Honors Sperrbildschirm-Werbung gilt normalerweise als Schönheitsfehler, bis der Sperrbildschirm in einem Notfall im Weg steht. Am frühen Morgen des 30. August wählte ein Mann in Jinan auf einem Honor X70 den Notruf 120, nach Darstellung seiner Familie öffnete ein Wisch jedoch das Vollbild von „Magic Poster“ statt der Wähltastatur. Den Ausgang fand der Ehemann nicht und holte Hilfe bei den Nachbarn; für seine Frau kam die Rettung zu spät.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Honors „Magic Poster“ zeigt seit Ende 2024 standardmäßig Werbung auf dem Sperrbildschirm; ein Wisch öffnet das Plakat statt des Entsperr- oder Notrufbildschirms.
- Angehörige aus Jinan führen den Tod einer Frau auf einen über die Funktion verzögerten Notruf zurück; Honor entschuldigte sich und verwies auf die Abschaltung in den Einstellungen.
- Der Aus-Schalter liegt mehrere Menüebenen tief, eine getrennte Option allein für die Werbung fehlt.
- In der EU greifen Dark-Pattern-Regeln aus dem Digital Services Act, die geplante Digital-Fairness-Verordnung und die Produktsicherheitsverordnung GPSR.
Ein Wisch, der das Plakat öffnet statt die Tastatur

Standardmäßig aktiv läuft „Magic Poster“ als Informations- und Werbestrom, den Honor seit Ende 2024 über MagicOS auf den Sperrbildschirm spielt. Ein leichter Wisch genügt, schon legt sich das Vollbild-Plakat über den Bildschirm; der erwartete Weg zur Entsperrung oder zur Notruftastatur führt ins Leere.
Nach dem Bericht der Zeitung Thepaper wählte der Ehemann gegen vier Uhr morgens auf dem Honor X70 den Notruf, verfing sich im Plakat und fand den Ausgang nicht.[1] Die Angehörigen führen den Tod der Frau auf den dadurch verzögerten Notruf zurück. Honor entschuldigte sich über den Kundendienst und verwies auf die Abschaltung in den Einstellungen; eine förmliche Stellungnahme blieb laut Thepaper zunächst aus.
Warum der Aus-Schalter so tief liegt
Leicht hinein, schwer hinaus beschreibt das Muster, das Fachleute ein Dark Pattern nennen. Die Funktion startet vorinstalliert, ein beiläufiger Wisch aktiviert das Plakat, und der Ausstieg hängt an einem kleinen Knopf, den selbst geübte Nutzer suchen. Zum vollständigen Abschalten klickt man sich durch Einstellungen, Desktop und Personalisierung bis zu „Magic Poster“.
Der vergrabene Schalter ist Geschäftsmodell, kein Versehen. Die Werbefläche auf dem Sperrbildschirm bringt Reichweite; eine eigene Option allein zum Abschalten der Anzeigen fehlt bis heute. Auch Xiaomi und Samsung monetarisieren den Sperrbildschirm mit vorinstallierten Empfehlungen, meist ab Werk aktiviert. Beschwerden über „Magic Poster“ reichen nach Recherchen von Thepaper bis ins Jahr 2024 zurück.
Ein Aus-Schalter, den die Nutzer erst suchen müssen, ist kein Komfortverlust, sondern eine Designentscheidung gegen den Kunden.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was EU-Recht gegen vorinstallierte Dark Patterns hat
Mehrere Hebel hält das EU-Recht gegen eine solche Gestaltung bereit. Artikel 25 des Digital Services Act verbietet Oberflächen, die Nutzer täuschen oder ihre freie Entscheidung untergraben, bislang allerdings nur bei großen Online-Plattformen. Die für Mitte 2026 geplante Digital-Fairness-Verordnung soll dieses Verbot auf Verbraucherprodukte allgemein ausweiten.
Daneben greift die Datenschutz-Grundverordnung, sobald personalisierte Plakate ohne klare Einwilligung ausgespielt werden. Die seit Ende 2024 geltende Produktsicherheitsverordnung rückt zudem eine Funktion in den Blick, die den Notruf behindert. Für Entscheider mit eigenen Apps oder Geräten bleibt eine klare Konsequenz: Ein Ausstieg muss so leicht erreichbar sein wie der Einstieg, kein Werbeplakat darf den Weg zu sicherheitskritischen Funktionen wie dem Notruf verstellen.
So schalten Sie Magic Poster ab
- Einstellungen öffnen
- Desktop und Personalisierung wählen
- Magic Poster antippen
- Plakat-Rotation und Sperrbildschirm-Empfehlungen deaktivieren
Die EU-Hebel gegen Dark Patterns
- Digital Services Act, Artikel 25: verbietet manipulative Oberflächen großer Online-Plattformen
- Digital-Fairness-Verordnung (geplant, Mitte 2026): soll das Verbot auf Verbraucherprodukte ausweiten
- Datenschutz-Grundverordnung: verlangt eine klare Einwilligung für personalisierte Werbung
- Produktsicherheitsverordnung GPSR (seit Ende 2024): nimmt Funktionen in den Blick, die Sicherheitswege verstellen
Abschalten lässt sich „Magic Poster“, nur eben umständlich. Auf einem MagicOS-Gerät öffnen Sie am besten gleich nach dem Einrichten die Sperrbildschirm-Einstellungen und deaktivieren die Plakat-Rotation, bevor ein Wisch im falschen Moment ins Leere führt. Auch im Wohnzimmer sammeln vernetzte Geräte oft unbemerkt Daten, wie der Fall der mithörenden LG-Fernseher zeigt.
FAQ: Honors Sperrbildschirm-Werbung
Was ist „Magic Poster“ bei Honor-Handys?
Magic Poster ist ein vorinstallierter Sperrbildschirm-Dienst in Honors MagicOS, der seit Ende 2024 wechselnde Bilder und Werbung anzeigt. Ein Wisch auf dem Sperrbildschirm öffnet das Vollbild-Plakat statt der Entsperr- oder Notrufansicht.
Wie schalte ich Magic Poster ab?
Öffnen Sie Einstellungen, dann Desktop und Personalisierung, dann Magic Poster, und deaktivieren Sie dort die Plakat-Rotation und die Sperrbildschirm-Empfehlungen. In älteren MagicOS-Versionen heißt der Punkt „Sperrbildschirm-Plakatinhalte anzeigen“.
Lässt sich nur die Werbung abschalten?
Nein. Nach Honors Angaben gibt es keine getrennte Option, die allein die Anzeigen entfernt; der Konzern begründet die Werbung mit Bildrechten und Betriebskosten. Deaktivieren lässt sich nur die gesamte Plakat-Funktion.
Sind Dark Patterns in der EU verboten?
Artikel 25 des Digital Services Act verbietet manipulative Oberflächen bei großen Online-Plattformen. Für Verbraucherprodukte allgemein soll die für Mitte 2026 geplante Digital-Fairness-Verordnung nachziehen; zusätzlich greifen Datenschutz- und Produktsicherheitsrecht.
Gehört Honor noch zu Huawei?
Nein. Huawei verkaufte Honor Ende 2020 an ein Konsortium, seither ist Honor ein eigenständiges Unternehmen mit eigener MagicOS-Software. Mit Huaweis HarmonyOS hat MagicOS nichts zu tun.
Quelle
[1] Thepaper (澎湃新闻): „Honors Magic Poster und der Streit um den verzögerten Notruf“
Mehr Newshunger?
- Florida verklagt Netflix: Kinderprofile sammelten heimlich Verhaltensdaten
- LG-Smart-TVs zeichnen bei schwarzem Bildschirm Ton auf und durchleuchten das Heimnetz
- FTC verklagt Amazon: Ein versteckter Aufschlag verteuerte die Werbeauktionen
- Gesundheitsdaten an Meta und Snap: FTC verklagt den Telemedizin-Anbieter Hims & Hers
- Claude nur noch ab 18: Anthropic prüft das Alter per Selfie oder Ausweis