SAP wäre nach den Worten von Konzernchef Christian Klein mit einem Firmensitz in den USA rund 15 Prozent mehr wert. Diesen Bewertungsabschlag schreibt der Chef von Europas wertvollstem Börsenunternehmen dem Standort Deutschland zu und knüpft daran klare Reformforderungen. Für deutsche Entscheider rückt damit eine unbequeme Frage nach vorn: Was kostet der eigene Standort an den Kapitalmärkten?
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDer Standort Deutschland bekommt seine Kritik selten so klar beziffert. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur nennt SAP-Chef Christian Klein eine Zahl, die ihm Investoren vorrechnen: Läge der Stammsitz in den USA, wäre der Konzern rund 15 Prozent höher bewertet. Klein leitet aus diesem Befund einen ganzen Katalog an Forderungen an die Bundesregierung ab.
Das Wichtigste in Kürze
- 15 Prozent höhere Bewertung mit US-Sitz nennt Klein als Preis des Standorts.
- Sein Reformkatalog verlangt einen flexibleren Kündigungsschutz für Top-Verdiener, weniger Bürokratie und mehr Tempo bei der Digitalisierung.
- Einen Kanzlerwechsel hält Klein für keine Lösung und stärkt Friedrich Merz den Rücken.
- Parallel gibt SAP mit einem Aktienrückkauf über bis zu 10 Milliarden Euro ein Signal an die Börse.
Was fordert SAP-Chef Klein vom Standort Deutschland?

Klein verlangt vor allem einen flexibleren Kündigungsschutz. Für Beschäftigte, die weit überdurchschnittlich verdienen, solle dieser Schutz etwas gelockert werden, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.[2] Das hohe Gut selbst stellt der Manager nicht infrage, wohl aber seine starre Anwendung bei Spitzenverdienern.
Über den Kündigungsschutz hinaus fordert Klein weniger Bürokratie und mehr Tempo bei der Digitalisierung. Deutschland brauche zudem Zuwanderung und Wirtschaftswachstum, sonst lasse sich das Sozialsystem nicht halten. Einen Regierungswechsel hält der SAP-Chef dagegen nicht für die Lösung: Kanzler Friedrich Merz habe die Erkenntnis und die Klarheit, zu handeln.
Warum wäre SAP in den USA mehr wert?
Der Bewertungsabschlag von 15 Prozent entsteht nicht durch das Produkt, sondern durch den Kapitalmarkt. US-Börsen bündeln mehr Anlegergeld, bewerten Softwaregewinne höher und ziehen über Indizes wie den S&P 500 automatisch Kapital an. Ein Stammsitz jenseits des Atlantiks brächte Zugang zu diesem tieferen Markt, ohne dass sich am Geschäft von SAP etwas ändern müsste.
Genau hier klafft die europäische Lücke. Während amerikanische Technologiewerte hohe Bewertungen erzielen, meiden viele europäische Anleger den eigenen Software-Champion. Gegen diese Kapitallücke stemmt sich etwa der Scaleup Europe Fund, an dem sich die Allianz beteiligt.
Kleins 15 Prozent sind keine Steuertabelle, sondern ein Urteil über die Tiefe unserer Kapitalmärkte. Solange europäisches Geld den eigenen Software-Champion meidet, schließt kein gelockerter Kündigungsschutz die Lücke zur Wall Street.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Warum ein Firmensitz die Bewertung verschiebt
Kleins Forderungen an die Politik
- Flexiblerer Kündigungsschutz für Top-Verdiener
- Weniger und schnellere Bürokratie
- Mehr Tempo bei der Digitalisierung, dazu Zuwanderung und Wachstum
Was heißt das für den Standort Deutschland?
Für deutsche Entscheider ist Kleins Rechnung mehr als eine Konzernrandnotiz. Der Ruf nach Bürokratieabbau und schnellerer Digitalisierung reiht sich in eine wachsende Reihe von Warnungen ein. Miele baut in den USA aus und warnt zugleich vor dem Standort, und bei Stihl fordert der Aufsichtsratschef die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich.
Das Signal an die Kapitalmärkte setzt SAP zugleich selbst. Mit einem Aktienrückkaufprogramm über bis zu 10 Milliarden Euro, das bis Ende 2027 läuft, gibt der Konzern Geld an die Anteilseigner zurück, statt es allein in neue Werke am Standort zu binden.[1]
Für den deutschen Mittelstand bleibt die Botschaft handfest: Der Wettbewerb um Kapital entscheidet sich nicht am Produkt, sondern an Bürokratie, Tempo und Rechtssicherheit. Diese drei Stellschrauben nennt Klein, und an ihnen wird sich die Bundesregierung messen lassen müssen.
Quellen
[1] SAP SE, Investor Relations: „Aktienrückkauf“
[2] Christian Klein im dpa-Interview, Stuttgarter Zeitung: „SAP-Chef: Kanzlerwechsel löst das Problem nicht“
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