Europa baut ein Kommunikationsnetz, das selbst leistungsfähige Quantencomputer nicht knacken sollen. Die Deutsche Telekom und das AIT Austrian Institute of Technology übernehmen dabei ab sofort zwei zentrale EU-Projekte. Für Entscheider im DACH-Raum ist das mehr als Forschung, es setzt den Takt für die eigene Verschlüsselung.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenQuantensichere Netze werden von der Kür zur Pflicht, und die EU verteilt gerade die Rollen dafür neu. Am 14. Juli 2026 hat die Deutsche Telekom bekannt gegeben, gemeinsam mit dem AIT zwei Koordinierungsprojekte der EU-Kommission gewonnen zu haben. Beide sollen Europas verstreute Quantennetze zu einer belastbaren Infrastruktur zusammenführen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Telekom koordiniert PETRUS2, das AIT das Projekt HarmoniQCI, beide als EU-Koordinierungsprojekte.
- Ziel ist, nationale Quantennetze grenzüberschreitend zu verbinden und die Standards zu vereinheitlichen.
- Hintergrund ist die Bedrohung „Harvest now, decrypt later“: Daten von heute werden für die Entschlüsselung von morgen gesammelt.
- Das BSI drängt auf Post-Quanten-Kryptografie, die Umstellung dauert mehrere Jahre.
Welche EU-Projekte übernehmen Telekom und AIT?

Die Deutsche Telekom koordiniert PETRUS2, das AIT das Projekt HarmoniQCI. Beide sind Koordinierungsprojekte der EU-Kommission und sollen den Ausbau der europäischen Quantenkommunikations-Infrastruktur steuern.
PETRUS2 bündelt schwergewichtige Partner: THALES, das AIT, Airbus und den Satellitenbetreiber SES.[1] Die Telekom soll nationale und europäische Initiativen aufeinander abstimmen und großflächige Quantenschlüssel-Netze über Ländergrenzen vorbereiten, finanziert unter anderem über die Connecting Europe Facility.
HarmoniQCI liegt beim AIT und kümmert sich um Standardisierung und Interoperabilität. Ohne gemeinsame technische Rahmen bleiben die nationalen Netze Inseln.
„Mit PETRUS2 übernimmt die Deutsche Telekom eine zentrale Koordinierungsrolle, um nationale und europäische Initiativen zur Quantenkommunikation zusammenzuführen“, erklärt Daniela Theisinger, Geschäftsführerin bei der Deutschen Telekom.
Warum quantensichere Netze jetzt zählen
Quantencomputer können künftig gängige Verschlüsselung wie RSA brechen. Angreifer sammeln deshalb schon heute verschlüsselte Daten, um sie später zu entschlüsseln, bekannt als „Harvest now, decrypt later“.
Der Mechanismus dahinter ist simpel und unbequem: Abgefangene Daten altern nicht. Patente, Verträge sowie Gesundheits- und M&A-Unterlagen bleiben Jahre wertvoll, lange genug, bis ein ausreichend großer Quantenrechner existiert.
Quantenschlüsselverteilung setzt an einer anderen Stelle an als klassische Mathematik: Der Schlüssel wandert über einzelne Lichtteilchen, jeder Lauschversuch verändert deren Zustand und fliegt auf. Genau diese physikalische Abhörsicherheit will Europa mit der Initiative EuroQCI in die Fläche bringen.
Das ist kein Neustart, sondern die nächste Stufe: Nationale Quantennetze in Deutschland, Polen und Tschechien werden bereits grenzüberschreitend verbunden. PETRUS2 soll aus diesen Einzelstücken ein durchgehendes europäisches Rückgrat machen.
Quantensichere Netze entscheiden nicht erst 2030 über die Datensicherheit, sondern schon heute, weil Angreifer längst auf Vorrat sammeln.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Drei Schritte für Unternehmen
Was bedeutet das für deutsche Unternehmen?
Kurzfristig zählt nicht die QKD-Hardware, sondern Post-Quanten-Kryptografie in der Software. Das BSI empfiehlt, klassische und quantensichere Verfahren parallel einzusetzen. Der erste Schritt ist ein Krypto-Inventar.
Die Quantenschlüsselverteilung ist Infrastruktur für Netzbetreiber und Behörden. Für die meisten Unternehmen läuft der Schutz über Post-Quanten-Kryptografie: neue, mathematisch gehärtete Verfahren wie ML-KEM und ML-DSA, seit 2024 als Standard verfügbar.[2]
Das BSI nennt 2030 als Orientierung für schützenswerte Daten und warnt, dass eine saubere Migration mehrere Jahre braucht. Ein Start erst 2029 kommt zu spät.
Der Einstieg ist unspektakulär: erfassen, wo überall klassische Verschlüsselung steckt, und die Systeme krypto-agil machen, damit sich Algorithmen später ohne Umbau tauschen lassen. Verschärft wird der Druck durch NIS2 und durch Lieferketten-Lecks, bei denen ein einziger Dienstleister zum Einfallstor wird.
Konkret heißt das: in diesem Jahr ein Krypto-Inventar starten, langlebige Geheimnisse zuerst absichern und Anbieter auf ihre Fahrpläne festnageln. Wer heute noch eine Cyberversicherung abschließt, findet quantensichere Kryptografie ohnehin bald auf der Checkliste. Europas Quantennetz entsteht über Jahre, das Zeitfenster für die eigene Umstellung schließt sich früher.
Quellen
[1] Deutsche Telekom: „Sichere Quantennetze in Europa“ (Pressemitteilung, 14.07.2026) ↩
[2] BSI: „Quantentechnologien und quantensichere Kryptografie“ ↩
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