Der insolvente Pappenhersteller Tullau Pappen hat die Produktion in Rosengarten-Tullau bei Schwäbisch Hall und in Halblech-Trauchgau im Ostallgäu eingestellt. Rund 90 Beschäftigte verlieren ihre Stelle. Nach Angaben des vorläufigen Insolvenzverwalters scheiterte die Rettung an nicht abgegebenen CO2-Zertifikaten für 2025.
Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügenSeit Dienstag, 27. Oktober, stehen beide Werke der Unternehmensgruppe still. Das bestätigte der Stuttgarter Rechtsanwalt Tibor Braun, vorläufiger Insolvenzverwalter der Tullau Pappen Karl Kurz GmbH & Co. KG und der Pappenfabrik Trauchgau GmbH & Co. KG, in einer Pressemitteilung, über die der Kreisbote berichtet.[1] Die Stilllegung kam noch vor der Eröffnung der Insolvenzverfahren, die laut Braun für Donnerstag, 29. Oktober, angesetzt war.[2]
Das Wichtigste in Kürze
- Tullau Pappen hat beide Werke stillgelegt, in Rosengarten-Tullau und in Halblech-Trauchgau arbeiteten je rund 45 Menschen.
- Der vorläufige Insolvenzverwalter nennt offene Abgabepflichten aus dem europäischen Emissionshandel als Grund, warum Investoren absprangen.
- Die Löhne für Oktober zahlt die Bundesagentur für Arbeit als Insolvenzgeld, danach endet die Beschäftigung.
Warum kippte die Sanierung so kurz vor dem Ziel?

Anfang September ordnete das Amtsgericht Heilbronn für beide Gesellschaften die vorläufige Insolvenzverwaltung an, die Werke liefen weiter.[3] Braun sprach damals mit Investoren und sah wegen der Spezialprodukte und langjähriger Kunden Chancen für einen Verkauf.[4] Dann lief am 30. September die Abgabefrist ab: Bis zu diesem Tag müssen Betreiber von Anlagen im Emissionshandel Berechtigungen für die Emissionen des Vorjahres an die Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt) abgeben.[5] Pappenfabriken mit mehr als 20 Tonnen Tagesleistung fallen unter diese Pflicht.[6] Wegen der Insolvenz konnten die beiden Gesellschaften die Zertifikate für 2025 nicht abgeben.[1]
Versäumt ein Betreiber die Frist, setzt die Behörde für jede Tonne CO2 ohne Berechtigung eine Zahlungspflicht von 100 Euro fest, der Betrag steigt seit 2012 mit der Inflation. Die fehlenden Zertifikate muss er trotzdem nachreichen.[6] Hier setzt Brauns Kritik an: Die DEHSt behandle diese Pflichten als „bevorrechtigte Masseverbindlichkeiten“. Solche Schulden bedient der Verwalter vor den übrigen Gläubigern.[7] „Die gesetzliche Handhabung zwingt uns, die Geschäftsbetriebe noch vor Eröffnung der Insolvenzverfahren stillzulegen“, sagte Braun. Ein Investor hätte für die alten Pflichten mithaften müssen, für 2025 und 2026 gehe es um „hohe, ja fast siebenstellige Beträge“. Höchstrichterlich sei die Frage nicht geklärt.[1]
Wie tief steckte Tullau Pappen schon vorher in der Krise?
Die Zertifikate waren nicht die einzige Last. Beim Insolvenzantrag nannte Geschäftsführer Matthias Kurz gestiegene Preise für Strom, Gas und Öl sowie Kosten für CO2-Zertifikate. Hinzu kamen teurere Rohstoffe und höhere Personalkosten.[4] Die Herstellung von Voll- und Graupappe braucht viel Energie. Höhere Preise konnte das Unternehmen wegen des Wettbewerbs aber kaum an die Kunden weitergeben, sagt Braun.[3] In der Corona-Zeit 2020 mussten die Beschäftigten in Kurzarbeit gehen, 2024 beschädigte ein Brand eine Produktionshalle.[8]
Die beiden Werke konnten nach früheren Unternehmensangaben zusammen rund 40.000 Tonnen Pappe im Jahr herstellen.[3] Für die Beschäftigten sind die Löhne bis einschließlich Oktober über das Insolvenzgeld der Arbeitsagentur gesichert.[2] „Besonders getroffen werden hiervon die Mitarbeiter der beiden Unternehmen“, sagte Kurz, manche arbeiteten seit Jahrzehnten im Betrieb.[1] Der Kreisbote nennt rund 100 Betroffene, die übrigen Quellen sprechen von rund 90.
Was verlieren Tullau und Trauchgau?
In Tullau wird seit 1878 Pappe hergestellt, damals erwarb Firmengründer Christian Räuchle die Tullauer Mühle.[8] Halblechs Bürgermeister Bernhard Kern nannte die Pappenfabrik einen über Jahrzehnte wichtigen Arbeitgeber des Orts. Was mit dem Gelände in Trauchgau geschieht, ist offen.[1]
Politisch landet der Fall im bayerischen Landtag. Der Ostallgäuer CSU-Abgeordnete Andreas Kaufmann steht nach eigenen Worten hinter dem Emissionshandel, will aber eine Lösung für Firmen in der Insolvenz: „Wenn die Abgabe aber verhindert, dass ein in wirtschaftliche Schieflage geratenes Unternehmen wieder fit gemacht werden kann, verkehrt sich der Zweck ins Gegenteil.“[1] Wie stark der CO2-Preis energieintensive Betriebe belastet, zeigt sich auch bei den Zementmargen von Heidelberg Materials und in Wackers Rechnung zur Reform des Emissionshandels. Erst im September hatte die Papierfabrik Schleipen in Bad Dürkheim nach 289 Jahren ihr Aus angekündigt.[8]
Quellen
8 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- KreisboteHeute schließt die Pappenfabrik Trauchgau in Halblech (27.10.2026, nach einer Pressemitteilung des vorläufigen Insolvenzverwalters)
- agrarheuteInsolvenz wegen CO2-Steuer: Papierfabrik pleite, Warnsignal für Holzwirtschaft
- neue verpackungTullau Pappen stellt Produktion ein: Werke in Tullau und Trauchgau schließen (26.10.2026, nach Südwest Presse)
- Presse.OnlineTullau Pappen insolvent: 90 Beschäftigte betroffen (12.09.2026, nach SWR und EUWID)
- Treibhausgas-Emissionshandelsgesetz§ 7 Abgabeverpflichtung (abgerufen 30.10.2026)
- Treibhausgas-Emissionshandelsgesetz§ 46 Durchsetzung der Abgabepflicht sowie Anhang 1 Nr. 21 (Anlagen zur Herstellung von Papier, Karton oder Pappe über 20 Tonnen je Tag; abgerufen 30.10.2026)
- Insolvenzordnung§ 55 Sonstige Masseverbindlichkeiten (abgerufen 30.10.2026)
- t-onlineInsolvenz: Tullauer Pappen insolvent, nach fast 150 Jahren (11.09.2026, nach SWR)
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