Am 30. Juli 2026 meldete IBM gleich dreimal einen Quantenvorteil, mit drei Partnern und drei verschiedenen Rechenaufgaben.[1] Neu daran sind nicht die Rekorde, sondern der mitgelieferte Prüfweg. Für die schwerste der drei Aufgaben existiert bis heute keine klassische Kontrollrechnung.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- IBM legte drei Nachweise an einem Tag vor: mit Algorithmiq zu heterogener Quantenmaterie, mit Qedma zu einem Floquet-Ising-Modell, mit der University of Chicago zu logischen Schaltkreisen.
- Qedmas Rechnung lief auf einem IBM-Quantum-Heron-Prozessor mit bis zu 74 Qubits und übertraf dabei Simulationen auf dem japanischen Supercomputer Fugaku.
- Weil die klassische Gegenprobe fehlt, prüften die Teams das Ergebnis über verändertes Rauschen, verstellte Kalibrierungen und Läufe auf mehreren Prozessoren.
- Algorithmiq stellte sein stärkstes klassisches Verfahren als monoprop auf GitHub, damit fremde Gruppen die Behauptung angreifen können.
Was hat IBM an einem Tag dreimal gemeldet?

Drei Partner tragen die Nachweise. Algorithmiq simulierte heterogene Quantenmaterie, also Materie mit unregelmäßiger Struktur, in der Information je nach Region anders fließt. Qedma löste die Dynamik eines zweidimensionalen Floquet-Ising-Modells mit bis zu 74 Qubits auf.[2] Die University of Chicago führte den Nachweis auf logischen Schaltkreisen.
Vertrauen steht in IBMs eigener Definition vor Geschwindigkeit: Ein Quantenvorteil liegt vor, sobald ein Quantenrechner vertrauenswürdige Lösungen effizienter, günstiger oder genauer liefert als führende klassische Methoden. Den Umbau der Quantensparte hat der Konzern zuletzt mit dem Kauf von HRL Laboratories unterfüttert, nach zuvor zehn Milliarden für Quantencomputing.
Wie prüft man eine Rechnung ohne Gegenprobe?
Operator-Loschmidt-Echo heißt die Messgröße, ein 48-köpfiges Autorenteam um Abhinav Kandala dafür eingeführt hat.[3] Statt gegen eine klassische Rechnung zu prüfen, veränderten die Forschenden das Rauschen des Geräts, verstellten die Kalibrierung der Gatter und wiederholten die Läufe auf mehreren Prozessoren. Blieb der Messwert unter allen Bedingungen stabil, spricht das für seine Richtigkeit.
monoprop dreht den Spieß um. Algorithmiq veröffentlichte sein stärkstes klassisches Verfahren für molekulare Grundzustände auf GitHub, damit fremde Gruppen künftige Behauptungen prüfen können, statt sie zu glauben. Sabrina Maniscalco, Mitgründerin und Geschäftsführerin von Algorithmiq, ordnet den Schritt so ein: „Für eine exponentielle Technologie wie das Quantencomputing ist ein geprüfter, offen angefochtener Fall von Überlegenheit der Wendepunkt.“
Ein Rekord, den allein der Anbieter bestätigt, ist keiner. Interessant wird IBMs Nachweis erst dadurch, dass die Werkzeuge zur Widerlegung frei auf GitHub liegen.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Der Prüfweg ohne klassische Gegenprobe
Was gegenüber 2023 anders läuft
2023: Rekord hinter verschlossener Tür
IBM meldete einen Vorsprung auf einem Eagle-Prozessor mit 127 Qubits. Wenige Wochen später rechneten Forschergruppen dieselbe Aufgabe mit Tensornetzen klassisch nach, am Ende in Sekunden auf einem Laptop.
2026: Aufgabe und Gegencode offen
Die Rechenaufgabe steht seit acht Monaten öffentlich im Quantum Advantage Tracker. Algorithmiq stellte zusätzlich das eigene beste klassische Verfahren unter dem Namen monoprop auf GitHub.
Warum frühere Quantenrekorde nicht hielten
2023 meldete IBM schon einmal einen Vorsprung, damals auf einem Eagle-Prozessor mit 127 Qubits. Wenige Wochen später rechneten Forschergruppen dieselbe Aufgabe mit Tensornetzen klassisch nach, am Ende in Sekunden auf einem gewöhnlichen Laptop.[4] Googles Sycamore-Rekord von 2019 holten klassische Verfahren ebenfalls ein.
Das Muster erklärt den Aufwand von 2026. Der Quantum Advantage Tracker legt die Aufgabe offen aus, und seit acht Monaten hat keine klassische Methode sie über den gesamten Parameterbereich gelöst. Ein Rekord hinter verschlossener Tür fällt schnell, ein öffentlich ausgeschriebener fällt wenigstens sichtbar. Wie rasch sich Ranglisten drehen, zeigt auch der jüngste TOP500-Vergleich.
Was folgt daraus für Europa?
Aus Europa kommt in diesem Fall die Software. Algorithmiq entstand 2020 in Helsinki und sitzt seit Mai 2026 in Mailand, finanziert über bisher 36 Millionen Euro. Europa liefert bei diesem Nachweis den Algorithmus und bezieht die Hardware aus den USA.
Quantum Act heißt der gesetzliche Arm, mit dem die EU-Kommission ihre Quantum Europe Strategy vom Juli 2025 in verbindliche Vorgaben übersetzen will; der Vorschlag steht für 2026 an. An eigener Infrastruktur arbeiten unter anderem Telekom und AIT in zwei EU-Projekten, während die USA ihre Förderung auf 1,75 Milliarden Euro hochgefahren haben.
Konkret ändert der Nachweis nichts an Ihrer Verschlüsselung, denn Materialsimulation hat mit dem Faktorisieren großer Zahlen nichts zu tun. Terminiert bleibt der Umstieg auf quantensichere Verfahren trotzdem, wie der PQC-Chip vom MIT und die Analyse zum Verfahren HAWK zeigen. Prüfen Sie jedes Anbieterversprechen zum Quantenvorteil an zwei Fragen: Liegt die Rechenaufgabe öffentlich aus, und liegt der klassische Gegencode daneben?
Quellen
[1] Algorithmiq: „IBM and Algorithmiq Demonstrate Quantum Advantage“, 30. Juli 2026
[2] IBM Newsroom: „IBM and Qedma Demonstrate Quantum Advantage“, 30. Juli 2026
[3] Barron u. a.: „Observable Estimation in the Absence of Classical Verification“, arXiv-Preprint 2607.25998, 28. Juli 2026
[4] „Efficient tensor network simulation of IBM’s largest quantum processors“, arXiv-Preprint 2309.15642
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