Vor einem US-Bezirksgericht in Delaware wirft Qualcomm dem Chipdesigner Arm vor, vertraglich zugesagte Testwerkzeuge zurückgehalten und ein Geschäft mit Meta beschädigt zu haben. Arm bestreitet beides. Pikant wird der Fall durch Arms eigenen Rechenzentrumsprozessor, dessen wichtigster Kunde ebenfalls Meta heißt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenIm Prozess zwischen Qualcomm und Arm kam eine Zahl zur Sprache: Um 1.800 % wollte Arm laut Aussagen im Verfahren die Lizenzgebühr beim Wechsel von Architektur-Version 9 auf Version 10 anheben. Seit Montag verhandelt Richterin Maryellen Noreika den Streit, fünf Verhandlungstage sind angesetzt. Qualcomm kämpft um Lizenzgebühren in Milliardenhöhe.
Das Wichtigste in Kürze
- Qualcomm wirft Arm vor, geschuldete Testwerkzeuge für die Chipentwicklung zurückgehalten und eine Kündigungsdrohung von 2024 an Bloomberg News durchgestochen zu haben. Arm weist die Vorwürfe zurück.
- Als Ausgleich will Qualcomm bis zu fünf Jahre lang keine Lizenzgebühren an Arm zahlen. Ob diese Vertragsklausel gilt, entscheidet die Richterin gesondert.
- Ein Chipgeschäft mit Meta verlor laut Qualcomm umgerechnet rund 148 Millionen Euro an Wert, weil Meta um Qualcomms Arm-Lizenz fürchtete.
- Arm verkauft seit März 2026 einen eigenen Prozessor für Rechenzentren. Hauptkunde und Mitentwickler ist Meta.
Was wirft Qualcomm dem Lizenzgeber Arm vor?

Die Klage aus dem Jahr 2024 stützt sich auf zwei Vorwürfe.[1] Arm soll Qualcomm Testwerkzeuge für die Chipentwicklung vorenthalten haben, die dem Konzern laut Vertrag zustanden. Außerdem soll Arm sein Schreiben an Qualcomm, in dem der Lizenzgeber 2024 einen Vertragsbruch rügte und mit der Kündigung der Lizenz drohte, an Bloomberg News weitergegeben haben. Qualcomm verhandelte damals mit Meta über ein Chipgeschäft. Laut Qualcomm fürchtete Meta nach dem Bericht, Qualcomm könne die Arm-Lizenz verlieren. Bis zum Abschluss sank der Wert des Geschäfts nach Qualcomms Darstellung um umgerechnet rund 148 Millionen Euro (Kurs 0,87 Euro je Dollar).
Arm weist die Vorwürfe zurück und nennt den angeblichen Schaden spekulativ. Arms Anwalt Gregg LoCascio erklärte den Geschworenen, Meta habe den Schwerpunkt von VR-Headsets auf KI-Brillen verlegt und die Konditionen aus eigenen Gründen angepasst. Qualcomm sei „nicht im Geringsten“ geschädigt worden. Hinzu kommt ein Gegenvorwurf: Qualcomm habe selbst vertrauliche Details zu Kartellermittlungen gegen Arm an Medien gegeben und könne deshalb keinen Schadenersatz für das durchgestochene Schreiben verlangen.
Wie viel Geld im Spiel ist, hängt an einer einzigen Vertragsklausel. Qualcomm verlangt, bis zu fünf Jahre lang keine Lizenzgebühren an Arm zu zahlen, laut Reuters potenziell ein Milliardenbetrag. Ob die Klausel durchsetzbar ist, prüfte Richterin Noreika bereits Mitte September in einer Verhandlung ohne Geschworene. Kippt die Richterin die Klausel, bleibt Qualcomm nur ein deutlich kleinerer Schadenersatz.
Parallel klärt das Gericht, ob Arm in gutem Glauben über die Lizenz für die nächste Architekturgeneration verhandelt hat. Der Lizenzvertrag läuft bis 2033. Eine Vereinbarung von 2013 deckelt die Gebühr laut Prozessaussagen bei umgerechnet rund 1,64 Euro je Chip mit fünf oder mehr Prozessorkernen. LoCascio stellte infrage, ob dieser Deckel noch zu modernen Serverchips mit 288 Kernen passt.
Warum ist Arm zugleich Lieferant und Konkurrent?
Der Prozess fällt in eine Phase, in der Arm sein Geschäftsmodell umbaut. Über Jahrzehnte verdiente Arm an Lizenzen und Stückgebühren für fast jeden Smartphone-Chip. Am 24. März 2026 stellte der Konzern mit der AGI CPU erstmals einen eigenen Prozessor vor: bis zu 136 Kerne, gefertigt von TSMC im 3-Nanometer-Verfahren, ausgelegt für KI-Rechenzentren.[2] Hauptpartner und Mitentwickler ist Meta, derselbe Konzern, mit dem Qualcomm über sein Chipgeschäft verhandelte.
Für Qualcomm verschiebt sich damit die Verhandlungsmacht. Arm entscheidet über Lizenzbedingungen und Testwerkzeuge von Kunden, gegen deren Chips Arms eigener Prozessor künftig antritt. Qualcomm entwickelt seit der Übernahme des Start-ups Nuvia im Jahr 2021 eigene Arm-kompatible Prozessorkerne und drängt damit inzwischen auch in Rechenzentren. Meta baut zudem eigene KI-Beschleuniger namens MTIA. Dass Systemhersteller ihre Chips zunehmend selbst entwerfen, zeigt auch das Geschäft des Chipdesign-Spezialisten Cadence.
Der laufende Prozess ist bereits die zweite Runde. Arm hatte Qualcomm 2022 wegen der Nuvia-Lizenzen verklagt. Eine Jury entschied im Dezember 2024, dass Qualcomm seinen eigenen Lizenzvertrag nicht verletzt hat.[3] Im März 2025 beschwerte sich Qualcomm bei der US-Handelsaufsicht FTC, der EU-Kommission und der koreanischen Kartellbehörde KFTC über Arms Lizenzpraxis. Die KFTC durchsuchte im November 2025 Arms Büros in Seoul. Im Mai 2026 leitete laut Bloomberg auch die FTC eine Untersuchung ein, die klären soll, ob Arm konkurrierenden Chipentwicklern Lizenzen verweigern oder verschlechtern will.
Vom Kunden zum Prozessgegner
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 2021 | Qualcomm kauft das Chip-Start-up Nuvia für umgerechnet rund 1,2 Mrd. € |
| 2022 | Arm verklagt Qualcomm wegen der Nuvia-Lizenzen |
| Dez. 2024 | Eine Jury entscheidet: Qualcomm hat seinen Lizenzvertrag nicht verletzt |
| März 2025 | Qualcomm beschwert sich bei FTC, EU-Kommission und KFTC über Arm |
| März 2026 | Arm stellt mit der AGI CPU den ersten eigenen Prozessor vor, Hauptkunde ist Meta |
| Mai 2026 | Laut Bloomberg nimmt die FTC Arms Lizenzpraxis ins Visier |
| 5. Okt. 2026 | Der zweite Prozess beginnt, angesetzt sind fünf Verhandlungstage |
Was bedeutet der Streit für Chipkunden in Europa?
Arms Architektur steckt in Mikrocontrollern und Prozessoren von Infineon, NXP und STMicroelectronics, also in Autos, Maschinensteuerungen und Industriegeräten. Ein Lizenzgeber mit eigenem Chipgeschäft verändert die Risikolage für alle Kunden, die Embedded-Systeme auf Arm-Kernen bauen. Mehrere europäische Hersteller arbeiten parallel an einer Alternative: RISC-V, einer offenen Befehlssatzarchitektur ohne Lizenzgebühren.
Bosch, Infineon, Nordic Semiconductor, NXP und Qualcomm gründeten im Dezember 2023 in München das Gemeinschaftsunternehmen Quintauris, das RISC-V-Referenzdesigns zunächst für die Autoindustrie entwickelt.[4] STMicroelectronics kam später als sechster Gesellschafter dazu. Qualcomm sitzt damit auf beiden Seiten: Der Konzern zahlt Arm Gebühren und baut zugleich an der Alternative mit. Am Montag wurde zudem eine Kreuzlizenz mit Huawei bekannt, zu der Qualcomms Kauf von US-Patenten des chinesischen Konzerns gehört.
Kartellrechtlich wäre die Konstellation in der EU kein Neuland. Stuft die EU-Kommission Arm als marktbeherrschend ein, verbietet Artikel 102 AEUV dem Konzern, Wettbewerber auf nachgelagerten Märkten durch verweigerte oder verschlechterte Lizenzen zu behindern. Qualcomm kennt die Vorschrift aus eigener Erfahrung: 2018 verhängte die EU-Kommission gegen den Konzern 997 Millionen Euro wegen Exklusivzahlungen an Apple, das EU-Gericht hob die Strafe 2022 auf.
Arm verkauft Qualcomm die Bauanleitung und Meta den fertigen Chip. Diese Doppelrolle prüfen inzwischen Kartellwächter in Washington und Seoul.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Für Einkaufs- und Entwicklungsleiter in Industrie und Mittelstand ergeben sich zwei Aufgaben:
- Prüfen Sie gerne, welche Ihrer Produkte und Zulieferteile auf Arm-Kernen laufen. Preissprünge zwischen zwei Architekturgenerationen reichen Chiphersteller in der Regel über den Stückpreis an ihre Kunden weiter.
- Fragen Sie Ihre Halbleiterlieferanten nach RISC-V-Varianten, bevor Sie die Plattform für die nächste Steuerungsgeneration festlegen.
Das Urteil der Geschworenen über den Schadenersatz könnte noch in dieser Woche fallen. Über die gebührenfreie Klausel und die Verhandlungen zur nächsten Architekturgeneration entscheidet Richterin Noreika selbst, einen Termin dafür hat das Gericht noch nicht genannt.
FAQ: Qualcomm, Arm und die Lizenzgebühren
Worüber streiten Qualcomm und Arm vor Gericht?
Qualcomm wirft Arm vor, vertraglich geschuldete Testwerkzeuge zurückgehalten und eine Kündigungsdrohung an Medien durchgestochen zu haben. Der Leak soll laut Qualcomm einen Chip-Deal mit Meta entwertet haben. Qualcomm will bis zu fünf Jahre keine Lizenzgebühren zahlen, Arm bestreitet die Vorwürfe.
Was ist die Arm AGI CPU?
Die AGI CPU ist der erste Prozessor, den Arm selbst verkauft statt nur zu lizenzieren. Der Chip für KI-Rechenzentren hat bis zu 136 Kerne und entsteht bei TSMC im 3-Nanometer-Verfahren. Arm stellte ihn am 24. März 2026 vor, Hauptkunde und Mitentwickler ist Meta.
Was ist RISC-V?
RISC-V ist eine offene Befehlssatzarchitektur für Prozessoren, die Hersteller ohne Lizenzgebühren nutzen dürfen. In Europa entwickelt das Münchner Gemeinschaftsunternehmen Quintauris von Bosch, Infineon, Nordic, NXP, Qualcomm und STMicroelectronics RISC-V-Referenzdesigns für Autos.
Quellen
[1] CourtListener: „Qualcomm Incorporated v. ARM Holdings PLC, 1:24-cv-00490 (D. Del.)“, Verfahrensakte
[2] Arm: „Arm expands compute platform to silicon products in historic company first“, 24. März 2026
[3] CourtListener: „Arm Ltd. v. Qualcomm Inc., 1:22-cv-01146 (D. Del.)“, Verfahrensakte
[4] Quintauris: „About Quintauris“
Mehr Newshunger?
- Qualcomm Geschäftsmodell: Wer zahlt die Patentmaut?
- IBM bringt Arm in den Mainframe-Kern: ein Chip, zwei Befehlssätze
- Snapdragon X2 bekommt Linux-Unterstützung: Qualcomm startet mit Debian und Ubuntu
- Qualcomm übernimmt PickNik und sichert sich den Betreuer der Roboter-Software MoveIt
- Wie OpenAI seinen Chip Jalapeño mit den eigenen KI-Modellen entwarf
- GPT-Synopsys: Synopsys verbündet sich mit OpenAI und lässt sich von Amazon nach Stückzahl bezahlen
