Der Karlsruher Verkehrssoftware-Anbieter INIT hat 67,74 Prozent des norwegischen Start-ups Applied Autonomy übernommen, wirksam seit dem 1. Oktober. In Stavanger überwachen die Betreiber mit dessen Plattform xFlow einen autonomen Linienbus, in dem kein Sicherheitsfahrer mehr mitfährt. Einen Kaufpreis nennt INIT nicht.

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Autonome Busse brauchen keinen Fahrer mehr, wohl aber eine Leitstelle, aus der ein Mensch eingreifen kann. INIT will xFlow deshalb mit seinem Leitsystem MOBILE-ITCS verbinden, über das Verkehrsbetriebe ihre Busse im Linienbetrieb disponieren.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • INIT hält seit Oktober 2026 die Mehrheit an Applied Autonomy aus dem norwegischen Kongsberg.
  • Die Plattform xFlow bindet autonome Fahrzeuge verschiedener Hersteller an eine Leitstelle an, in der eine Person mehrere Fahrzeuge zugleich überwachen kann.
  • INIT leitet das Förderprojekt BRAVE10k, das die Integration von 10.000 autonomen Fahrzeugen in den deutschen Nahverkehr bis 2030 vorbereiten soll.

Was kauft INIT mit Applied Autonomy?

Ein Modellbus mit Fernsteuerung und Hinweisschild vor weißem Hintergrund
Applied Autonomy aus Kongsberg entwickelt die Software-Plattform xFlow für autonome Fahrzeuge im Nahverkehr, an Flughäfen und in der Logistik mit Fernüberwachung

Applied Autonomy entstand 2017 im norwegischen Technologiestandort Kongsberg und entwickelt Software für autonome Fahrzeuge im Nahverkehr, an Flughäfen und in der Logistik.[1] Kern des Angebots ist xFlow: Die Plattform verbindet Fahrzeuge unterschiedlicher Hersteller mit einer Leitstelle, zeigt deren Zustand in Echtzeit an und erlaubt Eingriffe aus der Ferne, ohne dass jemand am Steuer sitzt.

MOBILE-ITCS steuert bislang den Linienbetrieb klassischer Busflotten, mit xFlow soll das Leitsystem auch autonome Fahrzeuge und Mischflotten im realen Verkehr verwalten. „Mit der Akquisition von Applied Autonomy sind wir nun noch besser positioniert, um neue Marktchancen auszuschöpfen und so Mehrwert für unsere Aktionäre zu schaffen“, erklärt der Vorstand von INIT.[1]

Warum entscheidet die Leitstelle über den autonomen Bus?

In Deutschland fehlen rund 20.000 Busfahrerinnen und Busfahrer, viele Verkehrsbetriebe rüsten deshalb zuerst ihre Leitstellen mit KI auf. Autonome Busse lindern den Personalmangel erst, sobald eine Person in der Leitstelle mehrere Fahrzeuge zugleich betreut. Bei einem Verhältnis von eins zu eins tauscht der Betrieb lediglich den Fahrer gegen einen Mitarbeiter am Bildschirm.

In Stavanger betreiben Vy und Kolumbus einen autonomen Karsan e-ATAK im Linienverkehr, und die norwegische Straßenverkehrsbehörde hat den Betrieb ohne Sicherheitsfahrer genehmigt. Mit xFlow kann ein einzelner Operator mehrere Fahrzeuge gleichzeitig überwachen. „Mit xFlow beseitigen wir den größten Engpass für das Wachstum des öffentlichen Verkehrs“, sagt Olav Madland, Chef von Applied Autonomy.[2]

Das deutsche Straßenverkehrsgesetz verlangt seit 2021 für Fahrzeuge mit autonomer Fahrfunktion eine Technische Aufsicht, also eine natürliche Person, die das Fahrzeug im Betrieb deaktivieren und Fahrmanöver freigeben kann.[3] Wie viele Fahrzeuge diese Person sicher betreut, bestimmt maßgeblich die Software in der Leitstelle. Jeden Notfall erreicht die Fernaufsicht trotzdem nicht: In Shenzhen klemmte sich am 3. Oktober ein Fahrgast drei Finger in der Tür eines fahrerlosen Pony.ai-Robotaxis ein, Notknopf und Hilfe-Button lagen im Innenraum, der Mann stand draußen.

INIT kauft mit xFlow den Arbeitsplatz, der den Busfahrer ersetzt: einen Bildschirm, an dem ein Mensch mehrere Busse zugleich überwacht.

Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
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INIT steigt bei Applied Autonomy ein
Die wichtigsten Zahlen zum Zukauf und zum fahrerlosen Linienbetrieb
67,74 %
der Anteile an Applied Autonomy hält INIT seit dem 1. Oktober 2026
2017
gründete sich Applied Autonomy im norwegischen Kongsberg
0
Sicherheitsfahrer sitzen im autonomen Linienbus in Stavanger
10.000
autonome Fahrzeuge soll das Projekt BRAVE10k bis 2030 in den deutschen Nahverkehr integrieren
Vom Gesetz zur Leitstelle
Juli 2021Rechtsrahmen: Das Straßenverkehrsgesetz führt die Technische Aufsicht für autonome Fahrzeuge ein
2026Stavanger: Ein autonomer Linienbus fährt ohne Sicherheitsfahrer, überwacht mit xFlow
1. Okt. 2026Zukauf: INIT übernimmt die Mehrheit an Applied Autonomy
Bis 2030BRAVE10k: Das Förderprojekt unter Leitung von INIT bereitet 10.000 autonome Fahrzeuge im Nahverkehr vor

Was heißt der Zukauf für Verkehrsbetriebe in Deutschland?

Hierzulande leitet INIT das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte Projekt BRAVE10k. In drei Jahren sollen standardisierte Zulassungsverfahren und digitale Zwillinge für Simulationen entstehen, mit denen sich bis 2030 10.000 autonome Fahrzeuge in den deutschen Nahverkehr integrieren lassen.[1]

Auch Volkswagen will an der Steuerung autonomer Flotten verdienen: Die Tochter Moia verkauft fremden Betreibern ein schlüsselfertiges Paket aus ID.Buzz AD, Mobileye-Fahrtechnik und Flottensteuerung. Moia koppelt die Steuerung damit an das eigene Fahrzeug, xFlow arbeitet dagegen herstellerunabhängig.

Schreibt Ihr Verkehrsbetrieb in den nächsten Jahren ein neues Leitsystem aus, legen Sie am besten schon im Lastenheft fest, ob das System autonome Fahrzeuge verschiedener Hersteller einbinden kann. Ebenso früh lohnt sich die Frage, welche Disponenten sich zur Technischen Aufsicht weiterbilden, denn ohne diese Person darf kein autonomes Fahrzeug im öffentlichen Straßenverkehr fahren.

FAQ: INIT und Applied Autonomy

Was ist Applied Autonomy?

Applied Autonomy ist ein 2017 gegründetes Softwareunternehmen aus Kongsberg in Norwegen. Die Plattform xFlow verbindet autonome Fahrzeuge verschiedener Hersteller mit einer Leitstelle, überwacht sie in Echtzeit und erlaubt Eingriffe aus der Ferne. Seit dem 1. Oktober 2026 hält INIT 67,74 Prozent der Anteile.

Was ist eine Technische Aufsicht beim autonomen Fahren?

Nach § 1d des Straßenverkehrsgesetzes ist die Technische Aufsicht die natürliche Person, die ein Fahrzeug mit autonomer Fahrfunktion während des Betriebs deaktivieren und Fahrmanöver freigeben kann. Die Aufsicht sitzt nicht im Fahrzeug, sondern greift aus der Ferne ein, etwa aus einer Leitstelle.

Was ist BRAVE10k?

BRAVE10k ist ein vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördertes Projekt unter Leitung von INIT. In drei Jahren sollen standardisierte Zulassungsverfahren und datenbasierte Werkzeuge entstehen, mit denen sich bis 2030 insgesamt 10.000 autonome Fahrzeuge in den deutschen Nahverkehr integrieren lassen.

Quellen

[1] INIT: „init steigt durch eine Beteiligung an einem erfolgreichen norwegischen Start-Up in den Markt zur Steuerung autonomer Flotten ein“

[2] Applied Autonomy: „Milestone in Norway: Autonomous Bus Now Operating Without a Safety Driver“

[3] Bundesministerium der Justiz: „§ 1d Straßenverkehrsgesetz: Kraftfahrzeuge mit autonomer Fahrfunktion“

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