Apple hat Jack Dorseys Messaging-App Bitchat auf Verlangen des indischen IT-Ministeriums aus dem App Store genommen, samt aller Testversionen. Im Juli hatte eine erste Anordnung die App noch nicht aus den Stores verdrängt. Diesmal greift die Regierung zum förmlichen Sperrparagrafen 69A, dessen Verfahren vertraulich bleibt.

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Ein Satz und ein Screenshot genügten Jack Dorsey, um die Bitchat-Sperre öffentlich zu machen. „Die indische Regierung entfernt Bitchat offiziell aus dem App Store“, schrieb der Block-Chef und Twitter-Mitgründer am 3. Oktober auf X.[1] Dazu veröffentlichte Dorsey die Mitteilung, mit der Apples App-Review-Team ihn über die Entfernung informiert hatte.

Das Wichtigste in Kürze

  • Apple entfernt Bitchat aus dem indischen App Store, das IT-Ministerium MeitY hat die Sperre nach Section 69A des IT-Gesetzes verlangt.
  • Auch die Testversionen über TestFlight sind in Indien gesperrt, in allen anderen Ländern bleibt die App erhältlich.
  • Eine Anordnung des Innenministeriums vom Juli hatte Bitchat nicht aus den Stores verdrängt, im April musste die App bereits in China weichen.
  • In der EU müssten Behörden eine solche Anordnung begründen. iPhone-Nutzer haben dort zudem Wege an Apples Store vorbei.

Was steht in Apples Mitteilung an Dorsey?

Smartphone, Radio mit „Ohne Netz“-Schild, weißer Hintergrund
Indische Behörde lässt Bitchat-App aus dem Store entfernen wegen angeblich illegaler Inhalte, nennt aber keine Details

Laut dem Schreiben, das Dorsey veröffentlichte, verschwindet Bitchat aus dem indischen App Store, weil die App „Inhalte enthält, die in Indien illegal sind“. Verlangt hat die Entfernung das Ministry of Electronics and Information Technology (MeitY), gestützt auf Section 69A des indischen IT-Gesetzes von 2000. Welche Inhalte das sein sollen, nennt die Mitteilung nicht. Für Rückfragen verweist Apple den Entwickler direkt an das Ministerium.

Formal begründet Apple die Entfernung mit Abschnitt 5 seiner Prüfrichtlinien. Apps müssen danach die Gesetze jedes Landes einhalten, in dem sie angeboten werden.[2] Die Sperre reicht weiter als der Store-Eintrag: Auch die TestFlight-Versionen stehen in Indien weder internen noch externen Testern zur Verfügung, öffentliche Testlinks funktionieren nicht mehr. Außerhalb Indiens bleibt Bitchat in allen Ländern erhältlich, die der Entwickler in App Store Connect ausgewählt hat.

Mit Bitchat verschicken Nutzer verschlüsselte Nachrichten per Bluetooth von Telefon zu Telefon, ohne Mobilfunknetz und ohne zentralen Server. Verbindungen über das Internet laufen über das Protokoll Nostr. Den Quellcode veröffentlichte Dorsey im Juli 2025 auf GitHub unter der Unlicense, die den Code faktisch gemeinfrei stellt. Das Projekt zählt dort inzwischen mehr als 36.000 Sterne.[3]

Warum hat der zweite Anlauf der Behörden funktioniert?

Im Juli hatte die Cyberkoordinationsstelle I4C, angesiedelt im indischen Innenministerium, bereits die Sperre von Bitchat bei GitHub verlangt. Auslöser waren Studentenproteste in Neu-Delhi, bei denen die Behörden wiederholt das mobile Internet abschalteten. Laut dem indischen Fachdienst MediaNama richteten sich die Anordnungen damals auch an Apple und Google. Als Grundlage diente Section 79(3)(b), nach der Plattformen ihr Haftungsprivileg verlieren, falls sie Behördenhinweise ignorieren. Schon am Folgetag sollen Beamte den Firmen mündlich mitgeteilt haben, dass sie nicht handeln müssten. Bitchat blieb in beiden Stores.

Section 69A ist dagegen der Paragraf, den das IT-Gesetz ausdrücklich für Sperren vorsieht. Indiens Oberster Gerichtshof bestätigte den Paragrafen 2015 im Verfahren Shreya Singhal, gerade weil er ein förmliches Verfahren vorschreibt. Die indische Bürgerrechtsorganisation Internet Freedom Foundation hatte im Juli genau diesen Weg eingefordert und die Anordnung des Innenministeriums als verfassungswidrig kritisiert. Nun geht die Regierung den förmlichen Weg. Eine solche Anordnung kann Apple kaum ignorieren.

Für Betroffene hat dieses Verfahren einen Haken. Regel 16 der Sperrverordnung von 2009 schreibt strikte Vertraulichkeit für alle Sperrersuchen und die daraus folgenden Maßnahmen vor. Deshalb fehlt in Apples Mitteilung jeder Hinweis auf den beanstandeten Inhalt. Dorsey selbst hat bislang nur den Screenshot veröffentlicht. Ob der Entwickler das Ministerium kontaktiert oder vor Gericht zieht, ist offen. Der Fall steht damit auf der Stufe einer umgesetzten Behördenanordnung, ein Gericht hat sie bislang nicht geprüft.

Indien ist das zweite Land, in dem Apple Bitchat auf Druck einer Regierung entfernt. Im April machte Dorsey öffentlich, dass die App aus dem chinesischen App Store verschwunden war.[4] Die Cyberspace-Verwaltung CAC berief sich auf ihre Vorschrift, nach der Dienste mit Einfluss auf die öffentliche Meinung vorab eine Sicherheitsprüfung durchlaufen müssen. Wie schnell der Store als Hebel wirkt, zeigte im August der Fall Telegram: Der Messenger fehlte rund 40 Minuten im App Store, weil Apple Missbrauchsmaterial fand, das nach Telegrams Darstellung von einem einzelnen Konto stammte.

Bitchat in Indien: zwei Anläufe, ein Ergebnis
Wie die Behörden die Mesh-App von Jack Dorsey aus dem App Store gedrängt haben
Anlauf im Juli 2026
  • Behörde: Cyberkoordinationsstelle I4C im Innenministerium
  • Grundlage: Section 79(3)(b), Drohung mit Verlust des Haftungsprivilegs
  • Adressaten: GitHub, Apple und Google
  • Folge: Die App blieb laut MediaNama in beiden Stores
Anlauf im Oktober 2026
  • Behörde: IT-Ministerium MeitY
  • Grundlage: Section 69A, das förmliche Sperrverfahren mit Vertraulichkeitspflicht
  • Adressat: Apple
  • Folge: Bitchat und alle TestFlight-Versionen sind im indischen App Store gesperrt
Bitchat und die Sperren
  1. Juli 2025Dorsey stellt den Quellcode von Bitchat auf GitHub
  2. 5. April 2026Dorsey meldet die Entfernung aus dem chinesischen App Store auf Verlangen der Cyberspace-Verwaltung CAC
  3. Juli 2026Indiens Innenministerium verlangt die Sperre bei GitHub, Apple und Google
  4. 3. Oktober 2026Dorsey macht die Entfernung aus dem indischen App Store öffentlich

Bitchat ist für ausgeschaltete Netze gebaut und scheitert in Indien trotzdem an einem einzigen Vertriebsweg, der ganz in Apples Hand liegt.

Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
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Was wäre in der EU anders?

Bitchats Technik funktioniert ohne Mobilfunknetz, auf dem iPhone hängt der Vertrieb dennoch an Apples Store. Indische iPhone-Nutzer können Apps nur über diesen Store installieren, die Sperre erreicht dort also jedes Gerät, auf dem Bitchat noch fehlt. In der EU sieht das anders aus. Seit März 2024 muss Apple dort wegen des Digital Markets Act alternative App-Marktplätze zulassen. Eine Sperre im App Store würde eine App in Deutschland also nicht vollständig vom iPhone fernhalten.

Für Anordnungen an Plattformen setzt das EU-Recht engere Grenzen. Artikel 9 des Digital Services Act verlangt, dass Behördenanordnungen gegen rechtswidrige Inhalte eine Begründung enthalten und auf Rechtsbehelfe hinweisen.[5] Dass auch europäische Behörden zu Sperren greifen, zeigt Spanien, das im September Archive.today ohne Gerichtsbeschluss blockieren ließ.

Für Unternehmen mit Apps, Mitarbeitern oder Kunden in Indien ergeben sich zwei Konsequenzen:

  • Planen Sie Notfallkommunikation für Standorte in Indien nicht mit Apps, die erst im Ernstfall aus dem Store geladen werden sollen. Kanäle für Krisen gehören vorab auf die Geräte.
  • Rechnen Sie bei eigenen Apps damit, dass Apple eine indische Sperranordnung ohne Angabe von Gründen umsetzt. Klären Sie Zuständigkeit und Ansprechpartner im Ministerium, bevor eine solche Mitteilung eintrifft.

Bitchat ist nicht Dorseys einziges Kommunikationsprojekt. Im Juli stellte der Unternehmer mit Buzz eine Alternative zu Slack und GitHub aus dem Hause Block vor, die Team-Chat, KI-Agenten und Code-Hosting bündelt. Weitere Meldungen über Dorsey und andere prägende Köpfe der Branche sammelt das Archiv zu den Tech-Titanen.

FAQ: Bitchat und die Sperre in Indien

Was ist Bitchat?

Bitchat ist eine quelloffene Messaging-App von Jack Dorsey. Nutzer verschicken damit verschlüsselte Nachrichten per Bluetooth von Telefon zu Telefon, ohne Mobilfunknetz und ohne zentralen Server. Verbindungen über das Internet laufen über das Protokoll Nostr.

Warum wurde Bitchat in Indien aus dem App Store entfernt?

Das indische IT-Ministerium MeitY hat die Entfernung nach Section 69A des IT-Gesetzes verlangt. Laut Apples Mitteilung enthält die App Inhalte, die in Indien illegal sind. Welche Inhalte gemeint sind, nennt die Mitteilung nicht, weil Sperrersuchen in Indien vertraulich behandelt werden.

Was regelt Section 69A des indischen IT-Gesetzes?

Section 69A erlaubt der indischen Zentralregierung, den öffentlichen Zugang zu Informationen zu sperren, etwa zum Schutz der Souveränität, der Sicherheit des Staates oder der öffentlichen Ordnung. Das Verfahren regelt eine Verordnung von 2009, die alle Sperrersuchen für vertraulich erklärt.

Kann eine App in der EU an Apples App Store vorbei installiert werden?

Ja. Wegen des Digital Markets Act muss Apple in der EU seit März 2024 alternative App-Marktplätze zulassen. Eine Sperre im App Store hält eine App deshalb in Deutschland nicht vollständig vom iPhone fern.

Quellen

[1] Jack Dorsey auf X: „government of India officially removes bitchat from the App Store“, mit Screenshot der Apple-Mitteilung, 3. Oktober 2026

[2] Apple: „App Review Guidelines“, Abschnitt 5 „Legal“

[3] GitHub: „permissionlesstech/bitchat“, Quellcode und Lizenz

[4] Jack Dorsey auf X: „bitchat pulled from the china app store“, 5. April 2026

[5] EUR-Lex: „Verordnung (EU) 2022/2065 über einen Binnenmarkt für digitale Dienste“, Artikel 9

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