Rund 390 Millionen Euro zahlt der Münchner Sanierungsinvestor Mutares für ein Geschäft, das seinem Vorbesitzer SABIC zuletzt einen operativen Jahresverlust von etwa 440 Millionen Euro einbrachte. Der Kauf der Engineering-Thermoplastics-Sparte ist der größte Deal der Firmengeschichte und zeigt, nach welcher Logik Turnaround-Investoren gerade Europas Industrie einsammeln.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Der Unternehmenswert liegt bei rund 390 Millionen Euro (450 Millionen US-Dollar), die größte Transaktion in der Geschichte von Mutares.
- Das übernommene Geschäft macht rund 2,2 Milliarden Euro Umsatz mit etwa 2.900 Beschäftigten an acht Standorten.
- SABIC trennt sich, weil die Sparte 2025 rund 440 Millionen Euro operativen Verlust schrieb.
- Mutares bündelt den Zukauf im neuen Segment „Chemicals & Materials“.
Warum trennt sich ein Weltkonzern von einer ganzen Sparte?

Struktureller Verlustbringer: SABIC, mehrheitlich im Besitz des saudischen Aramco-Konzerns, stuft das Geschäft mit technischen Thermoplasten als strukturell defizitär ein. Laut Unternehmen fuhr die Sparte 2025 einen operativen Verlust von rund 440 Millionen Euro (1,9 Milliarden Saudi-Riyal) ein und drückte die Konzernrendite.[2] Der Verkauf hebt die EBITDA-Marge nach eigenen Angaben um 130 bis 140 Basispunkte.
Kalkül des Sanierers: Für Mutares ist genau dieser Verlust der Hebel. Der Investor kauft angeschlagene Unternehmensteile oft zu einem symbolischen Preis, richtet sie operativ neu aus und verkauft sie nach einigen Jahren mit Gewinn weiter.[1] Verdient wird nicht am Kaufpreis, sondern an Beratungshonoraren und am späteren Exit.
Wer kauft heute Europas kriselnde Industrie?
Käufer letzter Instanz: Solche Deals folgen einem Muster. Wo strategische Käufer zögern, springen spezialisierte Sanierer wie Mutares, Aurelius oder Lone Star ein und werden zur letzten Anlaufstelle für europäische Abspaltungen. Parallel ziehen sich die Chemiekonzerne aus margenschwachen Feldern zurück, wie es Evonik mit seinen Chemieparks vormacht.
Einkaufsserie: Mutares selbst reiht Zukauf an Zukauf. Nur einen Tag nach dem SABIC-Abschluss übernahm der Investor das Cabriodach-Geschäft von Magna, kurz zuvor das Carsharing Free2move von Stellantis. Der Konzernumsatz stieg im ersten Halbjahr 2026 auf 3,4 Milliarden Euro, ein Plus von 9 Prozent.[1]
Ein Sanierer wie Mutares kauft keine Erfolgsgeschichten, sondern die Baustellen, die selbst ein Weltkonzern wie SABIC nicht mehr lösen wollte. Für die 2.900 Beschäftigten entscheidet sich der Wert des Deals erst daran, ob aus der Restrukturierung ein tragfähiges Geschäft wird oder nur ein schneller Weiterverkauf.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wie zäh solche Rettungen verlaufen, führt die Sanierungssaga um den Agrarhändler BayWa vor, während der Stellenabbau bei Wacker Chemie die Tiefe der Branchenkrise zeigt.
Was bedeutet der Deal für deutsche Einkäufer?
Werkstoff-Frage: Technische Thermoplaste sind keine Nische. Die Hochleistungskunststoffe stecken in Autobauteilen, in der Elektronik und in der Medizintechnik, auch bei deutschen Herstellern. Wechselt ein solcher Zulieferer in die Hand eines Sanierers, sollten Einkäufer die Lieferkontinuität vertraglich absichern und Zweitquellen prüfen.
Barometer der Deindustrialisierung: Für Entscheider ist der Deal ein Stimmungsmesser. Dass ein defizitäres Werkstoffgeschäft nur noch beim Turnaround-Investor Unterschlupf findet, spiegelt die Energiekosten- und Standortkrise der europäischen Chemie. Die Werke in Cartagena und Bergen op Zoom hängen jetzt an der Fähigkeit von Mutares, aus dem Minus eine Marge zu machen.
Quellen
[1] Mutares SE & Co. KGaA: „Mutares completes landmark acquisition of the Engineering Thermoplastics Business in the Americas and Europe from SABIC“
[2] SABIC: „SABIC completes ETP AMR-EUR divestment, furthers portfolio optimization for sustainable growth“
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