Siemens übernimmt Precision Innovations, den Anbieter hinter der KI-gestützten Chipplanung auf dem offenen Framework OpenROAD. Damit gehört der wichtigste Entwickler der freien Chipdesign-Software einem der drei großen EDA-Konzerne. Für Chipteams in Europa hängt daran mehr als eine Übernahmemeldung.

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Mehr als 600 fertige Chips sind über OpenROAD gelaufen, die offene Chipdesign-Software aus einem DARPA-Programm. Den Löwenanteil der Entwicklung leistet seit 2019 eine einzige Firma aus San Diego. Genau diese Firma hat Siemens am 20. Juli 2026 gekauft.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • Siemens kauft Precision Innovations, den Hauptentwickler des offenen EDA-Frameworks OpenROAD. Der Kaufpreis bleibt vertraulich, der Abschluss ist für das dritte Quartal 2026 geplant.
  • OpenROAD ist 2018 im DARPA-Programm IDEA entstanden, finanziert mit rund 15 Millionen Euro öffentlicher Mittel.
  • Die UC San Diego hat im Oktober 2024 mehr als 600 Tapeouts über die Software gezählt, von 180 bis 12 Nanometer.[2]
  • Einer der drei großen EDA-Anbieter steuert damit die Entwicklung der freien Alternative zu seinen eigenen Werkzeugen.

Was genau hat Siemens gekauft?

Ein grauer Werkzeugkoffer mit Zangen, Pinzetten, Lupe und einem Anhänger
Siemens EDA integriert KI-gestützte Chipplanungssoftware von Precision Innovations zur frühen Entwurfserkundung in sein Portfolio

Precision Innovations entwickelt seit der Gründung 2019 Software für die frühe Chipplanung, mit der Teams vor der Detailarbeit durchspielen, welche Architektur bei Verbrauch, Leistung und Fläche trägt. Ankur Gupta, Executive Vice President für das IC-Portfolio bei Siemens EDA, sagt: „Die KI-gestützte frühe Entwurfserkundung von Precision Innovations in unser EDA-Portfolio zu integrieren, kann die Zeit bis zum Silizium erheblich verkürzen und Verbrauch, Leistung und Fläche verbessern.“ Auch Cadence lässt inzwischen KI-Agenten Leiterplatten und Chip-Gehäuse entwerfen.

Der eigentliche Hebel liegt woanders. Precision Innovations stellt seit 2019 den Großteil von Entwicklung und Nutzersupport für OpenROAD, Firmenchef Tom Spyrou ist zugleich Chefarchitekt des Projekts. Siemens kauft also nicht nur ein Produkt, sondern die Entwicklerkapazität am offenen Fundament. Spyrou selbst sagt: „Als Teil von Siemens können wir unsere Technik skalieren und die KI-gestützte Chipplanung einem viel breiteren Kreis von Halbleiterteams zugänglich machen.“

Warum hängt ein offenes Projekt an einer einzigen Firma?

Die DARPA-Förderung für OpenROAD ist Ende 2023 ausgelaufen. Über die Embedded Entrepreneur Initiative hat Precision Innovations danach das Trägermodell übernommen: Der Code bleibt frei und permissiv lizenziert, bezahlter Support finanziert die Weiterentwicklung.

Die Open-Source-Welt kennt dieses Muster. Ein Käufer erwirbt in solchen Fällen nicht die Lizenz, sondern die Roadmap: Prioritäten und Releasetempo, also die Frage, welche Lücke als Nächstes geschlossen wird. Wie viel darin steckt, hat zuletzt ein Team gezeigt, das in 48 Stunden einen Chip ohne die Werkzeuge von Cadence und Synopsys entworfen hat.

Als Gegengewicht existiert die OpenROAD Initiative, eine gemeinnützige Organisation nach US-Recht für die langfristige Governance des Ökosystems. Ob diese Konstruktion trägt, zeigt sich erst am ersten echten Interessenkonflikt.

Siemens pflegt künftig die kostenlose Alternative zu den eigenen lizenzpflichtigen Chipwerkzeugen. Bedenklich ist diese Konstellation nicht von sich aus, sie braucht nur eine Governance, die dem ersten Interessenkonflikt standhält.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
OpenROAD: das offene Chipdesign und sein neuer Eigentümer

Ein Framework aus öffentlicher Forschung, getragen von einer Firma, die jetzt Siemens gehört.

Vier Zahlen zum Projekt

600+
Fertige Tapeouts

Stand der UC San Diego im Oktober 2024, quer durch Forschung, Start-ups und Industrie.

180–12 nm
Strukturbreiten

Der abgedeckte Bereich reicht bis 12 Nanometer, nicht bis zur Spitzenfertigung.

15 Mio. €
Öffentliche Förderung

Mittel aus dem DARPA-Programm IDEA haben den Aufbau des Projekts finanziert.

Q3 2026
Geplanter Abschluss

Bis dahin steht die Übernahme unter den üblichen Bedingungen, der Kaufpreis bleibt vertraulich.

Vom Forschungsprogramm zum Konzernbesitz

2018
DARPA startet OpenROAD

Ziel des IDEA-Programms: ein Chiplayout in 24 Stunden, ohne manuellen Eingriff.

2019
Precision Innovations entsteht

Die Firma aus San Diego übernimmt den Großteil von Entwicklung und Nutzersupport.

2023
Die Förderung endet

Bezahlter Support für kommerzielle Kunden finanziert die Weiterentwicklung ab jetzt selbst.

2026
Siemens übernimmt

Der Code bleibt permissiv lizenziert, die Entwicklungsprioritäten wandern in einen Konzern.

Der Kern der Sache: Gekauft wird keine Lizenz, denn OpenROAD bleibt frei. Gekauft wird die Kapazität, die entscheidet, welche Funktion als Nächstes entsteht und welche Lücke offen bleibt.

Was bedeutet der Kauf für Chipteams in Europa?

Der deutsche Konzernsitz schützt nicht vor US-Ausfuhrrecht. Siemens EDA ist aus dem 2017 für rund 3,9 Milliarden Euro übernommenen US-Anbieter Mentor Graphics hervorgegangen. Im Mai 2025 hat die Sparte deshalb neben Cadence und Synopsys auf der Lizenzpflicht-Liste des US-Handelsministeriums für China-Exporte gestanden, bis diese Pflicht Anfang Juli 2025 weggefallen ist.

Für europäische Teams gilt OpenROAD bislang als Ausweg aus dieser Abhängigkeit, weil permissiv lizenzierter Code keine Ausfuhrgenehmigung braucht. Die FOSSi Foundation hat daraus eine Roadmap für offene EDA-Werkzeuge in Europa entwickelt. Dieselbe Souveränitätsfrage stellt sich bei der Fertigung, wo Intel künftig Fortinets Firewall-Chip baut.

Prüfen Sie deshalb in laufenden Projekten, welchen Stand des OpenROAD-Codes Sie einsetzen und ob Sie einen eigenen Fork vorhalten können. Halten Sie außerdem fest, welche Teile Ihrer Werkzeugkette an bezahltem Support hängen. Weitere Analysen finden Sie auf unserer Themenseite zu künstlicher Intelligenz.

Quellen

[1] Siemens: „Siemens to acquire Precision Innovations to expand AI-powered system-on-a-chip design exploration and optimization“

[2] UC San Diego: „Open-source Semiconductor Chip Design Tool Celebrates Success“

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