Ein Zollbeamter in Taiwan stoppte 56 Kisten mit Nvidia-B300-Servern, die als Fracht nach Japan deklariert waren. Weitere 74 dieser Server hatten chinesische Kunden zu diesem Zeitpunkt bereits erreicht. Die Staatsanwaltschaft im taiwanischen Keelung erhob am 24. August 2026 gegen neun Beschuldigte Anklage, darunter ein leitender Vertriebsmanager von Nvidia Taiwan und zwei Vertriebsleute der taiwanischen Supermicro-Niederlassung. Den Zugang zu dieser Hardware regelt eine Freigabeliste, die beide Hersteller selbst führen.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Die Staatsanwaltschaft Keelung klagt neun Personen an, darunter drei Beschäftigte der taiwanischen Niederlassungen von Nvidia und Supermicro.
  • Von 130 gekauften Servern gingen laut Anklage 74 an Kunden in China, teils direkt, teils über Indonesien, Japan und Hongkong. Die restlichen 56 hielt der Zoll auf.
  • Den mutmaßlichen Gewinn beziffert die Anklage auf 21,2 Millionen US-Dollar, rund 18,4 Millionen Euro zum Kurs von 0,87 am 24. August 2026.
  • Die Vorwürfe lauten auf Untreue und Urkundenfälschung. Für sieben Beschuldigte fordert die Anklage eineinhalb bis sechs Jahre Freiheitsstrafe. Ein Urteil steht aus.

Wie kam ein ausgeschlossener Käufer auf die Freigabeliste?

Ein Serverschrank mit Bubble Tea und einem Schild „Taiwan, 2026“ steht auf einer Palette vor Weiß
Käufer von Serversystemen mit B300-Beschleunigern mussten Exportdokumente ausfüllen und Endabnehmer sowie Verwendungszweck angeben

Die Freigabe hing an Papieren, die der Käufer selbst ausfüllte und die ein Vertriebsmitarbeiter des Herstellers gegenzeichnete. Jeder Besteller von Serversystemen mit B300-Beschleunigern benennt den Endabnehmer, gibt den Verwendungszweck an und bestätigt schriftlich, an die US-Exportkontrolle gebunden zu sein und die Ware nicht weiterzuverkaufen.

Laut Anklage trug die taiwanische Handelsfirma Feihu einen Aufstellort in Taiwan ein, der so nicht existierte, und mietete für die Vor-Ort-Prüfung eigens eine Halle an. Die schriftliche Zusicherung, den US-Regeln zu unterliegen, gelangte demnach über den Nvidia-Manager in die Freigabe. Damit prüft die Kontrolle nicht die Ware, sondern eine Selbstauskunft. Der Prüfer sitzt dabei im Vertrieb und verdient an demselben Auftrag. Der Anreiz wächst mit dem Preis: Nvidias KI-Server verteuern sich laut Bloomberg um mehr als 15 Prozent.

Ist der Fall ein Einzelfall?

Innerhalb von fünf Monaten trifft das zweite Strafverfahren dieselbe Serverklasse und denselben Vertriebsweg. Im März 2026 klagte die US-Staatsanwaltschaft für den Südbezirk New York drei Beteiligte an, darunter einen Senior Vice President von Supermicro.[1] Nach einer eigenen Untersuchung trennte sich das Unternehmen von mehreren Beschäftigten im Vertrieb und erklärte, die Konzernleitung habe von den Geschäften nichts gewusst.[2]

Beide Verfahren nahmen ihren Ausgang im Vertriebsnetz der Hersteller, lange vor der Grenze. Den Nvidia-Manager brachte die taiwanische Justiz bereits Ende Juli in Untersuchungshaft. Auf der Gegenseite arbeitet Peking am legalen Weg und erlaubt inzwischen den Import von Nvidias H200 unter chinesischer Aufsicht. Die Lücke zwischen erlaubter und gefragter Rechenleistung füllt der Graumarkt.

130 Server gekauft, 74 in China angekommen
Die Zahlen der Anklage, die die Staatsanwaltschaft Keelung am 24. August 2026 gegen neun Beschuldigte erhoben hat. Ein Urteil steht aus.
130
gekaufte Serversysteme
bestellt bei Supermicro, bestückt mit Nvidias B300-Beschleunigern
74
Server erreichten China
teils direkt, teils über Indonesien, Japan und Hongkong
56
Server stoppte der Zoll
deklariert als Fracht nach Japan
18,4 Mio. €
mutmaßlicher Gewinn
21,2 Millionen US-Dollar, umgerechnet zum Kurs von 0,87 am 24. August 2026
Der Zugang zu dieser Hardware hängt an drei Papieren: der Angabe des Endabnehmers, der Angabe des Verwendungszwecks und der Zusicherung, nicht weiterzuverkaufen. Alle drei füllt der Käufer selbst aus. Laut Anklage genügten ein erfundener Aufstellort und eine angemietete Halle für die Vor-Ort-Prüfung.

Nvidia und Supermicro steuern den Weiterverkauf über Erklärungen, die der Käufer selbst unterschreibt. Sobald der eigene Vertrieb mitspielt, prüft niemand mehr die Ware, sondern nur noch ein Formular.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet der Fall für Einkäufer im DACH-Raum?

Deutsche Käufer haften für die Angaben in ihren eigenen Ausfuhrpapieren, auch ohne Vorsatz. Für die ungenehmigte Ausfuhr gelisteter Dual-Use-Güter reicht der Strafrahmen nach § 18 Absatz 5 des Außenwirtschaftsgesetzes von drei Monaten bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe.[3] Bei Leichtfertigkeit bleiben bis zu drei Jahre oder eine Geldstrafe. Hochleistungsbeschleuniger führt Anhang I der EU-Dual-Use-Verordnung seit der Aktualisierung vom Januar 2026.

Auch im deutschen Markt läuft der Verkauf über eine Partnerliste des Herstellers, denn Nvidia zertifiziert für KI-Fabriken nur fünf deutsche Systemhäuser. Die Zertifizierung des Händlers ersetzt allerdings keine eigene Prüfung. Verlangen Sie vom Wiederverkäufer gerne die Ausfuhrgenehmigung oder deren Aktenzeichen und lassen Sie sich die Lieferkette bis zum Hersteller offenlegen. Der tatsächliche Aufstellort gehört dokumentiert, bevor die Ware das Lager verlässt.

Auffällig kurze Lieferzeiten bleiben das deutlichste Warnsignal. Bei einer Lieferzusage von wenigen Wochen klären Sie vor der Bestellung gerne, aus welchem Kontingent diese Geräte stammen.

FAQ: Nvidia-B300-Server und die Exportkontrolle

Was ist der Nvidia B300?

Der B300 ist Nvidias Rechenbeschleuniger aus der Blackwell-Ultra-Generation für KI-Rechenzentren. Verbaut wird der Chip in Serversystemen mehrerer Hersteller, darunter Supermicro. Die US-Ausfuhrregeln untersagen den Verkauf solcher Beschleuniger an Kunden in der Volksrepublik China ohne Genehmigung.

Dürfen deutsche Unternehmen KI-Beschleuniger nach China ausführen?

Nur mit Genehmigung. Hochleistungsbeschleuniger stehen in Anhang I der EU-Dual-Use-Verordnung 2021/821, die Ausfuhr nach China braucht deshalb eine Genehmigung des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Weil die Chips US-Ursprung haben, greifen zusätzlich die US-Wiederausfuhrregeln.

Was ist eine Endverbleibserklärung?

Die Endverbleibserklärung ist ein Dokument, in dem der Käufer den tatsächlichen Endabnehmer, den Aufstellort und den Verwendungszweck einer Ware benennt und eine Weitergabe ausschließt. Behörden und Hersteller stützen ihre Ausfuhrentscheidung auf dieses Papier. Falsche Angaben darin sind strafbar.

Welche Strafe droht bei einer Ausfuhr ohne Genehmigung?

Nach § 18 Absatz 5 des Außenwirtschaftsgesetzes reicht der Strafrahmen für die ungenehmigte Ausfuhr gelisteter Dual-Use-Güter von drei Monaten bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe. Handelt der Ausführer leichtfertig statt vorsätzlich, sinkt der Rahmen auf bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe.

Woran erkennen Einkäufer einen Graumarkt-Anbieter für KI-Hardware?

Typische Merkmale sind auffällig kurze Lieferzeiten für knappe Beschleuniger, ein Anbieter ohne Herstellerzertifizierung, eine Rechnungsstellung über eine Firma in einem dritten Land und fehlende Angaben zur Vorlieferkette. Fragen Sie nach Ausfuhrgenehmigung, Seriennummern und dem Weg der Ware vom Hersteller bis zu Ihnen.

Quellen

[1] US-Justizministerium, Southern District of New York: „Three Charged With Conspiring To Unlawfully Divert U.S. Artificial Intelligence Technology To China“, 19. März 2026

[2] Supermicro: „Supermicro Provides Update on Investigation by Independent Board Directors“, 20. August 2026

[3] Bundesministerium der Justiz: „§ 18 Außenwirtschaftsgesetz, Strafvorschriften“

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