Der Engpass beim Quantencomputer liegt nicht im Chip, sondern im Kühlschrank. IBM hat am Standort Poughkeepsie zwei kastenförmige Kryostaten zusammengeschaltet und gemeinsam auf unter 15 Millikelvin gebracht. Damit steht die Bauform, an der IBMs Fahrplan bis 2029 hängt.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Knapp fünf Tage kühlt die Anlage herunter, bevor der Quantencomputer bei 4 Kelvin überhaupt arbeitsfähig wird. Kurz darauf fällt die Temperatur unter 15 Millikelvin, rund 180-mal kälter als der Weltraum. Diese Werte meldete IBM am 19. August 2026 erstmals aus zwei gekoppelten Modulen.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • Zwei Zellen gekoppelt: Die Prototypen laufen in Poughkeepsie im Bundesstaat New York und unterschreiten gemeinsam 15 Millikelvin.
  • Zwölfmal mehr Leitungsplatz: Jede Zelle bietet 0,53 Quadratmeter Verkabelungsfläche und 2,75 Kubikmeter Vakuumvolumen.
  • 1.000 Qubits für 2027: Mehrere Prozessoren sollen dann über L-Koppler zusammenarbeiten, 2029 folgt der fehlertolerante Rechner Starling.
  • Stichtag 2030: Für die Krypto-Umstellung im deutschsprachigen Raum gibt das BSI den Takt vor, nicht IBMs Fahrplan.

Warum begrenzt die Kühlung und nicht der Chip?

Zwei verbundene Metallkisten mit einem Thermosbecher und einer Gummiente
Supraleitende Qubits erfordern Kühlung nahe dem absoluten Nullpunkt. IBM setzt nach dem Condor-Prozessor mit über 1.000 Qubits auf verteilte Systeme statt einzelner großer Chips

Supraleitende Qubits arbeiten nur wenige Tausendstel Grad über dem absoluten Nullpunkt. Jeder Prozessor steckt dafür bislang in einem eigenen zylindrischen Kryostaten. Ein einzelner Chip lässt sich kaum weiter vergrößern, weil Wärme, Platzbedarf und das Übersprechen zwischen benachbarten Qubits mitwachsen. Nach dem Condor-Prozessor mit mehr als 1.000 Qubits von 2023 setzt IBM deshalb auf viele verbundene Chips statt auf einen großen.

Über die Qubit-Zahl entscheidet dabei die Verkabelungsfläche, nicht die Lithografie. Jede Steuer- und Ausleseleitung leitet Wärme in die Mischkammer. Zwei zylindrische Kryostaten lassen sich zudem nur über lange, störanfällige Wege verbinden. Parallel verfolgt IBM eine zweite Qubit-Bauart und hat dafür HRL Laboratories übernommen.

Was ändert die Kastenform gegenüber dem Zylinder?

Die neuen Zellen bestehen aus massiven Aluminiumpaneelen und stehen als Kästen dicht nebeneinander. Quantenkabel laufen durch eine Öffnung in die Nachbarzelle, mehrere Lagen Wärmeabschirmung bilden dabei einen kryogenen Tunnel zwischen den Prozessoren. Jede Zelle behält ihre eigene Vakuumkammer samt Kühltechnik und Wärmeabschirmung, sodass Abkühlzeit und Temperaturstabilität auch bei mehr Modulen konstant bleiben.

Der Platzgewinn ist der eigentliche Hebel. Eine Zelle ist rund dreimal so groß wie ein Küchenkühlschrank und soll später mindestens 2.000 Qubits fassen, mehr als IBM heute auf einem einzelnen Chip fertigt. Die Kopplung übernehmen L-Koppler, seit 2024 erprobte Kabel, die zwei Recheneinheiten im Kaltbereich über etwa einen Meter verbinden. Wie belastbar solche Fortschritte sind, prüft IBM inzwischen mit einer offengelegten Messmethode.

Ein Quantenrechner aus austauschbaren Kälte-Kästen lässt sich Zelle für Zelle nachrüsten, statt bei jedem Generationswechsel die komplette Infrastruktur neu zu bauen. Genau diese Wartungslogik entscheidet darüber, ob IBM den Termin 2029 hält.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Der Kühlschrank wird zum Baukasten

IBMs modulare Kryostaten in Zahlen, Stand 19. August 2026

15 mK
Betriebstemperatur, die beide gekoppelten Zellen gemeinsam unterschreiten
5 Tage
Abkühlung auf 4 Kelvin, die Temperatur von flüssigem Helium
12-fach
so viel Verkabelungsfläche wie in den verbreiteten IBM-Systemen
2,75 m³
Vakuumvolumen je Zelle, dazu 0,53 Quadratmeter für Leitungen

Der Fahrplan bis 2029

2026

Nighthawk-Prozessoren ziehen zum Jahresende in die neuen Module ein.

2027

Mehrere Prozessoren arbeiten über L-Koppler zusammen, mindestens 1.000 programmierbare Qubits.

2029

Starling, nach IBMs Planung der erste fehlertolerante Quantenrechner.

Ausbauziel je Kryostat: mindestens 2.000 Qubits, mehr als IBM heute auf einem einzelnen Chip fertigt.

Was bedeutet der Zeitplan für die Kryptografie?

Für deutschsprachige Entscheider zählt weniger IBMs Termin als die Frist des BSI. Die Behörde warnt in ihrer Aktualisierung der Technischen Richtlinie TR-02102 vor dem Muster „Store now, decrypt later“ und fordert zusammen mit 17 europäischen Partnern, die sensibelsten Anwendungen spätestens 2030 auf quantensichere Verfahren umzustellen.[2] Angreifer sammeln verschlüsselte Daten also heute und lesen sie später.

Zwischen beiden Zeitachsen liegt ein einziges Jahr. IBM plant den ersten fehlertoleranten Rechner für 2029, das BSI setzt 2030. Daten mit zehnjähriger Vertraulichkeitsdauer liegen damit längst im Risikofenster. Wie schnell sich die Bewertung verschiebt, zeigte im Juli 2026 das Post-Quanten-Verfahren HAWK, dessen Schlüsselstärke eine KI binnen 60 Stunden halbierte.

Prüfen Sie darum zuerst, welche Datenbestände länger als fünf Jahre vertraulich bleiben müssen. Stellen Sie deren Schlüsselaustausch danach auf hybride Verfahren aus klassischer und quantensicherer Kryptografie um. Auf der Netzebene arbeiten Telekom und AIT bereits an zwei EU-Projekten. Die Begriffe dazu sortiert unser Cybersecurity-Glossar.

Quellen

[1] IBM Quantum: „IBM’s new modular architecture for cryogenic systems“ (19.08.2026)

[2] Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik: „BSI erweitert kryptographische Empfehlungen mit Blick auf Quantencomputer“

Mehr Newshunger?

4,6 13 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?