Cadence verkauft Chipdesign-Software längst nicht mehr nur an Halbleiterfirmen: 45 Prozent des Geschäfts kommen von Kunden, die ihre Chips selbst entwerfen. Damit wandert eine Schlüsselkompetenz in Branchen, die bis vor Kurzem nur eingekauft haben. Für europäische Hersteller hängt daran ein Werkzeugkasten aus drei Häusern.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenChipdesign galt jahrzehntelang als Sache weniger Spezialhäuser. Anirudh Devgan, Vorstandschef von Cadence, nannte am 18. August im US-Sender CNBC eine Zahl, die diese Ordnung verschiebt: Rund 45 Prozent des Geschäfts stammen inzwischen von Systemherstellern, also von Betreibern großer Rechenzentren und von Firmen, die Telefone und Autos bauen.
Das Wichtigste in Kürze
- 45 Prozent: Systemhersteller statt Chipfirmen tragen laut Devgan fast die Hälfte des Cadence-Geschäfts.
- Rekord in den Büchern: Der Auftragsbestand lag Ende Juni bei 7,05 Milliarden Euro, der Quartalsumsatz stieg um 24 Prozent auf 1,38 Milliarden Euro.
- Drei Anbieter: Cadence, Synopsys und Siemens EDA teilen den Markt für Entwurfssoftware unter sich auf.
- Europa zieht nach: Die European Chips Design Platform öffnet kleineren Firmen den Zugang zu diesen Werkzeugen.
Warum entwerfen Autobauer plötzlich eigene Chips?

Der eigene Chip ist der direkteste Weg, Hardware und Software aufeinander abzustimmen. Ein Serienprozessor von der Stange bringt Funktionen mit, die niemand braucht. Genau die Eigenschaften, auf die es bei der eigenen Arbeitslast ankommt, fehlen ihm.
Sichtbar wird das Muster zuerst bei den Cloud-Konzernen. Google entwickelt für sein Gemini-Modell einen eigenen Beschleuniger, um Kosten zu drücken und Nvidia zu umgehen. Bei Cadence schlägt diese Nachfrage in die Bücher durch: Der Umsatz mit fertigen Schaltungsbausteinen wuchs im zweiten Quartal um mehr als 40 Prozent, eine größere Vereinbarung mit Intel inbegriffen.[1]
Was macht die Entwurfssoftware zum Nadelöhr?
Drei Häuser kontrollieren den Werkzeugkasten. Ohne ihre Programme entsteht kein moderner Prozessor mit 200 Milliarden Transistoren auf drei Nanometern. „Eine gute Analogie für KI plus Cadence ist ein Turbolader. Unsere Basiswerkzeuge sind wie ein V6- oder V8-Motor. KI allein kann sie nicht ersetzen“, sagte Devgan im Gespräch mit CNBC.
Wie hart dieser Hebel wirkt, zeigte das US-Justizministerium im Juli 2025. Cadence bekannte sich schuldig, Entwurfswerkzeuge über einen Zwischenhändler an die chinesische Militäruniversität NUDT geliefert zu haben.[2] Die Strafe betrug 122,3 Millionen Euro. Zwischen 2015 und 2021 hatte die China-Tochter Waren im Wert von 39,4 Millionen Euro ausgeliefert. Eine Lizenz lässt sich schneller abschalten als eine Fabrik.
Ähnlich eng sitzen die physischen Engpässe, etwa die Optik aus Oberkochen für die neueste Belichtungstechnik oder der Streit um Nvidias H200 für China.
Ein Autohersteller, der seinen Chip selbst entwirft, kauft damit auch eine Abhängigkeit ein: von drei Softwarehäusern, deren Lizenzen am amerikanischen Exportrecht hängen.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was heißt das für Unternehmen im DACH-Raum?
Europas Gegenzug läuft über das Chips Joint Undertaking. Siemens hat als erster Softwareanbieter eine Rahmenvereinbarung für die European Chips Design Platform unterzeichnet und liefert Entwurfs-, Verifikations- und Fertigungssoftware zu vorab festgelegten Preisen.[3]
„Diese Vereinbarung senkt die Hürden für kleinere Unternehmen und Start-ups beim Zugang zu erstklassiger Design-, Verifizierungs- und Fertigungssoftware erheblich“, sagt Jean-Marie Saint Paul, Senior Vice President EDA Global Sales bei Siemens EDA. Zuvor hatte der Konzern bereits den Hauptentwickler der quelloffenen Entwurfskette OpenROAD übernommen.
Für Zulieferer und Maschinenbauer lohnt der Blick auf die eigene Elektronik-Planung. Devgan erwartet, dass sich die Menge an Elektronik und Halbleitern im Auto in den nächsten Jahren verzehnfacht. Zwei Schritte sind auch ohne eigenes Designteam machbar: die Förderbedingungen des Chips Joint Undertaking sichten und die eigenen Lizenzverträge auf Exportklauseln prüfen.
Quellen
[1] Cadence Design Systems: „Cadence Reports Second Quarter 2026 Financial Results“ (SEC-Formular 8-K, 27.07.2026)
[2] US-Justizministerium: „Cadence Design Systems Agrees to Plead Guilty and Pay Over $140 Million“
Mehr Newshunger?
- 600 Chipdesigns auf offener Software: Siemens kauft deren Hauptentwickler
- Ein Chip nur für Gemini: Wie Google die KI-Kosten senken und Nvidia umgehen will
- 222 Millionen für Zeiss: Warum die Chipwelt an einem Werk in Oberkochen hängt
- 2,6 Milliarden Euro für die Chipentwicklung: Lam Research setzt auf Labore statt Fabriken
- Nvidia H200 für China: Peking erlaubt den Import und will die Chips trotzdem in Hongkong halten
- Applied Materials meldet Rekordumsatz von 7,93 Milliarden Euro, der Kurs fällt trotzdem