Wolle im Merinopullover, den Sie für den Herbst gekauft haben, hat meist einen langen Weg hinter sich: geschoren in Australien, verarbeitet in China. Das Schaf vom Deich nebenan kommt darin nicht vor. Für deutsche Merinowolle zahlen Abnehmer laut Bayerischer Landesanstalt für Landwirtschaft 30 bis 40 Cent je Kilo, die Schur kostet bis zu 6,50 Euro je Tier.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAm anderen Ende der Welt erlebt derselbe Rohstoff gerade einen Höhenflug. An den australischen Auktionen stieg der Preis für feine 18-Mikron-Wolle seit Januar um 16 Prozent, während mittlere Sorten billiger wurden, und Australiens Schafbestand verharrt nach der Prognosekommission der Branche auf historisch niedrigem Niveau. Diese Stoffgeschichte folgt der Faser vom Fruchtbaren Halbmond über die Merinoherden Sachsens bis in die Kammgarnspinnereien Chinas und erklärt, warum der Wollpreis heute an einem einzigen Maß hängt: der Dicke der Faser.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Anlass: Feine Merinowolle kostete an den australischen Auktionen am 9. Oktober 2026 umgerechnet 15,61 Euro je Kilo, gewaschen, 16 Prozent mehr als im Januar. Mittlere Sorten verloren im selben Zeitraum gut 5 Prozent.
- Die Knappheit: Australien schert in der Saison 2026/27 voraussichtlich nur 56,3 Millionen Schafe, die Welt erzeugt halb so viel Wolle wie 1990.
- Die Abhängigkeit: Rund 87 Prozent der australischen Wollexporte gehen nach China, wo Wäschereien, Kämmereien und Spinnereien das Vlies weiterverarbeiten.
- Die deutsche Lage: Hiesige Schäfer legen bei jeder Schur drauf, das Vlies gilt rechtlich als tierisches Nebenprodukt und landet oft im Lager oder als Dünger.
Kurzer Härtetest: Kennen Sie Wolle wirklich?
1 Welchen Anteil an allen Textilfasern der Welt stellt Wolle? Aufklappen ↓
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2 Woher stammten die Merinos, die 1765 nach Sachsen kamen? Aufklappen ↓
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3 Welcher Anteil der australischen Wollexporte ging in der Saison 2024/25 nach China? Aufklappen ↓
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4 Was kostet die Schur eines Merinoschafs in Bayern? Aufklappen ↓
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5 Worauf sitzt der Lord Speaker im britischen Oberhaus? Aufklappen ↓
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Was ist Wolle und wie wächst das Vlies am Schaf?
Wolle ist das Haarkleid des Schafs, eine Faser aus dem Eiweiß Keratin, die jedes Jahr nachwächst. Ein australisches Schaf liefert im Schnitt 4,29 Kilo ungewaschene Wolle je Schur, und die Faserdicke in tausendstel Millimetern entscheidet über den Preis.
Das wollige Schaf ist ein Werk von Menschen.
Wildschafe hatten langes, grobes Grannenhaar über einer feinen Unterwolle und warfen ihr Fell jedes Jahr ab. Domestiziert wurden die Tiere vor 10.000 bis 12.000 Jahren im Fruchtbaren Halbmond, zwischen Südostanatolien, Mesopotamien und dem Westiran, zunächst wegen Fleisch, Milch und Fell.
Über Jahrtausende züchteten Hirten die Grannen heraus und die Unterwolle heran. Nach Forschern der Freien Universität Berlin vollzog sich der Wechsel vom haarigen zum wolligen Schaf in Südwestasien bis zum Ende des vierten Jahrtausends vor Christus. Das Ergebnis haart nicht mehr von selbst und muss geschoren werden.
Die Faser wächst aus Haarfollikeln in der Haut, Jahr für Jahr. Auf der Faseroberfläche liegen winzige Schuppen, im Inneren ist die Faser gekräuselt. Die Kräuselung schließt Luft ein und macht Wolle elastisch, die Schuppen lassen die Fasern beim Walken zu Filz verhaken.
Eine Lagerstätte im Sinne von Erz oder Öl hat Wolle nicht. Ihr Vorkommen ist der Bestand an Schafen, und der lässt sich innerhalb weniger Jahre aufstocken oder abbauen. Die Qualität misst die Branche in Mikron, also tausendstel Millimetern. Merinowolle liegt nach dem Marketingverband Woolmark meist zwischen 17,5 und etwa 24 Mikron, die feinsten Partien liegen noch darunter. Die australische Schur 2025/26 kam nach der Prognosekommission der Branche auf einen Mittelwert von 20,5 Mikron.
Am 9. Oktober 2026 kostete gewaschene 18-Mikron-Wolle an den australischen Auktionen umgerechnet 15,61 Euro je Kilo, 21-Mikron-Wolle 11,55 Euro. Drei Mikron Unterschied bedeuten gut ein Drittel mehr Erlös. Neben der Dicke zählen Stapellänge, Reißfestigkeit, Farbe und der Anteil an Pflanzenresten. Auch der Ertrag nach der Wäsche spielt eine Rolle, denn ungewaschenes Vlies enthält Wollfett, Schweiß, Staub und Kletten.
Landschafrassen wie Heidschnucke, Rhönschaf oder Coburger Fuchsschaf haben deutlich gröbere Wolle. Gezüchtet wurden diese Rassen für Fleisch und Landschaftspflege, ihre Wolle findet heute kaum Käufer. Weltweit zählt die FAO für 2024 rund 1,36 Milliarden Schafe, längst nicht alle liefern Wolle für Kleidung. Viele Rassen in Afrika und Asien liefern vor allem Fleisch und ein grobes oder gar kein Vlies.
In Australien scheren spezialisierte Kolonnen Herden mit Tausenden Tieren, in Deutschland reisen Scherer von Hof zu Hof. Die Schurkosten von 5,70 bis 6,50 Euro je Schaf, die die Landesanstalt für Landwirtschaft Bayern (LfL) nennt, übersteigen den Wert der Wolle um ein Mehrfaches.
Wolle wächst nach, statt einer Lagerstätte zählen nur Herden. Den Preis bestimmt die Faserdicke: Drei Mikron weniger bringen an der Auktion gut ein Drittel mehr Geld.
Wer machte die Wolle groß und wie begann der Rausch?

Groß gemacht haben die Wolle Hirten, Könige und Kolonisten: erst die Züchter im Vorderen Orient, dann Englands Wollhandel im Mittelalter, Spaniens Merinoherden und schließlich die Schafbarone Australiens. Mit Merinos aus Spanien stieg 1765 auch Sachsen in den Rausch ein.
Im englischen Mittelalter war Wolle der wichtigste Exportartikel des Königreichs. Die Webereien in Flandern verarbeiteten englisches Vlies zu Tuch, der König kassierte an jedem Sack mit. Bis heute sitzt der Lord Speaker, der Vorsitzende des britischen Oberhauses, auf dem Woolsack, einem Kissen voller Wolle. Nach Angaben des Parlaments reicht die Tradition bis in die Zeit Eduards III. zurück, der Sack stand für den Wohlstand des Landes.
Kastiliens Wanderherden zogen jedes Jahr zwischen Sommer- und Winterweiden hin und her, organisiert in der Mesta, einem Verband der Herdenbesitzer, den König Alfons X. 1273 formell anerkannte. Die Mesta bestand bis 1836. Aus diesen Herden stammte das Merinoschaf mit seinem besonders feinen Vlies. Spanien hütete die Rasse als Monopol, nach dem National Museum of Australia stand vor 1765 auf die Ausfuhr von Merinos die Todesstrafe.
Sachsen bekam 1765 trotzdem eine Herde. Der Kurstaat ließ nach den Unterlagen des Darwin Correspondence Project der Universität Cambridge Tiere aus der königlichen Herde des Escorial holen, die Beschaffung lief als Geschenk des spanischen Königs. Die Merinos kamen zuerst nach Stolpen, Zuchtböcke gingen später unter anderem nach Lohmen in der Sächsischen Schweiz.
Mit den Merinos aus Spanien und später aus Frankreich wurde die deutsche Wolle laut LfL einheitlicher und feiner. Die Merinozucht war im 19. Jahrhundert die züchterische Hauptaufgabe der Schäfereien.
1797 brachten die Marineoffiziere Henry Waterhouse und William Kent die ersten 26 Merinos vom Kap der Guten Hoffnung nach Port Jackson, mehr als die Hälfte starb auf der Überfahrt.
Der Offizier John Macarthur und seine Frau Elizabeth erhielten einige der Tiere und bauten bis 1803 eine Herde von mehr als 4.000 Schafen auf. Elizabeth Macarthur führte den Betrieb, während ihr Mann abwesend war. 1807 kam der erste Ballen australischer Wolle in London unter den Hammer.
Wolle wurde zum wichtigsten Exportgut der Kolonie, Schafbarone besetzten das Hinterland.
Die Redewendung, Australien reite auf dem Rücken des Schafs, bezieht sich nach dem Nationalmuseum vor allem auf die 1950er Jahre: 1950/51 stammten 56 Prozent des Werts der australischen Agrarproduktion aus Wolle.
In Bremen-Blumenthal entstand 1883 die Bremer Woll-Kämmerei als Aktiengesellschaft. Laut einer Senatsvorlage der Bremer Wirtschaftsbehörde arbeiteten dort 1930 rund 3.700 Menschen, in den 1950er Jahren rund 5.000. Am 27. Februar 2009 endete in Blumenthal die Rohwollverarbeitung. Den Ausschlag für das Aus nach mehr als 125 Jahren gaben Finanzkrise und hohe Kosten.
Englands Könige besteuerten die Wolle, Spaniens Mesta monopolisierte das Merinoschaf, Sachsen bekam die Rasse 1765 als Geschenk. In Australien wuchsen aus 26 Tieren von 1797 die Herden, die bis heute den Weltmarkt prägen.
Wie hat Wolle die Weltkarte verändert?

Wolle hat Kriege mitfinanziert und Bündnisse erzwungen, mit dem Schaf besiedelten Kolonisten einen ganzen Kontinent. Englands König setzte den Wollexport 1336 als Druckmittel gegen Flandern ein, in Australien verdrängten die Schafweiden die Aborigines, und heute hängt der Weltmarkt an einem Hauptkäufer: China.
Eduard III. nutzte die Wolle als Waffe. Ab 1336 hielt der englische König den Wollexport zurück, um die Städte in Flandern und Brabant auf seine Seite zu ziehen, deren Webereien ohne englisches Vlies stillstanden. Der Graf von Flandern ließ daraufhin englische Kaufleute in Brügge verhaften, über ein Jahr ruhte der Handel. Ein Gesetz von 1337 machte das Embargo förmlich.
Im selben Jahr begann nach üblicher Zählung der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich. Die flämischen Städte erhoben sich gegen ihren Grafen, um die englische Wollzufuhr zu sichern. Ab 1363 musste jeder Sack Rohwolle für den Export über den Stapelplatz Calais laufen, wo die Krone den Zoll einzog.
Englands Wolle finanzierte also einen Krieg, und die Abhängigkeit der flämischen Tuchmacher bestimmte, auf welcher Seite ihre Städte standen.
In Australien drangen die Schafzüchter im 19. Jahrhundert immer weiter ins Landesinnere vor. Historiker der Griffith University beschreiben diese Landnahme als Invasion, die ohne Plan geschah, aber mit Folgen: Die Aborigines verloren Jagdgründe und Nahrungsquellen, Wasserstellen wurden verschmutzt, Grasland zerstört, heilige Stätten entweiht. Das Schaf wurde damit zum Werkzeug der Kolonisierung. Jede neue Weide schuf Fakten, und an ihren Rändern brachen blutige Konflikte aus.
Im 20. Jahrhundert wurde Wolle zum strategischen Rohstoff. Mit dem Koreakrieg kauften die USA 1950 große Mengen, nach neuseeländischen Regierungshistorikern nicht für Uniformen, sondern für ihre strategischen Reserven. In Neuseeland verdreifachten sich die Wollpreise fast über Nacht, in Australien erreichte der Boom 1950/51 seinen Höhepunkt.
Über ein Mindestpreissystem kaufte Australiens Staat Wolle auf, sobald die Gebote an den Auktionen zu niedrig lagen. Im Februar 1991 brach das System zusammen, das Lager war auf 4,7 Millionen Ballen angewachsen. Zehn Jahre dauerte der Abbau: Erst am 9. August 2001 war der Wollberg nach dem Statistikamt ABS verkauft. Der Versuch, den Weltpreis im Alleingang zu stützen, war gescheitert.
Als Peking 2020 und 2021 im politischen Streit mit Canberra Wein, Gerste, Rindfleisch, Holz, Kohle, Baumwolle und Hummer mit Zöllen und Sperren belegte, blieb die Wolle verschont. Das United States Studies Centre der Universität Sydney nennt Wolle ausdrücklich als Rohstoff, auf den China angewiesen ist.
Chinas Spinnereien sind auf australische Merinowolle angewiesen, umgekehrt gehen 87 Prozent der australischen Wollexporte nach China. Ein ähnliches Muster zeigt der Flachs: Europa baut die Faser an, gesponnen wird sie zum größten Teil in China.
Australien verbietet ab dem 1. Mai 2028 den Export lebender Schafe auf dem Seeweg, so legt ein 2024 verabschiedetes Gesetz fest. Schafhalter verlieren damit einen Absatzweg für Tiere, die sie bisher lebend verschifften.
Für deutsche Schäfer öffnete China 2024 laut LfL mit einem erneuerten Veterinärzertifikat seinen Markt für deutsche Rohwolle, der Preis stieg auf bis zu einen Euro je Kilo. Mit der Blauzungenkrankheit schloss sich der Markt wieder, der Preis fiel auf 30 bis 40 Cent.
Warum ist Wolle für die Weltwirtschaft noch wichtig?

Gemessen an der Menge ist Wolle ein Nischenrohstoff mit weniger als einem Prozent Anteil an allen Textilfasern. Wichtig bleibt die Faser für Anzüge, Strick und Funktionskleidung und als Exportgut für Australien und Neuseeland.
Nach dem Materials Market Report der Organisation Textile Exchange entstanden 2024 weltweit 132 Millionen Tonnen Fasern. Wolle kam auf 0,9 Prozent, die Baumwolle als wichtigste Naturfaser auf 19 Prozent und Polyester allein auf 59 Prozent. Auf ein Kilo Wolle kommen damit rund 65 Kilo Polyester.
Die Welternährungsorganisation FAO zählt für 2024 rund 1,7 Millionen Tonnen ungewaschene Schurwolle, 1990 noch 3,35 Millionen Tonnen. Am stärksten schrumpfte Australien, von 1,1 Millionen auf 281.000 Tonnen.
Gehandelt wird die Faser anders als Öl oder Kupfer nicht an einer Terminbörse, sondern Ballen für Ballen.
Australiens Wolle läuft über wöchentliche Versteigerungen in Sydney, Melbourne und Fremantle. Käufer prüfen vorab Testzertifikate der australischen Wollprüfstelle, die Faserdicke, Länge, Festigkeit und Schmutzanteil ausweisen. Als Leitpreis gilt der Eastern Market Indicator, ein gewichteter Mittelwert in australischen Cent je Kilo gewaschener Wolle.
Am 9. Oktober 2026 stand der Indikator bei 1.820 Cent, umgerechnet 11,34 Euro je Kilo.
Anfang September hatte der Indikator mit 1.890 Cent um 46 Prozent über dem Vorjahreswert gelegen, danach gab der Markt wochenlang nach, erst am 9. Oktober endete die Verlustserie.
| Land | Schurwolle 2024 | Anteil an der Welt |
|---|---|---|
| China | 364.000 t | 21 % |
| Australien | 281.000 t | 17 % |
| Neuseeland | 125.000 t | 7 % |
| Türkei | 84.000 t | 5 % |
| Vereinigtes Königreich | 69.000 t | 4 % |
| Welt | 1,7 Mio. t | 100 % |
China führt die Liste an und kauft für seine Spinnereien trotzdem den größten Teil der australischen Ernte zu. Nach der australischen Wollmarketing-Organisation AWI nahm China in der Saison 2024/25 86,8 Prozent der australischen Wollexporte ab, gemessen an der Menge. Australiens Rohwollexporte brachten 2024 laut UN-Handelsstatistik umgerechnet knapp 1,6 Milliarden Euro ein.
Indien folgt mit 5,4 Prozent der Menge weit abgeschlagen, Italien mit 2,4 Prozent. Beim Wert kommt Italien auf 4,3 Prozent, weil italienische Webereien rund um Biella vor allem feine, teure Partien kaufen. Früher lag dieser Anteil nach AWI meist deutlich über 12 Prozent.
Deutschland spielt als Erzeuger kaum eine Rolle und kauft vor allem verarbeitete Ware. 2024 führte das Land nach UN Comtrade 4.400 Tonnen Rohwolle für umgerechnet 12,3 Millionen Euro ein, dazu 9.300 Tonnen gekämmte Wolle und Kammzug für 83,9 Millionen Euro. Der Wert je Kilo liegt beim Kammzug damit rund dreimal so hoch wie bei der Rohwolle.
Ausgeführt hat Deutschland 2024 rund 5.200 Tonnen Rohwolle. Größter Abnehmer war China mit 1.781 Tonnen, gezahlt wurden im Schnitt umgerechnet 82 Cent je Kilo.
Ein Lieferausfall träfe keine Schlüsselindustrie. Kein Auto und kein Kraftwerk braucht Wolle. Betroffen wären Spinnereien, Webereien und Strickereien, die sich auf Naturfaser spezialisiert haben, und Marken, deren Versprechen an der Faser hängt.
Wolle stellt weniger als ein Prozent der Weltfasern, die Welt schert halb so viel wie 1990. Den Weltmarkt bestimmen Australien als Lieferant und China als Käufer, Deutschland importiert vor allem gekämmte Ware.
In welchen Produkten steckt Wolle, und was verschwindet ohne sie?

Wolle steckt in Pullovern, Anzügen, Socken, Teppichen, Filz, Dämmstoffen und als Wollfett Lanolin in Salben und Cremes. Ohne Wolle verschwände kaum ein Produkt, denn Kunstfasern ersetzen die Faser fast überall. Verloren gingen Eigenschaften, die Polyester nur teilweise nachbildet.
Welche Sorte wohin geht, entscheidet die Faserdicke. Merinowolle misst nach dem Woll-Marketingverband Woolmark meist 17,5 bis etwa 24 Mikron. Die feinsten Partien werden zu Strick und Unterwäsche, die direkt auf der Haut liegen, etwas dickere werden zu Kammgarn gesponnen und zu Anzug- und Kostümstoffen verwebt.
Gröbere Wolle von Fleisch- und Landschafrassen eignet sich für Teppiche, Decken, Loden und Filz. Genau diese Sorten fanden in Deutschland zuletzt kaum Abnehmer. Jenseits der Kleidung zählt der Woll-Weltverband IWTO Flugzeugkabinen, Akustikdämmung, Klaviere und Luftfilter zu den industriellen Abnehmern. Im Klavier schlägt ein mit Wollfilz bezogener Hammer auf die Saite.
Gefragt ist die Faser wegen zweier Eigenschaften, die Kunstfasern schwer nachbilden. Nach dem Woll-Weltverband nimmt Wolle bis zu 35 Prozent ihres Gewichts an Feuchtigkeit auf, Wasserdampf aus der Haut eingeschlossen.
Zudem brennt Wolle schlecht. Der Sauerstoffindex liegt nach IWTO bei 25,2 Prozent, die Luft enthält rund 21 Prozent Sauerstoff, und die Faser entzündet sich erst bei 570 bis 600 Grad. Baumwolle kommt auf 18,4 Prozent, Polyamid, besser bekannt als Nylon, auf 20,1 Prozent. Polyester und Polyamid schmelzen im Feuer und tropfen, Wolle verkohlt. Deshalb steckt die Faser in Brandschutztextilien und Flugzeugsitzen.
Ein Nebenprodukt der Wollwäsche ist das Wollfett. Gereinigt heißt das Fett Lanolin und dient als Grundstoff für Salben, Lippenpflege und Hautcremes. Zu Pellets gepresst wird Schafwolle zum Langzeitdünger, der Stickstoff langsam abgibt und Feuchtigkeit im Boden hält. Der europäische Bauernverband Copa-Cogeca nennt diese Verwendungen in einem Positionspapier, die geltende Einstufung der Wolle als tierisches Nebenprodukt erschwert diese Verwendungen.
| Produktgruppe | Beispiel | Wollsorte | Gängiger Ersatz |
|---|---|---|---|
| Strick und Unterwäsche | Merinopullover, Funktionsshirt | feinste Merinowolle | Acryl, Polyester |
| Anzug und Kostüm | Kammgarnsakko | feine bis mittlere Merinowolle | Polyester-Mischgewebe |
| Heimtextilien | Teppich, Decke | grobe Wolle von Fleischschafen | Polyamid, Polypropylen |
| Technik | Klavierfilz, Akustikplatte, Luftfilter | grobe bis mittlere Wolle | Synthetikfilz |
| Bau | Dämmvlies | heimische Landschafwolle | Mineralwolle, Holzfaser |
| Kosmetik und Pharma | Salbe, Lippenpflege | Lanolin aus der Wollwäsche | Pflanzenwachse, Vaseline |
Fiele die Wolle morgen aus, stünde keine Schlüsselindustrie still.
Polyester, Acryl und Polyamid stehen in jeder Menge bereit und kosten weniger. Der Wechsel fand ohnehin längst statt: 59 Prozent aller Fasern sind heute Polyester, die Wolle schrumpfte auf unter ein Prozent.
Anders als bei Lithium oder Seltenen Erden verschwindet ohne Wolle deshalb kein Gerät, sondern eine Qualität: der Pullover, der Schweiß als Dampf aufnimmt, und der Sitzbezug, der im Feuer verkohlt statt zu tropfen.
Am härtesten träfe ein Ausfall die feinsten Stoffe. Für Kammgarn aus Superfine-Merino fehlt ein gleichwertiger Ersatz, übrig blieben billigere Mischgewebe mit Kunstfaser.
Wie setzt sich der Preis eines Merinopullovers zusammen?

Der Rohstoff macht beim Merinopullover nur einen kleinen Teil des Preises aus. In unserem Rechenbeispiel stecken in 129 Euro Ladenpreis gut 6 Euro Merinowolle, also weniger als 5 Prozent, gut 20 Euro Mehrwertsteuer und über 100 Euro für Verarbeitung, Marke und Handel.
Angenommen, ein Pullover aus feiner Merinowolle wiegt 350 Gramm und kostet im Laden 129 Euro. Für Garn und Verschnitt rechnen wir mit 400 Gramm gewaschener Wolle. Zum Auktionspreis vom 9. Oktober 2026 für 18-Mikron-Wolle, 15,61 Euro je Kilo, ergibt das 6,24 Euro.
Die Mehrwertsteuer von 19 Prozent holt sich mit 20,60 Euro der Staat. Bleiben gut 102 Euro für alles dazwischen.
Die Rohwolle wird gewaschen, weil das ungewaschene Vlies Fett, Schweiß, Staub und Pflanzenreste enthält. Dann wird die Faser gekämmt, zu Kammzug gebündelt, gesponnen, gefärbt und gestrickt. Jede Stufe sitzt oft in einem anderen Land, dazwischen fallen Fracht und Zoll an.
Ladenmiete, Personal, Werbung, Retouren und die Marge der Händler bezahlen Sie über denselben Preis, unabhängig davon, ob im Pullover Wolle oder Acryl steckt.
| Bestandteil | Betrag | Anteil | Empfänger |
|---|---|---|---|
| Merinowolle, 400 g gewaschen | 6,24 € | 4,8 % | Schafhalter, Wollhändler in Australien |
| Waschen, Kämmen, Spinnen, Stricken, Transport | in 102,16 € enthalten | in 79,2 % enthalten | Verarbeiter, oft in China und Italien, Spediteure |
| Marke, Ladenmiete, Personal, Marge | in 102,16 € enthalten | in 79,2 % enthalten | Modemarke und Händler |
| Mehrwertsteuer 19 % | 20,60 € | 16,0 % | Staat |
Wie stark der Rohstoffpreis durchschlägt, hängt deshalb an der Feinheit. Für 21-Mikron-Wolle lag der Preisführer am 9. Oktober bei umgerechnet 11,55 Euro je Kilo. Mit dieser etwas gröberen Wolle sänke der Rohstoffanteil unseres Pullovers auf 4,62 Euro, gut 1,60 Euro weniger.
Seit Januar ist die Wolle für einen Pullover um knapp 90 Cent teurer geworden. Der Ladenpreis muss sich deshalb nicht ändern.
Versteigert wird die Wolle in australischen Dollar. Gewinnt der Euro gegenüber dieser Währung, wird der Rohstoff für europäische Käufer billiger, verliert er, wird die Wolle teurer. Am Ladenpreis ändert ein Wechselkurs wenig, weil der Rohstoff nur ein Zwanzigstel ausmacht.
Für deutsche Schäfer verläuft die Rechnung umgekehrt. Ein Merinoschaf liefert nach der Landesanstalt für Landwirtschaft Bayern (LfL) 3 bis 3,5 Kilo Wolle, die beim derzeitigen Preis von 30 bis 40 Cent je Kilo 0,90 bis 1,40 Euro einbringen. Die Schur kostet 5,70 bis 6,50 Euro je Tier, für Scherer, Helfer, Anfahrt und Verpflegung. Unterm Strich verliert der Betrieb mit jedem geschorenen Schaf 4,30 bis 5,60 Euro.
Scheren muss der Schäfer trotzdem, jedes Jahr, denn das Wollschaf wirft sein Vlies nicht mehr von selbst ab.
Wer verdient an Wolle und wer zahlt drauf?

An Wolle verdienen derzeit vor allem Australiens Merinozüchter, Chinas Verarbeiter und die Marken, die den größten Teil des Ladenpreises behalten. Drauf zahlen die Schäfer in Deutschland, selbst mit Merinowolle bis zu 5,60 Euro je Tier und Schur.
Feine Partien legten seit Januar 16 Prozent zu. Getrieben wird der Preis von der Knappheit: Australiens Schafbestand schrumpfte nach der FAO von 170 Millionen Tieren 1990 auf 79 Millionen im Jahr 2024.
Der Abstand zwischen 18- und 21-Mikron-Wolle wuchs nach dem Agrarhändler Elders seit Januar von 199 auf 651 australische Cent je Kilo, umgerechnet von 1,24 auf 4,06 Euro.
China verdient an der Verarbeitung. Die Spinnereien kaufen den größten Teil der australischen Ernte und verkaufen Kammzug, Garn und Strickwaren in alle Welt. Der Wert steigt dabei Stufe für Stufe.
In unserem Rechenbeispiel bleiben von 129 Euro rund 102 Euro für Verarbeitung, Marke und Handel, der Rohstoff kostet gut 6 Euro.
Chinesische Käufer nahmen laut LfL zuletzt nur noch feinere Wolle, die raue Landschafwolle aus Europa blieb liegen. In der Talsohle der vergangenen Jahre zahlten Händler nach der Bayerischen Wollerzeugergemeinschaft für Merinowolle zeitweise nur 20 Cent je Kilo, für gröbere Wolle fand sich überhaupt kein Abnehmer.
Viele Betriebe lagerten ihre Wolle über Jahre ein, einige entsorgten sie, andere ließen sie zu Düngerpellets pressen. Die Verwertung werde von Jahr zu Jahr drängender, sagte Martin Brickel, Vorsitzender der Bayerischen Wollerzeugergemeinschaft, im Januar dem Wochenblatt.
Der Wollmarkt bezahlt das Mikron, nicht das Schaf: Australiens Merino ist gefragt, deutsche Landschafwolle bleibt liegen.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Einen klassischen Ressourcenfluch wie beim Erdöl erzeugte die Wolle nicht. Der Mechanismus dahinter, die holländische Krankheit, zeigte sich aber im Wollboom. Strömen Exporterlöse plötzlich ins Land, steigen Preise und Löhne, andere Branchen verlieren an Wettbewerbsfähigkeit. Neuseeland bekam 1950 einen Teil dieses Mechanismus zu spüren: Nach den Regierungshistorikern des Landes fraß die Inflation einen Teil des Gewinns aus dem Wollboom wieder auf.
Australien erlebte vier Jahrzehnte nach dem Boom die Kehrseite, als der Staat einen Berg von 4,7 Millionen unverkäuflichen Ballen abbauen musste.
| Akteur | Lage 2026 | Bilanz |
|---|---|---|
| Australische Erzeuger feiner Merinowolle | 18-Mikron-Preis seit Januar plus 16 Prozent | gewinnen |
| Australische Erzeuger mittlerer Wolle | 21-Mikron-Preis seit Januar minus 5 Prozent | gemischt |
| Chinesische Wäschereien, Kämmereien, Spinnereien | Hauptabnehmer von 87 Prozent der australischen Exporte | gewinnen |
| Modemarken und Handel | Rohstoff unter 5 Prozent des Ladenpreises | gewinnen |
| Schäfer in Deutschland | Wolle bringt 0,90 bis 1,40 Euro, die Schur kostet 5,70 bis 6,50 Euro je Schaf | verlieren |
| Käufer von Merinopullovern | Wollanteil im Rechenbeispiel rund 6 Euro | kaum betroffen |
Die Preisspanne zwischen feiner und mittlerer Wolle hat sich seit Januar mehr als verdreifacht. Feine Merinowolle bringt Gewinn, grobe Landschafwolle kostet ihre Halter bei jeder Schur Geld.
Wie mächtig ist die Woll-Lobby?

Die Woll-Lobby ist klein und gespalten. In Australien finanzieren die Erzeuger ihre Vermarktung über eine Pflichtabgabe von 1,5 Prozent, in Berlin melden die deutschen Schafverbände je 40.000 bis 50.000 Euro Lobbyausgaben, die Textilindustrie das Zwanzigfache.
Australian Wool Innovation, kurz AWI, vermarktet die Faser weltweit unter dem Woolmark-Siegel und finanziert Forschung. Bezahlt wird das über eine Wollabgabe, die jeder australische Erzeuger vom Verkaufserlös abführt. Über die Höhe stimmen die Schafhalter alle drei Jahre ab. Beim WoolPoll 2024 empfahl der AWI-Vorstand eine Erhöhung auf 2 Prozent. In der ersten Präferenz lag die Erhöhung mit 37,85 Prozent knapp vorn, nach Verteilung der Präferenzen setzte sich mit 56 Prozent die bisherige Abgabe von 1,5 Prozent durch.
AWI rechnete danach mit Kürzungen von rund 13 Millionen australischen Dollar, umgerechnet 8,1 Millionen Euro. Drei Jahre zuvor hatte der Satz von 1,5 Prozent noch 69 Prozent erhalten. Mehr Geld wollten die Erzeuger ihrer Werbeorganisation nicht geben.
Im Lobbyregister des Bundestags meldet für das Geschäftsjahr 2025 die Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände Ausgaben zwischen 40.001 und 50.000 Euro, der Bundesverband Berufsschäfer dieselbe Spanne mit einer Viertelstelle Personal.
| Organisation | Lobbyausgaben 2025 | Personal (Vollzeitstellen) |
|---|---|---|
| Gesamtverband textil+mode | 1.060.001 bis 1.070.000 € | 4,64 |
| Industrievereinigung Chemiefaser | 110.001 bis 120.000 € | 1,0 |
| Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände | 40.001 bis 50.000 € | 1,0 |
| Bundesverband Berufsschäfer | 40.001 bis 50.000 € | 0,25 |
Der Gesamtverband textil+mode gibt mehr als das Zwanzigfache aus, die Industrievereinigung Chemiefaser mehr als das Doppelte. Gegen diese Übermacht fällt die Stimme der Schäfer kaum ins Gewicht.
Gefördert werden Schafe in Deutschland, ihre Wolle nicht.
Seit 2023 zahlt der Bund aus EU-Agrarmitteln eine gekoppelte Tierprämie je Mutterschaf und Mutterziege. Für 2026 plant das bayerische Agrarministerium mit 37,89 Euro je Tier, das Budget ist auf ein Prozent der Direktzahlungsmittel begrenzt.
Rechnerisch deckt die Prämie den Verlust aus der Schur sieben- bis neunfach, am Wollpreis ändert der Zuschuss nichts.
Copa-Cogeca und der Woll-Weltverband IWTO verlangen, dass Rohwolle gesunder Tiere nicht länger als tierisches Nebenprodukt gilt. Die Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 entstand nach der BSE-Krise und behandelt das Vlies ähnlich wie Schlachtabfälle, mit Handelspapieren und Auflagen für Lagerung und Transport.
Unter dem Motto „Make the Label Count“ kritisiert eine Koalition aus Naturfaser-Erzeugern und Umweltgruppen die EU-Methode zum Umweltfußabdruck von Produkten. Die Methode erfasst Mikroplastik nicht, Kunstfasern schneiden dadurch besser ab als Wolle.
Die Branche wirbt damit, Wolle sei natürlich, erneuerbar und biologisch abbaubar. Für die Faser stimmt das. Ausgeblendet bleibt das Mulesing in Australien, dazu mehr im nächsten Kapitel.
Wie ersetzbar ist Wolle wirklich?

Ersetzt ist Wolle längst: Polyester stellt 59 Prozent aller Fasern, Wolle 0,9 Prozent. Offen ist, wie viel Boden die Wolle zurückgewinnt. Recyclingwolle deckt heute rund 7 Prozent des Wollmarkts, und deutsche Landschafwolle hätte mehr Verwendungen, als sie heute Abnehmer findet.
Kunstfasern aus Erdöl und Erdgas verdrängten die Wolle seit der Mitte des 20. Jahrhunderts aus Massenware und Sportkleidung. Polyester kostet weniger, lässt sich in jeder Menge herstellen und braucht keine Weide.
Der Preis dafür wird erst langsam sichtbar. Synthetische Kleidung gibt beim Waschen Mikroplastik ab, die bereits erwähnte Koalition „Make the Label Count“ verlangt deshalb, diesen Schaden in EU-Umweltlabels einzurechnen.
Beim Recycling hat Wolle einen Vorsprung, weil sich die Faser mehrfach zerfasern und neu verspinnen lässt. Nach dem Materials Market Report von Textile Exchange entstanden 2024 rund 83.000 Tonnen Recyclingwolle, etwa 7 Prozent des Wollmarkts. Die Region um Prato in der Toskana erzeugte 2024 rund 35.000 Tonnen recycelte Wolle, gut 40 Prozent der Weltmenge. Weitere große Standorte sind China und Panipat in Indien.
Mulesing, das Wegschneiden von Hautfalten am Hinterteil junger Merinoschafe gegen Fliegenmadenbefall, steht seit Jahren in der Kritik. Nach der Wollerklärung der australischen Wollbörse AWEX stammten in der Saison 2025/26 nur 25,4 Prozent der Ballen von nicht mulesierten Schafen, bei reinen Merinos lag der Anteil bei 18,3 Prozent. Weitere 45,9 Prozent der Ballen kamen von Tieren, die mit Schmerzmitteln mulesiert wurden. In der laufenden Saison 2026/27 stieg der Anteil ohne Mulesing auf 26,1 Prozent.
Nach einem Bericht der TextilWirtschaft vom Mai 2025 hatten mehr als 100 Unternehmen eine Erklärung der Tierschutzorganisation Vier Pfoten gegen Mulesing unterzeichnet, 29 davon aus Deutschland, darunter Zalando, die Otto Group, Hugo Boss und Adidas. Peek & Cloppenburg Düsseldorf will für seine Eigenmarken bis 2030 nur noch zertifizierte, mulesingfreie Wolle verwenden.
Zertifizierte Wolle bleibt trotzdem eine Nische. Ihr Anteil am Weltmarkt sank laut Textile Exchange 2024 von 5,2 auf 4,3 Prozent.
Für die deutsche Wolle liegt die größte Hürde in der Wäsche. Für Dämmstoffe, Schallschutz oder Loden muss das Vlies gereinigt werden, und eine Wollwäscherei kostet laut LfL einen zweistelligen Millionenbetrag. In Versuchen der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen von 2018 bis 2021 wirkten Pellets aus Schafwolle im Kartoffelanbau nicht nachweisbar anders als Pellets aus Haarmehl, einen Mehrertrag gegenüber der Kontrollvariante brachten sie 2021 nicht.
Realistisch ist eine Verschiebung: Feine Merinowolle bleibt ein knappes Premiumgut, während Europas grobe Wolle eine Verwertung braucht, die mehr einbringt, als die Schur kostet.
Polyester hat die Wolle längst ersetzt, zurück kommt sie nur langsam. Recyclingwolle aus Prato und mulesingfreie Merinowolle legen nur leicht zu, Deutschlands grobe Wolle scheitert vor allem an den Kosten der Wäsche.
Was bedeutet die Preisspaltung am Wollmarkt für Deutschland?

Für Verbraucher bedeutet der teure Merino kaum etwas, im Pullover steckt Wolle für wenige Euro. Deutsche Schäfer gehen leer aus, denn ihre Wolle profitiert nicht vom Preisanstieg, und jede Schur kostet die Betriebe Geld.
An den Auktionen in Sydney, Melbourne und Fremantle kostete feine 18-Mikron-Wolle am 9. Oktober 2026 umgerechnet 15,61 Euro je Kilo, 16 Prozent mehr als im Januar, mittlere 21-Mikron-Wolle 5 Prozent weniger. Nach der Prognosekommission AWPFC schert Australien in der Saison 2026/27 nur 249 Millionen Kilo Schweißwolle, 1,8 Prozent weniger als im Vorjahr.
Ein Merinopullover für 129 Euro enthält in unserem Rechenbeispiel Wolle für 6,24 Euro, der Preisanstieg seit Januar verteuert sie um knapp 90 Cent.
Unternehmen spüren den Anstieg deutlicher, sobald sie Kammzug oder Garn einkaufen. Deutschland führte 2024 gekämmte Wolle und Kammzug für umgerechnet 83,9 Millionen Euro ein. Für Strickereien und Webereien mit feinen Qualitäten steigen die Materialkosten, für Hersteller von Teppichen oder Loden aus mittlerer und grober Wolle sinken sie eher.
Die deutschen Schäfer stehen auf der falschen Seite der Spanne. In Deutschland lebten nach dem Statistischen Bundesamt am 3. November 2025 rund 1,5 Millionen Schafe in etwa 9.400 Betrieben mit mindestens 20 Tieren, 0,8 Prozent mehr Tiere als ein Jahr zuvor, aber 2,7 Prozent weniger Betriebe.
Im westpfälzischen Ulmet nimmt der örtliche Schafhalterverein am 17. Oktober doch noch einmal Rohwolle an, berichtete die Rheinpfalz am 9. Oktober 2026. Im Vorjahr waren dort nur gut 700 Kilo zusammengekommen, eigentlich schien die Sammelstelle damit am Ende.
Die gekoppelte Prämie von 37,89 Euro je Mutterschaf hilft den Betrieben, ändert aber nichts am Wollpreis. Auf EU-Ebene fordern Copa-Cogeca und der Woll-Weltverband IWTO, Rohwolle gesunder Tiere aus der Verordnung über tierische Nebenprodukte zu nehmen. Eine Antwort der EU-Kommission auf diese Forderung haben wir bei unserer Recherche nicht gefunden.
Drei Szenarien für die kommenden Monate:
- Optimistisch: Die Nachfrage aus China bleibt stabil, feine Wolle hält ihr Preisniveau, und Brüssel lockert die Regeln für Rohwolle. Deutsche Merinowolle findet über Exporthändler wieder Abnehmer zu Preisen nahe einem Euro je Kilo, wie zuletzt 2024.
- Realistisch: Die Spanne zwischen fein und grob bleibt groß, der Indikator pendelt um 1.800 australische Cent. Deutsche Schäfer erlösen weiter 30 bis 40 Cent je Kilo und tragen die Kosten der Schur.
- Pessimistisch: Chinas Spinnereien kaufen nach dem Lageraufbau vor der Nanjinger Wollkonferenz im September weniger, der Preis fällt auch bei feiner Wolle. Für grobe Wolle bleibt in Europa dann nur das Lager oder die Entsorgung.
Als Verbraucher achten Sie auf drei Angaben auf dem Etikett. „Schurwolle“ darf nach Artikel 8 der EU-Textilkennzeichnungsverordnung nur auf Ware stehen, deren Wollfaser nie zuvor in einem Fertigerzeugnis steckte. Recyclingwolle kennzeichnen eigene Siegel wie Cardato Recycled aus Prato, und Hinweise auf mulesingfreie Herkunft nennen viele Hersteller ausdrücklich.
Für Unternehmer im Textilhandel lohnt der Blick auf die Faserdicke. Garne aus 21-Mikron- statt 18-Mikron-Wolle sparen derzeit gut ein Viertel beim Rohstoff, sofern Griff und Anwendung das zulassen. Für Bau, Garten und Handwerk liegt in deutscher Landschafwolle ein günstiger Rohstoff, der vor Ort verfügbar ist, sofern sich die Wäsche organisieren lässt.
Der Merinoboom erreicht deutsche Kunden kaum, der Pullover wird um weniger als einen Euro teurer. Deutsche Schäfer gehen leer aus, weil ihre Wolle kaum gefragt ist und das EU-Recht das Vlies als Nebenprodukt behandelt.
Glossar: 14 wichtige Fachbegriffe zu Wolle

AWEX
Die Australian Wool Exchange (AWEX) organisiert die Wollauktionen in Australien und veröffentlicht die Preisindikatoren. Über die nationale Wollerklärung der AWEX geben Verkäufer zudem an, ob die Schafe mulesiert wurden. Diese Daten machen sichtbar, wie viel Wolle ohne den Eingriff auf den Markt kommt.
AWI
Australian Wool Innovation (AWI) ist die Forschungs- und Marketingorganisation der australischen Wollerzeuger. AWI führt die Marke Woolmark und finanziert sich über eine Abgabe auf die Verkaufserlöse der Schafhalter. Über die Höhe dieser Abgabe stimmen die Erzeuger alle drei Jahre im WoolPoll ab.
Eastern Market Indicator
Der Eastern Market Indicator (EMI) ist der wichtigste Preisindikator für australische Wolle. Der Indikator bildet einen gewichteten Durchschnitt der Auktionspreise in australischen Cent je Kilo gewaschener Wolle ab. Am 9. Oktober 2026 stand der Indikator bei 1.820 Cent.
Kammgarn
Kammgarn entsteht aus gekämmter Wolle, bei der kurze Fasern aussortiert und die langen parallel gelegt wurden. Das Garn ist glatt, fest und fein. Daraus weben Hersteller Anzug- und Kostümstoffe, für die vor allem feine Merinowolle gefragt ist.
Kammzug
Der Kammzug ist ein langes, gleichmäßiges Band aus gewaschenen und gekämmten Wollfasern. Spinnereien verarbeiten das Band zu Garn. Kammzug ist die wichtigste Handelsstufe zwischen Rohwolle und Garn, Deutschland importiert vor allem Wolle in dieser Form.
Lanolin
Lanolin ist das gereinigte Wollfett, das bei der Wäsche der Rohwolle anfällt. In der Kosmetik und Pharmazie dient Lanolin als Grundstoff für Salben, Cremes und Lippenpflege.
Merinoschaf
Das Merinoschaf ist eine ursprünglich spanische Rasse mit besonders feiner, dichter Wolle. Spanien hielt die Rasse lange als Monopol, im 18. Jahrhundert gelangten Merinos nach Sachsen und an das Kap, 1797 nach Australien.
Mikron
Ein Mikron (µm) ist ein tausendstel Millimeter und die Maßeinheit für die Dicke einer Wollfaser. Je kleiner der Wert, desto feiner und weicher die Wolle. Merinowolle misst meist 17,5 bis etwa 24 Mikron, grobe Landschafwolle deutlich mehr.
Mulesing
Mulesing heißt das Wegschneiden von Hautfalten am Hinterteil junger Merinoschafe in Australien. Der Eingriff soll den Befall mit Fliegenmaden verhindern. Tierschutzorganisationen kritisieren den Eingriff, viele Modemarken verlangen inzwischen Wolle von nicht mulesierten Tieren.
Reserve Price Scheme
Das Reserve Price Scheme war Australiens Mindestpreissystem für Wolle. Eine staatliche Stelle kaufte Wolle auf, sobald die Auktionsgebote unter dem festgesetzten Preis lagen. Im Februar 1991 brach das System zusammen, das Lager umfasste 4,7 Millionen Ballen.
Schurwolle
Schurwolle ist eine geschützte Bezeichnung nach Artikel 8 der EU-Textilkennzeichnungsverordnung. Die Bezeichnung gilt nur für Wolle, die nie zuvor in einem Fertigerzeugnis enthalten war. Recyclingwolle aus alten Stoffen darf deshalb nicht als Schurwolle verkauft werden.
Schweißwolle
Als Schweißwolle bezeichnet die Branche ungewaschene Rohwolle direkt nach der Schur. Das Vlies enthält neben der Faser Wollfett, Schweiß, Staub und Pflanzenreste. Produktionsstatistiken wie die der australischen Prognosekommission AWPFC rechnen in Kilo Schweißwolle, Auktionspreise in Kilo gewaschener Wolle.
Tierisches Nebenprodukt
Ein tierisches Nebenprodukt ist nach der EU-Verordnung (EG) Nr. 1069/2009 ein Material vom Tier, das nicht für den Verzehr bestimmt ist. Rohwolle fällt darunter, Lagerung, Transport und Handel unterliegen deshalb Auflagen. Copa-Cogeca und IWTO fordern eine Ausnahme für Wolle gesunder Tiere.
Woolsack
Der Woolsack ist der mit Wolle gefüllte Sitz des Lord Speaker im britischen Oberhaus. Die Tradition reicht nach dem britischen Parlament bis in die Zeit Eduards III. im 14. Jahrhundert zurück. Der Sack stand für den Reichtum, den England aus dem Wollhandel zog.
FAQ: Warum ist deutsche Schafwolle weniger wert als ihre Schur?

Warum ist Merinowolle so teuer?
Merinowolle ist sehr fein und knapp: Australien, der wichtigste Lieferant, schert 2026/27 voraussichtlich nur 56,3 Millionen Schafe. Feine 18-Mikron-Wolle kostete am 9. Oktober 2026 an den australischen Auktionen umgerechnet 15,61 Euro je Kilo, gewaschen. Im Pullover macht der Rohstoff trotzdem nur wenige Euro aus.
Warum ist Schafwolle in Deutschland so wenig wert?
Europäische Wolle ist nach der LfL witterungsbedingt rauer, und der wichtigste Käufer China nimmt vor allem feine Partien. Deutsche Schäfer erhalten nach der Landesanstalt für Landwirtschaft Bayern 30 bis 40 Cent je Kilo Merinowolle, die Schur kostet 5,70 bis 6,50 Euro je Schaf.
Was ist der Unterschied zwischen Wolle und Schurwolle?
Schurwolle ist eine geschützte Bezeichnung nach der EU-Textilkennzeichnungsverordnung: Die Faser darf nie zuvor in einem Fertigerzeugnis enthalten gewesen sein. Wolle ohne diesen Zusatz kann auch recycelte Wolle aus alten Textilien sein.
Wie viel Wolle gibt ein Schaf im Jahr?
Ein australisches Schaf lieferte 2025/26 im Schnitt 4,29 Kilo ungewaschene Wolle je Schur. Ein deutsches Merinoschaf kommt nach der LfL Bayern auf 3 bis 3,5 Kilo. Nach der Wäsche bleibt deutlich weniger übrig, weil Fett, Schweiß und Schmutz herausgewaschen werden.
Was bedeutet mulesingfreie Wolle?
Mulesingfreie Wolle stammt von Schafen, denen keine Hautfalten am Hinterteil weggeschnitten wurden. In Australien kamen 2025/26 nach der Wollbörse AWEX 25,4 Prozent der Ballen von nicht mulesierten Tieren. Mehr als 100 Unternehmen, darunter Zalando, die Otto Group und Hugo Boss, haben eine Erklärung gegen Mulesing unterzeichnet.
Kann man Wolle recyceln?
Ja, Wolle lässt sich aus alten Stoffen zurückgewinnen und neu verspinnen. 2024 entstanden nach Textile Exchange weltweit rund 83.000 Tonnen Recyclingwolle, etwa 7 Prozent des Wollmarkts. Das wichtigste Zentrum ist Prato in der Toskana mit rund 35.000 Tonnen.
Quellen
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Australian Wool Innovation via woolnews.net | Australian Wool Production Forecast 2026/27 (25.09.2026) | https://woolnews.net/2026/09/25/australian-wool-production-forecast-2026-27/ | besucht am 11.10.2026
Kohan Textile Journal | Australian Wool Prices Rise 46.4% Year-on-Year (03.09.2026) | https://kohantextilejournal.com/australian-wool-prices-rise-2026/ | besucht am 11.10.2026
IndexBox | Australian Wool Market Slips in First Sale After Nanjing Conference (25.09.2026) | https://www.indexbox.io/blog/australian-wool-market-slips-in-first-sale-after-nanjing-conference/ | besucht am 11.10.2026
Australian Wool Innovation | Beyond the Bale Nr. 104, Market Intelligence (Frühjahr 2025) | https://www.wool.com/news-events/beyond-the-bale/issue-104-spring-2025/market-intelligence-104/ | besucht am 11.10.2026
Australian Wool Innovation | 2024 WoolPoll result | https://www.wool.com/news-events/news/2024-woolpoll-result/ | besucht am 11.10.2026
AWEX | National Wool Declaration, Mulesing Status Report (Stand 06.10.2026) | https://www.awex.com.au/NWD_Statistics_Mulesing_Status_Report.pdf | besucht am 11.10.2026
Textile Exchange | Materials Market Report 2025 | https://textileexchange.org/app/uploads/2025/09/Materials-Market-Report-2025.pdf | besucht am 11.10.2026
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Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft | Wolle, ein Produkt mit viel Potenzial wiederentdeckt | https://www.lfl.bayern.de/iba/tier/395007/index.php | besucht am 11.10.2026
Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben | Wollkrise: Schafhalter hoffen endlich auf bessere Preise (11.01.2026) | https://www.wochenblatt-dlv.de/maerkte/wollkrise-schafhalter-hoffen-endlich-bessere-preise-583427 | besucht am 11.10.2026
Die Rheinpfalz | Schafhalter können Wolle doch noch einmal nach Ulmet bringen (09.10.2026) | https://www.rheinpfalz.de/lokal/kreis-kusel_artikel,-schafhalter-k%C3%B6nnen-wolle-doch-noch-einmal-nach-ulmet-bringen-_arid,5937301.html | besucht am 11.10.2026
Statistisches Bundesamt via Presseportal | Schweinebestand 2025 leicht gewachsen (22.12.2025) | https://www.presseportal.de/pm/32102/6184066 | besucht am 11.10.2026
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