Bob Woodward wirft Jeff Bezos in seinen Memoiren vor, das öffentliche Vertrauen in den unabhängigen Journalismus der Washington Post zu beschädigen. Der Watergate-Reporter gehört der Redaktion bis heute an, mit dem Titel Associate Editor. Die New York Times hat ein Exemplar des Buchs „Secrets“ vorab erhalten, es erscheint am 24. November.[1]
Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügenIn die Nachrichten habe sich Bezos nicht eingemischt, räumt Woodward ein. Sein Vorwurf zielt auf den Stellenabbau und den Umbau der Meinungsseiten, dazu kommt die Annäherung des Eigentümers an Präsident Donald Trump.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Woodward zitiert eine Zusage von Bezos von 2018: „Ich werde immer hinter dir stehen.“
- Kurz vor der Wahl 2024 stoppte Bezos eine Wahlempfehlung für Kamala Harris, mindestens 250.000 Leser kündigten ihr Abo.
- Verlagschef Jeff D’Onofrio bestreitet, dass Bezos in die Berichterstattung eingreift.
- In der EU verlangt das Medienfreiheitsgesetz seit Februar 2025 Schutz für einzelne redaktionelle Entscheidungen.
Was wirft Woodward dem Eigentümer vor?

2018 rief Woodward bei Bezos an, bevor er ein kritisches Buch über Trump veröffentlichte. „Keine Sorge, ich stehe hinter dir, Bob“, antwortete Bezos laut den Memoiren. „Ich werde immer hinter dir stehen.“ Den Bruch datiert Woodward auf 2024. Kurz vor der Präsidentenwahl strich Bezos eine geplante Wahlempfehlung für Kamala Harris und schaffte Empfehlungen für Präsidentschaftskandidaten ganz ab. Der Zeitpunkt habe so gewirkt, als würden Bezos und die Zeitung vor Trump kapitulieren, schreibt Woodward.[1] Bis zum folgenden Dienstag kündigten laut der Post selbst mindestens 250.000 Leser ihr Abo, rund zehn Prozent der Digitalabonnenten.[2]
Im Februar 2025 gab Bezos den Meinungsseiten eine neue Linie: Sie sollen jeden Tag persönliche Freiheiten und freie Märkte verteidigen, gegenteilige Ansichten veröffentlichen andere. Eine Meinungsseite für alle Positionen brauche es nicht mehr, schrieb er auf X: „Heute erledigt das Internet diese Aufgabe.“[3] Am 4. Februar 2026 strich die Post rund ein Drittel ihrer Stellen, in der Redaktion mehr als 300 von 800.[4]
Was entgegnet die Washington Post?
Ein Sprecher von Bezos ließ die Anfrage der New York Times zunächst unbeantwortet. Verlagschef Jeff D’Onofrio stellte sich in einer Erklärung gegenüber der eigenen Zeitung hinter den Eigentümer. Bezos verteidige „unbeirrt unsere Arbeit, unsere Unabhängigkeit und die Sicherheit unserer Journalisten“. In die Berichterstattung mische er sich nicht ein, „und er weiß, dass kein ernstzunehmender Redakteur das hinnehmen würde“.[1]
Auch Woodward bescheinigt der Post weiterhin eine kritische Berichterstattung über Trump. Von Bezos vermisst er eine öffentliche Verteidigung des Journalismus, wie sie Times-Verleger A. G. Sulzberger leiste. „Es schmerzt mich, dass Jeff Bezos geschwiegen hat“, schreibt er.[1]
Leser kündigten nach dem Stopp der Wahlempfehlung binnen vier Tagen ihr Abo
der Stellen strich die Post im Februar 2026, in der Redaktion mehr als 300 von 800
Seitdem gilt in der EU der Schutz einzelner redaktioneller Entscheidungen
Ein Eigentümer darf die Linie seiner Zeitung bestimmen. Was er öffentlich nicht verteidigt, prägt sie genauso.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was dürfen Verleger in der EU?
Bezos’ Entscheidungen berühren genau die Grenze, die das europäische Medienfreiheitsgesetz zieht. Nach Artikel 6 Absatz 3 müssen Anbieter von Nachrichten seit dem 8. Februar 2025 Maßnahmen treffen, damit redaktionelle Entscheidungen „im Rahmen der festgelegten redaktionellen Ausrichtung“ frei getroffen werden können.[5] Die Ausrichtung selbst darf das Haus also festlegen, so wie Bezos es bei den Meinungsseiten tat. Ob ein Eigentümer eine einzelne, bereits geschriebene Empfehlung stoppen darf, ist die Frage, an der sich Ausrichtung und Einzelentscheidung scheiden.
Deutsche Verlage genießen zusätzlich Tendenzschutz: Nach § 118 Betriebsverfassungsgesetz gilt das Gesetz für Unternehmen der Berichterstattung nur, soweit ihre Eigenart nicht entgegensteht.[6] Seit August 2025 müssen Medien in der EU außerdem ihre Eigentümer leicht zugänglich nennen.[5] Unternehmen, die Pressearbeit planen oder Anzeigen buchen, sehen dort, wem eine Redaktion gehört. Auch CNN gehört seit Oktober einer Milliardärsfamilie: Die Firma von Larry Ellisons Sohn David hat Warner Bros. Discovery übernommen.
Quellen
6 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- The New York Times, Peter Baker, nachgedruckt im Philadelphia InquirerBob Woodward thought Jeff Bezos had his back. Now he feels disillusioned. (englisch)
- The Washington Post, Elahe Izadi, nachgedruckt in den Anchorage Daily NewsAfter non-endorsement, 250,000 subscribers cancel The Washington Post (englisch)
- Jeff Bezos auf XMitteilung an die Belegschaft der Washington Post zu den Meinungsseiten (englisch)
- PoynterBericht über den Stellenabbau bei der Washington Post (englisch)
- Amtsblatt der Europäischen UnionVerordnung (EU) 2024/1083, Europäisches Medienfreiheitsgesetz, Artikel 6 und 29
- Bundesministerium der Justiz§ 118 Betriebsverfassungsgesetz, Geltung für Tendenzbetriebe und Religionsgemeinschaften
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