Ein stillgelegtes Braunkohlekraftwerk in der Lausitz wird zum Standort eines riesigen Rechenzentrums, dessen Abwärme künftig Wohnungen heizt statt ungenutzt zu verpuffen. Schwarz Digits, die IT-Sparte hinter Lidl und Kaufland, hat mit der Stadt Lübbenau vereinbart, die Serverwärme ab 2028 in das örtliche Fernwärmenetz einzuspeisen. Rechnerisch reicht die Wärme für bis zu 75.000 Haushalte.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- 11 Milliarden Euro investiert Schwarz Digits in Lübbenau, die größte Einzelinvestition der Firmengeschichte.
- Ab 2028 speist das Rechenzentrum seine Abwärme in das Fernwärmenetz der SÜLL ein, rechnerisch genug für bis zu 75.000 Haushalte.
- Das Energieeffizienzgesetz schreibt neuen Rechenzentren seit dem 1. Juli 2026 eine PUE von höchstens 1,2 und eine steigende Abwärmequote vor.
- Der Standort ist ein ehemaliges Braunkohlekraftwerk, dessen vorhandener Netzanschluss den Bau beschleunigt.
Wie heizt ein Rechenzentrum eine ganze Region?

Ein großes Rechenzentrum wandelt fast seinen gesamten Stromverbrauch in Wärme um, und Schwarz Digits leitet diese Wärme in ein Heiznetz, statt sie an die Luft abzugeben. Die Server in Lübbenau sollen per Direktflüssigkühlung Temperaturen von bis zu 50 Grad erreichen. Ein Fernwärmenetz braucht 70 bis 80 Grad, deshalb heben Großwärmepumpen die Abwärme auf das nötige Niveau.
Die Anschlussleistung startet bei rund 200 Megawatt, im Vollausbau soll die Anlage Platz für bis zu 100.000 KI-Beschleuniger bieten. Ein einziger Standort zieht damit so viel Strom wie eine Großstadt. Genau diese Verlustleistung, sonst ein reiner Kostenfaktor, wird in Lübbenau zur Heizquelle.[1]
Ist dieses Modell schon erprobt?
Abwärme aus dem Rechenzentrum im Heiznetz gibt es bereits, doch die Lübbenauer Größenordnung sprengt alles Bisherige. Bei Frankfurt versorgt ein Rechenzentrum über die Mainova seit Ende 2024 mehr als 600 Haushalte, ein weiteres Projekt im Stadtteil Fechenheim plant bis zu 20 Megawatt für rund 3.600 Haushalte. Auch der Konzern Meta heizt im dänischen Odense ein kommunales Netz.
Die Zahl von 75.000 Haushalten ist deshalb eine rechnerische Obergrenze, kein Anschlussversprechen. Wie viel Wärme wirklich ankommt, hängt vom Ausbau des Netzes und von der Nachfrage ab. Die Größenordnung zeigt trotzdem, welchen Hebel ein einziges Groß-Rechenzentrum in einer strukturschwachen Region hat.
Die Abwärme eines Rechenzentrums zu verschenken, kann sich Deutschland bei diesen Strommengen nicht mehr leisten. In Lübbenau wird aus dem Abfallprodukt eine Standortförderung.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Der Energiehunger solcher Anlagen ist zum eigentlichen Engpass geworden. Für Oracles KI-Rechenzentrum in New Mexico entsteht eigens eine neue Gaspipeline, und der Bau bremst inzwischen selbst gut finanzierte Betreiber wie Nebius. Mit Lübbenau verfolgt Schwarz Digits denselben Kurs wie beim Cloud-Campus in Bad Friedrichshall, eigene Rechenzentren für die souveräne Cloud STACKIT.
Was bedeutet das für deutsche Rechenzentren?
Das Energieeffizienzgesetz macht die Abwärmenutzung zur Pflicht, nicht zur freien Entscheidung. Neue Rechenzentren mit Betrieb ab dem 1. Juli 2026 dürfen eine Energieverbrauchseffektivität von 1,2 nicht überschreiten und müssen einen wachsenden Anteil ihrer Abwärme wiederverwenden, von 10 Prozent ab 2026 bis 20 Prozent ab 2028.[2] Ab 2027 kommt die Pflicht zu 100 Prozent Grünstrom hinzu.
Lübbenau geht damit von Anfang an unter dem strengsten Regime in Betrieb, und die Wärmevereinbarung mit den Stadtwerken ist auch regulatorisch getrieben. Für Betreiber verschiebt sich die Standortwahl: Ein Grundstück an einem tragfähigen Fernwärmenetz wird zum harten Kriterium, und die frühe Abstimmung mit der Kommune entscheidet über Tempo und Genehmigung.
Neue Projekte kalkulieren die Wärmeabnahme deshalb von Beginn an ein. Lübbenau zeigt, wie aus einer gesetzlichen Auflage ein Standortvorteil wird, sobald Kommune, Energieversorger und Betreiber früh zusammenarbeiten.
FAQ: Das Rechenzentrum Lübbenau und seine Abwärme
Wie viele Haushalte heizt das Rechenzentrum Lübbenau wirklich?
Schwarz Digits nennt eine rechnerische Obergrenze von bis zu 75.000 Haushalten. Die Abwärme fließt ab 2028 in das Fernwärmenetz der SÜLL. Wie viele Haushalte am Ende angeschlossen sind, hängt vom Ausbau des Netzes und von der Wärmenachfrage in Lübbenau und Umgebung ab.
Was ist die PUE eines Rechenzentrums?
Die PUE (Power Usage Effectiveness) misst, wie viel Strom ein Rechenzentrum über die reine IT-Last hinaus verbraucht, vor allem für die Kühlung. Ein Wert von 1,2 bedeutet 20 Prozent Zusatzverbrauch. Das Energieeffizienzgesetz schreibt neuen Rechenzentren seit dem 1. Juli 2026 höchstens 1,2 vor.
Müssen Rechenzentren in Deutschland ihre Abwärme nutzen?
Ja. Das Energieeffizienzgesetz verpflichtet neue Rechenzentren, einen steigenden Anteil ihrer Abwärme wiederzuverwenden: mindestens 10 Prozent ab 2026, 15 Prozent ab 2027 und 20 Prozent ab 2028. Ausnahmen gelten vor allem dann, wenn kein Fernwärmenetz die Wärme aufnehmen kann.
Warum baut Schwarz Digits in der Lausitz?
Das Rechenzentrum entsteht auf dem Gelände eines stillgelegten Braunkohlekraftwerks. Der vorhandene Netzanschluss beschleunigt den Bau, und die Region sucht nach dem Kohleausstieg neue Arbeitsplätze. Schwarz Digits betreibt dort das fünfte STACKIT-Rechenzentrum für Cloud- und KI-Dienste.
Quellen
[1] Schwarz Digits: „Schwarz Digits Datacenter Lübbenau“
[2] Bundesamt für Justiz: Energieeffizienzgesetz, § 11 (Rechenzentren)
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