Nach zehn Jahren Verhandlung: Das Abkommen ist unterzeichnet

Freitagabend in Mexiko-Stadt: Ursula von der Leyen, EU-Ratspräsident António Costa und Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum haben das modernisierte Globalabkommen zwischen der Europäischen Union und Mexiko unterzeichnet. Zehn Jahre Verhandlungen, ein halbes Dutzend politischer Krisen und eine komplett veränderte Welthandelslage lagen dazwischen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas ursprüngliche Abkommen aus dem Jahr 2000 war für eine andere Zeit gebaut. Damals gab es keine US-Strafzölle, keinen Handelskrieg zwischen Washington und Peking und keine strategische Debatte über kritische Rohstoffe. Das neue Abkommen adressiert all das.
Dieses Abkommen ist kein Handelsvertrag wie andere. Es ist eine Antwort auf die geopolitische Realität von 2026 — und ein Signal, dass Europa seine Handelspartnerschaften aktiv gestaltet.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was konkret im Abkommen steht
MEXIKO (ABKOMMEN)“ und Brezel-Cartoon vor Weiß“ class=“wp-image-522677″/>Mexiko hebt mit dem modernisierten Abkommen nahezu alle bestehenden Zölle auf EU-Einfuhren auf. Bürokratische Handelshemmnisse werden abgebaut, zahlreiche Herkunftsbezeichnungen — darunter europäische Lebensmittel und Erzeugnisse mit geschützten Bezeichnungen — rechtlich gesichert. Neu hinzugekommen ist ein vollständiges Kapitel zum digitalen Handel, das bislang im Vertrag aus dem Jahr 2000 schlicht fehlte.
Zugang zu öffentlichen Aufträgen wird erleichtert. Das bedeutet: Europäische Unternehmen können sich künftig an mexikanischen Ausschreibungen beteiligen, ohne in aufwendige bilaterale Genehmigungsverfahren zu geraten. Besonders relevant für Maschinenbau, Infrastruktur und IT-Dienstleistungen.
Ein weiterer Kern des Abkommens: Mexiko öffnet dauerhaften und diskriminierungsfreien Zugang zu strategischen Rohstoffen — darunter Lithium. Für die europäische Batteriezellenproduktion und damit für die gesamte Elektromobilitätskette ist das von erheblicher Bedeutung. Mehr zu den Lieferketten hinter modernen Fahrzeugbatterien lesen Sie in unserem Ratgeber zur Batterie-Degradation bei Elektroautos.
Der geopolitische Kontext: Trump zwingt beide Seiten zur Neuorientierung

Das Timing ist kein Zufall. Mexiko schickt bislang über 80 Prozent seiner gesamten Exporte in die Vereinigten Staaten. Diese extreme Abhängigkeit macht das Land anfällig für jeden Stimmungswechsel in Washington. Mit dem Abkommen soll der Anteil europäischer Abnehmer wachsen: Das mexikanische Wirtschaftsministerium prognostiziert einen Anstieg der Ausfuhren nach Europa von rund 24 Milliarden auf 36 Milliarden Dollar.
Für die EU-Seite ist die Rechnung ähnlich klar. Seit dem „Liberation Day“ und dem nachfolgenden EU-USA-Abkommen mit einem einheitlichen Zollsatz von 15 Prozent für den Großteil der EU-Exporte braucht Europa stabile Alternativrouten. Mexiko ist der elftgrößte Handelspartner der EU und Deutschlands wichtigster Handelspartner in Lateinamerika.
Kaja Kallas, die Außenbeauftragte der EU, brachte es im Vorfeld der Unterzeichnung auf den Punkt: Dieses Gipfeltreffen sei mehr als nur Handel — es sei ein geopolitisches Statement.
Was tritt wann in Kraft?

Das Abkommen besteht technisch aus zwei parallelen Rechtsinstrumenten. Das Interims-Handelsabkommen (iTA) deckt jene Teile ab, die in der ausschließlichen Zuständigkeit der EU liegen — und tritt vorläufig in Kraft, sobald das Europäische Parlament zugestimmt hat. Die Abstimmung wird für die kommenden Monate erwartet.
Das vollständige Modernisierte Globalabkommen (MGA) — mit Investitionsschutz, politischem Dialog und weiteren Kooperationsfeldern — löst das iTA nach Abschluss des vollständigen Ratifizierungsprozesses in allen EU-Mitgliedstaaten ab. Das kann noch einige Jahre dauern.
Für die Praxis bedeutet das: Erste Zollentlastungen und der vereinfachte Marktzugang greifen deutlich früher als das vollständige Inkrafttreten des MGA.
Kritik: Wo NGOs und Attac den Finger in die Wunde legen

Über 70 Organisationen aus der EU und Lateinamerika haben das Abkommen mit einer gemeinsamen Erklärung kritisiert. Kern der Kritik: Trotz jahrelanger Überarbeitung enthält das Abkommen weiterhin keine Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen gegen Klima- und Umweltschutz sowie Arbeitsstandards. Ankündigungen bleiben ohne Durchsetzungsmechanismus.
Parallel dazu wird das Konzern-Privileg ausgeweitet: Unternehmen können Staaten vor privaten Schiedsgerichten verklagen — ein Mechanismus, der nun auf 12 weitere EU-Staaten ausgedehnt wird, die bislang nicht im alten Abkommen erfasst waren.
Für Unternehmen, die nach ESG-Kriterien wirtschaften oder Lieferketten-Sorgfaltspflichten unterliegen, lohnt ein genauer Blick auf die Nachhaltigkeitskapitel des Abkommens — und auf das, was darin noch fehlt.
Was bedeutet das für den deutschen Mittelstand?

Deutschland ist nach wie vor Mexikos wichtigster europäischer Handelspartner. Branchen wie Maschinenbau, Automotive-Zulieferer, Chemie und IT-Dienstleistungen profitieren direkt von reduzierten Zöllen und vereinfachtem Marktzugang. Mexiko funktioniert dabei nicht nur als Absatzmarkt, sondern als Produktionsstandort für den US-Markt — was durch USMCA, das Nachfolgeabkommen von NAFTA, begünstigt wird.
Wer in den kommenden Monaten Mexiko als neuen oder vertieften Exportmarkt in Betracht zieht, sollte die Parlamentsabstimmung im Europäischen Parlament im Blick behalten. Sobald das iTA in Kraft tritt, fallen erste Zollhürden weg.