Die Viessmann Generations Group beteiligt sich an der Frankfurter Venios GmbH. Die Venios-Software bildet Stromverteilnetze als digitales Modell ab und läuft bei mehr als 100 Netzbetreibern. Nach dem Verkauf des Heizungsgeschäfts baut der Familienkonzern damit sein Standbein in der Netzinfrastruktur aus.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenStellen Sie sich eine Wohnstraße vor, in der abends acht Wärmepumpen und fünf Wallboxen gleichzeitig Strom ziehen: Für genau diesen Moment kauft sich Viessmann bei Venios ein. Ob der Transformator im Ortsnetz die Last verkraftet, schätzen viele Netzbetreiber bis heute anhand von Standardlastprofilen statt mit Messwerten. Venios verspricht, diese Lücke mit Daten zu schließen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Viessmann Generations Group übernimmt eine Minderheitsbeteiligung an Venios, Kaufpreis und Anteilshöhe nennen beide Seiten nicht.
- Die Plattform Venios.NET führt Messwerte, Zählerstände sowie Netz- und Stammdaten zu einem digitalen Zwilling des Stromnetzes zusammen.
- Seit 2024 dürfen Netzbetreiber Wärmepumpen und Wallboxen nach § 14a EnWG drosseln, ab 2029 nur noch auf Basis ermittelter Netzzustände.
- Venios ergänzt im Portfolio den Stationsbauer GRITEC, der seit 2024 zur Gruppe gehört.
Was kauft Viessmann bei Venios?

Software fürs Ortsnetz. Venios wurde 2012 gegründet und entwickelt die Plattform Venios.NET. Netzbetreiber überwachen damit ihr Netz in Echtzeit, erkennen Engpässe, steuern Anlagen und simulieren den künftigen Ausbau. Laut Viessmann Generations Group nutzen mehr als 100 Verteilnetzbetreiber die Software.[1]
Hardware plus Daten. „Mit Venios ergänzen wir unsere Kompetenzen in der Netzinfrastruktur um eine leistungsstarke Softwareplattform“, sagt Boris Scukanec Hopinski, Chief Investment and Operating Officer der Gruppe. Das Tochterunternehmen GRITEC baut Transformatorstationen und technische Gebäude, Venios liefert die Daten über das Netz dahinter. Gründer und Geschäftsführer Jonas Danzeisen sieht in Viessmann „einen langfristigen Partner, der unsere unternehmerische Sicht teilt“.
Warum kennen Netzbetreiber ihr eigenes Ortsnetz so schlecht?
Blind geplant. Die Niederspannungsnetze wurden für eine Richtung gebaut: Strom floss vom Umspannwerk zum Haushalt, der Verbrauch folgte bekannten Profilen. Messgeräte sitzen deshalb bis heute vor allem in den oberen Spannungsebenen. Solaranlagen, Wärmepumpen und Ladepunkte kehren den Fluss um oder erzeugen Lastspitzen, die kein Standardprofil vorhersagt. Der Engpass entsteht deshalb auf der untersten Ebene des Stromnetzes: Zuerst gerät der Ortsnetztransformator an seine Grenze, nicht die Hochspannungsleitung.
Gesetzlicher Zeitdruck. Seit dem 1. Januar 2024 dürfen Netzbetreiber neue Wärmepumpen und Wallboxen bei drohender Überlastung vorübergehend drosseln, jedoch nicht unter 4,2 Kilowatt.[2] Eine vorsorgliche Drosselung ohne ermittelten Engpass erlaubt die Bundesnetzagentur höchstens 24 Monate je Netzgebiet und längstens bis Ende 2028. Danach muss jeder Eingriff auf einer ermittelten Netzauslastung beruhen. Genau diese Auslastung berechnet Software wie Venios.NET aus Zählerdaten und Netzmodell.
Warum investiert eine Heizungsdynastie in Netzsoftware?
Kapital aus dem Carrier-Deal. Die Familie Viessmann verkaufte ihr Klimatechnikgeschäft 2023 für rund 12 Milliarden Euro an den US-Konzern Carrier. Seither arbeitet die Gruppe vor allem als Investor und prüft neue Beteiligungen mit einem eigenen KI-Agentensystem. Wärmepumpen der Marke Viessmann baut heute Carrier, das Netzgeschäft der Familie läuft davon getrennt.
Netzsoftware ist gefragt. Der Finanzinvestor Warburg Pincus kündigte im Juli die Übernahme der Berliner PSI Software an, deren Leitsysteme Strom- und Gasnetze steuern. Schneider Electric bietet für den Smart-Home-Spezialisten Shelly, der Geräte im Haus vernetzt und den Stromverbrauch misst. Die Käufer zielen auf die Datenschicht zwischen Gerät und Netz, denn dort fallen künftig die Entscheidungen über Anschlüsse und Drosselungen.
Die Energiewende scheitert im Ortsnetz nicht am Kupfer, sondern am fehlenden Wissen über das Kupfer. Viessmann kauft sich genau dort ein, wo die Netzbetreiber bis 2029 nachrüsten müssen.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet der Deal für Stadtwerke und Unternehmen?
Stadtwerke unter Zugzwang. In Deutschland arbeiten mehr als 800 Stromverteilnetzbetreiber, viele davon kommunal und mit kleinen IT-Abteilungen. Ab 2029 braucht jeder Betreiber, der steuerbare Anlagen drosseln will, eine belastbare Netzzustandsermittlung. Stadtwerke sollten jetzt klären, welche Messdaten aus Ortsnetzstationen und Smart Metern sie überhaupt erhalten. Große Betreiber wie E.ON investieren Milliarden in das Verteilnetz, kleine Netzbetreiber kaufen die Auswertung als Plattform ein.
Anschluss früh anfragen. Mittelständler, die Wärmepumpen, Ladeparks oder Speicher planen, sollten den Netzanschluss vor der Bestellung beim Netzbetreiber anfragen. Betriebe, die ihre Anlagen steuerbar anmelden, erhalten im Gegenzug ein reduziertes Netzentgelt. E.ON will Kunden ab 2027 sogar dafür bezahlen, Speicher und Wärmepumpen fernsteuern zu dürfen.
Quellen
[1] Viessmann Generations Group: „Viessmann Generations Group invests in VENIOS, strengthening smart distribution grids for the energy transition“ (Pressemitteilung, 29.09.2026)
[2] Bundesnetzagentur: Festlegung BK6-22-300 zur Integration steuerbarer Verbrauchseinrichtungen nach § 14a EnWG (Beschluss vom 27.11.2023)
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