Mehr als 240.000 Menschen arbeiten in Nordrhein-Westfalen für Unternehmen der Kreislaufwirtschaft, meldet der VDI und will das Land zur europäischen Modellregion machen. Die Studie hinter der Zahl zeigt allerdings, dass die Branche in NRW seit 2010 langsamer wächst als im Bund. Den Takt geben ab Februar 2027 EU-Pflichten wie der Batteriepass vor.

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Die Kreislaufwirtschaft soll Nordrhein-Westfalen neues Wachstum bringen. Mit dieser These luden der VDI-Landesverband NRW und die Johannes-Rau-Forschungsgemeinschaft für den 16. September zu einem parlamentarischen Abend in den Düsseldorfer Landtag.[1] Zwei Wochen zuvor hatte Wirtschaftsministerin Mona Neubaur die erste Kreislaufwirtschaftsstrategie des Landes vorgelegt.[2]

Das Wichtigste in Kürze

  • Prognos zählte 2024 rund 241.400 Erwerbstätige in der Kreislaufwirtschaft NRW.
  • Die Branche wuchs in NRW seit 2010 langsamer als im Bund.
  • Eine BDI-Studie hält bis 2045 bis zu 125 Milliarden Euro Wertschöpfung für möglich.
  • Ab 18. Februar 2027 gilt die Pflicht zum digitalen Batteriepass.

Woher stammen die 240.000 Arbeitsplätze?

Schnecke kriecht auf einem grünen Recycling-Symbol, Schild
Nordrhein-Westfalen: 241.400 Beschäftigte in der Reparatur- und Recyclingwirtschaft erwirtschaften 20,5 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung

Eine Prognos-Studie für das Kompetenznetzwerk Umweltwirtschaft.NRW zählte rund 241.400 Erwerbstätige in gut 16.700 Unternehmen, deren Kerngeschäft Reparatur, Wiederaufbereitung, Wiederverwendung oder Recycling ist. Zusammen kamen die Betriebe 2024 auf 20,5 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung, 2,6 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes.[3] Die Autoren sprechen von einer Mindestgröße, weil zirkuläre Nebentätigkeiten anderer Firmen fehlen.

Seit 2010 stieg die Wertschöpfung der Kreislaufwirtschaft in NRW um 3,2 Prozent pro Jahr, bundesweit um 4,1 Prozent. Bei den Erwerbstätigen lag NRW mit 0,9 Prozent jährlichem Plus ebenfalls hinter dem Bund mit 1,1 Prozent.

Wie realistisch sind 125 Milliarden Euro?

Die zweite VDI-Zahl kommt aus einer BCG-Studie für den BDI: Die zirkuläre Wertschöpfung in Deutschland könnte von 60 Milliarden Euro im Jahr 2023 auf bis zu 125 Milliarden Euro im Jahr 2045 wachsen.[4] Der VDI macht daraus eine Prognose, die Studie beschreibt dagegen ein Potenzial für den günstigsten Fall.

Laut Eurostat deckte Deutschland 2024 nur 14,8 Prozent seines Materialbedarfs mit wiederverwerteten Stoffen, die Niederlande 32,7 Prozent.[5] Der VDI setzt beim Engineering an: Ob ein Produkt in den Kreislauf zurückkehrt, entscheidet seine Konstruktion. Verklebte Verbundstoffe und fest verbaute Akkus lassen sich nur mit hohem Aufwand sortenrein trennen. Seit dem 31. Juli müssen Hersteller von Waschmaschinen und Smartphones auch nach der Gewährleistung reparieren.

Industrielle Symbiose, eine weitere VDI-These, funktioniert in NRW bereits im Kleinen. In Krefeld-Uerdingen trocknet Lanxess Pigmente mit Wasserstoff, der bei Covestro als Nebenprodukt anfällt. Am selben Standort eröffnete Lanxess im September ein Labor für LFP-Batterierohstoffe, die Europa bisher vor allem aus China bezieht.

Was ändert der digitale Produktpass für Zulieferer?

Den Druck macht Brüssel: Seit dem 20. Juli 2026 betreibt die EU-Kommission das Register für den digitalen Produktpass nach der Ökodesign-Verordnung. Noch 2026 soll der erste Rechtsakt für Eisen und Stahl folgen, 2027 kommen Textilien, Reifen und Aluminium an die Reihe.[6]

Am weitesten ist der Batteriepass: Ab 18. Februar 2027 braucht jede Industriebatterie über 2 kWh, jede E-Auto- und jede E-Bike-Batterie eine elektronische Akte mit Angaben zu Materialzusammensetzung, CO₂-Fußabdruck und Recyclinganteil.[7] Auch Chinas Batterieplan bis 2030 sieht einen Batteriepass mit internationaler Anerkennung vor. Einen Großteil dieser Angaben kennt nur die Lieferkette, der Hersteller muss sie bei seinen Zulieferern einsammeln.

Kreislaufwirtschaft beginnt in der Stückliste, nicht im Landtag. Ab 2027 zählt für Zulieferer, ob sie die Materialien ihrer Teile belegen können.

Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
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Was sollten Industriebetriebe jetzt tun?

Die NRW-Strategie setzt Schwerpunkte bei Bau, Chemie und Kunststoffen, Metallen, Maschinenbau und Elektrotechnik.[2] Für Betriebe dieser Branchen heißt das:

  • Materialangaben der wichtigsten Produkte im ERP-System erfassen, samt Daten der Lieferanten.
  • In Lieferverträgen regeln, wer Materialzusammensetzung und Recyclinganteile liefert.
  • Prüfen, ob eigene Produkte unter die Batterieverordnung oder die ersten Ökodesign-Rechtsakte fallen.

Quellen

[1] VDI: „Kreislaufwirtschaft kann Wachstumsmotor für NRW werden: Mehr als 240.000 Arbeitsplätze und Milliarden-Potenzial durch Circular Economy“

[2] Land NRW: „Mehr Innovation, weniger Abhängigkeit durch Circular Economy: Landesregierung legt Kreislaufwirtschaftsstrategie vor“

[3] Kompetenznetzwerk Umweltwirtschaft.NRW: „Green Economy Paper #4: Wertschöpfung und Beschäftigung von Unternehmen der Kreislaufwirtschaft“

[4] BDI und Boston Consulting Group: „Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz: Chancen der Circular Economy für die deutsche Industrie“

[5] Eurostat: „Circular material use rate“ (Datensatz env_ac_cur)

[6] Europäische Kommission: „Digital Product Passport“

[7] Verordnung (EU) 2023/1542 (Batterieverordnung): „Artikel 77, Batteriepass“

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