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Jeff Bezos verspricht manchen Familien die Drei-Tage-Woche, Bill Gates hält den Menschen „für die meisten Dinge“ für entbehrlich, Elon Musk hält Geld in Zukunft für bedeutungslos. Die Vermögen der Milliardäre wuchsen laut Oxfam 2025 um mehr als 16 Prozent, dreimal so schnell wie im Schnitt der fünf Jahre davor. Wie Menschen ohne Arbeit an ihren Anteil kommen, erklärt keiner der drei.

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Bei H. G. Wells beginnt die Reise in die Zukunft ebenfalls im Paradies: Der Zeitreisende landet im Jahr 802.701 bei einem Volk, das in Gärten lebt und nicht arbeitet. Erst später entdeckt er die Maschinenhallen unter der Erde und die Menschen, die dort schuften. Hier lesen Sie, wie Daten von Stanford bis zum IAB die Versprechen der Tech-Milliardäre schon heute einordnen und warum die Drei-Tage-Woche ohne eine Antwort auf die Verteilungsfrage ein Versprechen ohne Deckung bleibt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Jeff Bezos (Oktober 2026), Elon Musk (November 2025), Bill Gates (Februar 2025) und Sam Altman versprechen Wohlstand bei weniger Arbeit, geschaffen von KI und Robotern. Anthropic-Chef Dario Amodei warnt dagegen vor einer arbeitslosen oder sehr schlecht bezahlten „Unterschicht“.
  • Keynes sagte 1930 die 15-Stunden-Woche voraus. In den USA wuchs die Produktivität von 1979 bis 2019 um 59,7 Prozent, die Vergütung typischer Beschäftigter um 15,8 Prozent.
  • In den USA liegt die Beschäftigung junger Berufseinsteiger in KI-exponierten Berufen 19 Prozent unter dem Pfad weniger betroffener Altersgenossen. Von Januar bis September 2026 nannten US-Arbeitgeber KI bei 120.136 angekündigten Stellenstreichungen als Grund.
  • Sozialversicherungen hängen an Lohnbeiträgen, Erträge aus KI fallen dagegen als Unternehmensgewinn an. Seit 2026 sind Konzerne mit US-Muttergesellschaft von den Kernregeln der globalen Mindeststeuer ausgenommen, die UN-Gremien zur KI beschließen keine verbindlichen Regeln.
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1 Welche Wochenarbeitszeit hielt John Maynard Keynes 1930 in der Generation seiner Enkel für möglich? Aufklappen ↓
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Richtig: A. Keynes schrieb von Dreistundenschichten oder einer 15-Stunden-Woche. Warum daraus nichts wurde, erklärt das Kapitel über Keynes und die Verteilung der Produktivitätsgewinne.
2 Um wie viel Prozent stieg die Vergütung typischer US-Beschäftigter von 1979 bis 2019? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: B. 59,7 Prozent betrug das Plus der Produktivität. Die Produktivität wuchs damit fast viermal so stark wie der Lohn, wie die Zahlen des Economic Policy Institute zeigen.
3 Wo leben in H. G. Wells’ Roman „Die Zeitmaschine“ die Morlocks? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: C. Die Eloi leben oben in Muße, die Morlocks unten bei den Maschinen. Der Zeitreisende deutet die Spaltung als Ausweitung des Unterschieds zwischen Kapitalist und Arbeiter.
4 Wie viel Geld erhielten die Teilnehmer des finnischen Grundeinkommen-Experiments 2017 und 2018 im Monat? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: B. 2.000 Arbeitslose bekamen 560 Euro ohne Gegenleistung. Die Teilnehmer arbeiteten etwas mehr und fühlten sich deutlich wohler.
5 Bei wie vielen angekündigten Stellenstreichungen nannten US-Arbeitgeber von Januar bis September 2026 KI als Grund? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Richtig: A. Challenger, Gray & Christmas zählte 120.136 Fälle, etwa 21 Prozent aller Streichungen. KI ist 2026 damit der am häufigsten genannte Grund.

Was versprechen Bezos, Musk, Gates und Altman?

Honigglas mit Etikett „FÜR ALLE“ und weiße Tasse, in die Honig fließt, vor weißem Hintergrund
Vier Tech-Milliardäre versprechen Überfluss durch weniger Arbeit: Bezos bewirbt die Drei-Tage-Woche, Musk optionale Arbeit, Gates maschinelle Produktion, Altman massiven Wohlstand

Die vier versprechen Überfluss bei immer weniger Arbeit. Bezos stellt die Drei-Tage-Woche in Aussicht, Musk eine Welt, in der Arbeit optional ist, Gates einen Alltag, in dem Maschinen Essen und Güter herstellen. Altman sagt dem kommenden Intelligenzzeitalter „massiven Wohlstand“ voraus.

Am 7. Oktober 2026 saß Jeff Bezos auf dem Gelände seiner Raumfahrtfirma Blue Origin dem Fox-News-Moderator Bret Baier gegenüber. Künstliche Intelligenz werde die Produktivität so stark steigern, dass viele Haushalte kein zweites Einkommen mehr bräuchten.

„Manche Leute werden sich auch sagen: Weißt du was? Ich kann meine Familie ernähren, wenn ich drei Tage die Woche arbeite“, sagte der Amazon-Gründer (übersetzt aus dem Englischen).

Aus derselben Rechnung leitet Bezos einen Mangel an Arbeitskräften ab. Firmen würden Mühe haben, Personal zu finden, weil niemand mehr zwei Jobs brauche. Schon im Juni hatte er auf der Pariser Technologiemesse VivaTech erklärt, KI werde Arbeitskräfte knapp machen, und die Sorge vor überflüssigen Menschen ausdrücklich zurückgewiesen.

Dr. Web hat die Prognose des Amazon-Gründers zum Personalmangel bereits eingeordnet.

Den Abbau von rund 30.000 Bürostellen bei Amazon seit Oktober 2025 erklärte Bezos im selben Interview mit dem Personalaufbau während der Pandemie. Amazon-Chef Andy Jassy hatte im Juni 2025 allerdings selbst geschrieben, KI werde die Bürobelegschaft des Konzerns verkleinern.

Musk: Arbeit wird zur Wahl

Am 19. November 2025 sagte Elon Musk auf dem amerikanisch-saudischen Investitionsforum im Washingtoner Kennedy Center: „Meine Vorhersage ist, dass Arbeit optional wird.“ Geld werde irgendwann keine Rolle mehr spielen, KI und humanoide Roboter würden die Armut beseitigen.

Nvidia-Chef Jensen Huang saß neben ihm auf dem Podium und antwortete trocken, er selbst werde durch KI mehr zu tun haben.

Per Videoschalte hatte Musk bereits im Mai 2024 auf der VivaTech gesagt, wahrscheinlich werde keiner von uns noch einen Job haben, und ein „universelles hohes Einkommen“ gefordert. Woher das Geld dafür kommen soll, ließ er offen.

Musks Zukunftsbild hat einen handfesten Geschäftszweck. Im September 2025 schrieb er auf X, rund 80 Prozent des Tesla-Werts werde künftig aus dem humanoiden Roboter Optimus stammen. Das Ziel von etwa 10.000 gebauten Robotern für 2025 verfehlte Tesla deutlich, bis Mitte des Jahres liefen nur einige Hundert vom Band.

Wer eine Welt ohne Arbeit ausmalt, verkauft zugleich die Maschine, die diese Arbeit übernehmen soll.

Gates, Altman und Dimon: dieselbe Melodie

Bill Gates saß am 4. Februar 2025 in der Tonight Show bei Jimmy Fallon. Auf die Frage, ob die Welt künftig noch Menschen brauche, antwortete der Microsoft-Gründer: „Nicht für die meisten Dinge.“ Einiges werde sich die Menschheit vorbehalten. Im November 2023 hatte Gates im Podcast von Trevor Noah eine Drei-Tage-Woche „wahrscheinlich in Ordnung“ genannt, weil Maschinen das Essen und alle anderen Güter herstellen könnten.

OpenAI-Chef Sam Altman schrieb im September 2024 in seinem Essay „The Intelligence Age“, eine Superintelligenz sei vielleicht in „ein paar Tausend Tagen“ erreichbar, und das neue Zeitalter werde massiven Wohlstand bringen. Im Juni 2025 räumte er in „The Gentle Singularity“ ein, ganze Berufsgruppen würden verschwinden. Intelligenz und Energie sollen in den 2030er-Jahren dagegen „wild im Überfluss“ vorhanden sein.

Altmans Gegenmittel heißt „Universal Basic Compute“: Jeder Mensch solle ein Stück Rechenzeit eines künftigen Sprachmodells besitzen.

JPMorgan-Chef Jamie Dimon sagte im Oktober 2023 bei Bloomberg TV, die nächste Generation werde dank Technik wohl nur dreieinhalb Tage pro Woche arbeiten.

Am schärfsten widerspricht Anthropic-Chef Dario Amodei, der 2024 mit „Machines of Loving Grace“ selbst ein optimistisches Zukunftsbild zeichnete. In seinem Essay „The Adolescence of Technology“ vom Januar 2026 warnt er: KI könne in einem bis fünf Jahren die Hälfte aller Einstiegsjobs im Büro verdrängen. Die Betroffenen könnten eine arbeitslose oder sehr schlecht bezahlte „Unterschicht“ bilden.

WerVersprechenWann und woEigeninteresse
Jeff BezosDrei-Tage-Woche für manche Familien, Personalmangel statt ArbeitslosigkeitFox News, 7. Oktober 2026Amazon-Gründer, Mitgründer des KI-Start-ups Prometheus
Elon MuskArbeit wird optional, Geld irgendwann bedeutungslosInvestitionsforum in Washington, 19. November 2025Tesla soll rund 80 Prozent seines Werts aus dem Roboter Optimus ziehen
Bill GatesMenschen „für die meisten Dinge“ nicht mehr nötigTonight Show, 4. Februar 2025Microsoft-Gründer
Sam Altman„Massiver Wohlstand“ im IntelligenzzeitalterEssay, 23. September 2024Chef von OpenAI
Jamie DimonDreieinhalb-Tage-Woche für die nächste GenerationBloomberg TV, Oktober 2023Chef der Bank JPMorgan Chase
Dario AmodeiWarnt vor einer arbeitslosen oder schlecht bezahlten „Unterschicht“Essay, Januar 2026Chef von Anthropic
Wer was verspricht und woran er verdient. Quellen: Fox News über Business Today, Gizmodo, TheWrap, Sam Altman, WealthManagement.com, Dario Amodei, Bloomberg.
Auf den Punkt
  • Versprechen: Bezos, Musk, Gates, Altman und Dimon sagen Wohlstand bei weniger Arbeit voraus, mit Drei- bis Dreieinhalb-Tage-Wochen oder ganz ohne Job.
  • Eigeninteresse: Alle fünf verdienen an der Technik, die sie anpreisen, Musk etwa am Roboter Optimus.
  • Widerspruch: Amazon baute seit Oktober 2025 rund 30.000 Bürostellen ab, während Bezos die Drei-Tage-Woche verspricht.

Warum blieb die 15-Stunden-Woche von Keynes ein Versprechen?

Weißgerahmte Sanduhr mit orangem Sand und Anhänger beschriftet mit „15 Stunden“ vor weißem Hintergrund
Keynes hielt 1930 eine 15-Stunden-Woche für möglich, bis zum Stichtag 2030 bleiben vier Jahre.

Weil höhere Produktivität nicht von selbst als freie Zeit bei den Beschäftigten ankommt. Keynes sagte 1930 einen vier- bis achtmal höheren Lebensstandard und 15 Wochenstunden voraus. Der Wohlstand kam, vom Zuwachs profitierten aber vor allem die Kapitaleigner.

Im Jahr 1930 veröffentlichte der britische Ökonom John Maynard Keynes den Aufsatz „Economic Possibilities for our Grandchildren“. In hundert Jahren, schrieb er, werde der Lebensstandard vier- bis achtmal so hoch liegen wie damals. „Dreistundenschichten oder eine 15-Stunden-Woche“ könnten das Problem der Arbeit dann für lange Zeit aufschieben.

Bis zum Stichtag 2030 fehlen nur noch vier Jahre.

Im selben Aufsatz prägte Keynes den Begriff der technologischen Arbeitslosigkeit: Arbeitslosigkeit, die entsteht, weil Menschen schneller Wege finden, Arbeit einzusparen, als sie neue Verwendungen für Arbeit finden. Keynes hielt diese Arbeitslosigkeit für eine Übergangserscheinung. Wie lange der Übergang dauert, hängt davon ab, wem die eingesparte Arbeit zugutekommt.

Was die Zahlen seit 1979 zeigen

Das Economic Policy Institute in Washington vergleicht seit Jahrzehnten zwei Kurven. Von 1979 bis 2019 stieg die Nettoproduktivität der amerikanischen Wirtschaft um 59,7 Prozent, die Vergütung eines typischen Beschäftigten nur um 15,8 Prozent. Die Produktivität wuchs damit fast viermal so stark wie der Lohn. Der Rest floss in Kapitalerträge und Spitzengehälter.

Dieselbe Lücke fand der Wirtschaftshistoriker Robert Allen in den britischen Daten der Industrialisierung. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stagnierte der Reallohn, während die Produktion je Arbeiter wuchs, und die Profitrate verdoppelte sich. Erst nach etwa 1850 stiegen die Löhne im Gleichschritt mit der Produktivität.

Allen nennt diese Jahrzehnte „Engels’ Pause“, nach Friedrich Engels, der 1845 das Elend der Arbeiter in Manchester beschrieb. Eine ganze Generation erlebte den Fortschritt als Verschlechterung.

Ohne Gegenmacht kein geteilter Wohlstand

Die Nobelpreisträger Daron Acemoglu und Simon Johnson schließen daraus in ihrem Buch „Power and Progress“ von 2023, dass geteilter Wohlstand nicht automatisch aus neuer Technik folgt. Entscheidend sei, wer die Technik steuert und ob sie Arbeit ersetzt oder ergänzt. Breit verteilte Gewinne entstanden historisch erst mit wachsender Gegenmacht: Gewerkschaften, Arbeitsschutz, Wahlrecht, Sozialversicherung.

Im achten Kapitel der „Zeitmaschine“ von 1895 kippt die Idylle: Der Zeitreisende erklärt die Spaltung in Eloi und Morlocks als Ausweitung des Unterschieds „zwischen dem Kapitalisten und dem Arbeiter“. Oben lebt die besitzende Klasse in Muße, unten bedienen die Besitzlosen die Maschinen. Wir halten den Roman für eine präzisere Prognose als jedes Keynote-Versprechen aus dem Silicon Valley.

Versprochen und eingetreten: 200 Jahre Produktivität
Jede Welle der Automatisierung versprach weniger Arbeit. Hervorgehoben sind die beiden Phasen, in denen die Gewinne beim Kapital blieben.
15 Std.
Wochenarbeit hielt Keynes 1930 im Jahr 2030 für möglich
4–8×
höheren Lebensstandard sagte Keynes für 2030 voraus
59,7 %
wuchs die Produktivität in den USA von 1979 bis 2019
15,8 %
wuchs im selben Zeitraum die Vergütung typischer Beschäftigter
1800–1850
Engels’ Pause
In Großbritannien wächst die Produktion je Arbeiter, der Reallohn stagniert, die Profitrate verdoppelt sich.
1895
Die Zeitmaschine
H. G. Wells beschreibt eine Menschheit, gespalten in Eloi an der Oberfläche und Morlocks bei den Maschinen.
1930
Keynes
Der Ökonom prägt den Begriff der technologischen Arbeitslosigkeit und hält sie für vorübergehend.
1979–2019
Die Schere
Der Zuwachs fließt vor allem in Kapitalerträge und Spitzengehälter.
2026
Bezos
Der Amazon-Gründer verspricht manchen Familien die Drei-Tage-Woche durch KI.

Die EPI-Werte beziehen sich auf die Nettoproduktivität der US-Wirtschaft und die Vergütung eines typischen Beschäftigten ohne Führungsfunktion. Allens Befund gilt für die britische Industrialisierung bis etwa 1850.

Wem gehören die Gewinne aus KI und Robotik?

Eine Waage mit Server und Münzen links sowie dem Wort „Lohn“ rechts vor weißem Hintergrund
Ein KI-Agent bezieht keinen Lohn, sein Ertrag fließt an den Eigentümer der Software.

Nach heutigem Stand den Eigentümern von Rechenzentren, Modellen und Robotern. Ein Roboter bezieht keinen Lohn, der Ertrag seiner Arbeit fließt als Gewinn an den Konzern und seine Aktionäre.

Im Januar 2026 legte die Entwicklungsorganisation Oxfam ihren Ungleichheitsbericht vor. Erstmals zählt die Welt mehr als 3.000 Milliardäre. Das Vermögen der Milliardäre stieg 2025 um mehr als 16 Prozent auf umgerechnet rund 16,3 Billionen Euro, dreimal so schnell wie im Schnitt der fünf Jahre davor und seit 2020 um 81 Prozent. Die zwölf reichsten Menschen besitzen mehr als die ärmere Hälfte der Menschheit, also mehr als vier Milliarden Menschen zusammen.

An der Spitze stehen die Männer, die das Ende der Arbeit ankündigen. Die Forbes-Liste vom September 2026 führt Elon Musk mit umgerechnet rund 810 Milliarden Euro, Jeff Bezos folgt mit rund 337 Milliarden Euro. Beide Vermögen stecken zum größten Teil in Aktien von Unternehmen, die mit Automatisierung, Cloud und KI ihr Geld verdienen.

Ein KI-Agent, der Rechnungen kontiert, arbeitet für den Eigentümer der Software. Je mehr Tätigkeiten Maschinen übernehmen, desto größer wird der Anteil am Einkommen, der als Gewinn statt als Gehalt ausgezahlt wird. Beschäftigte verhandeln ihren Lohn plötzlich im Wettbewerb mit einem Konkurrenten, der weder Urlaub noch Rente verlangt.

Bei diesen Verhandlungen sitzen die Kapitaleigner am längeren Hebel.

Was Ökonomen von der KI-Rendite erwarten

Daron Acemoglu hat 2024 in seinem Aufsatz „The Simple Macroeconomics of AI“ nachgerechnet, was KI gesamtwirtschaftlich bringt. Er kommt auf ein Plus der totalen Faktorproduktivität von höchstens 0,66 Prozent in zehn Jahren und ein zusätzliches Wachstum der Wirtschaftsleistung von rund 1,1 bis 1,6 Prozent im selben Zeitraum. Gleichzeitig erwartet er, dass sich die Schere zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen weiter öffnet.

Bezos’ Drei-Tage-Woche setzt voraus, dass Stundenlöhne steigen und Unternehmen den Ertrag der KI an ihre Beschäftigten weitergeben. Weniger Gesamtwachstum und mehr Gewinnanteil für das Kapital ergeben das Gegenteil.

In seinem Essay vom Januar 2026 zieht Dario Amodei den Vergleich mit John D. Rockefeller: Das Vermögen des Ölmagnaten entsprach auf seinem Höhepunkt rund 2 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung, heute wären das etwa 535 Milliarden Euro. KI könne persönliche Vermögen bis weit in die Billionen hervorbringen, und eine solche Konzentration könne die Gesellschaft zerreißen. Seine Forderung: Die Spitzenreiter des KI-Booms sollten Vermögen und Macht abgeben.

Freiwillig haben Mächtige ihre Macht allerdings selten abgegeben. Auch das Wissen über die stärksten Systeme bleibt in wenigen Händen: Der KI-Forscher Andrej Karpathy schätzt die Zahl der Menschen mit Zugang zu den internen Spitzensystemen der Labore auf rund 5.000. Sein Trichter vom Oktober 2026 zeigt, wer Zugang zu den stärksten KI-Systemen hat.

Auf den Punkt

Acemoglu erwartet von der KI ein kleines Wachstumsplus von 1,1 bis 1,6 Prozent in zehn Jahren und eine wachsende Schere zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen. Amodei hält KI-Vermögen bis weit in die Billionen für möglich, Rockefeller kam umgerechnet auf rund 535 Milliarden Euro.

Was zeigen die Arbeitsmarktdaten schon heute?

Weiße Leiter an weißer Wand mit orangem Schild und Aufschrift „EINSTIEG“
Bei 22- bis 25-Jährigen in KI-exponierten Berufen messen Stanford-Forscher eine Lücke von 19 Prozent.

Erste deutliche Spuren, vor allem beim Berufseinstieg. In KI-exponierten Berufen liegt die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen in den USA 19 Prozent unter dem Pfad weniger exponierter Altersgenossen. Unternehmen stellen weniger junge Leute ein, statt massenhaft zu entlassen.

Die Ökonomen Erik Brynjolfsson, Bharat Chandar und Ruyu Chen vom Stanford Digital Economy Lab werten dafür die Lohnabrechnungsdaten des Dienstleisters ADP aus. In der ersten Fassung ihrer Studie „Canaries in the Coal Mine?“ vom August 2025 lag die Lücke bei 13 Prozent, im November 2025 bei 16 Prozent. Die Fassung vom August 2026 mit Daten bis Juni misst 19 Prozent.

Erfahrene Beschäftigte in denselben Berufen zeigen keinen vergleichbaren Rückgang. Die Autoren finden ausdrücklich keine Belege für eine breite Verdrängung in der gesamten Wirtschaft.

Bricht die unterste Sprosse der Karriereleiter weg, fehlen in zehn Jahren trotzdem die Fachkräfte, die heute als Berufseinsteiger lernen müssten. Die Kanarienvögel im Titel der Studie stammen aus dem Bergbau: Die Vögel warnten die Kumpel vor Gas, lange bevor die Menschen etwas merkten.

Konzerne nennen die KI inzwischen offen als Grund

Die Personalberatung Challenger, Gray & Christmas zählt in den USA angekündigte Stellenstreichungen und die genannten Gründe. Für das gesamte Jahr 2025 begründeten Arbeitgeber 54.836 geplante Streichungen mit KI, rund 4,5 Prozent aller Fälle.

Von Januar bis September 2026 zählte Challenger bereits 120.136 Fälle, etwa 21 Prozent aller angekündigten Streichungen. KI ist in diesem Jahr der häufigste Grund für angekündigte Entlassungen.

Salesforce-Chef Marc Benioff verkleinerte den Kundensupport von 9.000 auf rund 5.000 Stellen, „weil ich weniger Köpfe brauche“, wie er im September 2025 in einem Podcast sagte. Amazon strich im Oktober 2025 rund 14.000 und im Januar 2026 weitere 16.000 Bürostellen. Personalchefin Beth Galetti nannte die aktuelle KI-Generation im Begleitschreiben die transformativste Technik seit dem Internet.

Die Lücke beim Berufseinstieg wächst
Beschäftigung junger Menschen in KI-exponierten Berufen im Vergleich zu weniger exponierten Altersgenossen, dazu die Lage in den USA und in Deutschland.
19 %
Beschäftigungslücke bei 22- bis 25-Jährigen in KI-exponierten Berufen (USA)
120.136
angekündigte Stellenstreichungen mit KI als Grund, Januar bis September 2026 (USA)
38 %
der Beschäftigten in Deutschland arbeiten in Berufen mit über 70 Prozent ersetzbaren Tätigkeiten
16,8
Arbeitslose kamen im September 2026 auf eine offene Stelle in Büro und Sekretariat
August 2025
13 %
erste Fassung der Stanford-Studie
November 2025
16 %
überarbeitete Fassung
August 2026
19 %
Daten bis Juni 2026

Die Stanford-Werte zeigen, wie weit die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen hinter dem Pfad weniger exponierter Altersgenossen zurückliegt. Bei erfahrenen Beschäftigten bleibt eine vergleichbare Lücke aus. Das IAB misst ein technisches Potenzial, keinen Stellenabbau.

Deutschland: Potenzial trifft auf Demografie

Der Internationale Währungsfonds schätzte schon im Januar 2024, dass fast 40 Prozent der Beschäftigung weltweit KI ausgesetzt sind, in Industrieländern rund 60 Prozent. IWF-Chefin Kristalina Georgieva schrieb dazu, KI werde die Ungleichheit in den meisten Szenarien insgesamt verschärfen.

Für Deutschland misst das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), welcher Anteil der Tätigkeiten eines Berufs sich mit heutiger Technik erledigen ließe. Nach dem Kurzbericht 5/2024 arbeiteten 2022 bereits 38 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berufen mit einem Substituierbarkeitspotenzial von mehr als 70 Prozent, insgesamt 13,03 Millionen Menschen. 2019 lag der Anteil noch bei 34 Prozent.

Das IAB betont selbst, dass ein technisches Potenzial noch keinen Stellenabbau bedeutet.

Laut Bitkom berichteten im Mai 2026 22 Prozent der Erwerbstätigen, ihr Arbeitgeber besetze wegen KI Stellen nicht nach oder baue sie ab. Dass der KI-Umbau zuerst die Bürojobs erreicht, passt zur Statistik der Bundesagentur für Arbeit: Im September 2026 kamen auf eine offene Stelle in Büro und Sekretariat 16,8 Arbeitslose, drei Jahre zuvor 7,0.

Gegen die These vom wachsenden Prekariat spricht in Deutschland die Demografie. Ohne Zuwanderung schrumpft das Arbeitskräfteangebot laut IAB bis 2035 um 7,2 Millionen Menschen. Bezos’ Arbeitskräftemangel kommt hierzulande also ganz ohne KI. Der Mangel trifft allerdings Pflege, Handwerk und Technik, während KI vor allem in Sachbearbeitung, Buchhaltung und Kundenservice Stellen überflüssig macht.

Eine Buchhalterin mit 56 Jahren wird nicht nebenbei zur Elektrikerin. Das Prekariat wächst in der Lücke zwischen den Profilen, die frei werden, und denen, die Betriebe suchen.

Auf den Punkt
  • Einstieg: Bei jungen Beschäftigten in KI-exponierten Berufen wuchs die Lücke laut Stanford von 13 auf 19 Prozent.
  • Entlassungen: KI ist 2026 in den USA der häufigste Grund für angekündigte Stellenstreichungen.
  • Deutschland: Der Fachkräftemangel in Pflege und Handwerk hilft der freigesetzten Bürokraft wenig.

Kann der Sozialstaat ein KI-Prekariat auffangen?

Sparschwein wird mittels Infusion mit
Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung hängen an Beiträgen auf Löhne, die KI-Rendite fällt als Gewinn an.

In seiner heutigen Form nicht. Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung finanzieren sich aus Beiträgen auf Löhne. Schrumpft die Lohnarbeit, schrumpfen die Einnahmen, während die Zahl der Menschen wächst, die auf Leistungen angewiesen sind.

Schon heute gibt Deutschland fast jeden dritten Euro seiner Wirtschaftsleistung für Soziales aus. Das Sozialbudget des Bundesarbeitsministeriums weist für 2025 nach vorläufigen Zahlen Sozialleistungen von rund 1,43 Billionen Euro aus, eine Sozialleistungsquote von 32 Prozent. Bürgergeld bezogen 2025 im Schnitt rund 5,32 Millionen Menschen.

Das System hängt am Lohnzettel. Ein KI-Agent, der die Arbeit von zehn Sachbearbeitern erledigt, zahlt keinen einzigen Euro in die Rentenkasse. Der Gewinn des Unternehmens steigt, die Beitragsbasis sinkt. Gewinne lassen sich zudem verschieben, Löhne in einem Werk in Stuttgart nicht.

Elon Musk hält Geld irgendwann für bedeutungslos und besitzt laut Forbes rund 810 Milliarden Euro.

Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
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Welche Vorschläge zur Verteilung auf dem Tisch liegen

Bill Gates schlug schon im Februar 2017 im Gespräch mit dem Magazin Quartz eine Robotersteuer vor. Ein Fabrikarbeiter zahle auf sein Einkommen Steuern, ein Roboter, der dieselbe Arbeit erledigt, solle ähnlich besteuert werden. Notfalls müsse der Staat das Tempo der Automatisierung bremsen.

Eine eigene Steuer auf Roboter oder Software erhebt Deutschland bis heute nicht, auch weil sich schwer festlegen lässt, wo bei einem Programm der Roboter beginnt.

Besser erforscht ist das bedingungslose Grundeinkommen. Finnland zahlte 2017 und 2018 an 2.000 Arbeitslose 560 Euro im Monat ohne Gegenleistung. Die Empfänger arbeiteten im Schnitt 78 statt 72 Tage im Untersuchungszeitraum und berichteten von deutlich besserem Wohlbefinden.

Für eine Studie zahlte die Organisation OpenResearch, finanziert von Sam Altman, von November 2020 bis Oktober 2023 an 1.000 Menschen mit niedrigem Einkommen in Illinois und Texas umgerechnet rund 890 Euro im Monat. Nach der jüngsten Auswertung beim National Bureau of Economic Research vom Januar 2026 sank das eigene Einkommen der Empfänger gegenüber der Kontrollgruppe um umgerechnet rund 1.700 Euro im Jahr, ihre Erwerbsbeteiligung um 4,2 Prozentpunkte.

Weniger Stress und eine bessere psychische Gesundheit zeigten sich nur im ersten Jahr.

Ein Rechenbeispiel für Deutschland: Angenommen, der Staat zahlte 70 Millionen Erwachsenen je 1.200 Euro im Monat. Im Jahr ergäbe das rund 1 Billion Euro, gut zwei Drittel des heutigen Sozialbudgets, zusätzlich oder als Ersatz für Rente, Bürgergeld und Kindergeld.

Finanzieren ließe sich diese Summe nur aus Gewinnen, die der Fiskus heute schon schwer zu fassen bekommt.

IdeeVorgeschlagen vonHaken
RobotersteuerBill Gates, 2017Bei Software und KI-Agenten lässt sich schwer festlegen, was als Roboter gilt
Bedingungsloses GrundeinkommenFeldversuche in Finnland 2017/18 und von OpenResearch 2020 bis 2023Im Rechenbeispiel rund 1 Billion Euro im Jahr allein für Deutschland
Universelles hohes EinkommenElon Musk, 2024Einen Weg zur Finanzierung nennt Musk nicht
Universal Basic ComputeSam Altman, 2024Rechenzeit muss erst zu Geld werden, bevor sich Miete und Essen davon bezahlen lassen
Abgabe von Vermögen und MachtDario Amodei, 2026Die Abgabe soll freiwillig erfolgen
Fünf Ideen, die KI-Rendite zu verteilen, und ihre Haken. Quellen: Fortune, STM Finnland, NBER, CNN, Business Insider, Dario Amodei, Rechenbeispiel der Redaktion.

Selbst Dario Amodei hält ein großes Grundeinkommen nur für einen kleinen Teil der Lösung. Ein Land mit einem Bruchteil der deutschen Wirtschaftskraft kann seine freigesetzten Beschäftigten in diesem Umfang erst recht nicht alimentieren.

Auf den Punkt

Ein Grundeinkommen von 1.200 Euro für alle Erwachsenen würde rund 1 Billion Euro im Jahr kosten. Die Feldversuche aus Finnland und den USA zeigen mehr Wohlbefinden, aber keinen Weg, die Zahlungen für ein ganzes Land zu finanzieren.

Warum regelt niemand die KI-Gewinne weltweit?

Ein runder Tisch mit acht Stühlen und einem orangefarbenen Schild, auf dem „Reserviert“ steht
Expertenrat und globaler Dialog der UN zur KI beraten, beschließen aber keine verbindlichen Regeln.

Weil keine Instanz dafür die Macht hat. Die globale Mindeststeuer von 15 Prozent gilt seit 2026 für die Mutterkonzerne aus den USA in den Kernregeln nicht mehr, und die UN-Gremien zur KI beschließen keine verbindlichen Regeln.

Gewinne aus KI fallen dort an, wo die Eigentümer von Modellen, Patenten und Rechenzentren ihren rechtlichen Sitz haben. OpenAI, Anthropic, Google, Microsoft, Amazon, Meta, Nvidia und Tesla sitzen in den USA. Eine Buchhaltungssoftware, die in Hamburg eine Stelle überflüssig macht, verschiebt die Wertschöpfung von einem deutschen Lohnkonto in eine amerikanische Konzernbilanz.

Um genau diese Verschiebung zu bremsen, hatten sich im Oktober 2021 unter dem Dach der OECD 136 Staaten und Steuergebiete auf eine globale Mindeststeuer von 15 Prozent für große Konzerne geeinigt. Im Juni 2025 verständigten sich die G7-Staaten auf ein „Side-by-Side“-System, das Konzerne mit US-Muttergesellschaft von den zentralen Regeln ausnimmt.

Im Gegenzug ließ Washington eine geplante Vergeltungssteuer fallen. Seit dem Geschäftsjahr 2026 gilt die Ausnahme.

Die größten Gewinner der KI zahlen damit ausgerechnet in dem System, das sie erfassen sollte, keine Ergänzungssteuer im Ausland.

Die UN beraten, entscheiden aber nichts

Im August 2025 richtete die UN-Generalversammlung einvernehmlich zwei neue Gremien ein: einen unabhängigen wissenschaftlichen Expertenrat zur KI mit 40 Mitgliedern unter dem Ko-Vorsitz von Yoshua Bengio und Maria Ressa sowie einen globalen Dialog zur KI-Governance. Der Dialog tagte erstmals im Juli 2026 in Genf, das nächste Treffen ist für Mai 2027 in New York geplant.

Verbindliche Regeln beschließt keines der beiden Gremien.

Eine Staatengemeinschaft, die Gewinne über Grenzen hinweg umverteilt, hat die Welt nie gekannt. Schon bei einer gemeinsamen Steuer auf digitale Dienste kommen die Staaten seit Jahren nicht zusammen. Das Heft in der Hand haben bei der KI die Konzerne und die Regierungen, in deren Ländern sie sitzen.

Die fehlende Umverteilung über Grenzen hinweg ist ein Konstruktionsfehler in der Utopie der Milliardäre. Musks „universelles hohes Einkommen“ müsste weltweit fließen, die Steuerbasis dafür liegt in einem einzigen Land. Weder die Philippinen noch Deutschland können den Gewinn eines Konzerns in Kalifornien besteuern, dessen Software einen Callcenter-Mitarbeiter in Manila oder eine Sachbearbeiterin in Gelsenkirchen ersetzt.

Auf den Punkt
  • Mindeststeuer: Im Gegenzug für die Ausnahme der US-Konzerne ließ Washington eine geplante Vergeltungssteuer fallen.
  • UN: Expertenrat und globaler Dialog zur KI beraten, beschließen aber keine verbindlichen Regeln.
  • Steuerbasis: Die Gewinne der KI fallen fast alle in einem Land an, ihre Folgen spüren Beschäftigte weltweit.

Wie sieht die Arbeitswelt 2035 realistisch aus?

Kasten mit Zahnrädern, Jahrzahl 2035 und oranger Pflanze auf weissem Grund
Oben Garten, unten Maschinenraum: Bei H. G. Wells trennt sich die Menschheit in Eloi und Morlocks.

Ohne Gegensteuern nach dem Muster von Wells: oben eine kleine Schicht mit Kapital und Spitzenwissen, darunter eine wachsende Gruppe mit unsicherem Einkommen und ein Sozialstaat, der Lücken stopft. Die Drei-Tage-Woche bekommen zuerst die Eigentümer der Maschinen.

Mustafa Suleyman, Chef der KI-Sparte von Microsoft, sagte im Februar 2026 der Financial Times, die meisten Aufgaben im Büro würden binnen 12 bis 18 Monaten vollständig von KI erledigt.

Elon Musk erwartete im Januar 2026 in Davos mehr Roboter als Menschen und eine KI, die um 2030 klüger sei als die gesamte Menschheit.

Selbst falls beide den Zeitpunkt zu früh ansetzen, weist die Richtung für die Lohnarbeit am Schreibtisch klar nach unten.

Für die Redaktion zeichnen sich drei Szenarien ab. Die Technik ist in allen dreien dieselbe, verschieden ist allein, wer die Erträge bekommt.

SzenarioWas dafür geschehen müssteEinschätzung der Redaktion
Utopie der MilliardäreKI-Gewinne fließen über Löhne, Dividenden oder Transfers breit an alle zurück, ohne dass jemand das erzwingtUnwahrscheinlich, seit 1979 zeigen die US-Daten den umgekehrten Weg
Eloi und MorlocksGewinne bleiben beim Kapital, der Berufseinstieg bricht weg, der Sozialstaat stopft Löcher mit sinkenden BeiträgenWahrscheinlich, solange niemand gegensteuert
Gesteuerter ÜbergangKürzere Arbeitszeit per Tarifvertrag, Steuern auf KI-Gewinne, bezahlte UmschulungMöglich, braucht Gegenmacht von Gewerkschaften und Parlamenten
Drei Szenarien für 2035. Einschätzung der Redaktion auf Basis von EPI, Stanford, Challenger und Acemoglu.

Das wahrscheinliche Szenario: Prekariat auf Raten

Ein Massenheer von Arbeitslosen vor leeren Fabriken ist für Deutschland nicht das wahrscheinliche Bild. Die Demografie verhindert das, und Pflege, Handwerk und Technik suchen weiter Personal. Das Prekariat wächst leiser, in drei Gruppen.

Die erste Gruppe sind Berufseinsteiger, die keinen Fuß in die Tür bekommen, weil die Juniorstelle in Buchhaltung, Marketing oder Kundenservice nicht mehr ausgeschrieben wird. Die Stanford-Daten belegen diese Entwicklung bereits.

Hinzu kommen Bürokräfte zwischen Ende 40 und Ende 50, deren Stelle wegfällt und für die auf jede freie Stelle in Büro und Sekretariat 16,8 Arbeitslose kommen.

Unter Druck stehen außerdem Selbstständige in Text, Übersetzung und Grafik. Xiang Hui, Oren Reshef und Luofeng Zhou haben in der Fachzeitschrift Organization Science eine große Freelancer-Plattform ausgewertet: Nach dem Start von ChatGPT bekamen Freiberufler in stark betroffenen Berufen weniger Aufträge und verdienten weniger, die besten unter ihnen eingeschlossen.

Keine dieser Gruppen taucht sofort in der Arbeitslosenstatistik auf. Die Betroffenen verlieren Einkommen, Aufstiegschancen und Sicherheit, nicht unbedingt den Job.

Bei Wells brauchte die Spaltung der Menschheit 800.000 Jahre. Mit KI kann eine ähnliche Trennung in einer Generation entstehen, sobald Politik und Unternehmen den Ertrag allein dem Kapital überlassen. Wir halten das zweite Szenario deshalb für das wahrscheinliche, solange niemand die Verteilung zum Thema macht.

Die 40-Stunden-Woche, den bezahlten Urlaub und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall haben Gewerkschaften und Parlamente über Jahrzehnte gegen den Widerstand der Fabrikbesitzer durchgesetzt.

Auf den Punkt
  • Tempo: Microsoft-KI-Chef Suleyman erwartet, dass KI die meisten Büroaufgaben binnen 12 bis 18 Monaten erledigt.
  • Prekariat: Betroffen sind Berufseinsteiger, ältere Bürokräfte und Selbstständige in Text, Übersetzung und Grafik, oft ohne Eintrag in der Arbeitslosenstatistik.
  • Ausweg: Kürzere Arbeitszeit kam historisch nur durch Gegenmacht, nie als Geschenk.

Wem gehört der Zeitgewinn in Ihrem Unternehmen?

Eine weiße Stoppuhr mit orangefarbenem Band und dem Wort „Wem?“ darauf
Ob KI-Zeitgewinn als freie Zeit, Prämie oder gestrichene Stelle ankommt, entscheidet zuerst der Betrieb.

Das entscheiden Sie selbst, lange bevor ein Gesetz kommt. Ob die KI-Rendite in Ihrem Betrieb als freie Zeit, als höherer Lohn oder als gestrichene Stelle ankommt, legen Geschäftsführung und Belegschaft fest. Ohne eigene Regel fällt die Wahl von selbst auf die gestrichene Stelle.

Für Geschäftsführer im Mittelstand klingt die Debatte über Milliardärsutopien weit weg. Die Frage dahinter landet trotzdem auf Ihrem Tisch, sobald die erste Abteilung mit KI-Werkzeugen spürbar schneller arbeitet. Vier Entscheidungen lohnen sich jetzt:

  1. Messen Sie gerne zuerst, welche Tätigkeiten KI in Ihrem Betrieb verkürzt und wie viele Stunden pro Woche das spart. Ohne Zahl lässt sich über den Gewinn nicht verhandeln.
  2. Halten Sie Einstiegsstellen und Ausbildungsplätze, auch wenn ein Agent die Juniorarbeit billiger erledigt. Ohne Nachwuchs fehlen Ihnen 2035 die erfahrenen Fachkräfte.
  3. Legen Sie fest, welchen Anteil der gewonnenen Zeit Sie als kürzere Arbeitszeit oder als Prämie weitergeben. Eine kürzere Woche oder eine Prämie bindet Personal in einem Markt, dem bis 2035 Millionen Arbeitskräfte fehlen.
  4. Bieten Sie älteren Bürokräften früh eine interne Umschulung an, bevor ihre Stelle wegfällt. Eine Weiterqualifizierung kostet weniger als Abfindung und Neueinstellung zusammen.

Ein im Juni 2026 bekannt gewordener Entwurf aus dem Bundesarbeitsministerium will Tarifpartnern eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit erlauben, ab dem 1. Januar 2027 soll die elektronische Arbeitszeiterfassung Pflicht werden.

Kürzere Wochen bei gleichem Lohn regelt der Entwurf nicht, die müssen Betriebe und Tarifpartner selbst vereinbaren.

Unsere Einordnung

Jeff Bezos liegt mit einem Satz richtig: Produktivität entscheidet über Wohlstand. Ob aus dem Wohlstand eine Drei-Tage-Woche für die Familie wird oder ein Rekordvermögen für die Aktionäre, beantwortet die Produktivität nicht. Seit 1979 fällt die Antwort in den USA eindeutig aus, und in der Industrialisierung vergingen zwei Generationen, bis Löhne mit der Leistung Schritt hielten.

Die Utopie der Milliardäre ist deshalb kein technischer Irrtum, sondern ein politischer. Milch und Honig fließen nur dorthin, wo jemand die Leitungen legt, und bislang legen die Leitungen dieselben Männer, die das Paradies versprechen.

Zum Mitnehmen

Wie sich die KI-Rendite verteilt, legen Betriebe, Tarifpartner und Parlamente fest. Unternehmen, die ihren Zeitgewinn messen und einen Teil davon weitergeben, sichern sich die Fachkräfte, die dem Markt bis 2035 fehlen.

Glossar: 17 wichtige Fachbegriffe zur KI-Utopie und zur Arbeit von morgen

Offenes Notizbuch, liniiert, mit orangefarbenem Zahnrad-Lesezeichen und Anhänger „Suche läuft.“
Von Engels’ Pause bis Universal Basic Compute: die wichtigsten Begriffe zur KI-Utopie.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Bedingungsloses Grundeinkommen bezeichnet eine regelmäßige Zahlung des Staates an alle Bürger, ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne Pflicht zur Arbeit. Befürworter sehen darin die Antwort auf Jobverluste durch KI. In Feldversuchen wie in Finnland und den USA bekam nur eine kleine Gruppe zwei bis drei Jahre lang Geld.

Eloi und Morlocks

Eloi und Morlocks heißen die beiden Menschenarten in H. G. Wells’ Roman „Die Zeitmaschine“ von 1895. Die Eloi leben im Jahr 802.701 sorglos an der Oberfläche, die Morlocks unter der Erde bei den Maschinen. Wells beschrieb damit eine Gesellschaft, in der sich Besitzende und Arbeitende vollständig voneinander getrennt haben.

Engels’ Pause

Engels’ Pause nennt der Wirtschaftshistoriker Robert Allen die Jahrzehnte der britischen Industrialisierung, in denen die Produktion je Arbeiter wuchs, der Reallohn aber stagnierte. Erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts stiegen die Löhne im Gleichschritt mit der Produktivität. Der Name erinnert an Friedrich Engels und seine Beschreibung der Arbeiter in Manchester.

Globale Mindeststeuer

Globale Mindeststeuer bezeichnet die Vereinbarung von 136 Staaten und Steuergebieten aus dem Jahr 2021, große Konzerne mit mindestens 15 Prozent zu besteuern. Seit dem Geschäftsjahr 2026 sind Konzerne mit US-Muttergesellschaft von den Kernregeln ausgenommen. Ausgerechnet die größten KI-Konzerne haben dort ihren Sitz.

Humanoider Roboter

Humanoider Roboter heißt eine Maschine mit menschenähnlichem Körperbau, also mit Rumpf, Armen, Beinen und Greifhänden. Solche Roboter sollen Arbeiten in Umgebungen erledigen, die für Menschen gebaut sind. Tesla entwickelt mit Optimus ein solches Modell und verfehlte das Produktionsziel von 10.000 Stück für 2025 deutlich.

Kapitaleinkommen

Kapitaleinkommen umfasst Gewinne, Dividenden, Zinsen und Mieten, also alle Einkommen aus Besitz statt aus Arbeit. Übernehmen Maschinen und Software mehr Tätigkeiten, wächst der Anteil des Kapitaleinkommens am Volkseinkommen. Gegenstück ist das Arbeitseinkommen aus Löhnen und Gehältern.

KI-Exposition

KI-Exposition misst, wie stark die Tätigkeiten eines Berufs von künstlicher Intelligenz berührt werden. Eine hohe Exposition kann Ersatz oder Unterstützung bedeuten. Nach einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds betrifft das weltweit fast 40 Prozent der Beschäftigung.

Prekariat

Prekariat bezeichnet eine soziale Gruppe mit unsicheren Jobs, niedrigen oder schwankenden Einkommen und geringer sozialer Absicherung. Der Begriff verbindet „prekär“ und „Proletariat“. Im Zusammenhang mit KI meint er Menschen, deren Arbeit an Wert verliert, auch ohne dass sie arbeitslos gemeldet sind.

Produktivität

Produktivität beschreibt, wie viel Wert eine Arbeitsstunde erzeugt. Steigt die Produktivität, ließe sich dasselbe Einkommen in weniger Stunden erwirtschaften. Beschäftigte haben nur etwas davon, falls die Löhne mitsteigen. In den USA wuchs die Produktivität seit 1979 deutlich stärker als die Vergütung typischer Beschäftigter.

Robotersteuer

Robotersteuer heißt der Vorschlag, Maschinen und Software zu besteuern, die menschliche Arbeit ersetzen. Bill Gates brachte die Idee 2017 ins Gespräch: Ein Roboter solle ähnlich belastet werden wie der Arbeiter, dessen Arbeit er übernimmt. Schwierig bleibt die Abgrenzung, vor allem bei Software und KI-Agenten.

Side-by-Side-System

Side-by-Side-System nennen OECD und G7 die Regelung, nach der das amerikanische Steuersystem neben der globalen Mindeststeuer bestehen darf und Konzerne mit US-Muttergesellschaft deren Kernregeln nicht unterliegen. Die G7 einigten sich im Juni 2025 darauf, das OECD-Paket vom Januar 2026 setzt die Regelung um.

Sozialleistungsquote

Sozialleistungsquote gibt an, welcher Anteil der Wirtschaftsleistung in Sozialleistungen fließt. Für Deutschland lag der Wert 2025 nach vorläufigen Zahlen des Bundesarbeitsministeriums bei 32 Prozent, das entspricht rund 1,43 Billionen Euro. Ein großer Teil davon wird über Beiträge auf Löhne finanziert.

Substituierbarkeitspotenzial

Substituierbarkeitspotenzial nennt das IAB den Anteil der Kerntätigkeiten eines Berufs, den Computer oder computergesteuerte Maschinen mit heutiger Technik erledigen könnten. Der Wert beschreibt eine technische Möglichkeit, keinen Stellenabbau. 2022 arbeiteten 38 Prozent der Beschäftigten in Berufen mit einem Potenzial über 70 Prozent.

Superintelligenz

Superintelligenz bezeichnet eine künstliche Intelligenz, die Menschen in nahezu allen geistigen Fähigkeiten übertrifft. OpenAI-Chef Sam Altman hält eine Superintelligenz in „ein paar Tausend Tagen“ für möglich, Elon Musk erwartet um 2030 eine KI, die klüger ist als die gesamte Menschheit. Belege für diese Zeitpläne gibt keiner der beiden.

Technologische Arbeitslosigkeit

Technologische Arbeitslosigkeit ist ein Begriff von John Maynard Keynes aus dem Jahr 1930. Gemeint ist Arbeitslosigkeit, die entsteht, weil Menschen schneller Wege finden, Arbeit einzusparen, als sie neue Verwendungen für Arbeit finden. Keynes hielt diese Form der Arbeitslosigkeit für eine Übergangserscheinung.

Totale Faktorproduktivität

Totale Faktorproduktivität misst den Teil des Wachstums, der nicht aus mehr Arbeit oder mehr Kapital entsteht, sondern aus besserer Technik und Organisation. Daron Acemoglu schätzt den Beitrag der KI dazu auf höchstens 0,66 Prozent in zehn Jahren, weit weniger, als die Branche verspricht.

Universal Basic Compute

Universal Basic Compute heißt Sam Altmans Idee, jedem Menschen statt Geld einen Anteil an der Rechenzeit eines künftigen Sprachmodells zu geben. Ungenutzte Anteile ließen sich verkaufen oder verleihen. Offen bleibt, wie aus Rechenzeit Miete, Essen und Krankenversicherung bezahlt werden.

FAQ: „Arbeit wird optional“: die KI-Utopie im Realitätscheck

Ein Honigglas mit „FAQ“-Etikett und weißem Honiglöffel auf weißem Grund
Häufige Fragen zur Drei-Tage-Woche, zum Grundeinkommen und zur Robotersteuer.

Was hat Jeff Bezos über die Drei-Tage-Woche gesagt?

Bezos sagte am 7. Oktober 2026 bei Fox News, KI werde die Produktivität so steigern, dass manche Menschen ihre Familie mit drei Arbeitstagen pro Woche ernähren könnten. Viele Haushalte bräuchten kein zweites Einkommen mehr. Aus dieser Rechnung leitet er einen Arbeitskräftemangel statt Massenarbeitslosigkeit ab.

Hat Keynes die 15-Stunden-Woche wirklich vorhergesagt?

Ja. John Maynard Keynes schrieb 1930 im Aufsatz Economic Possibilities for our Grandchildren, Dreistundenschichten oder eine 15-Stunden-Woche könnten in hundert Jahren genügen. Er rechnete mit einem vier- bis achtmal höheren Lebensstandard.

Vernichtet KI schon heute Arbeitsplätze?

In ersten Bereichen ja, vor allem beim Berufseinstieg. Stanford-Forscher messen bei 22- bis 25-Jährigen in KI-exponierten Berufen eine Lücke von 19 Prozent, finden aber keine breite Verdrängung in der gesamten Wirtschaft. In den USA nannten Arbeitgeber 2026 bis September bei 120.136 angekündigten Streichungen KI als Grund.

Was hat das finnische Grundeinkommen-Experiment ergeben?

Finnland zahlte 2017 und 2018 an 2.000 Arbeitslose 560 Euro im Monat. Die Teilnehmer arbeiteten im Schnitt 78 statt 72 Tage im Untersuchungszeitraum und fühlten sich deutlich wohler. Wie ein ganzes Land die Zahlungen finanzieren könnte, ließ der Versuch offen.

Was ist eine Robotersteuer?

Eine Robotersteuer belastet Maschinen oder Software, die menschliche Arbeit ersetzen, ähnlich wie die Lohnsteuer den Arbeiter belastet. Bill Gates brachte die Idee 2017 ins Gespräch. Deutschland erhebt keine solche Steuer, auch weil sich schwer festlegen lässt, wo bei einem Programm der Roboter beginnt.

Gilt die globale Mindeststeuer für US-Konzerne?

In den Kernregeln nicht mehr. Die G7 einigten sich im Juni 2025 auf ein Side-by-Side-System, das Konzerne mit US-Muttergesellschaft ausnimmt. Seit dem Geschäftsjahr 2026 gilt die Ausnahme, gerade die großen KI-Konzerne zahlen damit im Ausland keine Ergänzungssteuer.

Quellen

48 Quellen anzeigenQuellen ausblendenabgerufen am 15.10.2026
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  4. FortuneAndy Jassy prepares Amazon for an era of AI cost-cutting18.06.2025
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  18. FortuneNvidia CEO Jensen Huang on the 4-day work week29.08.2025
  19. Dario AmodeiMachines of Loving GraceOktober 2024
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