
Die deutsche Industrie verschläft den digitalen Zwilling

Markus Seyfferth
Autor Dr. WebDie digitalen Zwillinge in der Industrie gelten als Wettbewerbsfaktor, doch nur 23 Prozent der Industrieunternehmen sehen sich vorne. Geht es Ihnen auch so? Jeder spricht über digitale Zwillinge, aber niemand sagt, wo die Daten dafür herkommen sollen.
Das Wichtigste in Kürze
- Repräsentative Bitkom-Umfrage unter 555 Industrieunternehmen ab 100 Beschäftigten
- 57 % beklagen fehlende Daten für den Einsatz digitaler Zwillinge
- 48 % sehen Mängel in der eigenen IT-Infrastruktur
- 62 % messen digitalen Zwillingen große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit zu
Was sagt die Bitkom-Studie konkret?

Die Datengrundlage ist robust. Bitkom Research befragte 555 Industrieunternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe ab 100 Beschäftigten zwischen Kalenderwoche 6 und 11 dieses Jahres. Die Umfrage gilt als repräsentativ. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse am 5. Mai 2026, anlässlich der Industriemesse Hannover.
Die Selbsteinschätzung fällt nüchtern aus. Nur 3 Prozent sehen sich an der Spitze, 20 Prozent als Vorreiter. Demgegenüber stehen 60 Prozent, die sich als Nachzügler einordnen, sowie 14 Prozent, die glauben, den Anschluss verpasst zu haben. Wettbewerbsfähigkeit ja, Umsetzungsstand nein.
Wo hakt es konkret?

Zwei Engpässe dominieren. Über die Hälfte der Industrieunternehmen, exakt 57 Prozent, gibt an, dass die nötigen Daten für den Betrieb digitaler Zwillinge schlicht fehlen. Knapp die Hälfte, 48 Prozent, sieht Mängel in der eigenen IT-Infrastruktur als Bremse.
Das deckt sich mit dem, was viele Mittelständler im Alltag erleben. Sensorik in den Maschinen ist da, aber die Daten landen in Insellösungen ohne sauberen Zugriff. Die Cloud-Anbindung steht, aber die Bandbreite reicht nicht für Echtzeit-Streams. Der Wille ist vorhanden, die Architektur fehlt.
Digitale Zwillinge scheitern in Deutschland nicht an der Technologie, sondern an Datenhygiene und Infrastruktur. Wer 2026 noch über das Ob diskutiert, hat das Wie längst verpasst.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Welche Vorteile sehen die Unternehmen?

Trotz aller Defizite ist der erwartete Nutzen klar umrissen. Fast 8 von 10 Industrieunternehmen, exakt 79 Prozent, halten digitale Zwillinge für geeignet, um ungeplante Ausfälle durch vorausschauende Wartung zu vermeiden. 62 Prozent rechnen ihnen eine große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit zu, davon 27 Prozent eine sehr große.
Bitkom-Vizepräsidentin Tanja Rückert ordnet ein: „Digitale Zwillinge haben herausragende Bedeutung für die Zukunft der deutschen Industrie. Die Technologie braucht vor allem eines: Daten.“ Wichtig sei nicht nur die eigene Datennutzung, sondern auch die Bereitschaft, Daten mit anderen sinnvoll zu teilen.
Was sollten Industrieentscheider jetzt tun?

Vier Schritte stehen oben auf der Agenda. Erstens: Datenaudit über alle Maschinen und Anlagen. Welche Sensordaten existieren bereits, welche fehlen? Zweitens: Eine durchgängige Datenstrecke von Maschine zu Cloud-Plattform definieren. Drittens: Pilotprojekt mit einer einzigen Anlage, um Wartungsvorhersagen messbar zu validieren. Viertens: Mit Branchenpartnern und Verbänden über Datenteilung sprechen, gerade entlang der Lieferkette.
Wer KI-Anwendungen auf den digitalen Zwilling aufsetzt, sollte parallel die passende LLM-Strategie für die DSGVO-konforme Auswertung mitdenken. Das spart spätere Architekturbrüche.
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Quellen
Bitkom – Mangelnde IT-Infrastruktur und Daten bremsen Einsatz digitaler Zwillinge – https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Mangelnde-IT-Infrastruktur-und-Daten-bremsen-Einsatz-digitaler-Zwillinge – besucht am 07.05.2026
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