Der Gemeinderat in Tuttlingen verhandelt mit B. Braun über den Verkauf eines Teilstücks der Dornierstraße. Ohne die Fläche will der Konzern die Zentrallogistik seiner Chirurgiesparte Aesculap komplett ins Ausland verlegen, laut Vorstand Jens von Lackum wären 250 Arbeitsplätze betroffen. Verkauft ist die Straße noch nicht.
Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügenEnde September kamen Hunderte Tuttlinger zu einer Informationsveranstaltung der Stadt. Viel Applaus bekam ein Autofahrer, der vorrechnete, was ihn der Umweg künftig kosten würde.[2] Am Montag stimmte der Gemeinderat bei einer Enthaltung trotzdem für Verhandlungen.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Der Gemeinderat hat Verhandlungen zugestimmt, über den Verkauf selbst entscheidet er später.
- Ohne den Straßenabschnitt will B. Braun die Aesculap-Logistik ins Ausland verlegen, 250 Stellen hängen daran.
- Einen Ausgleich für Rad- und Fußverkehr sowie den Nahverkehr will die Stadt im Kaufvertrag festschreiben.
- Parallel baut Aesculap in Tuttlingen für gut 90 Millionen Euro eine neue Fabrik.
Warum braucht Aesculap die Dornierstraße?

Von Lackum nannte im Rat zwei Gründe. Mit der neuen Vorfertigungsfabrik, die B. Braun Technology Factory nennt, steige die Zahl der Werksfahrten in dem Bereich von 600 auf 1.400, gefährliche Situationen seien schon heute häufig. Wichtiger ist die Zentrallogistik: Noch wickelt Aesculap von Tuttlingen aus den weltweiten Versand ab. Ohne das Straßenstück lasse sich die geplante Erweiterung dort nicht umsetzen, die Logistik werde dann ins Ausland verlegt.[1]
Betroffen ist laut SWR ein Abschnitt von rund 200 Metern. Für Autofahrer bedeutet ein Verkauf einen Umweg von gut einem Kilometer.[2] In welches Land die Logistik ginge, hat B. Braun nicht gesagt. Bei Aesculap in Tuttlingen arbeiten laut SWR rund 4.000 Menschen, die 250 Logistikstellen entsprächen gut sechs Prozent davon.[2]
Von Lackum verwies auf die Lage der Industrie. „Monatlich gehen derzeit in Deutschland 15 000 Industriearbeitsplätze verloren“, sagte er. Eine Selbstverständlichkeit seien die Investitionen in Tuttlingen deshalb nicht.[1]
Wie hängen Fabrik und Logistik zusammen?
Den Grundstein für die Technology Factory legte B. Braun im Dezember 2025. Sie soll im Sommer 2027 in Betrieb gehen, rund 350 Beschäftigte fertigen dort Vorprodukte für chirurgische Instrumente, motorbetriebene Geräte und Implantate. Grundlage ist ein verlängerter Zukunftssicherungsvertrag: Er schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2030 aus, im Gegenzug leisten die Beschäftigten jedes Jahr 120 unbezahlte Stunden.[4] Ohne diese Stunden hätte sich Aesculap den Neubau nicht leisten können, sagte von Lackum 2025 dem SWR. Der Unterschied bei den Lohnkosten zu anderen Standorten sei zu groß.[5]
Wie geht das Verfahren weiter?
Der Beschluss vom Montag ist noch kein Verkaufsbeschluss. Eine Arbeitsgruppe aus Verwaltung, Gemeinderat und Möhringer Ortschaftsrat sammelt Vorschläge für den Ausgleich, Anwohner sollen dazukommen. Die Maßnahmen kommen in den Kaufvertrag. Erst über diesen Vertrag stimmt der Rat ab, erst dann würde die Straße für den öffentlichen Verkehr entwidmet.[1][3] „Wir müssen alles dafür tun, dass Arbeitsplätze in der Stadt erhalten bleiben“, sagte Oberbürgermeister Michael Beck schon Ende September.[2]
Tuttlingen gilt als Weltzentrum der Medizintechnik. Dass Unternehmen in Baden-Württemberg einzelne Bereiche ins Ausland verlagern, ist kein Einzelfall. Die Walter AG verlegt Teile ihrer Fertigung aus Münsingen nach Schweden, laut IG Metall fallen dort rund 160 Stellen weg. Stihl hat die Entwicklung seiner Mähroboter nach China verlegt. Bei Aesculap liegt die Entscheidung dagegen zum Teil beim Gemeinderat.
Quellen
5 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- Stadt TuttlingenDornierstraße: Gemeinderat stimmt Verkaufsverhandlungen zu
- SWRAesculap will Straße in Tuttlingen kaufen und droht mit Abwanderung
- Stadt TuttlingenDornierstraße: Verkauf nur gegen Ausgleichsmaßnahmen
- B. BraunGrundstein für die Zukunft: B. Braun baut Technology Factory in Tuttlingen
- SWRMitarbeiter machen unbezahlte Überstunden: So kann sich Firma 90-Millionen-Neubau leisten
Mehr Newshunger?
- Körber will laut Südkurier die Fertigung in Konstanz schließen
- Bürkert investiert 36 Millionen Euro in sein Werk in Gerabronn
- Kiefel will in Freilassing ein Drittel der Stellen streichen und näher an Kunden in Asien fertigen
- Carl Zeiss Meditec: Jena verliert Dutzende Stellen, weltweit fallen 600 bis 700 weg
- TE Connectivity und Betriebsrat einigen sich: Speyer verliert bis Ende 2028 rund 630 Stellen