Am 2. September zahlten Händler auf dem staatlichen Kokonmarkt im indischen Ramanagara 1.100 Rupien für ein Kilo Kokons bivoltiner Rassen, umgerechnet rund 10,30 Euro und so viel wie nie zuvor. Sechs Wochen später berichtet die Zeitung The Hans India aus dem südindischen Coimbatore, dass die Anlieferungen am dortigen Kokonmarkt binnen drei Monaten um 30 bis 40 Prozent geschrumpft sind, weil Dürre, Hitze und Krankheiten an den Maulbeerbüschen den Raupen das Futter nehmen. In China kostete Rohseide Mitte Oktober fast sieben Prozent mehr als Anfang September.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenFür ein Kilo Seide fressen Tausende Raupen gut drei Wochen lang Maulbeerblätter, bevor sie sich in Kokons aus bis zu 1.500 Meter Faden wickeln. Die Weltproduktion von Rohseide fiel laut der International Sericultural Commission von 192.512 Tonnen im Jahr 2016 auf 97.351 Tonnen im Jahr 2024. Diese Stoffgeschichte folgt dem Faden von Gräbern in Zentralchina über Byzanz, Krefeld und Lyon bis zu den Kokonmärkten Südindiens.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Anlass: Bivoltine-Kokons erreichten am 2. September in Ramanagara den Rekordpreis von 1.100 Rupien je Kilo. In Coimbatore fehlt nach einer Dürre ein Drittel der Ware, in China stieg der Preis für Rohseide von Anfang September bis Mitte Oktober um fast sieben Prozent.
- Der Rohstoff: Seide ist ein Eiweißfaden der Seidenraupe, die Kokonschale besteht zu 72 bis 81 Prozent aus Fibroin. Rund 90 Prozent der Weltproduktion stammen von Raupen, die nur Maulbeerblätter fressen.
- Der Markt: 2024 erzeugte die Welt 97.351 Tonnen Rohseide, gut die Hälfte davon in China, gut zwei Fünftel in Indien. Der Welthandel mit Seide, Garnen und Geweben kam 2023 auf rund 1,46 Milliarden Euro.
- Die deutsche Lage: Deutschland führte 2023 Seide für rund 34 Millionen Euro ein, 62 Prozent davon aus China. Einen kommerziellen Seidenbau in Deutschland haben wir nicht gefunden, in Krefeld entstehen noch Krawatten.
Bluff oder Wissen? Der Seiden-Check
1 Wer gab den Handelswegen zwischen China und dem Mittelmeer den Namen Seidenstraße? Aufklappen ↓
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2 Wie viel Rohseide erzeugte die Welt 2024 im Vergleich zu 2016? Aufklappen ↓
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3 Wie viele Kokons stecken nach Angaben aus dem Druckatelier von Hermès in einem Seidencarré? Aufklappen ↓
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4 Welche Faser verdrängte die Seide ab 1940 aus dem Strumpfregal? Aufklappen ↓
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5 Aus welchem Land stammt der größte Teil der deutschen Seidenimporte? Aufklappen ↓
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Was ist Seide und wie spinnt die Raupe ihren Faden?
Seide ist ein Eiweißfaden, den die Raupe des Seidenspinners Bombyx mori um sich zu einem Kokon wickelt. Ein Kokon liefert nach dem Seidenhandbuch der Welternährungsorganisation FAO 600 bis 1.500 Meter Faden, von denen sich rund 80 Prozent abhaspeln lassen.
Den festen Kern des Fadens bildet Fibroin, umhüllt von Sericin, einem leimartigen Eiweiß. In der Kokonschale stecken laut FAO 72 bis 81 Prozent Fibroin und 19 bis 28 Prozent Sericin, dazu Spuren von Fett, Wachs und Farbstoffen. Die Schale macht nur rund ein Fünftel des frischen Kokons aus, der Rest ist vor allem die Puppe.
Die Raupe von Bombyx mori frisst nichts außer Maulbeerblättern.
In ihrem kurzen Leben verzehrt eine Raupe 20 bis 25 Gramm Blattmasse, vier Fünftel davon im letzten Larvenstadium, erklärt die japanische Tourismusbehörde in ihren Texten zur Seidenstadt Fujioka.
Beim indischen Hybrid CSR2×CSR4 vergehen vom Schlüpfen bis zum Einspinnen 23 Tage.
Für ein Kilo Rohseide brauchen Haspeleien je nach Rasse knapp fünf bis neun Kilo frische Kokons. Die FAO nennt diese Kennzahl Renditta: Multivoltine Rassen aus den Tropen kommen auf rund 9, ertragreiche bivoltine Rassen auf knapp 6, der indische Hybrid CSR2×CSR4 auf 4,9.
Bivoltine Rassen bringen zwei Generationen im Jahr hervor und liefern nach Angaben der FAO mehr und bessere Seide als multivoltine. Auf den indischen Märkten erzielen bivoltine Kokons deshalb die höchsten Preise, am 2. September 1.100 Rupien je Kilo gegen 881 Rupien für Kreuzungen, die der Handel Crossbreed nennt.
Rund 90 Prozent der Weltproduktion sind Maulbeerseide, meldet die International Sericultural Commission (ISC). Den Rest liefern Wildseiden: Tussah stammt von Raupen, die Eichen- oder Terminalia-Laub fressen, Eri von Raupen auf Rizinus, Muga ist ein goldgelber Faden von Raupen, die nur im indischen Assam vorkommen. Eri-Kokons lassen sich nicht haspeln, die Spinnereien verarbeiten sie erst nach dem Schlüpfen des Falters.
Eine Lagerstätte mit Reserven für Jahrzehnte hat Seide nicht. Für jede Ernte füttern Züchter eine neue Raupengeneration mit Maulbeerlaub, danach haspeln Betriebe die Kokons ab, und wie viel Seide ein Jahr bringt, entscheiden Regen, Hitze und Krankheiten an Raupe und Maulbeerbusch.
An der Karnataka Silk Exchange kostete ein Kilo indische Rohseide im Geschäftsjahr 2024/25 im Schnitt 3.602 Rupien, rund 34 Euro.
Auf dem Spotmarkt im chinesischen Jiaxing notierte Rohseide der Spitzenqualität 3A am 15. Oktober bei 454.800 Yuan je Tonne, umgerechnet rund 61 Euro je Kilo.
Seide ist ein Eiweiß, das eine Raupe in gut drei Wochen aus Maulbeerblättern macht. Für ein Kilo Rohseide braucht die Haspelei fünf bis neun Kilo Kokons, und jede Ernte hängt am Wetter.
Wer entdeckte Seide und wie begann der Rausch?

Einen Entdecker kennt niemand: Forscher fanden Spuren von Seideneiweiß in 8.500 Jahre alten Gräbern im zentralchinesischen Jiahu. Zum begehrten Handelsgut wurde Seide auf den Karawanenwegen nach Westen, denen der Deutsche Ferdinand von Richthofen 1877 den Namen Seidenstraße gab.
Ein Team um den Archäologen Yuxuan Gong wies 2016 in der Fachzeitschrift PLOS ONE Fibroin im Boden von Gräbern der jungsteinzeitlichen Siedlung Jiahu in der Provinz Henan nach. Die Gräber sind rund 8.500 Jahre alt, die bis dahin ältesten Belege für Seide in China waren rund 3.500 Jahre jünger.
Jahrhundertelang wussten nur Chinas Seidenbauer, wie aus einer Raupe ein Faden wird. Der Westen kaufte fertige Stoffe, die über viele Zwischenhändler aus dem Osten kamen. Den Namen Seidenstraße prägte der Geograf Ferdinand von Richthofen im ersten Band seines Werks „China“.
In Europa entstand im 18. Jahrhundert eine Seidenindustrie. Am Niederrhein gründeten die Brüder Friedrich und Heinrich von der Leyen 1730 in Krefeld ihre Seidenfirma, nachdem die Familie schon 1724 eine eigene Färberei eröffnet hatte.
Friedrich Wilhelm I. erließ den Krefeldern den Zoll auf Rohseide, Friedrich II. schützte die Firma gegen die Empfehlung seiner Räte vor Konkurrenten in der eigenen Stadt, schreibt die Neue Deutsche Biographie. 1768 beschäftigten die von der Leyens mehr als 3.000 Menschen, 1788 rund 4.000.
Die Märkte östlich der Weser blieben der Krefelder Firma verschlossen, dort sollten die Berliner Manufakturen verkaufen.
In Lyon webten Anfang des 19. Jahrhunderts Zehntausende Handwerker, die Canuts, Seide. Am 22. November 1831 erhoben sich rund 6.000 Webermeister und 30.000 Gesellen auf dem Hügel Croix-Rousse, weil die Händler einen vereinbarten Mindesttarif für ihre Stoffe nicht zahlten. Die Parole der Aufständischen lautete „Vivre en travaillant ou mourir en combattant“: arbeitend leben oder kämpfend sterben. Rund 100 Menschen starben. Am 5. Dezember rückten 20.000 Soldaten unter Marschall Soult in Lyon ein, und der Tarif wurde aufgehoben.
Japan machte die Seide zum Motor seiner Industrialisierung. 1872 nahm in Tomioka nordwestlich von Tokio eine staatliche Seidenhaspelei den Betrieb auf, 1893 wurde sie privatisiert und lief bis 1987. Seit 2014 gehört die Anlage zum UNESCO-Welterbe.
Seide ist seit mindestens 8.500 Jahren bekannt und war bis ins Mittelalter ein chinesisches Geheimnis. In Krefeld, Lyon und Tomioka entstand aus dem Luxusgut eine von Herrschern geförderte Industrie, in Lyon erhoben sich die Weber gegen die Händler.
Wie hat Seide die Weltkarte verändert?

Seide lockte Schmuggler und finanzierte Aufsteiger: Byzanz brach im 6. Jahrhundert Chinas Monopol, Japan bestritt 1863 vier Fünftel seiner Ausfuhren mit Seide. Heute verlagert China die Zucht nach Westen, in Usbekistan zwingt der Staat laut Menschenrechtlern Bauern in die Zucht.
Ein Schmuggel bricht Chinas Monopol
Der Geschichtsschreiber Prokop berichtet, wie Mönche um die Mitte des 6. Jahrhunderts Seidenraupeneier aus dem Osten nach Konstantinopel brachten, im Auftrag von Kaiser Justinian. Mit diesem Schmuggel begann nach Prokop die Seidenherstellung im Römischen Reich. Der Historiker Daniel Waugh von der University of Washington datiert die Episode auf 553 oder 554.
Den Fernhandel mit China beendete der Schmuggel nicht, Chinas Monopol auf das Wissen um die Zucht aber war gebrochen.
Japans Exportmotor und sein Absturz
1863 bestanden mehr als 80 Prozent der japanischen Ausfuhren aus Seide und Seidenwaren, schreibt die japanische Tourismusbehörde in ihrer Darstellung der Seidenstadt Fujioka. Wichtigster Kunde wurden die USA: Noch 1935 machte Rohseide 62 Prozent der japanischen Exporte dorthin aus, zeigt eine Studie der Bank of Japan. Zwischen 1929 und 1931 fielen die japanischen Exportpreise in Yen um rund 40 Prozent, auch die für Rohseide. In den 1930er-Jahren schrumpften die Lieferungen in die USA nach der Studie der Bank of Japan wegen der Weltwirtschaftskrise und wegen der Erfindung von Nylon.
Zwang auf usbekischen Feldern
Usbekistan ist nach China und Indien der drittgrößte Erzeuger von Seidenkokons und gemessen an der Einwohnerzahl der größte. Die Kokonproduktion beruht auf Zwangsarbeit, berichtete die Menschenrechtsorganisation Uzbek-German Forum schon 2015: Bauern könnten die Anordnungen der Regierung nicht ablehnen.
Das US-Arbeitsministerium führt usbekische Seidenkokons auf seiner Liste der Güter aus Zwangsarbeit. Bauern, die die staatlich vorgegebenen Mengen nicht liefern, drohen nach Angaben des Ministeriums Geldstrafen, der Verlust des gepachteten Landes oder körperliche Gewalt.
Das Uzbek-German Forum befragte zwischen 2018 und 2022 Hunderte Bauern, von denen die meisten die Raupen gegen ihren Willen züchteten.
Chinas Zug nach Westen
Seit 2006 verlagert China Maulbeeranbau und Raupenzucht aus den östlichen Küstenprovinzen in den Westen, unter dem Schlagwort „Ost-Maulbeere nach Westen“. Auf die zentralen und westlichen Provinzen entfallen inzwischen mehr als 70 Prozent der chinesischen Zucht, meldete die Nachrichtenagentur Xinhua im November 2025.
Chinas Rohseidenerzeugung sank von 158.400 Tonnen Rohseide im Jahr 2016 auf 50.500 Tonnen im Jahr 2024, ein Minus von rund zwei Dritteln.
Den alten Handelsweg nutzt Peking als politische Marke. Im September 2013 schlug Staatschef Xi Jinping an der Nasarbajew-Universität in Kasachstan einen „Wirtschaftsgürtel entlang der Seidenstraße“ vor und erinnerte daran, dass seine Heimatprovinz Shaanxi am Ausgangspunkt der alten Route liege.
Bei der Verarbeitung hält China die Fäden in der Hand. 2023 stammten 77 Prozent der weltweiten Exporte von Rohseide aus China, die Seidenbetriebe im italienischen Como beziehen 70 bis 80 Prozent ihrer Seide von dort. Ein ähnliches Muster zeigt der Flachs, den Europa anbaut und China verspinnt. Bei der Seide fehlt sogar der Anbau.
Hitze als neuer Machtfaktor
Die größte Gefahr für die Versorgung kommt derzeit vom Wetter. In der südchinesischen Provinz Guangxi drückten Taifun und Hochwasser im Sommer 2026 die Qualität der Kokons, im Sichuan-Becken herrschten Hitze und Dürre, berichtete das Branchenportal esilk.net Ende Juli. Der Markt rechnete wegen eines starken El Niño mit einer kleineren Herbsternte.
In Indien fielen im Spätsommer die Anlieferungen in Ramanagara von 500 bis 600 auf 330 bis 360 Partien am Tag.
Ressourcen schaffen Abhängigkeiten: Europa kauft verarbeitete Seide in China, Indien kauft Rohseide zu, und beide hängen an Ernten, die dem Wetter ausgeliefert sind.
Wie viel Gewicht hat Seide in der Weltwirtschaft?

Gemessen am Handel ist Seide ein Nischenrohstoff: Die Länder der Welt führten 2023 Seide, Seidengarne und Seidengewebe für rund 1,46 Milliarden Euro aus. In Indien hängt aber das Einkommen von mehr als acht Millionen Menschen an der Raupe.
2024 erzeugte China nach den vorläufigen Zahlen der ISC 50.500 Tonnen Rohseide, rund 52 Prozent, Indien 41.121 Tonnen, rund 42 Prozent. Usbekistan folgt mit großem Abstand und 3.122 Tonnen, dahinter Vietnam, Thailand und Brasilien mit jeweils wenigen Hundert bis gut tausend Tonnen.
Indien ist zugleich der größte Verbraucher von Seide. Das Land verwebt mehr Seide, als seine Haspeleien liefern, und kauft deshalb Rohseide zu.
Für Indiens ländliche Wirtschaft zählt Seide mehr, als ihr Handelswert vermuten lässt. Staatsminister Pabitra Margherita bezifferte im Rajya Sabha die Zahl der Beschäftigten in der Seidenwirtschaft auf 8,09 Millionen, davon 7,12 Millionen direkt in Maulbeeranbau, Raupenzucht und Haspelei.
Indien führte 2023/24 rund 2.650 Tonnen Rohseide für umgerechnet rund 136 Millionen Euro ein, ein Jahr zuvor noch 3.874 Tonnen.
Nach UN-Comtrade-Daten, aufbereitet vom Datendienst TrendEconomy, verkaufte China 2023 Seide, Seidengarne und Seidengewebe (Zollkapitel 50) für rund 715 Millionen Euro ins Ausland, knapp die Hälfte der weltweiten Seidenexporte. Auf Platz zwei folgt Italien mit rund 261 Millionen Euro, auf Platz drei Indien mit rund 104 Millionen.
Bei den Einfuhren führt Italien mit rund 306 Millionen Euro, knapp ein Viertel der weltweiten Seideneinfuhren. Das Land kauft Garn und Rohseide, um in der Region um Como Stoffe zu weben und zu bedrucken. Confindustria Como beziffert den Anteil des Distrikts an der europäischen Seidenproduktion auf 80 Prozent. Ende 2025 zählte der Comasker Textildistrikt laut Handelskammer 955 aktive Unternehmen mit 11.200 Beschäftigten. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Aufträge um 2,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, die Produktion sank um 1,2 Prozent.
Anders als Weizen oder Kupfer hat Seide keinen Terminmarkt. Den Preis bilden Spotmärkte in Yuan, allen voran der Markt für Kokons und Seide im ostchinesischen Jiaxing, und in Indien die staatlichen Kokonmärkte, auf denen in Ramanagara inzwischen online geboten wird.
Für europäische Käufer kommt das Wechselkursrisiko dazu: Am 15. Oktober kostete ein Euro 7,50 Yuan und 106,54 Rupien.
2023 führte Deutschland Seide, Seidengarne und Seidengewebe für rund 34 Millionen Euro ein, 62 Prozent davon aus China, 13,6 Prozent aus Italien und 11,7 Prozent aus Österreich.
Rohseide machte davon nur rund 0,6 Millionen Euro aus, knapp 2 Prozent, Seidengewebe rund 8,3 Millionen. Deutsche Unternehmen kaufen also fast nur bereits verarbeitete Seide.
Ein Lieferausfall träfe in Europa zuerst die Webereien und Druckereien in Como und mit ihnen die Modehäuser, die dort Stoffe bestellen. Millionen indische Haushalte verlören bei einer Missernte ihr Einkommen aus Maulbeerbusch und Raupe.
China und Indien erzeugen 94 Prozent der Rohseide, Italien kauft am meisten Seidenwaren. Deutschland bezieht für rund 34 Millionen Euro im Jahr vor allem verarbeitete Seide aus China.
In welchen Produkten steckt Seide und was verschwindet ohne sie?

Seide steckt in Krawatten, Tüchern, Kimonos und Bettdecken, aber auch in chirurgischem Nahtmaterial und in Implantaten aus Fibroin. Ohne Seide verschwände vor allem, was seinen Wert oder seine Zulassung aus der echten Seide bezieht: das Luxustuch, der Seidenkimono und zugelassene Implantate aus Fibroin.
Wo der Rohstoff überall drinsteckt
Für eine Kimono-Stoffbahn von 36 Zentimetern Breite und 11,4 Metern Länge braucht eine Weberei nach Angaben der Stadt Fujioka 650 Gramm entbastete Seide. Für diese Menge haspeln Haspeleien 900 Gramm Rohseide aus 4,9 Kilo Kokons, rund 2.600 Stück.
Ein Seidencarré von Hermès kommt mit weniger aus. Kamel Hamadou, Leiter des Druckateliers, nannte 400 Kokons und rund 450 Kilometer Faden je Tuch.
| Produkt | Seide darin | Ersatz bei Lieferausfall |
|---|---|---|
| Kimono-Stoffbahn (11,4 m) | rund 2.600 Kokons, 650 g entbastete Seide | Kunstfaser möglich, als Kimono aus Seide unersetzbar |
| Seidencarré von Hermès | 300 bis 400 Kokons, rund 450 km Faden | Polyester möglich, als Luxusprodukt unersetzbar |
| Krawatte | Seidengewebe aus Como oder China | Polyester verbreitet |
| Seidendecke in China | Füllung mindestens 50 Prozent Seide laut Norm GB/T 24252-2019 | Daunen oder Kunstfaser, dann ohne Bezeichnung als Seidendecke |
| Chirurgisches Nahtmaterial | geflochtene Seide, nicht resorbierbar | Kunststofffäden verfügbar |
| Implantate und Gewebegerüste | reines Seidenfibroin | für das zugelassene Produkt kein Ersatz |
Ethicon verkauft unter dem Namen Perma-Hand ein Nahtmaterial aus geflochtener Seide, das der Körper nicht auflöst und das mit der Zeit seine Festigkeit verliert. Die US-Arzneimittelbehörde FDA ließ 2017 mit Seri Contour von Sofregen Medical ein gestricktes Gerüst aus reinem Fibroin zu, das sich im Körper langsam abbaut.
Auch in Deutschland verarbeitet eine Medizinfirma Kokons, berichtete die Fachzeitschrift top agrar 2024: Aus Schweizer Zucht entstehen Implantate für die Kiefer- und Zahnmedizin.
In China entscheidet eine Norm, was Seidendecke heißen darf. Nach dem Standard GB/T 24252-2019 muss die Füllung zu mindestens 50 Prozent aus Seide bestehen.
Wie sich die Nachfrage auf Bekleidung, Heimtextilien und Medizin verteilt, lässt sich nur schätzen, und die Schätzungen der Marktforscher widersprechen sich.
Was ohne Seide wegfiele
Technisch lässt sich fast jedes Seidenprodukt nachbauen, beim Strumpf gelang der Wechsel binnen Tagen: Am 15. Mai 1940 kamen in den USA Nylonstrümpfe in den Handel, rund vier Millionen Paar landesweit an einem Tag, und die gefragtesten Größen waren nach wenigen Tagen ausverkauft, berichtet das DuPont-Archiv im Hagley Museum.
Die Seide verlor den Massenmarkt für Strümpfe und gewann ihn nie zurück.
Unersetzbar bleibt Seide dort, wo der Wert am Namen hängt. Ein Hermès-Carré aus Polyester wäre kein Hermès-Carré mehr und eine Seidendecke ohne Seide nach chinesischer Norm keine Seidendecke. In diesen Märkten fiele bei einem Ausfall nicht die Funktion weg, sondern das Produkt selbst.
Für chirurgische Nähte stehen Kunststofffäden bereit, ein Ersatz für ein zugelassenes Fibroin-Implantat aus anderem Material bräuchte dagegen eine neue Zulassung.
Wie setzt sich der Preis eines Seidentuchs zusammen?

Der Rohstoff ist ein kleiner Posten: In einem Tuch aus 400 Kokons stecken selbst zum indischen Rekordpreis Kokons für rund 8 Euro. Den größten Teil des Ladenpreises teilen sich Handel, Staat und Marke.
Nach den Angaben aus Fujioka wiegen 2.600 Kokons zusammen 4,9 Kilo, ein einzelner frischer Kokon also knapp 1,9 Gramm. 400 Kokons bringen damit rund 750 Gramm auf die Waage.
Zum Rekordpreis von 1.100 Rupien je Kilo aus Ramanagara kostet diese Menge rund 7,80 Euro. Über die Rohseide gerechnet ergibt sich ein ähnlicher Wert: 400 Kokons liefern rund 140 Gramm Rohseide, die in Jiaxing Mitte Oktober rund 8,40 Euro kosteten.
Eine Kostenaufschlüsselung für ein Seidentuch haben wir bei keiner Marke gefunden. Für Bekleidung hat die Clean Clothes Campaign geschätzt, wie sich der Ladenpreis eines T-Shirts verteilt, und diese Struktur dient hier als Rechenbeispiel.
Angenommen, ein Seidentuch kostete im deutschen Laden 100 Euro, und der Preis verteilte sich wie bei einem Kleidungsstück nach dieser Schätzung. Dann entfielen rund 60 Euro auf den Handel, Miete, Personal, Gewinn und Mehrwertsteuer eingeschlossen. Allein die Mehrwertsteuer von 19 Prozent machte davon 15,97 Euro aus, die an den Staat gehen.
Die Marke bekäme rund 12 Euro, das Material ebenfalls rund 12 Euro, der Transport rund 8 und der Gewinn der Fabrik rund 4 Euro. Den Arbeiterinnen in der Fabrik bliebe weniger als 1 Euro.
| Bestandteil | Anteil | Rechenbeispiel 100-Euro-Tuch | Empfänger |
|---|---|---|---|
| Handel (Miete, Personal, Gewinn) | rund 44 % | rund 44 € | Händler |
| Mehrwertsteuer | 19 % auf den Nettopreis | 15,97 € | Staat |
| Marke | rund 12 % | rund 12 € | Modehaus |
| Material (darin Kokons für rund 8 €) | rund 12 % | rund 12 € | Weberei, Haspelei, Kokonbauern |
| Transport | rund 8 % | rund 8 € | Logistik |
| Fabrikgewinn | rund 4 % | rund 4 € | Konfektion |
| Löhne in der Fabrik | unter 1 % | unter 1 € | Beschäftigte |
Von rund 12 Euro für das Material entfielen damit rund 8 Euro auf die Kokons, der Rest auf Haspeln, Weben und Färben.
Schwankungen beim Rohstoff wirken sich deshalb wenig aus. Mitte Oktober lag der Durchschnittspreis für Crossbreed-Kokons in Ramanagara bei 653 Rupien, rund 6,10 Euro je Kilo. Ein Kilopreis von 10 statt 6 Euro verteuerte die Kokons eines 100-Euro-Tuchs um rund 3 Euro, also um drei Prozent des Ladenpreises.
Bei Luxusmarken läuft der Preis ohnehin nur in eine Richtung. Hermès erhöhte seine Preise 2025 um sechs bis sieben Prozent und will die Preise 2026 um fünf bis sechs Prozent anheben, sagte Konzernchef Axel Dumas im Februar. Ein Rückgang der Kokonpreise ändert an dieser Preispolitik nichts, solange der Rohstoff nur wenige Euro des Ladenpreises ausmacht.
Rohseide wird in Yuan und Rupien gehandelt. Fällt der Euro, verteuert sich die Ware für Webereien in Como und Händler in Deutschland, auch wenn die Rohseidenpreise in Yuan stagnieren.
Wer verdient an Seide und wer zahlt drauf?

Den größten Teil des Ladenpreises behalten Marken und Handel am Ende der Kette, allein Hermès setzte 2025 mit Seide und Textilien 964 Millionen Euro um. Das Risiko von Hitze, Dürre und Seuchen liegt bei den Züchtern, und in Usbekistan arbeiten Bauern nach Angaben der US-Regierung unter Zwang.
Hermès weist Seide und Textilien als eigene Sparte aus. 2025 wuchs die Sparte um 1,5 Prozent auf 964 Millionen Euro, rund 6 Prozent des Konzernumsatzes von 16 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2026 legte das Seidengeschäft gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 4,8 Prozent auf 469 Millionen Euro zu.
Für die Züchter in Südindien schwanken die Erlöse dagegen mit dem Wetter. Im Geschäftsjahr 2023/24 bekamen die Züchter in Ramanagara im Schnitt 400 Rupien für ein Kilo Crossbreed-Kokons, rund 3,75 Euro, ein Jahr später 434 Rupien. Im September 2026 lag der Höchstpreis bei 881 Rupien.
Höhere Preise helfen allerdings nur Züchtern, die noch Kokons liefern können.
In Coimbatore liefert eine Einheit Raupeneier heute rund 600 Gramm Kokons statt früher rund ein Kilo, berichtet The Hans India. Die Maulbeerfläche rund um den Markt schrumpfte von etwa 490 auf etwa 200 Hektar, und auf einem Hof bei Avinashi fiel der Wasserspiegel im Brunnen binnen eines Jahres von rund 150 auf fast 300 Meter Tiefe.
„Die große Hitze macht die Seidenzucht sehr schwierig, und die Erträge sinken“, sagte Kailasamurthy, Vizedirektor des Kokonmarkts in Ramanagara (übersetzt aus dem Englischen).
Die Erlöse der indischen Seidenwirtschaft verteilen sich auf 8,09 Millionen Beschäftigte. Einen Ressourcenfluch wie beim Erdöl, bei dem der Reichtum aus dem Boden Korruption und Machtkonzentration nährt, kennt die Seide deshalb nicht.
Auch die Holländische Krankheit bleibt aus: Ein Exportboom, der die Währung aufwertet und andere Ausfuhren verdrängt, setzt Milliardenerlöse voraus, die kein Seidenland erzielt.
Japan, das 1863 mehr als vier Fünftel seiner Ausfuhren mit Seide bestritt, verlor durch den Preisverfall der 1930er-Jahre und ab 1940 durch das Nylon seinen wichtigsten Exportmarkt.
Für die 400 Kokons eines Hermès-Carrés bekäme ein Bauer in Ramanagara selbst zum Rekordpreis nur rund 8 Euro.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
| Land | Lage | Bilanz |
|---|---|---|
| China | Zucht seit 2006 nach Westen verlagert | Erzeugung 2016 bis 2024 um rund zwei Drittel gesunken, trotzdem größter Exporteur |
| Indien | 8,09 Millionen Beschäftigte, größter Verbraucher | Erzeugung 2024 bei 41.121 Tonnen, Einkommen schwanken mit dem Wetter |
| Usbekistan | Zucht nach staatlichen Vorgaben | US-Arbeitsministerium listet die Kokons als Ware aus Zwangsarbeit |
| Japan | 1863 mehr als 80 Prozent der Ausfuhren aus Seide | Exportmarkt ab den 1930ern verloren, Tomioka seit 2014 Welterbe |
| Italien | Como verarbeitet importierte Seide | 11.200 Beschäftigte im Textildistrikt Ende 2025, Produktion im ersten Halbjahr 2026 minus 1,2 Prozent |
In Deutschland trifft der schrumpfende Krawattenmarkt die verbliebenen Hersteller. Ascot aus Krefeld, gegründet 1908, ist nach Angaben von Firmenchef Jan Moese mit der Schwesterfirma Hemley der letzte Krawattenhersteller, der noch in Deutschland produziert.
Die Einfuhr von Krawatten und Schleifen sank nach Zahlen des Statistischen Bundesamts von 14,4 Millionen Stück im Jahr 2014 auf knapp 4,8 Millionen im Jahr 2023.
- Marken: Hermès allein setzt mit Seide und Textilien fast eine Milliarde Euro im Jahr um.
- Züchter: In Indien hängen 8,09 Millionen Jobs an Kokons, deren Ertrag die Hitze drückt.
- Zwang: In Usbekistan stammen Kokons nach US-Angaben aus Zwangsarbeit.
Wie mächtig ist die Seiden-Lobby?

Eine Lobby mit Konzernmacht wie beim Öl hat Seide nicht, die stärksten Akteure sind Staaten. Indien stellte für sein Förderprogramm Silk Samagra-2 von 2021/22 bis 2025/26 rund 4.680 Crore Rupien bereit, umgerechnet rund 439 Millionen Euro.
Bis Januar 2025 hatte die Regierung aus dem Programm 1.075,58 Crore Rupien freigegeben, rund 101 Millionen Euro, für etwa 78.000 Begünstigte. Eine Verlängerung über den 31. März 2026 hinaus haben wir in den Parlamentsantworten nicht gefunden.
Indien schützte seine Züchter auch mit Zöllen. Ab 2003 erhob das Land Antidumpingzölle auf chinesische Rohseide einfacher Qualität, bemessen an einem Mindestpreis von umgerechnet rund 25 Euro je Kilo. Nach einer Überprüfung verlängerte die Regierung die Zölle 2009, im Januar 2014 liefen sie aus.
China steuert den Seidenbau mit Regionalpolitik. Die Verlagerung der Zucht nach Westen seit 2006 folgt einem staatlichen Programm.
In Usbekistan schreibt der Staat Mengen und Abnehmer vor. Die vom Uzbek-German Forum befragten Bauern gaben an, die Aufträge nicht ablehnen zu können.
Die Europäische Union zahlte bis 2015 eine eigene Beihilfe für die Seidenraupenzucht: 133,26 Euro je Schachtel Raupeneier, sofern die Aufzucht gelang. Mit der Agrarmarktordnung von 2013 lief die Zahlung am 31. März 2015 aus und ging in den Direktzahlungen auf.
Rohseide aus Drittländern kommt zollfrei in die EU, nur für Ware aus Russland und Belarus gilt ein Zusatzzoll von 50 Prozent.
In Italien bündeln Confindustria Como und das Ufficio Italiano Seta die Interessen der europäischen Seidenindustrie. Confindustria Como wirbt mit dem Anteil von 80 Prozent an der europäischen Seidenproduktion, Hermès mit dem Aufwand je Tuch.
Für herkömmliche Seide töten die Betriebe die Puppen im Kokon, weil ein schlüpfender Falter die Hülle durchbricht und den Kokon für die Haspel unbrauchbar macht, erklärt die FAO. In Usbekistan beruht die Zucht nach Angaben des US-Arbeitsministeriums auf Zwangsarbeit. Falsch ist die Werbung mit der Naturfaser nicht, sie verschweigt aber das Töten der Puppen und den Zwang.
Deutsche Steuervergünstigungen oder Beihilfen speziell für Seide haben wir nicht gefunden. Für Kleidung aus Seide gilt der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent.
Die Seidenpolitik machen Regierungen: Indien mit 439 Millionen Euro Förderung, China mit der Verlagerung nach Westen, Usbekistan nach US-Angaben mit Zwangsarbeit. Die EU stellte ihre Zuchtbeihilfe 2015 ein.
Was ersetzt Seide und wo scheitert der Ersatz?

Nylon verdrängte die Seide schon 1940 aus dem Strumpfregal, im Zweiten Weltkrieg wurde die Kunstfaser zum Stoff für Fallschirme. Im Labor arbeiten Biotechfirmen wie AMSilk aus Neuried bei München an Seidenproteinen ohne Raupe.
Der Erfinder des Nylons, Wallace Hume Carothers, arbeitete für DuPont. Das Unternehmen produzierte die Faser ab 1939, auf der New Yorker Weltausstellung sorgten die Strümpfe für Aufsehen. 1942 nahm DuPont die Strümpfe vom Markt und stellte auf Fallschirme und Seile für das Militär um, berichtet das Hagley Museum. Heute konkurrieren vor allem Polyester und Viskose mit der Seide, im Massenmarkt mit Erfolg.
AMSilk stellt Seidenproteine mit Mikroorganismen her. 2016 zeigte Adidas mit dem Prototyp Futurecraft Biofabric einen Schuh aus dem Material, im September 2025 sammelte AMSilk 52 Millionen Euro ein, produziert wird mit den Partnern Evonik und Ajinomoto.
Der japanische Konkurrent Spiber holte 2024 mehr als 10 Milliarden Yen, rund 56 Millionen Euro, für seine Massenproduktion.
Bolt Threads aus den USA hat sich 2024 aus dem Textilgeschäft zurückgezogen und verkauft nur noch Zutaten für Kosmetik, darunter ein Produkt namens Vegan Silk. Im Oktober 2025 äußerte das Unternehmen Zweifel am eigenen Fortbestehen.
Bei Peace Silk schlüpft der Falter, danach wird der Kokon versponnen statt gehaspelt. Das Garn ist weich und flauschig, aber von geringerer Qualität als gehaspelte Zuchtseide, schreibt das London College of Fashion. Für glatte Tücher und Krawatten taugt die Faser deshalb nur bedingt.
Belastbare Zahlen zum Recycling von Seide haben wir nicht gefunden.
Gegen Kunstfasern tun sich auch andere Naturfasern schwer, etwa die deutsche Schafwolle, deren Erlös nicht einmal die Schur deckt. Bei der Seide liegt der Fall anders: Massenware ist längst synthetisch, die echte Faser zieht sich in Luxus und Medizin zurück.
Am schnellsten setzte sich der Ersatz bei Strümpfen durch, als letzte Bereiche bleiben Kimono, Sari und Luxustuch. Aus der Seide steigt die Branche nicht aus, sie zieht sich aber auf die Märkte zurück, die für das Original zahlen.
Nylon und Polyester haben die Seide aus dem Massenmarkt verdrängt. Seidenproteine aus dem Bioreaktor sind ein Millionenthema für Investoren, aber noch kein Ersatz für das Tuch aus Como.
Was bedeuten die Rekordpreise der Kokons für Deutschland?

Für Verbraucher ändern die Rekordpreise zunächst wenig, weil der Rohstoff nur wenige Euro im Ladenpreis ausmacht. Webereien und Händler zahlen mehr: Rohseide in China kostete Mitte Oktober fast sieben Prozent mehr als Anfang September. Ab Dezember 2027 dürfen in der EU zudem keine Produkte aus Zwangsarbeit mehr verkauft werden.
Der Aufhänger dieser Stoffgeschichte, der Rekordpreis von 1.100 Rupien am 2. September in Ramanagara, war eine Spitze. Mitte Oktober lag dort der Durchschnittspreis für die billigeren Crossbreed-Kokons bei 653 Rupien.
Auf dem Kokonmarkt von Sidlaghatta bekamen Bivoltine-Züchter am 15. Oktober im Schnitt 824 Rupien, rund 7,70 Euro. In Coimbatore fielen die Preise nach einem Hoch von 820 bis 850 Rupien auf rund 750 Rupien zurück, obwohl die Anlieferungen knapp bleiben.
In China stieg der Preis dagegen: Rohseide der Qualität 3A kostete in Jiaxing am 2. September 426.000 Yuan je Tonne, am 15. Oktober 454.800 Yuan, umgerechnet rund 61 Euro je Kilo.
Bei einem Tuch für 100 Euro machen die Kokons rund 8 Euro aus, ein Preissprung von 4 Euro je Kilo bewegte den Endpreis rechnerisch um rund 3 Euro. Spürbarer sind die Preiserhöhungen der Luxusmarken, Hermès plant für 2026 fünf bis sechs Prozent.
Unternehmen, die Seidenstoffe einkaufen, spüren die Rohseidenpreise direkter. Comos Betriebe beziehen 70 bis 80 Prozent ihrer Seide aus China, deutsche Importeure 62 Prozent. Schlägt das Wetter in China zu, fehlt eine zweite große Bezugsquelle, denn Indien verbraucht seine Seide selbst und kauft zusätzlich ein.
Das Wetterphänomen El Niño, das nach Einschätzung des Markts Chinas Herbsternte bedroht, verteuert auch Obst wie die Mango aus den Tropen.
Die EU-Verordnung 2024/3015 verbietet ab dem 14. Dezember 2027, in Zwangsarbeit hergestellte Produkte in der EU anzubieten oder aus ihr auszuführen, auch im Onlinehandel. Für Seide aus Usbekistan, deren Kokons das US-Arbeitsministerium als Ware aus Zwangsarbeit führt, müssen Importeure dann belegen können, woher der Faden stammt.
Drei Szenarien für die kommenden Monate
Im günstigen Fall fiele Chinas Herbsternte normal aus. Aus dem Kreis Liujiang in Guangxi meldeten Händler Ende September gutes Wetter und Kokonpreise von umgerechnet rund 6,90 Euro je Kilo. Die indischen Preise sänken weiter in Richtung des Vorjahresniveaus von gut 4 Euro je Kilo, und die Rohseide in China gäbe einen Teil ihres Anstiegs wieder ab.
Realistisch erscheint ein Seitwärtsmarkt auf hohem Niveau: Rohseide in China bliebe bei umgerechnet rund 60 Euro je Kilo, die indischen Kokonpreise lägen deutlich über dem Durchschnitt des Vorjahres, weil die Maulbeerflächen in Tamil Nadu langsamer nachwachsen, als sie verschwunden sind.
Im ungünstigen Fall hielte die Trockenheit in Südindien bis in die Winterzucht an, und Chinas Herbsternte bliebe hinter den Erwartungen zurück, wie der Markt im Juli befürchtete. Dann stiege der Preis für Rohseide weiter, und Webereien in Como müssten Aufschläge an die Modehäuser weitergeben.
Was Sie jetzt tun können
- Einkauf absichern: Verträge für Seidenstoffe möglichst in Euro abschließen und Preisgleitklauseln für Rohseide prüfen.
- Herkunft dokumentieren: Lieferanten nach dem Ursprung der Kokons fragen und Ware aus Usbekistan bis Dezember 2027 lückenlos belegen lassen.
- Etikett lesen: Als Verbraucher auf die Angabe Maulbeerseide oder Wildseide achten, Peace Silk ist weicher, aber weniger glatt.
- Preise beobachten: Kokonpreise aus Ramanagara und Rohseidenkurse aus Jiaxing erscheinen täglich und eignen sich für Einkäufer als Frühwarnsignal.
Die Kokonpreise in Indien sinken bereits wieder, der Rohseidenpreis in China steigt. Für deutsche Käufer zählen ab 2027 vor allem saubere Herkunftsnachweise.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zu Seide

Bivoltine Rassen
Bivoltine Rassen sind Seidenraupen-Rassen, die zwei Generationen im Jahr hervorbringen. Diese Rassen liefern nach Angaben der FAO mehr und bessere Seide als multivoltine Rassen aus den Tropen, und ihre Kokons erzielen auf den indischen Kokonmärkten die höchsten Preise, im September 2026 bis zu 1.100 Rupien je Kilo.
Crossbreed
Crossbreed bezeichnet auf indischen Kokonmärkten Kokons aus Kreuzungen verschiedener Rassen. Die Kokons sind billiger als reine bivoltine Ware, machen aber einen großen Teil der Anlieferungen aus. In Ramanagara kostete ein Kilo Mitte Oktober 2026 im Schnitt 653 Rupien.
Entbasten
Das Entbasten entfernt das leimartige Sericin vom Seidenfaden, meist mit heißer Seifenlösung. Erst danach bekommt die Seide ihren typischen Glanz und weichen Griff. Aus 900 Gramm Rohseide werden dabei rund 650 Gramm entbastete Seide, wie das Beispiel eines Kimonostoffs aus Fujioka zeigt.
Eri-Seide
Eri-Seide stammt von Raupen der Art Samia ricini, die auf Rizinus leben. Die Kokons dieser Raupen lassen sich nicht haspeln, deshalb verspinnen die Betriebe sie nach dem Schlüpfen des Falters. Indien erzeugt Eri vor allem im Nordosten, von April bis Dezember 2024 kamen 6.217 Tonnen zusammen.
Fibroin
Fibroin ist das Strukturprotein, das den festen Kern des Seidenfadens bildet. Das Protein macht 72 bis 81 Prozent der Kokonschale aus. In der Medizin dient reines Fibroin als Werkstoff für Gerüste und Implantate, weil der Körper das Protein langsam abbaut.
Haspeln
Das Haspeln wickelt die Endlosfäden mehrerer eingeweichter Kokons ab und vereint sie zu einem Rohseidenfaden. Nach Angaben der FAO lassen sich rund 80 Prozent des Kokonfadens abhaspeln. Wildseiden wie Eri lassen sich nicht haspeln und werden versponnen.
Maulbeerseide
Maulbeerseide stammt vom domestizierten Seidenspinner Bombyx mori, dessen Raupen nur Maulbeerblätter fressen. Die Faser macht laut International Sericultural Commission rund 90 Prozent der Weltproduktion aus und liefert den glatten, gleichmäßigen Faden für Tücher, Krawatten und Kimonos.
Muga-Seide
Muga-Seide ist eine goldgelbe Wildseide der Art Antheraea assamensis, die nur im indischen Bundesstaat Assam vorkommt. Die Menge ist gering, im Jahr 2024 erzeugte Indien von April bis Dezember 187 Tonnen. Muga gilt als Prestigefaser für traditionelle Kleidung.
Peace Silk
Peace Silk, auch Ahimsa-Seide genannt, entsteht aus Kokons, aus denen der Falter geschlüpft ist. Weil der Faden dabei reißt, wird die Seide versponnen statt gehaspelt. Das Garn ist weicher und flauschiger, nach Einschätzung des London College of Fashion aber von geringerer Qualität als gehaspelte Zuchtseide.
Renditta
Die Renditta gibt an, wie viele Kilo frische Kokons eine Haspelei für ein Kilo Rohseide braucht. Je kleiner der Wert, desto ergiebiger die Kokons. Die FAO nennt rund 9 für multivoltine und knapp 6 für ertragreiche bivoltine Rassen, der indische Hybrid CSR2×CSR4 kommt auf 4,9.
Sericin
Sericin ist das leimartige Eiweiß, das den Fibroinkern umhüllt und den Kokon zusammenhält. Der Anteil an der Kokonschale liegt bei 19 bis 28 Prozent. Beim Entbasten verschwindet das Sericin, die Rohseide verliert dabei gut ein Viertel ihres Gewichts.
Tussah-Seide
Tussah-Seide stammt von Raupen der Gattung Antheraea, die Eichen- oder Terminalia-Laub fressen. Anders als Eri lässt sich Tussah haspeln. Chinesische Tussah ist die mengenmäßig größte Nicht-Maulbeerseide der Welt, ihr Faden ist gröber und bräunlicher als Maulbeerseide.
FAQ: Die Welt erzeugt nur noch halb so viel Seide wie 2016

Werden für Seide Seidenraupen getötet?
Bei herkömmlicher Maulbeerseide ja: Die Betriebe töten die Puppen beim Trocknen der Kokons mit Sonne, Heißluft oder Dampf, weil ein schlüpfender Falter die Hülle durchbrechen würde und der Faden sich dann nicht mehr abhaspeln ließe. Bei Peace Silk schlüpft der Falter, die Seide wird anschließend versponnen und fällt weniger glatt aus.
Warum ist Seide so teuer?
Für ein Kilo Rohseide braucht eine Haspelei fünf bis neun Kilo Kokons, und jede Ernte hängt an Wetter und Maulbeerblättern. Im Ladenpreis eines Seidentuchs machen die Kokons trotzdem nur wenige Euro aus. Den größten Teil teilen sich Handel, Marke und Staat über die Mehrwertsteuer.
Woher kommt die meiste Seide?
Aus China und Indien: 2024 erzeugte China 50.500 Tonnen Rohseide und Indien 41.121 Tonnen, zusammen 94 Prozent der Weltproduktion. Usbekistan folgt mit 3.122 Tonnen. Deutschland bezog 2023 rund 62 Prozent seiner Seideneinfuhren aus China.
Was ist der Unterschied zwischen Maulbeerseide und Wildseide?
Maulbeerseide stammt von der domestizierten Seidenraupe Bombyx mori, die nur Maulbeerblätter frisst, und macht rund 90 Prozent der Weltproduktion aus. Wildseiden wie Tussah, Eri und Muga stammen von anderen Raupenarten, die Eichen-, Rizinus- oder andere Blätter fressen. Der Faden der Wildseiden ist meist gröber und weniger gleichmäßig.
Wie viele Kokons braucht man für ein Seidentuch?
Für ein Seidencarré von Hermès nannte der Leiter des Druckateliers rund 400 Kokons und etwa 450 Kilometer Faden, andere Darstellungen kommen auf 300 Kokons. Eine Kimono-Stoffbahn von 11,4 Metern braucht nach Angaben aus Japan rund 2.600 Kokons.
Wird in Deutschland noch Seide hergestellt?
Einen kommerziellen Seidenbau in Deutschland haben wir nicht gefunden. In Krefeld fertigt Ascot noch Krawatten aus Seide, und eine deutsche Medizinfirma verarbeitet Kokons aus der Schweiz zu Implantaten. In der Schweiz züchten rund zehn Betriebe im Verein swiss silk Seidenraupen.
Quellen
67 Quellen anzeigenQuellen ausblendenabgerufen am 16.10.2026
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- The Hans IndiaTamil Nadu: Cocoon arrivals fall as water scarcity hits Coimbatore sericulture
- Kannada Top NewsRamanagara Silk Cocoon Market (Tagesberichte)
- Sidlaghatta.comSidlaghatta Silk Cocoon Market 15-10-2026
- 100ppi (Shengyishe)Rohseide 3A 20/22D, Jiaxing, Preisreihe
- SunSirsChina Raw silk spot price
- esilk.netMarktbericht Kokons und Rohseide Juli 2026
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- Hagley Museum & LibraryNylon: from stockings to parachutes
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- EUR-LexVerordnung (EU) 2024/3015 über das Verbot von in Zwangsarbeit hergestellten Produkten
- Europäische ZentralbankEuro-Referenzkurse vom 15.10.2026
