Die IG Metall bestreikt seit Sonntagabend das Werk der Walter AG in Münsingen, nach einer Urabstimmung mit 94,3 % Zustimmung. Der Werkzeughersteller will die Rohlingsfertigung und den Presswerkzeugbau bis Ende 2027 nach Schweden verlagern. Laut Gewerkschaft sollen dadurch rund 160 der etwa 480 Arbeitsplätze auf der Schwäbischen Alb wegfallen. Der Arbeitskampf dreht sich rechtlich um den Preis dieser Verlagerung, nicht um den Erhalt der Stellen.

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Um 8.30 Uhr am Montagmorgen versammelten sich die Streikenden der Walter AG zur ersten Kundgebung vor dem Werkstor, für 14 Uhr war die zweite angesetzt.[1] Drei Verhandlungsrunden über einen Sozialtarifvertrag hatten nach Angaben der IG Metall kein einziges Angebot der Arbeitgeberseite gebracht. Walter hatte Anfang September erklärt, eine Verständigung mit Betriebsrat und Gewerkschaft anzustreben.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Streik bei der Walter AG in Münsingen läuft seit dem 27. September, zuvor legten die Beschäftigten bei Warnstreiks im August und September die Arbeit nieder.
  • Rohlingsfertigung und Presswerkzeugbau sollen bis Ende 2027 in das Sandvik-Werk Gimo in Schweden wandern.
  • Rund 160 von etwa 480 Arbeitsplätzen am Standort sollen laut IG Metall wegfallen, also ein Drittel.
  • Die Gewerkschaft fordert Abfindungen und eine einjährige Transfergesellschaft, Walter legte in drei Runden kein Angebot vor.

Was plant Walter in Münsingen?

Metallwerkzeug mit oranger „STREIK“-Fahne auf weißem Hintergrund
Walter verlagert Fertigung von Hartmetall-Rohlingen und Presswerkzeugbau bis Ende 2027 nach Schweden und teilweise nach Tschechien

Rohlinge nach Gimo. Walter kündigte im März an, die Fertigung von Hartmetall-Rohlingen und den Presswerkzeugbau schrittweise bis Ende 2027 nach Schweden zu verlagern.[1] Im August nannte die IG Metall zusätzlich Tschechien als Ziel einzelner Fertigungsschritte.[2] Die Herstellung der Wendeschneidplatten, also der austauschbaren Schneiden für Fräs-, Dreh- und Bohrwerkzeuge, soll nach Walters Angaben im Kern am Standort bleiben. Als Gründe nennt der Hersteller Überkapazitäten und anhaltenden Kostendruck, im Konzernverbund sollen doppelte Fertigungsschritte wegfallen.

Plan ohne Einigung. Auf der Stufenleiter vom Bericht bis zur Umsetzung steht der Abbau bei der Ankündigung: Eine Einigung mit dem Betriebsrat fehlt, über einzelne Stellen hat Walter nach eigener Darstellung noch nicht entschieden. Die IG Metall übergab ihre Tarifforderung am 28. Juli,[3] am 24. August legten mehrere hundert Beschäftigte zum ersten Mal die Arbeit nieder.[2]

Warum streikt die IG Metall um Geld statt um das Werk?

Tarifsozialplan. Die Verlagerung selbst gilt als unternehmerische Entscheidung und ist nach herrschender Auffassung kein zulässiges Streikziel. Der Betriebsrat darf keinen Arbeitskampf führen, im Streitfall bleibt ihm nur die Einigungsstelle.[3] Die Gewerkschaft darf dagegen für einen Tarifvertrag streiken, der die Folgen einer Betriebsänderung ausgleicht oder mildert. So entschied das Bundesarbeitsgericht im April 2007 und stellte zugleich klar, dass Gerichte die Höhe solcher Streikforderungen nicht kontrollieren.[4] Die IG Metall Reutlingen-Tübingen kündigte im Juli offen an, den Preis für die Verlagerungspläne des schwedischen Mutterkonzerns in die Höhe zu treiben.[3]

Hebel Produktion. Der Streik trifft das ganze Werk, auch die Fertigung der Wendeschneidplatten, die Sandvik in Münsingen behalten will. Jede Streikwoche kostet Umsatz, und jeder Euro im Sozialtarifvertrag schmälert die Ersparnis, die sich der Konzern von der Verlagerung verspricht. Mit diesem Hebel setzte die IG Metall 2006 im Nürnberger AEG-Hausgerätewerk von Electrolux nach mehr als sechs Wochen Streik hohe Abfindungen und eine Beschäftigungsgesellschaft durch.[5] Geschlossen wurde das Werk trotzdem.

Walter AG in Münsingen: Streik um den Preis der Verlagerung
Wie viele Stellen betroffen sind, was die IG Metall fordert und wie der Konflikt eskalierte
160 von 480
Arbeitsplätze am Standort Münsingen sollen laut IG Metall wegfallen, ein Drittel der Belegschaft
94,3 %
der abstimmenden IG-Metall-Mitglieder stimmten in der Urabstimmung für den Streik
3 Runden
Tarifverhandlungen, in denen Walter laut IG Metall kein Angebot vorlegte
12 Monate
Transfergesellschaft mit Qualifizierung fordert die Gewerkschaft, dazu Abfindungen
März 2026
Walter kündigt die Verlagerung nach Gimo an
28.07.2026
IG Metall übergibt die Forderung nach einem Sozialtarifvertrag
24.08.2026
erster Warnstreik mit mehreren hundert Beschäftigten
27.09.2026
Streik beginnt nach der Urabstimmung
Ende 2027
geplanter Abschluss der Verlagerung

Sandvik verlagert, weil sich das rechnet, und die IG Metall streikt, damit sich die Rechnung ändert. Wie teuer ein Drittel des Werks auf der Alb wird, entscheidet jetzt der Sozialtarifvertrag.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet der Konflikt für die Region und die Branche?

Kette in Schweden. Walter gehört seit 2005 vollständig zum schwedischen Sandvik-Konzern und gab schon im Januar 2020 seine Fertigung in Frankfurt auf. In Gimo bündelt Sandvik seit Jahrzehnten die Hartmetallkette: Dort entstehen das Hartmetallpulver samt Wolframkarbid sowie seit den 1950er-Jahren Hartmetallwerkzeuge.[6] Rohlinge sind die gepressten und gesinterten Vorformen der späteren Schneide. Eine Rohlingsfertigung neben der Pulverproduktion spart Transporte sowie doppelte Anlagen, also genau die Doppelarbeit, die Walter nach eigenen Worten abbauen will.

Rare Jobs. Münsingen zählt rund 14.000 Einwohner, spezialisierte Stellen in der Hartmetallfertigung sind auf der Alb rar. „Entsprechende Jobs gibt es nicht an jeder Ecke in unserer Region“, sagt Michael Bidmon von der IG Metall Reutlingen-Tübingen. Walter reiht sich in eine Serie ein, die Maschinenbau und Autozulieferer seit Monaten prägt: Bilstein will bis zu 180 Stellen in Ennepetal und Essen streichen, ein Teil der Arbeit soll ins Ausland gehen. Bei den Grob-Werken in Mindelheim verzichtet die Belegschaft auf Geld, um Jobs bis 2028 zu sichern. Die Debatte über die Deindustrialisierung in Deutschland bekommt damit einen weiteren Fall, in dem ein ausländischer Mutterkonzern Fertigung aus Deutschland abzieht.

Früh einpreisen. Personalverantwortliche zwischen Reutlingen und Tübingen finden bis Ende 2027 Fachkräfte aus der Hartmetallfertigung sowie dem Presswerkzeugbau auf dem Markt. Kommt die geforderte Transfergesellschaft zustande, lohnt ein früher Kontakt: Dort sollen die Beschäftigten ein Jahr lang qualifiziert und vermittelt werden. Geschäftsführer mit eigenen Verlagerungsplänen sollten den Tarifsozialplan von Anfang an in die Rechnung aufnehmen: Seit dem Urteil von 2007 gehört die Streikdrohung zu den Kosten eines Standortwechsels.

Quellen

[1] IG Metall Reutlingen-Tübingen: Streik bei der Walter AG (29.09.2026)

[2] IG Metall Reutlingen-Tübingen: Warnstreik in Münsingen (24.08.2026)

[3] IG Metall Reutlingen-Tübingen: IG Metall stellt Sozialtarifvertragsforderung (29.07.2026)

[4] Bundesarbeitsgericht: Urteil vom 24.04.2007, Az. 1 AZR 252/06, Streik um Tarifsozialplan (Volltext)

[5] WSI der Hans-Böckler-Stiftung: Streiks und Sozialtarifverträge

[6] Sandvik: History (Konzernchronik)

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