Netzsperren aus Urheberrechtsgründen treffen in Südeuropa längst nicht mehr nur Piratenseiten. Als Spaniens Kulturministerium Archive.today und dessen Spiegel auf die Sperrliste setzte, prüfte kein Richter die Anordnung, ein Verwaltungsakt genügte.[1]

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Für Unternehmen, deren Geschäft an der Erreichbarkeit ihrer Website hängt, steckt darin mehr als ein spanisches Randthema. Dieselbe Mechanik legt an anderen Tagen unbeteiligte Shops und Dienste lahm.

Das Wichtigste in Kürze

  • Spaniens Sektion Zwei der Kommission für geistiges Eigentum ordnet Sperren selbst an, ohne Gericht; zuletzt traf die Sperre den Archivdienst Archive.today samt Spiegeldomains.
  • Die IP-Sperren der spanischen Fußball-Liga LaLiga treffen an Spieltagen auch Cloudflare, GitHub Pages und BunnyCDN, also unbeteiligte Websites auf geteilten Adressen.
  • Italiens Piracy Shield lässt Rechteinhaber Seiten binnen 30 Minuten sperren, ohne Richter; einmal war darüber Google Drive über zwölf Stunden blockiert.
  • In Deutschland sperrt die CUII per DNS, seit einer Systemumstellung aber nur noch auf gerichtliche Anordnung.

Warum sperrt Spanien Archive.today ohne Gericht?

Eine 3D-Darstellung von fünf mit Absperrband und „GESPERRT“-Schild blockierten Postfächern
Spanische Behörde sperrt Archive.today per Verwaltungsakt ohne Gerichtsurteil

Verwaltungsakt statt Urteil. Über die Sperre entschied die Sektion Zwei der Kommission für geistiges Eigentum im Kulturministerium, nicht ein Gericht. Ein Antrag, ein Gremium und ein festes Protokoll reichen aus, damit die spanischen Provider eine Domain für unerreichbar erklären.[1] Diesmal traf die Sperre Archive.today, einen Dienst, der Webseiten als Momentaufnahme einfriert und damit Journalisten und Rechercheuren als Beleg dient. Gesperrt wurden zugleich die Spiegel archive.is, archive.ph und archive.li.

Die größere Waffe sind IP-Sperren. Schärfer als eine einzelne Domain-Blockade wirkt das Vorgehen der Fußball-Liga LaLiga. Ein Gericht in Barcelona erlaubte ihr im Dezember 2024 dynamische IP-Sperren und bekräftigte den Beschluss im März 2025; seither passt die Liga die Sperrliste an Spieltagen laufend an, ohne dass ein Richter jede Adresse einzeln bestätigt.[2] Weil Anbieter wie Cloudflare, GitHub Pages und BunnyCDN eine Adresse für tausende Kunden zugleich nutzen, gehen unbeteiligte Seiten mit offline, darunter die Datenplattform Tinybird.[2] Wie deutsche Netzbetreiber darauf reagieren, zeigt ihre Forderung, Rechteinhaber für Overblocking-Schäden haftbar zu machen.

Was macht Overblocking für Website-Betreiber gefährlich?

Sperren ohne Richter, Frist von 30 Minuten. Italien treibt das Modell am weitesten. Über die staatliche Plattform Piracy Shield melden private Rechteinhaber Domains und IP-Adressen, die Provider müssen sie binnen 30 Minuten sperren, eine gerichtliche Prüfung sieht das Verfahren nicht vor.[3] Einmal legte diese Automatik Google Drive über zwölf Stunden lahm und sperrte damit Studierende und Beschäftigte aus ihren Dateien aus.[3]

Geteilte Adresse, geteiltes Risiko. Cloudflare weigerte sich, unter Piracy Shield mitzusperren, und kassierte von der Medienaufsicht AGCOM 14 Millionen Euro Bußgeld; das Unternehmen klagt dagegen und hält das Verfahren für unvereinbar mit dem Digital Services Act.[3] Für Website-Betreiber heißt das: Liegt die eigene Seite auf einer Adresse, die ein gesperrter Anbieter ohnehin schon teilt, kann sie ohne Vorwarnung verschwinden. Ähnlich hebelt eine Domain-Sperre auf Registry-Ebene den Betreiber aus, und Indiens Sperrverfügung gegen GitHub zeigt, wie schnell eine ganze Plattform mitgerissen wird.

Eine Sperre ohne Richter verlagert die Beweislast auf die Falschen. Nicht der mutmaßliche Pirat verschwindet zuerst, sondern die Firma, die zufällig dieselbe Server-Adresse teilt.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Netzsperren in Europa: vier Zahlen
Urheberrechtsblockaden ohne Gericht, Stand September 2026
Dez. 2024
Ein Gericht in Barcelona erlaubt der Liga LaLiga dynamische IP-Sperren, die sie an Spieltagen laufend anpasst
30 Min.
Frist der italienischen Piracy Shield, bis Provider eine gemeldete Seite sperren müssen, ohne richterliche Prüfung
14 Mio. €
Bußgeld der Medienaufsicht AGCOM gegen Cloudflare, weil das Unternehmen nicht mitsperrte
Beschluss
In Deutschland Voraussetzung für eine DNS-Sperre der CUII: ein Gerichtsbeschluss, seit der Systemumstellung

Was bedeutet der Sperr-Trend für deutsche Betreiber?

Deutschland sperrt, aber mit Richter. Auch Deutschland kennt Netzsperren: Die Clearingstelle Urheberrecht im Internet, kurz CUII, lässt Provider wie Telekom, Vodafone und Telefónica strukturell rechtsverletzende Seiten per DNS sperren. Anders als in Spanien und Italien setzt die CUII seit einer Systemumstellung aber einen Gerichtsbeschluss voraus, bevor eine Domain auf die Liste kommt.[4] Genau diese richterliche Kontrolle führt Cloudflare gegen Italiens Verfahren ins Feld, das aus seiner Sicht gegen den Digital Services Act verstößt.

Konsequenzen für die Praxis. Der erste Hebel liegt bei der eigenen Infrastruktur: Eine dedizierte IP, die viele Webhosting-Tarife anbieten, nimmt Ihre Website aus der Schusslinie, sobald eine Behörde einen ganzen Adressbereich kappt. Prüfen Sie außerdem die Erreichbarkeit gezielt aus Spanien und Italien, etwa über einen VPN, denn im deutschen Netz bleibt eine südeuropäische Sperre unsichtbar. Gegen einen ausländischen Verwaltungsakt selbst haben Sie als EU-Betreiber wenig Handhabe, weshalb ein zweiter Ausspielweg für geschäftskritische Angebote die realistischere Absicherung ist. Welche Rechte beim grenzüberschreitenden Geoblocking gelten, hat zuletzt der EuGH abgesteckt.

Quellen

[1] Ministerio de Cultura (Spanien), Sección Segunda de la Comisión de Propiedad Intelectual: „Webs bloqueadas“, Liste gesperrter Domains

[2] Vercel: „Update on Spain and LALIGA blocks of the internet“

[3] Cloudflare: „Standing up for the open Internet: why we appealed Italy’s Piracy Shield fine“

[4] Clearingstelle Urheberrecht im Internet (CUII): Verfahren und FAQ zur DNS-Sperre

Mehr Newshunger?

4,6 18 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?