Mathias Döpfner hat im Januar dem US-Botschafter in Frankreich vorgeschlagen, dass Axel Springer beim europäischen Geschäft von TikTok einsteigt. Das berichtet die Financial Times. Die EU-Kommission winkte ab, ByteDance nennt den Bericht erfunden.
Ein Klick · kostenlosDr. Web bei Google bevorzugenMarkieren Sie drweb.de als bevorzugte Quelle. Dann sehen Sie unsere Artikel öfter unter den Top-Meldungen.Jetzt hinzufügenVorbild war der Deal in den USA. Dort betreibt seit Januar ein mehrheitlich amerikanisches Gemeinschaftsunternehmen unter Führung von Oracle die App, bewertet mit 14 Milliarden US-Dollar, rund 12,5 Milliarden Euro.[1][3] Eine vergleichbare europäische Lösung strebe Axel Springer weiterhin an, bestätigte der Konzern der Zeitung.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Döpfner trug die Idee laut Financial Times im Januar 2026 Charles Kushner vor, dem US-Botschafter in Frankreich, bei einem Treffen in der Berliner Konzernzentrale.
- Der Vorschlag ging an Beamte der EU-Kommission, fand dort aber keinen Rückhalt und wurde fallen gelassen.
- Anders als die USA hat die EU kein Gesetz, das einen Verkauf wegen der Herkunft des Eigentümers erzwingt.
Was hat Döpfner vorgeschlagen?

Nach Darstellung der Financial Times, die sich auf mit den Gesprächen vertraute Personen beruft, lud Döpfner Charles Kushner im Januar in die Zentrale von Axel Springer ein. Kushner ist der Vater von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von Präsident Donald Trump. Offizielles Thema des Treffens war Antisemitismus in sozialen Netzwerken.[1][2] Dort schlug Döpfner vor, das Europageschäft abzutrennen und Axel Springer an einem Kauf zu beteiligen. Welchen Anteil der Konzern übernehmen wollte und zu welchem Preis, nennt der Bericht nicht.
Brüsseler Beamte bestätigten der Zeitung, dass die Idee mit Mitarbeitern der für Technologie zuständigen Abteilung der Kommission besprochen wurde. Die Reaktion sei kühl ausgefallen, danach sei der Plan nicht weiterverfolgt worden.[2] ByteDance weist die Darstellung zurück. Laut dem chinesischen Portal ifeng, das den FT-Bericht wiedergibt, nennt das Unternehmen sie „vollständig erfunden“ und keiner Antwort wert.[2]
Warum hat die EU kein Druckmittel wie die USA?
In den USA hatte ein Gesetz ByteDance vor die Wahl gestellt: das US-Geschäft abgeben oder ein Verbot der App hinnehmen. Das Gemeinschaftsunternehmen entstand, um dieses Verbot abzuwenden und die Sicherheitsbedenken wegen des chinesischen Eigentümers auszuräumen.[3] Ein vergleichbares Gesetz gibt es in der EU nicht. Der Digital Markets Act, dem ByteDance als sogenannter Torwächter (Gatekeeper) unterliegt, erlaubt zwar strukturelle Auflagen bis hin zum Verkauf von Geschäftsteilen, aber erst nach mindestens drei Verstößen innerhalb von acht Jahren und unabhängig davon, wem ein Konzern gehört.[7]
Brüssel arbeitet stattdessen mit Bußgeldern und Auflagen. Der Digital Services Act erlaubt Strafen bis zu 6 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.[6] Im Februar 2026 kam die Kommission vorläufig zu dem Ergebnis, dass TikToks Gestaltung mit endlosem Scrollen und automatischer Wiedergabe suchtfördernd ist und gegen das Gesetz verstößt.[5] Die irische Datenschutzbehörde verhängte schon im Mai 2025 ein Bußgeld von 530 Millionen Euro, weil Mitarbeiter in China auf Daten europäischer Nutzer zugreifen konnten.[4]
Wer eine Plattform wegen ihres Eigentümers fürchtet, braucht ein Gesetz dafür. Ein Mittagessen mit einem Botschafter ersetzt es nicht.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet das für Werbekunden in Deutschland?
Kurzfristig ändert sich nichts. Ohne Gesetz und ohne Verkaufsbereitschaft von ByteDance bleibt TikTok in Europa, wie es ist. Unternehmen, die auf der Plattform werben, sollten eher die DSA-Verfahren im Blick behalten. Auflagen zu Empfehlungsalgorithmen oder Kinderkonten können Reichweite und Zielgruppenauswahl verändern. Dasselbe droht Meta: Die Kommission wirft auch Instagram und Facebook suchtfördernde Gestaltung vor.
Der Vorstoß passt zu Döpfners bisherigen Äußerungen. Er hatte schon früher gefordert, TikTok an Anteilseigner in Demokratien zu übertragen, und vor der Plattform als Werkzeug für Propaganda gewarnt.[1] Bild, Welt und Politico gehören zum Konzern.[2] Ein Medienhaus als Miteigentümer einer Plattform, auf der es selbst um Reichweite konkurriert, würfe allerdings neue Fragen auf.
Quellen
7 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- Investing.comAxel Springer pitched deal to buy TikTok’s European arm, FT reports (englisch, 22. Oktober 2026, nach einem Bericht der Financial Times)
- ifeng TechAusländische Medien: Deutscher Medienkonzern plante Kauf von TikToks Europageschäft, ByteDance weist zurück (chinesisch, 22. Oktober 2026, nach der Financial Times)
- WirtschaftsWocheAxel Springer offenbar an Europa-Geschäft von TikTok interessiert (22. Oktober 2026, nach dpa)
- Data Protection CommissionIrish Data Protection Commission fines TikTok €530 million and orders corrective measures following Inquiry into transfers of EEA User Data to China (englisch)
- Legal Tribune OnlineEU-Kommission stellt fest: Tiktok macht süchtig
- Amtsblatt der EUVerordnung (EU) 2022/2065 über einen Binnenmarkt für digitale Dienste (Gesetz über digitale Dienste), Art. 74
- Amtsblatt der EUVerordnung (EU) 2022/1925 über bestreitbare und faire Märkte im digitalen Sektor (Gesetz über digitale Märkte), Art. 18
Mehr Newshunger?
- Meta sperrt ByteDance-Werbung in sieben Ländern, nur nicht in der EU
- 104 Milliarden Euro: ByteDance überholt Meta, der KI-Ausbau drückt den Gewinn
- TikTok zahlt 348 Millionen Euro im US-Verfahren um Kinderdaten
- Online Safety Act: Meta, TikTok und X klagen gegen Ofcoms Datenanfragen
- TikTok: Wie verdient die App wirklich ihr Geld?
