Chinas Sofortlieferung hat den Punkt hinter sich, an dem europäische Anbieter reihenweise gescheitert sind. Meituan meldet für sein Netz aus 100.000 Mikrolagern ein Warenvolumen von umgerechnet 26 Milliarden Euro als Ziel und erreicht diesen Wert voraussichtlich früher als geplant. Das Modell liefert deutschen Händlern eine Blaupause und eine Warnung zugleich.
Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügenInhalt 4 Abschnitte
Instant Retail, also die Lieferung von Alltagswaren binnen Minuten, ist in China längst kein Nischengeschäft mehr. Auf Meituans Branchenkonferenz zur Sofortlieferung am 22. September zog Wang Puzhong, Leiter des lokalen Kerngeschäfts, eine Zwischenbilanz, die den Abstand zu Europa deutlich macht.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Meituan will bis 2027 mehr als 100.000 Mikrolager betreiben und damit ein Warenvolumen von rund 26 Milliarden Euro erreichen, beide Ziele voraussichtlich vor dem Termin.
- Das 2021 gesetzte Marktziel von umgerechnet etwa 128 Milliarden Euro und mehr als 500 Millionen Nutzern gilt bereits als erfüllt.
- Kern des Modells ist das Mikrolager (闪电仓): ein reiner Lieferstützpunkt ohne Ladenfläche, betrieben von Partnern und beliefert von Meituans Fahrerflotte.
- In Europa zerbrach genau dieses Geschäftsmodell: Getir verkaufte 2026 an Uber, Gorillas verschwand, Flink schrieb 2022 über 500 Millionen Euro Verlust.
Welche Zahlen nennt Meituan?

Wang bezifferte das Ziel für das Mikrolager-Netz auf mehr als 100.000 Standorte und ein Warenvolumen von umgerechnet rund 26 Milliarden Euro bis 2027 (Stichtag 22. September 2026, 7,79 Yuan je Euro).[1] Nach den aktuellen Daten erreiche Meituan beide Werte früher als geplant.
Schon das ältere Ziel aus dem Jahr 2021 gilt als eingelöst: ein Marktvolumen von umgerechnet etwa 128 Milliarden Euro und mehr als 500 Millionen Menschen, die per Sofortlieferung bestellen. Die Branche habe die teuerste Phase hinter sich, in der sich die Kundschaft erst an die Lieferung binnen Minuten gewöhnen musste, und beginne nun einen Abschnitt, in dem die Ware selbst über das Wachstum entscheidet.
Warum rechnet sich das Mikrolager-Modell?
Das Mikrolager, im Chinesischen 闪电仓, funktioniert als reiner Lieferstützpunkt ohne Verkaufsraum. Auf 100 bis 300 Quadratmetern in günstiger Seitenlage stapeln sich mehrere Tausend Artikel, von Getränken über Kosmetik bis zum Ladekabel. Kundschaft betritt diese Fläche nie, gepickt und verpackt wird allein für die App, und die Software steuert das Sortiment ähnlich wie in der zunehmend datengetriebenen Lagerlogistik im E-Commerce.
Der wirtschaftliche Unterschied zum Supermarkt steckt in der Kostenstruktur. Ohne Verkaufsfläche, ohne Laufkundschaft und ohne teure Innenstadtmiete sinken die Fixkosten je Bestellung. Meist betreiben Partner und Händler die Lager, während Meituan die Nachfrage, die Fahrerflotte und die Software beisteuert. Diesen Wandel vom eigenen Betrieb zur Plattform hat der Konzern schon auf seinem Weg zurück in die Gewinnzone vollzogen, nachdem er im Preiskrieg zuvor täglich Millionen verbrannt hatte.
Meituan verkauft nicht Tempo, sondern eine Kostenstruktur ohne Ladenfläche. Genau daran sind Gorillas und Getir in Europa gescheitert, während 100.000 Mikrolager in China das Gegenteil belegen.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Getir verkaufte das Liefergeschäft 2026 an Uber, Gorillas verschwand, Flink schrieb 2022 über 500 Millionen Euro Verlust. Das eigene Lager- und Fahrermodell rechnete sich nicht.
Was Europas gescheiterte Schnelllieferung lehrt
Europa hat dasselbe Modell schon ausprobiert und teuer bezahlt. Gorillas und Flink lieferten ab 2020 Lebensmittel binnen zehn Minuten aus eigenen Lagern, mit eigener Ware und fest angestellten Fahrern. Flink allein schrieb 2022 über 500 Millionen Euro Verlust, Getir übernahm Gorillas und verkaufte das Liefergeschäft 2026 an Uber.
Der Unterschied zu Meituan steckt weniger im Tempo als im Aufbau. Ein Anbieter, der Lager, Ware und Fahrer selbst finanziert, trägt jedes Risiko allein, das Plattformmodell dagegen verteilt Fixkosten und Bestand auf viele Partner. Delivery Hero hat den Umschwung in die schwarzen Zahlen erst mit diesem Hebel geschafft.
Für deutsche Händler und Marken folgt daraus eine doppelte Lehre. Sofortlieferung rechnet sich als Zusatzkanal erst, sobald sie auf vorhandene Infrastruktur und Partner aufsetzt statt auf ein eigenes, teures Lieferheer. Über den Erfolg entscheidet dann der Deckungsbeitrag je Bestellung, nicht die reine Liefergeschwindigkeit. Sonst endet der Dienst dort, wo Chinas Plattformen zuletzt selbst landeten: in ruinösen Rabattschlachten, gegen die inzwischen sogar die Marktaufsicht vorgeht.
Quelle
[1] Sina Finance (新浪财经): „Wang Puzhong zur Sofortlieferung: 100.000 Mikrolager und 200 Milliarden Yuan Warenvolumen früher als geplant“
Mehr Newshunger?
- Ohne KI kein Gewinn: Wie Delivery Hero das Liefergeschäft profitabel macht
- Meituan ist zurück im Gewinn und richtet seine KI auf den Betrieb aus
- Meituan und die KI-Euphorie: Warum der Konzern täglich Millionen verbrannte
- Sechs Hotelplattformen im Bestpreis-Wettlauf: Chinas Marktaufsicht zieht die Grenze
- HelloFresh schließt das Verteilzentrum Swedesboro
- IoT und Machine Learning im E-Commerce: Vorteile in der Lagerlogistik
