Indien hat GitHub angewiesen, den Zugang zu Jack Dorseys Messaging-App Bitchat zu sperren. Die App funkt per Bluetooth von Gerät zu Gerät und funktioniert selbst dann, wenn der Staat das Internet abschaltet. Warum die Sperre die Verbreitung kaum bremst und was europäische Entscheider daraus mitnehmen sollten.

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Bitchat steht in Indien seit dem 20. Juli auf der Sperrliste, mitten in den größten Protesten seit Jahren. Während die Regierung rund um die Demonstrationen in Neu-Delhi wiederholt das mobile Internet gekappt hat, sind Demonstranten auf Apps ausgewichen, die ganz ohne Netz funken. Eine davon ist nun ins Visier der Behörden geraten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die indische Cyberbehörde I4C hat drei Bitchat-Adressen bei GitHub sperren lassen, gestützt auf Section 69A des IT-Gesetzes.
  • Bitchat braucht weder Server noch Konto oder Telefonnummer und läuft per Bluetooth-Mesh auch bei abgeschaltetem Internet.
  • Eine Code-Sperre trifft nur das Repository, nicht die bereits installierten Apps und die zahlreichen Kopien.
  • Indien ist mit 84 Abschaltungen im Jahr 2024 der Spitzenreiter unter allen Demokratien.

Was hat Indien gegen eine Chat-App?

Stempel mit Text „GESPERRT“, darunter fliegen Papierschmetterlinge weg
Bitchat-App ermöglicht Kommunikation ohne Internetverbindung. Indische Regierung sperrt die App als Sicherheitsrisiko

Bitchat ermöglicht Kommunikation auch dann, wenn das Internet abgeschaltet ist, und genau das stuft die indische Regierung als Sicherheitsrisiko ein.

Die Cyber-Crime-Koordinationsstelle I4C, angesiedelt im Innenministerium, sieht in der App ein Werkzeug für „staatsfeindliche Elemente“ und organisierte Kriminalität. Wie Bitchat-Entwickler Jack Dorsey öffentlich erklärt hat, verlangt die Regierung die Entfernung der App.

Auslöser sind die Proteste gegen einen landesweiten Prüfungsskandal. Rund um die Brennpunkte haben die Behörden immer wieder das Netz abgeschaltet, worauf viele Demonstranten auf netzunabhängige Apps umgestiegen sind.

Warum eine GitHub-Sperre die App kaum aufhält

Bitchat ist dezentral, quelloffen und längst vielfach kopiert. Die Sperre trifft ein Repository, nicht die Funktechnik auf den Geräten der Nutzer.

Die App reicht Nachrichten per Bluetooth von Gerät zu Gerät weiter, ganz ohne Server, Konto oder Telefonnummer.[1] Einmal installiert, funkt sie weiter, auch wenn das Repository verschwindet. Der quelloffene Code ist ohnehin gespiegelt und geforkt, eine Sperre der drei gemeldeten Adressen holt ihn nicht aus dem Umlauf zurück.

Pikant ist die Begründung, denn ausgerechnet die als Waffe gefürchtete App gilt selbst als unausgereift. Beim Start hat Dorsey eingeräumt, dass Bitchat keine externe Sicherheitsprüfung durchlaufen hat, und ein Forscher hat eine Schwäche nachgewiesen, mit der sich Nutzer imitieren lassen.

Sperre gegen ein bewegliches Ziel
Warum Indiens Bitchat-Verbot ins Leere läuft
84
Internet-Abschaltungen in Indien 2024, mehr als in jeder anderen Demokratie
920
von 2.102 weltweiten Abschaltungen seit 2016 entfielen auf Indien
0
Server, Konten und Telefonnummern braucht Bitchat
§ 69A
Rechtsgrundlage der Sperrverfügung im indischen IT-Gesetz
Warum die Sperre kaum greift

Der Quellcode ist quelloffen, längst kopiert und geforkt. Bereits installierte Apps funken per Bluetooth weiter, ohne Server, App-Store oder Internetzugang.

Eine Sperre bei GitHub trifft den Quellcode, nicht die Funktechnik in den Hosentaschen der Nutzer. Genau das sollten sich auch europäische Politiker klarmachen, die von durchsuchbarer Verschlüsselung träumen.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was der Fall für europäische Firmen bedeutet

Der Streit zeigt, wie schnell Verschlüsselung und dezentrale Technik zwischen Sicherheitsinteressen und Grundrechten geraten, ein Konflikt, der auch die EU beschäftigt.

In der EU wird seit Jahren über die Chatkontrolle und das Aufweichen von Verschlüsselung gestritten. Die Debatte um das Scannen verschlüsselter Inhalte führen wir längst auch am Beispiel von Apples iCloud, und die Argumente ähneln sich verblüffend.

Der Fall legt zugleich offen, wie viel Macht bei GitHub liegt. Ein dort gehostetes Projekt hängt von den Entscheidungen eines einzelnen, zu Microsoft gehörenden Anbieters ab, ähnlich heikel wie die Frage nach dem transatlantischen Datentransfer für europäische Unternehmen.

Indien hat 2024 ganze 84-mal das Internet abgeschaltet, häufiger als jede andere Demokratie.[2] Der Bitchat-Fall ist deshalb kein Einzelfall, sondern der jüngste Beleg für ein Muster: Ein Staat, der Kommunikation kontrollieren will, greift zuerst zur Abschaltung und danach zur Löschung.

Für europäische Entscheider bleiben zwei Konsequenzen. Kritischen Quellcode nie allein auf einer Plattform vorhalten, sondern gespiegelt und im Ernstfall selbst gehostet. Und die heimische Verschlüsselungsdebatte aufmerksam verfolgen, denn dieselbe Logik, die in Neu-Delhi eine App sperrt, argumentiert in Brüssel gegen sichere Ende-zu-Ende-Verschlüsselung.

FAQ: Bitchat-Sperre in Indien

Was ist Bitchat?

Bitchat ist eine dezentrale Messaging-App, die Nachrichten per Bluetooth-Mesh direkt von Gerät zu Gerät überträgt und zusätzlich das Nostr-Protokoll für die globale Reichweite nutzt. Die App kommt ohne Konten, Telefonnummern und zentrale Server aus. Initiator des quelloffenen Projekts ist Jack Dorsey, Mitgründer von Twitter.

Wie funktioniert Bluetooth-Mesh-Messaging?

Beim Bluetooth-Mesh verbinden sich Geräte in Reichweite direkt miteinander und reichen Nachrichten von Knoten zu Knoten weiter, bis sie den Empfänger erreichen. Dafür wird kein Mobilfunk und kein Internet gebraucht. So bleibt die Kommunikation auch dann möglich, wenn ein Netz abgeschaltet oder überlastet ist.

Warum hat Indien Bitchat gesperrt?

Die indische Cyberbehörde I4C sieht in der App ein Risiko, weil sie Kommunikation auch bei staatlich verhängten Netzsperren ermöglicht. Die Sperrverfügung gegen drei Adressen bei GitHub stützt sich auf Section 69A des indischen IT-Gesetzes. Auslöser waren Proteste, bei denen die Behörden das Internet wiederholt abgeschaltet haben.

Ist Bitchat sicher?

Bitchat setzt zwar auf Verschlüsselung, hat aber bislang keine unabhängige Sicherheitsprüfung bestanden. Entwickler Jack Dorsey hat die App beim Start selbst als experimentell eingestuft, und Sicherheitsforscher haben eine Schwäche nachgewiesen, mit der sich Nutzer imitieren lassen. Für vertrauliche Kommunikation ist sie deshalb nur eingeschränkt geeignet.

Lässt sich eine App über eine GitHub-Sperre überhaupt stoppen?

Kaum. Eine Sperre entfernt nur das Repository an der gemeldeten Adresse, nicht den bereits verteilten Code und nicht die installierten Apps. Quelloffene Projekte werden gespiegelt und geforkt, und dezentrale Apps funken ohne zentrale Infrastruktur weiter. Eine Plattformsperre bremst die Sichtbarkeit, nicht die Technik.

Quellen

[1] GitHub, permissionlesstech/bitchat: Projekt-Repository mit Architekturbeschreibung

[2] Access Now, #KeepItOn: „Worst year on record: internet shutdowns in 2024“

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