Mainframes galten bislang als geschlossene Welt mit eigenem Befehlssatz und eigener Werkzeugkette. IBM zeigte am 24. August 2026 auf der Hot-Chips-Konferenz einen Prozessorentwurf, der diese Grenze im Rechenkern selbst auflöst.[1] Der Entwurf nennt elf Kerne, 2 Nanometer und mehr als 5,7 Gigahertz. Jeder einzelne Kern versteht zwei Befehlssätze.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Jeder Kern des Entwurfs führt Arm-Befehle und IBM-Z-Befehle nativ aus, ohne getrennte Arm-Kerne und ohne Übersetzungsschicht.
  • Der Entwurf listet 11 Kerne, mehr als 5,7 Gigahertz und eine 2-Nanometer-Fertigung, dazu KI-Beschleuniger für die Betrugserkennung in der laufenden Transaktion.
  • Arm bringt sein Ökosystem mit 22 Millionen Entwicklern auf eine Plattform, die bisher eigenen Werkzeugen vorbehalten war.
  • IBM nennt weder System noch Liefertermin und führt den Chip als Ziel, das sich ohne Ankündigung ändern kann.

Wie führt ein einzelner Kern zwei Befehlssätze aus?

Ein alter Schlüssel steckt in einem runden Metallschloss, an dem ein gravierter Anhänger befestigt ist
IBM Z Prozessor führt z/OS, Linux und Arm-Linux gleichzeitig auf jedem Kern aus mit einheitlicher Verschlüsselung und Fehlererkennung

Der Chip verteilt die beiden Architekturen nicht auf getrennte Kerne, sondern lässt jeden Kern beide nebeneinander ausführen. Neben z/OS und Linux auf IBM Z soll eine Arm-native Linux-Umgebung laufen, unter denselben Zusicherungen für Verschlüsselung und Fehlererkennung.

Der Aufwand steckt im Befehlsformat. Die z-Architektur arbeitet mit Befehlen wechselnder Länge und legt Zahlen in umgekehrter Byte-Reihenfolge ab als AArch64, das ausschließlich 32 Bit lange Befehle kennt. Beide Welten in einem Kern zusammenzuführen verlangt zwei Dekodierpfade vor einer gemeinsamen Ausführungseinheit. Diese Bauweise spart die Emulationsschicht, an der frühere Architekturwechsel Leistung verloren. Was ein eigener Befehlssatz kostet, zeigt der Weg von Chinas LoongArch zur offiziellen Unterstützung in PostgreSQL.

Christian Jacobi, Technikchef der IBM-Systementwicklung, ordnet den Schritt so ein: „Indem wir Arm nativ auf unsere Plattform holen, verbinden wir den Zugang zu einem der am schnellsten wachsenden Software-Ökosysteme der Branche mit den Eigenschaften, die IBM-Systeme zur Grundlage des heutigen Geschäftsbetriebs gemacht haben.“

Warum verschwand IBMs erster Anlauf auf fremde Architekturen?

Vor 16 Jahren hängte IBM fremde Architekturen von außen an den Großrechner, doch dieser Anbau kam wieder vom Markt. Die zEnterprise BladeCenter Extension von 2010 stellte POWER- und x86-Blades in einen Schrank neben den Mainframe. IBM zog die Modelle 2013 und 2016 zurück. Der neue Entwurf verlegt dieselbe Idee vom Rack in den Kern. Die Kooperation mit Arm läuft seit April 2026.[2]

Gegenüber dem Telum II im heutigen z17 wächst der Chip von acht auf elf Kerne. Der Takt steigt auf mehr als 5,7 Gigahertz, die Fertigung springt von 5 auf 2 Nanometer. Eine Fertigungsquelle nennt IBM nicht. Getrennte Entwicklung und Fertigung gilt als Normalfall, wie Xiaomis XRing O3 vom Auftragsfertiger TSMC zeigt. Auch Broadcom finanziert Anthropics eigene KI-Chips über den Kapitalmarkt.

Der Dual-Architektur-Chip neben dem heutigen Mainframe-Prozessor
Eckdaten des Entwurfs, den IBM am 24. August 2026 auf der Hot-Chips-Konferenz gezeigt hat, im Vergleich zum Telum II im IBM z17.
11 Kerne
pro Prozessor
Telum II im z17: 8 Kerne
5,7 GHz
Takt, mindestens
Telum II im z17: 5,5 Gigahertz
2 nm
Fertigungsknoten
Telum II im z17: 5 Nanometer. Eine Fertigungsquelle nennt IBM nicht.
22 Mio.
Arm-Entwickler weltweit
Ökosystem, das der Chip auf den Großrechner holen soll
Kein Kern ist ein reiner Arm-Kern: Jeder Kern führt Arm- und IBM-Z-Befehle nebeneinander aus, statt die beiden Architekturen auf getrennte Kerne zu verteilen. Dazu kommen KI-Beschleuniger für die Betrugserkennung mitten in der Transaktion und eine eigene Recheneinheit für die Ein- und Ausgabe.

Arm im Mainframe-Kern erweitert die Software-Auswahl, nicht die Lieferantenauswahl. Für Banken unter DORA sind das zwei verschiedene Risiken.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was ändert sich für die Banken-IT im DACH-Raum?

Für Finanzhäuser verschiebt der Entwurf die Modernisierung von der Migration zur Koexistenz, am Konzentrationsrisiko ändert er nichts. Bisher hieß die Wahl: Kernbankensystem auf dem Großrechner belassen oder die neue Anwendung daneben betreiben, mit doppeltem Betrieb. Genau diesen Bruch wollte auch Tesco loswerden, als der Händler 40.000 Server-Workloads von VMware wegzog.

Die Kehrseite trifft die Regulatorik. Seit dem 17. Januar 2025 gilt die EU-Verordnung DORA unmittelbar und verlangt von Finanzunternehmen ein Register aller IKT-Verträge, eine Bewertung der Abhängigkeit von einzelnen Anbietern und eine getestete Ausstiegsstrategie. Mehr Arbeitslast auf einer einzigen Hardwarefamilie verbessert keinen dieser Nachweise. Die nächste IT-Planung klärt deshalb, welche Anwendungen nur wegen der Architektur außerhalb des Großrechners liefen.

Bis IBM ein System und einen Termin nennt, bleibt der Dual-Architektur-Prozessor eine Absichtserklärung mit konkreten Eckdaten. Entscheider rechnen den Chip deshalb besser als Option für die übernächste Hardware-Generation ein, nicht als Zusage für die nächste.

FAQ: IBM, Arm und der Dual-Architektur-Prozessor

Was ist ein Dual-Architektur-Prozessor?

Ein Dual-Architektur-Prozessor führt zwei verschiedene Befehlssatz-Architekturen nativ aus, ohne dass eine Übersetzungsschicht dazwischenliegt. IBMs Entwurf vom 24. August 2026 verarbeitet in jedem einzelnen Kern sowohl Arm-Befehle als auch Befehle der IBM-Z-Architektur. Getrennte Arm-Kerne und getrennte z-Kerne fehlen auf diesem Chip.

Wann kommt IBMs Mainframe mit Arm-Unterstützung?

Einen Termin nennt IBM nicht. Die Mitteilung vom 24. August 2026 beschreibt einen Prozessorentwurf für künftige IBM-Z- und LinuxONE-Systeme, ohne Produktnamen, Preis oder Liefertermin. IBM kennzeichnet solche Angaben ausdrücklich als Ziele, die sich ohne vorherige Ankündigung ändern oder entfallen können.

Läuft z/OS künftig auch auf gewöhnlichen Arm-Servern?

Nein, der Weg führt in die andere Richtung: Arm-Software soll auf dem Großrechner laufen, nicht z/OS auf Arm-Servern. Der Chip bringt eine Arm-native Linux-Umgebung auf IBM Z und LinuxONE, während z/OS weiter an die IBM-Z-Architektur gebunden bleibt.

Was unterscheidet IBM Z von LinuxONE?

IBM Z und LinuxONE nutzen dieselbe Hardware-Familie und unterscheiden sich im Betriebssystem. Auf IBM Z läuft vor allem z/OS, daneben Linux. LinuxONE-Systeme sind ausschließlich für Linux ausgelegt und werden anders lizenziert. Der neue Prozessor ist für beide Linien vorgesehen.

Warum ist die Befehlssatz-Architektur für Unternehmen wichtig?

Die Befehlssatz-Architektur entscheidet, welche fertige Software ohne Portierung läuft. Arm-Binärdateien laufen nicht auf einem z-Kern und umgekehrt. Ein Kern für beide Architekturen erspart Unternehmen die Wahl zwischen dem Betrieb auf dem Großrechner und dem Zugriff auf verbreitete Arm-Software.

Quellen

[1] IBM: „IBM Unveils Next Generation Dual-Architecture Processor for IBM Z and LinuxONE“

[2] IBM: „IBM Announces Strategic Collaboration with Arm to Shape the Future of Enterprise Computing“

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