IBM übernimmt mit HRL Laboratories ein Forschungslabor, das bislang Boeing und General Motors gehört hat. Der Zukauf bringt eine zweite Qubit-Technologie ins Haus und soll den Weg zum fehlerfreien Quantencomputer beschleunigen. Für Europas Entscheider zählt vor allem, wann diese Rechner praktisch nutzbar werden.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEin fehlertoleranter Quantencomputer bleibt das erklärte Fernziel der Branche, und IBM kauft sich dafür jetzt zusätzliches Wissen ein. Am 23. Juli 2026 hat der Konzern die Übernahme von HRL Laboratories unterschrieben, einem Spezialisten für eine bisher zweitrangige Qubit-Bauart. Hinter dem nüchternen Firmenkauf steckt eine strategische Wette auf gleich zwei Rechenarchitekturen.
Das Wichtigste in Kürze
- IBM übernimmt HRL Laboratories, das gemeinsam Boeing und General Motors gehört; die Kaufsumme bleibt vertraulich, der Abschluss ist bis Ende des dritten Quartals 2026 geplant.
- HRL bringt Wissen über Silizium-Spin-Qubits mit, eine kompaktere Alternative zu IBMs bisherigen supraleitenden Qubits.
- Beide Bauarten beruhen auf Silizium, weshalb IBM auf zwei Pfade zugleich setzt statt auf einen.
- Der erste große fehlertolerante Rechner „Starling“ soll 2029 kommen; für Europa stellt sich damit die Frage nach sicherer Verschlüsselung schon heute.
Warum IBM ein Labor von Boeing und General Motors kauft

HRL Laboratories im kalifornischen Malibu gehört zu gleichen Teilen dem Flugzeugbauer Boeing und dem Autokonzern General Motors. Das Labor forscht seit Jahrzehnten an Materialien, Sensorik und Quantentechnik, ist der Öffentlichkeit aber kaum bekannt.
Boeing und General Motors trennen sich zwar vom Labor, arbeiten laut IBM aber weiter mit dem Konzern an Quantenanwendungen zusammen.[1] Die finanziellen Konditionen nennt IBM nicht, der Abschluss soll bis Ende des dritten Quartals 2026 über die Bühne gehen, sobald die Kartellbehörden zustimmen.
„Das HRL-Team wird IBM helfen, noch weiter an die Grenzen der Quanteninnovation vorzustoßen“, sagt Jay Gambetta, Forschungschef und IBM Fellow.[1] HRL steuert neben den Qubits auch Wissen über Kryotechnik und Steuerelektronik bei, dazu die heikle Verbindung einzelner Qubits.
Was Silizium-Spin-Qubits anders machen
Ein supraleitendes Qubit, IBMs bisheriger Standard, ist vergleichsweise groß und braucht extreme Kälte nahe dem absoluten Nullpunkt. Ein Silizium-Spin-Qubit speichert die Information dagegen im Spin eines einzelnen Elektrons und ist kaum größer als ein Transistor.
Weil beide Qubit-Typen auf Silizium beruhen, lassen sich Spin-Qubits im Prinzip mit den Werkzeugen der bestehenden Chipfertigung herstellen. Genau darin liegt die Hoffnung auf die Millionen Qubits, die ein wirklich nützlicher Quantencomputer braucht.
Bis heute hat sich die Industrie auf keine Qubit-Bauart geeinigt: Google setzt wie IBM auf supraleitende Schaltkreise, Intel verfolgt Spin-Qubits, Microsoft topologische Ansätze, IonQ und Quantinuum gefangene Ionen. Mit dem Zukauf sichert sich IBM einen zweiten Pfad und senkt das Risiko, auf die falsche Technologie zu setzen.
Erst im Mai 2026 hat IBM mit Anderon eine reine Quanten-Waferfabrik gestartet, unterstützt vom US-Handelsministerium.[1] Das HRL-Wissen könnte dort in die Serienfertigung von Spin-Qubits einfließen.
Nicht der Kaufpreis ist die Nachricht, sondern die Absage an die eine große Wette. IBM kauft sich die Freiheit, beim Quantencomputer zweigleisig zu fahren, und stellt die Fehlerfreiheit über den schnellen Zeitgewinn.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Zwei Wege zum Quantencomputer
Was das für Europa und den Mittelstand heißt
Für europäische Kunden ist IBM längst greifbar: Im schwäbischen Ehningen betreibt der Konzern seit Oktober 2024 sein erstes Quantenrechenzentrum außerhalb der USA, in dem die Daten die EU nicht verlassen. Über 80 europäische Organisationen im IBM Quantum Network können darauf zugreifen, die Fraunhofer-Gesellschaft nutzt dort schon seit 2021 ein eigenes System.
Ein leistungsfähigerer Quantencomputer bleibt damit keine abstrakte Zukunftsfrage, sondern steht als konkrete Rechenkapazität auf deutschem Boden. Sensible Modelle sollten Betriebe deshalb von Anfang an mit Blick auf Zuständigkeit und Standort planen.
Die größere Gefahr lauert woanders: Ein ausgereifter Quantencomputer könnte gängige Verschlüsselung knacken, und Angreifer sammeln schon heute verschlüsselte Daten, um sie später zu entschlüsseln. Das BSI rät Unternehmen deshalb, frühzeitig auf quantensichere Verfahren umzustellen, lange bevor „Starling“ 2029 an den Start geht.
Zwei Schritte lohnen sich sofort: den eigenen Datenbestand nach langlebigen Geheimnissen durchsuchen und mit Cloud- sowie Sicherheitsanbietern einen Fahrplan für Post-Quanten-Kryptografie vereinbaren. Die Umstellung ist ein mehrjähriges Projekt, kein Update über Nacht.
Quelle
[1] IBM: „IBM to Acquire HRL Laboratories to Power the Future of Quantum“ (23. Juli 2026)