Ein Sprachmodell von Anthropic hat im Post-Quanten-Kandidaten HAWK eine mathematische Schwäche gefunden, die zwei Runden Fachbegutachtung übersehen hatten. Produktivsysteme sind nicht betroffen. Der Fall verschiebt trotzdem, was Sicherheitsverantwortliche von maschineller Prüfung erwarten dürfen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenRund 60 Stunden brauchte das Modell Claude Mythos Preview für einen Angriff, der die Kosten gegen HAWK-256 von 2 hoch 64 auf 2 hoch 38 Operationen drückt.[1] Anthropic hat die Ergebnisse am 28. Juli 2026 veröffentlicht, zusammen mit einem zweiten Fund gegen eine verkürzte AES-Variante.
Das Wichtigste in Kürze
- Claude Mythos Preview senkte die Angriffskosten gegen HAWK-256 von 2 hoch 64 auf 2 hoch 38 Operationen, die effektive Schlüsselstärke halbiert sich.
- Gegen eine auf sieben Runden verkürzte AES-Variante lief der Angriff 200- bis 800-mal schneller, der vollständige Standard bleibt unberührt.
- Anthropic hält fest, dass wegen der Funde keine ausgelieferte Software geändert werden muss.
- Die Nachprüfung durch Menschen kostete mehrere hundert Arbeitsstunden, der Fund selbst rund 60.
Was genau hat das Modell im Gitter gefunden?

HAWK beruht auf dem Gitter-Isomorphie-Problem. Claude Mythos Preview fand darin einen nichttrivialen Automorphismus, also eine Selbstabbildung des Gitters, die bislang niemand für einen Angriff genutzt hatte.
Anschließend baute das Modell eine Prüfstrecke, die den Angriff für den menschlichen Betreuer nachvollziehbar macht.[1] HAWK hatte zuvor zwei Begutachtungsrunden über zwei Jahre überstanden.
Der Unterschied zu bisherigen KI-Funden liegt in der Ebene. Bislang spürten Modelle Fehler in der Umsetzung auf, etwa als Microsofts MAI-Cyber-1-Flash zu gefundenen Lücken gleich den Patch schrieb oder als eine kritische WordPress-Lücke für 22 Euro auffiel. Bei HAWK sitzt der Fehler im Entwurf, nicht im Code.
Warum die Prüfung länger dauert als der Fund
Der Angriff kostete rund 87.000 Euro an Rechenzeit, die Kontrolle mehrere hundert Arbeitsstunden. Damit wandert der Engpass der Kryptografie von der Entdeckung zur Begutachtung.
Anthropic beziffert die API-Kosten je Angriff auf etwa 100.000 US-Dollar, umgerechnet rund 87.000 Euro zum Kurs von 0,87 am 28. Juli 2026. Zum Vergleich: Ciscos offenes Mini-Modell prüft Quelltext 172-mal günstiger, allerdings auf der Implementierungsebene.
Für die Nachvollziehbarkeit hat Anthropic mit der ETH Zürich, der Universität Tel Aviv und der Universität Haifa den Prüfstand CryptanalysisBench veröffentlicht. Vergleichbare Messlatten fehlen bei vielen der KI-Fähigkeiten, über die Anbieter derzeit berichten.
Die beiden beteiligten Forscher waren nach Anthropics Darstellung keine Kryptografie-Spezialisten und eigneten sich das Fachwissen erst während der Verifikation an. Darin liegt das Risiko für jede Fachcommunity: Vorschläge lassen sich schneller erzeugen als seriös prüfen.
Die Entdeckung kostete 60 Stunden, die Nachprüfung mehrere hundert. Dieses Verhältnis entscheidet darüber, ob Kryptografie durch KI sicherer oder nur unübersichtlicher wird.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was Claude Mythos Preview gefunden hat, was der Fund gekostet hat und wie lange Menschen zum Nachprüfen brauchten. Stand: 28. Juli 2026.
Kein Produktivsystem betroffen. Anthropic hält ausdrücklich fest, dass wegen dieser Funde keine ausgelieferte Software geändert werden muss. Der vollständige AES-Standard bleibt ungebrochen, betroffen ist allein eine auf sieben Runden verkürzte Testvariante.
Die Fristen des BSI für klassische Verfahren
Schlüsseleinigung bei besonders schutzbedürftigen Anwendungen nicht mehr allein klassisch
Schlüsseleinigung allgemein nur noch hybrid mit Post-Quanten-Kryptografie
Signaturverfahren nicht mehr allein auf klassischer Mathematik
Was bedeutet der Fund für die Krypto-Migration im DACH-Raum?
Kurzfristig nichts. HAWK ist nicht standardisiert, kein Migrationspfad in Deutschland führt heute über dieses Verfahren. Die Fristen des BSI bleiben unverändert.
Das BSI hat am 11. Februar 2026 erstmals ein Enddatum für die alleinige Nutzung klassischer asymmetrischer Verfahren gesetzt: Ende 2031 für die Schlüsseleinigung, Ende 2030 bei besonders schutzbedürftigen Anwendungen und Ende 2035 für Signaturen.[2] Bis dahin gilt der hybride Betrieb.
Hinter dem Fund steckt eine Ironie der Auswahllogik. Der Zusatzaufruf des US-Instituts NIST für weitere Signaturverfahren sollte gerade die Abhängigkeit von Gitter-Mathematik verringern, und HAWK ist dort das letzte verbliebene Gitter-Verfahren.
Um die Standardauswahl gab es schon zuvor Streit, etwa beim Vorwurf, die NSA habe den ML-KEM-Prozess schwächen wollen. Der Zeitdruck bleibt hoch, weil das Quantenrechnen vorankommt, etwa durch IBMs Zukauf von HRL Laboratories.
Anthropic hat einen Tag zuvor Pflichttests vor jedem Release gefordert. Für Sicherheitsverantwortliche folgt aus dem HAWK-Fund ein knapper Arbeitsauftrag:
- Ein Inventar aller Stellen anlegen, an denen RSA oder elliptische Kurven Schlüssel aushandeln oder signieren.
- Krypto-Agilität in Beschaffungsverträgen verankern, damit Verfahren ohne Neuentwicklung austauschbar bleiben.
- Die fertigen NIST-Standards ML-KEM und ML-DSA einplanen, keine Kandidaten aus laufenden Auswahlverfahren.
- Langlebige Geheimnisse zuerst migrieren, weil heute abgefangene Daten später entschlüsselt werden können.
Anthropic erwartet, dass Sprachmodelle die Begutachtung kryptografischer Verfahren dauerhaft verstärken.[1] Prüfen Sie im laufenden Quartal, welche Ihrer Systeme bis 2030 hybrid arbeiten müssen, und holen Sie verbindliche Termine bei Ihren Herstellern ein.
Quellen
[1] Anthropic: „Discovering cryptographic weaknesses with Claude“
[2] Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik: „BSI empfiehlt Ende klassischer asymmetrischer Verschlüsselungsverfahren“
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