HD Korea Shipbuilding & Offshore Engineering führt seine Werften auf einer einzigen 3D-Datenbasis von Siemens zusammen. Die eigentliche Nachricht ist nicht die künstliche Intelligenz, sondern das Datenmodell darunter. Für deutsche Werften und ihre Zulieferer verschiebt sich damit der Maßstab.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Die KI-Werft beginnt nicht mit einem Algorithmus, sondern mit einer Vereinbarung über Datenstrukturen. Am 23. Juli 2026 hat HD Korea Shipbuilding & Offshore Engineering in Washington einen verbindlichen Vertrag mit Siemens Digital Industries Software unterzeichnet.[1] Anlass war die Eröffnung des koreanisch-amerikanischen Schiffbauzentrums, im Beisein des koreanischen Handelsministers Kim Jung-kwan und des US-Handelsministers Howard Lutnick.

Das Wichtigste in Kürze

  • Design, Fertigung, Lieferkette, Qualitätssicherung und Wartung laufen künftig in einer gemeinsamen 3D-Umgebung.
  • Technische Basis sind Siemens Xcelerator und der Digital Twin Composer.
  • Die Einführung startet 2026, ab 2028 sollen fahrende Schiffe folgen, 2030 soll das Programm stehen.
  • Siemens verkauft nicht nur Software, sondern eine übertragbare Blaupause für den Bauprozess.

Was steckt hinter dem 3D-Datenmodell?

Ein Papierboot auf einem architektonischen Bauplan, beschriftet mit „Version 1 von 1“
Einheitlicher 3D-Datenstand für Entwurf, Produktion, Beschaffung, Prüfung und Instandhaltung mit virtueller Werft zur Prozesssimulation

Ein Datenstand ersetzt die bisherige Vielfalt. Entwurf, Produktion, Beschaffung, Prüfung und Instandhaltung sollen in einer einzigen dreidimensionalen Umgebung zusammenlaufen, dazu kommt eine virtuelle Werft für die Simulation von Abläufen.[2]

Der eigentliche Engpass liegt eine Ebene tiefer. Im Schiffbau pflegt bislang jede Abteilung ihren eigenen Stand desselben Schiffs: Konstruktion, Arbeitsvorbereitung und Halle rechnen mit unterschiedlichen Versionen. Kein Modell lernt sauber aus Daten, die sich schon im Haus widersprechen.

Vereinheitlichung kommt vor KI, nicht umgekehrt. HD KSOE bündelt als Zwischenholding HD Hyundai Heavy Industries, HD Hyundai Mipo und HD Hyundai Samho, und über genau diese Werften hinweg soll der Datenstand identisch werden. Dass die deutsche Industrie beim digitalen Zwilling hinterherhinkt, hat dieselbe Ursache: Die Modelle sind da, die einheitliche Datenbasis fehlt.

Warum ist die Blaupause das eigentliche Produkt?

Tony Hemmelgarn, Präsident und CEO von Siemens Digital Industries Software, benennt das Ziel offen: „Bei dieser strategischen Zusammenarbeit geht es darum, eine wiederholbare Blaupause für den modernen Schiffbau zu etablieren.“[2]

Wiederholbar ist das entscheidende Wort. Korea hat zugesagt, 150 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 131 Milliarden Euro, in den amerikanischen Schiffbau zu lenken. Ein digital beschriebener Bauprozess lässt sich in eine fremde Werft kopieren, gewachsenes Werfthandwerk nicht. Im Chipentwurf zeigt sich dasselbe Muster, dort hat Siemens gerade den Hauptentwickler einer offenen Design-Software gekauft, und in der Konstruktion senkt quelloffenes Text-zu-CAD die Einstiegshürde.

Der Zeitplan reicht ungewöhnlich weit: stufenweiser Start 2026, Anwendung auf fahrende Schiffe ab 2028, Abschluss des Programms 2030.[2]

Die Werft der Zukunft entscheidet sich nicht am Kran, sondern am Datenmodell. In Kiel verhandeln wir über Eigentümer, in Ulsan über Datenstände, und nur eine dieser beiden Fragen baut Schiffe.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Die KI-Werft von HD Hyundai: vier Jahre bis zum gemeinsamen Datenstand
Was der Vertrag zwischen HD Korea Shipbuilding & Offshore Engineering und Siemens vom 23. Juli 2026 konkret umfasst.

Der Umfang in Zahlen

5
Bereiche in einer 3D-Umgebung
Entwurf, Produktion, Lieferkette, Qualitätssicherung und Wartung teilen sich künftig ein Datenmodell.
3
Werften unter einer Holding
HD Hyundai Heavy Industries, HD Hyundai Mipo und HD Hyundai Samho gehören zu HD KSOE.
131 Mrd. €
Koreas Zusage für US-Werften
150 Milliarden Dollar fließen in den amerikanischen Schiffbau, ein digitaler Bauprozess lässt sich dorthin kopieren.
2030
Zielmarke des Programms
Bis dahin soll das Vorhaben „Future of Shipyard“ abgeschlossen sein.

Der Fahrplan

2026
Stufenweiser Start der Plattform auf Basis von Siemens Xcelerator und Digital Twin Composer.
2028
Anwendung auf fahrende Schiffe, das Modell begleitet den Betrieb statt nur den Bau.
2030
Abschluss des Programms, alle Werften der Gruppe arbeiten auf demselben Datenstand.

Der Punkt für Entscheider: Vereinheitlichte Daten sind die Voraussetzung für KI in der Fertigung, nicht ihr Ergebnis. Zulieferer, die im geforderten Format liefern, bleiben anschlussfähig.

Was heißt das für deutsche Werften und Zulieferer?

Zwei Geschwindigkeiten prallen aufeinander. Während Korea seine Werften auf einen Datenstand zieht, klärt der deutsche Marineschiffbau noch Besitzverhältnisse. Rheinmetall hat diese Woche das Gebot für German Naval Yards Kiel zurückgezogen, wenige Tage nachdem auch TKMS sein Angebot zurückgenommen hatte.

Regulatorisch hängt daran mehr als Technik. Der EU Data Act ist seit September 2025 anwendbar und regelt, wer auf Maschinen- und Produktdaten zugreifen darf. Zugriffs- und Rückgaberechte gehören deshalb in den Zuliefervertrag, bevor das erste gemeinsame Datenmodell steht.

  • Datenstände inventarisieren: Welche Abteilung arbeitet mit welcher Version?
  • Zugriffs- und Rückgabeklauseln in Zulieferverträge aufnehmen, bevor Daten fließen.
  • Ein Pilotprojekt auf ein Bauteil begrenzen statt auf ein ganzes Werk.
  • Vor jedem KI-Vorhaben prüfen, ob die vorhandenen Daten überhaupt widerspruchsfrei sind.

Für Zulieferer aus dem deutschen Maschinenbau entscheidet sich der Zugang zu koreanischen Aufträgen künftig an der Frage, ob sie Bauteile im geforderten Datenformat liefern können. Der Praxisleitfaden zur digitalen Transformation im Maschinenbau zeigt, wo mittelständische Betriebe dafür ansetzen.

Quellen

[1] Siemens: „HD Hyundai selects Siemens Xcelerator for integrated digital shipbuilding platform“

[2] HD Korea Shipbuilding & Offshore Engineering: „HD Korea Shipbuilding & Offshore Engineering Pursues AI-Driven Transformation of Shipbuilding Industry“

Mehr Newshunger?

4,3 10 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?