Wasserstoff statt Erdgas heizt jetzt eine Großanlage von Lanxess: Am Standort Krefeld-Uerdingen trocknet der Spezialchemiekonzern seine Eisenoxidpigmente seit Anfang 2026 mit Wasserstoff und spart so rund 6.000 Tonnen CO2 im Jahr.[1] Der Clou steckt in der Herkunft: Der Wasserstoff fällt beim Nachbarn ohnehin an.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Lanxess ersetzt am Standort Krefeld-Uerdingen das Erdgas im Sprühtrockner für Eisenoxidpigmente durch Wasserstoff und senkt den CO2-Ausstoß um rund 6.000 Tonnen pro Jahr.
- Der Wasserstoff fällt nebenan bei Covestro als Nebenprodukt der Chlorelektrolyse an und läuft über eine Pipeline direkt zur Anlage, einen eigenen Elektrolyseur braucht Lanxess dafür nicht.
- Den Wasserstoffbrenner baute der Konzern Ende 2025 ein und fuhr ihn seither schrittweise hoch, der Dauerbetrieb zählt zu den ersten großtechnischen Anwendungen dieser Art in Deutschland.
- Krefeld-Uerdingen ist mit rund 300.000 Tonnen Jahreskapazität der weltweit größte Standort für Eisenoxidpigmente der Marke Bayferrox, seit 1926 liefen dort über 15 Millionen Tonnen vom Band.[2]
Warum reicht das Nebenprodukt des Nachbarn?

Abfallgas als Brennstoff: Bei der Chlorelektrolyse im benachbarten Covestro-Werk entsteht Wasserstoff zwangsläufig als Nebenprodukt.[1] Eine kurze Pipeline leitet das Gas direkt in den Brenner des Sprühtrockners, der die flüssige Pigmentmischung zu feinem Pulver trocknet. Den teuersten Teil der Wasserstoffwende spart sich Lanxess damit, nämlich Bau und Betrieb eines eigenen Elektrolyseurs.
Grüner Wasserstoff aus eigener Elektrolyse gilt als knapp und teuer, deshalb hängen viele Projekte am Preis. Der Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes soll die Lücke bundesweit schließen, bis dahin vergehen aber Jahre. Ein Verbundstandort verkürzt den Weg, weil das Gas als Kuppelprodukt schon vor Ort liegt.
„Der Wechsel vom Erdgas- zum Wasserstoffbrenner ist ein bedeutender Schritt hin zu treibhausgasarmen Prozessen“, sagt Michael Ertl, Leiter der Business Unit Anorganische Pigmente bei Lanxess.
Wird das Kuppelprodukt zum Muster?
Verbund als Vorteil: Chlorelektrolyse liefert Wasserstoff immer als Kuppelprodukt, an großen Standorten in Mengen, die sich als Brennstoff lohnen. Genau hier spielt der integrierte Chemiepark seine Stärke aus, denn die Infrastruktur für Gas, Dampf und Rohre steht bereits.
Das Prinzip gewinnt in der Branche an Tempo. E.ON und Leadec dekarbonisieren Fabriken über zugekaufte Energiedienste, thyssenkrupp nucera baut die Elektrolyseure für grünen Wasserstoff, und Anlagenbauer wie GEA richten ganze Sparten auf Klimaziele aus. Lanxess wählt den pragmatischen Weg und nutzt, was am Verbundstandort ohnehin anfällt.
Wo dedizierte Elektrolyse nötig bleibt, entstehen Großprojekte wie der grüne Wasserstoff aus Lingen, der über das Kernnetz zur Industrie fließen soll.
Die Wasserstoffwende scheitert selten an der Technik und fast immer am Preis. Das Kuppelprodukt vom Nachbarn dekarbonisiert heute, während andere noch auf den eigenen Elektrolyseur warten.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
So kommt der Wasserstoff zum Brenner
Was heißt das für deutsche Industriebetriebe?
CO2-Preis als Treiber: Der EU-Emissionshandel verteuert jede Tonne CO2, und die kostenlosen Zertifikate für die Industrie schmelzen bis 2034 ab. Betriebe mit erdgasbefeuerter Prozesswärme geraten damit zunehmend unter Kostendruck.
Für energieintensive Betriebe lohnt zuerst der Blick auf die eigene Prozesswärme. Läuft dort ein Erdgasbrenner, klärt eine technische Prüfung, ob ein Wasserstoffbrenner ohne teuren Umbau möglich ist. Ebenso zahlt sich aus, die Nebenprodukt- und Reststoffströme im eigenen Industriepark zu kartieren, denn das günstigste Molekül ist oft das, das nebenan schon anfällt. Für Standorte ohne solchen Nachbarn entscheidet mittelfristig der Anschluss ans Kernnetz, und der Industriestrompreis bestimmt, ob sich eigene Elektrolyse überhaupt rechnet.
Quellen
[1] LANXESS: „LANXESS betreibt Großanlage erstmals mit Wasserstoff“
[2] LANXESS: „100 Jahre Pigmentpionier: Eisenoxid-Produktion bei LANXESS feiert Jubiläum“