele liefern Mercedes und Evonik.
Bei den DAX-Konzernen zeigt sich dasselbe Muster. Der operative Gewinn der Indexmitglieder stieg im zweiten Quartal 2026 um 16 Prozent auf den Rekordwert von 52,6 Milliarden Euro, die Zahl der Beschäftigten sank um 41.000 auf 3,49 Millionen. Henrik Ahlers, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY, ordnet ein: „Zum einen bleibt die Nachfrage am Heimatstandort Deutschland schwach, das Gewinn- und Umsatzwachstum findet in erster Linie im Ausland statt.“ Getragen werden die Rekorde laut EY von Sonderkonjunkturen in Rüstung sowie KI- und Energieinfrastruktur und von höheren Chemiepreisen nach der Sperrung der Straße von Hormus.[4] Wie Verlagerung konkret aussieht, zeigt die BASF-IT, die nach Indien wandert. Auch die Lohnstatistik spiegelt den Umbau: Zum ungewöhnlich starken Anstieg der Effektivverdienste könnten nach Einschätzung der Institute hohe Abfindungen beigetragen haben, die bei Restrukturierungen vor allem im Verarbeitenden Gewerbe gezahlt wurden.[1]
Wie sicher sind die Arbeitsplätze in Deutschland?
Das hängt vor allem von der Branche ab: Die Industrie baut weiter ab, Kitas, Pflege und öffentliche Dienste stellen ein. Das IAB erwartet für 2026 einen Rückgang der Erwerbstätigkeit um 210.000 Personen und für 2027 um weitere 140.000. Ein Teil davon ist Demografie: Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft 2026 um 70.000 und 2027 um 140.000 Personen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sinkt 2026 um 70.000 auf 34,89 Millionen, und zwar allein bei den Vollzeitstellen. Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“, betont: „2026 wird damit das erste Jahr seit der Weltfinanzkrise 2009 sein, in dem die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nicht mehr wächst.“[5]
Für das Produzierende Gewerbe prognostiziert das IAB 160.000 Erwerbstätige weniger im Jahr 2026 und weitere 130.000 weniger im Jahr 2027. Im Bereich öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit entstehen dagegen 170.000 und 150.000 zusätzliche Stellen, vor allem durch den Ausbau der Kindertagesbetreuung und die Alterung der Gesellschaft. Die höheren Verteidigungsausgaben kommen nach IAB-Einschätzung „allein der Rüstungsindustrie und deren Zulieferbranchen zugute“. Die Zahl der Arbeitslosen steigt laut IAB 2026 um 50.000 und 2027 um 20.000.[5] Die Gemeinschaftsdiagnose rechnet mit einer Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent in diesem Jahr, 6,2 Prozent im Jahr 2027 und 5,8 Prozent im Jahr 2028.[1] Das höchste Risiko tragen damit Beschäftigte in der Autoindustrie, bei Zulieferern und in der energieintensiven Chemie. Stellen in Kita, Pflege und Verwaltung verlangen meist eine andere Qualifikation als die Arbeit in der Fertigung, ein Wechsel in die wachsenden Branchen ist deshalb kein Automatismus.
Wo werden die steigenden Gewinne versteuert?
Nur zum Teil in Deutschland, und die gewinnabhängigen Steuern wachsen trotz steigender Gewinne nur schwach. Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen legen nach der Prognose 2026 um 6,4 Prozent und 2027 um 6,2 Prozent zu, die Arbeitnehmerentgelte um 3,7 und 4,0 Prozent. Beim Fiskus kommt davon wenig an: Die gewinnabhängigen Steuern entwickeln sich laut Gutachten „weniger dynamisch“, was die Institute mit moderaten Gewinnen und steuermindernden Rechtsänderungen begründen. Allein das steuerliche Investitionssofortprogramm belastet den Haushalt 2026 um 3,4 Milliarden Euro stärker als im Vorjahr, 2027 und 2028 kommen weitere 4,8 und 6,7 Milliarden Euro hinzu.[1] Ab 2028 sinkt zudem der Körperschaftsteuersatz jedes Jahr um einen Prozentpunkt, von 15 Prozent auf 10 Prozent im Jahr 2032.[6]
Hinzu kommt die Struktur der Konzerne. Gewinne ausländischer Tochtergesellschaften versteuert der Staat, in dem sie entstehen. Schüttet eine Tochter an die deutsche Mutter aus, bleibt die Dividende bei einer Beteiligung ab 10 Prozent nach § 8b des Körperschaftsteuergesetzes außer Ansatz, lediglich 5 Prozent gelten als nicht abziehbare Betriebsausgaben.[7] Die Rekordgewinne im Ausland füllen deshalb nur zu einem kleinen Teil die deutschen Kassen. Auch die Ausschüttungen fließen zu einem großen Teil ab: 52,6 Prozent der DAX-Aktien liegen bei ausländischen Investoren, und von 54 Milliarden Euro Dividende gingen 2025 mindestens 26,9 Milliarden Euro ins Ausland.[8]
FAQ: Herbstprognose 2026, Wachstum und Arbeitsplätze
Wie stark wächst die deutsche Wirtschaft 2026?
Die Gemeinschaftsdiagnose erwartet für 2026 ein Wachstum des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent, für 2027 von 1,1 Prozent und für 2028 von 0,4 Prozent. Von den 1,3 Prozent gehen 0,3 Prozentpunkte auf zusätzliche Arbeitstage zurück, kalenderbereinigt bleibt ein Plus von 1,0 Prozent.
Ist das Wachstum 2026 schuldenfinanziert?
Zu einem großen Teil. Der Staatskonsum trägt 0,6 der 1,3 Prozentpunkte, und die neuen Kreditspielräume für Infrastruktur, Klimaneutralität und Verteidigung setzen laut den Instituten die weitaus größten expansiven Impulse. Das Staatsdefizit steigt 2026 auf 192,2 Milliarden Euro oder 4,1 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Wie viele Arbeitsplätze fallen 2026 in Deutschland weg?
Das IAB erwartet 2026 rund 210.000 Erwerbstätige weniger und 2027 weitere 140.000 weniger. Im Produzierenden Gewerbe sinkt die Zahl 2026 um 160.000, bei öffentlichen Dienstleistern, Erziehung und Gesundheit steigt sie um 170.000. Die Arbeitslosenquote liegt laut Gemeinschaftsdiagnose 2026 bei 6,4 Prozent.
Warum steigen die Steuern auf Unternehmensgewinne kaum?
Die Institute nennen moderate Gewinne und steuermindernde Rechtsänderungen, darunter das steuerliche Investitionssofortprogramm und die Senkung des Körperschaftsteuersatzes von 15 auf 10 Prozent zwischen 2028 und 2032. Hinzu kommt, dass Gewinne ausländischer Töchter im Ausland versteuert werden und Dividenden an die deutsche Mutter nach Paragraf 8b KStG weitgehend steuerfrei bleiben.
Quellen
[1] Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose (24.09.2026): „Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2026“ (Gutachten, PDF)
[2] Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose (24.09.2026): „Aufschwung mit Strukturproblemen – Finanzpolitik auf Abwegen“ (Pressemitteilung, PDF)
[3] EY (14.08.2026): „Deutsche Industrie stabilisiert sich beim Umsatz – doch der Arbeitsplatzabbau beschleunigt sich“
[4] EY (14.08.2026): „DAX-Konzerne verdienen im zweiten Quartal so viel wie nie“
[5] Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (24.09.2026): „IAB-Prognose für 2026/2027: Erwerbstätigkeit schrumpft trotz besserer Konjunktur“
[6] Bundesministerium der Justiz: § 23 Körperschaftsteuergesetz (Steuersatz)
[7] Bundesministerium der Justiz: § 8b Körperschaftsteuergesetz (Beteiligung an anderen Körperschaften)
[8] EY (04.08.2025): „DAX-Konzerne überwiegend in ausländischer Hand“
Mehr Newshunger?
- Autozulieferer-Krise: Warum 175.000 gegen Stellenabbau und längere Arbeitswochen demonstrieren
- Zwei deutsche Werke auf der Kippe: Mercedes knüpft die Standorte an das Sparziel
- Evonik streicht 3.200 weitere Stellen und beendet das Polyestergeschäft
- BASF streicht mehr als die Hälfte der IT-Tochter und verlagert die Digitalservices nach Indien
- Vom Cabrio zur Luftabwehr: VW verkauft das Werk Osnabrück an Aurelius
- Audi plant ein US-Werk für Q7 und Q9, Ingolstadt bleibt bei 72 Prozent Auslastung
- 15 Prozent mehr wert in den USA: SAP-Chef Klein und der Standort Deutschland