Jack Dorseys Messenger Bitchat ist am Freitag die meistgeladene Gratis-App auf französischen iPhones, vor ChatGPT und Gemini. Den Schub brachten der Vorschlag von Ex-Premier Gabriel Attal, soziale Netzwerke in Unruhegebieten zu sperren, und ein stundenlanger Ausfall im Mobilfunknetz von Orange. Abschalten können Behörden die App kaum, denn es gibt keinen Server, den sie stilllegen könnten.
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- Bitchat führt am 23. Oktober die französischen App-Store-Charts an, gesamt und in der Rubrik soziale Netzwerke. In Deutschland steht die App in dieser Rubrik auf Platz 75.
- Dorsey teilte die Platzierung am 22. Oktober auf X. Die Android-Version zählt bei Google Play mehr als eine Million Downloads.
- Auslöser sind die Ausschreitungen nach den Protesten vom 17. Oktober, die Sperrvorschläge aus Politik und Regierung und der Orange-Ausfall vom 21. Oktober.
- Bitchat schickt Nachrichten per Bluetooth von Telefon zu Telefon. Sperren können Staaten die App nur über die App-Stores, wie zuvor China und Indien.
Wie kam Bitchat in Frankreich nach oben?

Ein Wort und eine Flagge genügten Dorsey: „bitchat 🇫🇷“, schrieb der Twitter-Mitgründer und Chef des Zahlungsdienstleisters Block am 22. Oktober auf X.[1] Dazu teilte er den Beitrag von Raphael Grably, Reporter des französischen Nachrichtensenders BFM TV, wonach Bitchat in Apples App Store die Rubrik soziale Netzwerke anführte. Am Freitagmittag stand die App dort weiter auf Platz eins, in der Gesamtliste der kostenlosen iPhone-Apps ebenfalls, vor Claude, Gemini und ChatGPT.[2]
Den Anlass lieferte die Politik. Nach Plünderungen am Rand der Proteste gegen die hohen Lebenshaltungskosten am 17. Oktober schlug Gabriel Attal zwei Tage später beim Sender RTL vor, soziale Netzwerke in Gebieten mit Ausschreitungen vorübergehend und gezielt zu sperren.[5] Innenminister Laurent Nuñez griff die Idee am 21. Oktober im Senat auf.[3] „Die sozialen Netzwerke werden zu einem echten Problem“, sagte er laut BFM. Entschieden ist nichts, die Plattformen sollen vorerst stärker moderieren.[4]
Am selben Tag fiel das Mobilfunknetz von Orange und der Tochter Sosh landesweit aus, für viele Kunden von 11:20 Uhr bis in den Abend.[5] Für Samstag, den 24. Oktober, ist der nächste Protesttag angekündigt. Im Netz kursiert der Aufruf, die App vorher zu installieren.[3]
Warum lässt sich Bitchat kaum sperren?
Bitchat braucht weder Server noch Konto. Jedes Telefon empfängt Nachrichten per Bluetooth und reicht sie an Geräte in der Nähe weiter, über mehrere Stationen laut Gizmodo theoretisch rund 300 Meter weit.[5] Private Nachrichten sind Ende-zu-Ende verschlüsselt. Den Code hat Dorsey im Juli 2025 unter der Unlicense veröffentlicht, die ihn faktisch gemeinfrei macht.[6] In seinem X-Profil steht der Satz „no state is the best state“, sinngemäß: Der beste Staat ist gar kein Staat.[1]
Ein Betreiber, dem eine Behörde die Abschaltung befehlen könnte, existiert damit nicht. Bleiben die App-Stores. Diesen Weg gingen China im Frühjahr und Indien Anfang Oktober, als Apple Bitchat aus dem indischen App Store nahm. Ganz verschwinden lässt sich die App damit nicht: Android-Nutzer können sie ohne Internet von Gerät zu Gerät weitergeben.[5]
In Frankreich setzt zudem der Conseil d’État Grenzen. Das oberste Verwaltungsgericht erklärte im April 2025 die TikTok-Sperre in Neukaledonien für rechtswidrig. Erlaubt ist eine Unterbrechung nur bei außergewöhnlichen Umständen, wenn sie unerlässlich ist, keine mildere Maßnahme sofort greift und sie befristet bleibt.[7] Der Krisenreaktionsmechanismus nach Artikel 36 des Digital Services Act (DSA), auf den BFM verweist, richtet sich nur an sehr große Online-Plattformen.[8] Dazu zählt Apples App Store, Bitchat nicht.
Jede Sperrdebatte treibt Nutzer zu Diensten, die keine Behörde abschalten kann. In Frankreich genügten dafür drei Tage.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
- 17.10.Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten, am Rand Plünderungen
- 19.10.Gabriel Attal schlägt bei RTL gezielte, befristete Sperren sozialer Netzwerke vor
- 21.10.Laurent Nuñez nennt im Senat eine Aussetzung der Netzwerke als Option, Orange fällt landesweit aus
- 22.10.Bitchat führt die Rubrik soziale Netzwerke, Jack Dorsey teilt die Platzierung auf X
- 23.10.Platz eins aller Gratis-Apps im französischen App Store, in Deutschland Platz 75 der Rubrik
- 24.10.Nächster Protesttag in Frankreich angekündigt
- Server: keiner, Nachrichten laufen per Bluetooth von Telefon zu Telefon
- Konto: keines, auch keine Telefonnummer
- Code: gemeinfrei unter der Unlicense
- App-Stores: so geschehen in China und Indien
- Frankreich: nur bei außergewöhnlichen Umständen, unerlässlich, befristet (Conseil d’État 2025)
- EU: Krisenreaktionsmechanismus des DSA gilt nur für sehr große Online-Plattformen
- Android: App lässt sich ohne Store weitergeben
Was bedeutet der Fall für Unternehmen in Deutschland?
Eine vergleichbare Welle gibt es hierzulande nicht, in der deutschen Rubrik soziale Netzwerke liegt Bitchat auf Platz 75.[2] Der Orange-Ausfall zeigt aber, wie schnell ein ganzes Mobilfunknetz wegbricht. Als Notfallkanal taugt Bitchat nur auf kurze Distanz, etwa auf einem Werksgelände oder bei einer Veranstaltung. Für Standorte in anderen Städten braucht die App wieder das Internet.
Auf Diensthandys passt die App schlecht zu den Aufbewahrungspflichten. Ein Panikmodus löscht alle Daten auf einmal, eine zentrale Verwaltung fehlt.[4] Geschäftliche Nachrichten können als Handelsbriefe gelten, die Kaufleute nach Paragraf 257 HGB sechs Jahre aufbewahren müssen.[9] Für den Ernstfall ohne Netz gehören deshalb Funk, Satellitentelefon oder feste Treffpunkte in den Notfallplan. Was ein langer Ausfall auslöst, beschreibt unser Beitrag zu zehn Tagen ohne Strom.
FAQ: Bitchat und die Sperrdebatte in Frankreich
Was ist Bitchat?
Bitchat ist ein Messenger von Twitter-Mitgründer Jack Dorsey, der ohne Mobilfunknetz, Konto und Telefonnummer auskommt. Telefone tauschen Nachrichten per Bluetooth aus und reichen sie an Geräte in der Nähe weiter. Online nutzt sie zusätzlich das dezentrale Netzprotokoll Nostr. Der Code ist gemeinfrei.
Warum ist Bitchat in Frankreich so gefragt?
Nach Plünderungen am Rand der Proteste vom 17. Oktober schlug Ex-Premier Gabriel Attal vor, soziale Netzwerke in Unruhegebieten zeitweise zu sperren, Innenminister Laurent Nuñez nannte das eine Option. Am 21. Oktober fiel zudem das Mobilfunknetz von Orange stundenlang aus. Viele installieren Bitchat vorsorglich.
Darf Frankreich soziale Netzwerke sperren?
Nur unter engen Bedingungen. Der Conseil d’État hält eine Unterbrechung bei außergewöhnlichen Umständen für zulässig, wenn sie unerlässlich ist, keine mildere Maßnahme sofort greift und sie befristet bleibt. Die TikTok-Sperre in Neukaledonien 2024 erklärte das Gericht für rechtswidrig.
Eignet sich Bitchat als Notfallkanal für Unternehmen?
Nur eingeschränkt. Ohne Internet springen die Nachrichten nur von Telefon zu Telefon, die Reichweite liegt laut Gizmodo theoretisch bei rund 300 Metern. Eine zentrale Verwaltung fehlt, und ein Panikmodus löscht alle Daten. Für geschäftliche Nachrichten mit Aufbewahrungspflicht nach § 257 HGB ist das ein Problem.
Quellen
9 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- Jack Dorsey auf Xbitchat 🇫🇷, 22. Oktober 2026, mit Zitat des Beitrags von Raphael Grably (BFM)
- AppleTop-Gratis-Apps im französischen App Store und Rubrik soziale Netzwerke (Frankreich, ebenso Deutschland), abgerufen am 23. Oktober 2026, 12:02 Uhr
- FrandroidManifestation du 24 octobre, panne Orange : pourquoi Bitchat est top 1 des applications téléchargées en France (französisch)
- BFM TechBitchat plus fort que Whatsapp ou Messenger en France (französisch)
- GizmodoJack Dorsey’s Bitchat Becomes France’s Top Social App Amid Riots and Mobile Network Outage (englisch)
- GitHubpermissionlesstech/bitchat, Lizenz Unlicense, abgerufen am 23. Oktober 2026
- Conseil d’ÉtatPressemitteilung zur TikTok-Sperre in Neukaledonien (französisch, PDF), 1. April 2025, Entscheidung Nr. 494511, 494583, 495174
- EUR-LexVerordnung (EU) 2022/2065 über einen Binnenmarkt für digitale Dienste, Artikel 36, abgerufen am 23. Oktober 2026
- Gesetze im Internet§ 257 Handelsgesetzbuch, Aufbewahrung von Unterlagen, abgerufen am 23. Oktober 2026
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