Gips steckt im Estrich unter dem Teppich und in der Trennwand Ihres Büros, an die Sie gestern das Whiteboard geschraubt haben. Ein Teil davon stammt aus dem Kohlekraftwerk. Anfang September meldete der Bundesverband der Gipsindustrie, dass dieser REA-Gips schon 2024 auf 2,9 Millionen Tonnen gefallen war, eine Menge, die Prognosen erst für 2030 vorhergesagt hatten.

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Bis Ende März 2030 gehen das Rheinische Revier und große Lausitzer Kraftwerksblöcke vom Netz, gleichzeitig halten Sachsen-Anhalt und Thüringen ihre Gipsvorkommen im Südharz unter Schutz. Knauf und Rigips haben ihre Preise für die Gipsplatte 2026 bereits um bis zu 12 Prozent angehoben. Diese Stoffgeschichte folgt dem Gips vom Zechsteinmeer über die Platte des Augustine Sackett bis in die Preislisten der Baumärkte.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Anlass: Laut Bundesverband der Gipsindustrie (1. September 2026) lieferten deutsche Kohlekraftwerke 2024 nur noch 2,9 Millionen Tonnen REA-Gips, 2014 noch 6,81 Millionen Tonnen.
  • Die Lücke: Deutschland verbraucht rund 10 Millionen Tonnen Gips im Jahr. Recycling lieferte 2024 erst 128.500 Tonnen, der Rest muss aus Gruben oder Importen kommen.
  • Kein Ersatz im Beton: Rund ein Viertel des deutschen Gipses geht als Abbinderegler in Zement, für diese Aufgabe kennt der US Geological Survey keinen praktikablen Ersatz.
  • Der Konflikt: Der Gipsverband fordert neue Abbauflächen, Sachsen-Anhalt und Thüringen halten den Gipskarst im Südharz geschützt, Niedersachsen liefert gut ein Viertel des deutschen Naturgipses.

Kurzer Härtetest: Kennen Sie Gips wirklich?

Der Dr.-Web-Quizmaster
Wissenstest
Gips im Härtetest
Testen Sie Ihr Vorwissen, die Auflösung liefert der Artikel.
1 Welche Härte hat Gips auf der Skala nach Mohs? Aufklappen ↓
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Richtig: A. Gips ist das Referenzmineral für die Mohshärte 2, ein Fingernagel ritzt ihn. Mehr dazu im Kapitel zur Entstehung.
2 In welchem Jahr erhielt Augustine Sackett das Patent auf seine Gipsplatte? Aufklappen ↓
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Richtig: B. Sackett hatte die Idee 1888, das Patent auf das „Sackett Board“ folgte 1894. 1852 beschrieb Mathijsen den Gipsverband, 1932 sicherten sich die Brüder Knauf ihre ersten Abbaurechte.
3 Wie viel REA-Gips lieferten deutsche Kohlekraftwerke 2024? Aufklappen ↓
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Richtig: C. 2024 lieferten die Kraftwerke nur noch 2,9 Millionen Tonnen, eine Menge, die Prognosen erst für 2030 vorhergesagt hatten. 2014 lieferten die Kraftwerke noch 6,81 Millionen Tonnen.
4 Wofür braucht die Zementindustrie Gips? Aufklappen ↓
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Richtig: A. Gips verzögert im Zement das Erstarren, damit sich Beton verarbeiten lässt. Der US Geological Survey kennt dafür keinen praktikablen Ersatz.
5 Welches Land förderte 2025 laut US Geological Survey den meisten Gips? Aufklappen ↓
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Richtig: B. Die USA förderten 2025 rund 20 Millionen Tonnen, vor Iran mit 16 und Oman mit 14 Millionen Tonnen. Die Rangliste steht im Kapitel zur Geopolitik.

Was ist Gips und wie entsteht das weiße Gestein?

Gips ist Calciumsulfat mit zwei Molekülen Kristallwasser, chemisch CaSO₄ · 2 H₂O. Das Gestein entstand vor allem in austrocknenden Meeresbecken, aus denen Wasser verdunstete und gelöste Salze schichtweise ausfielen. Die deutschen Lagerstätten sind über 250 Millionen Jahre alt.

Geologen zählen Gips zu den Evaporiten, den Eindampfungsgesteinen. Verdunstet ein abgeschnürtes Meer, fallen zuerst Karbonate wie Kalk aus, danach die Sulfate Gips und Anhydrit, zuletzt die Chloride, also Steinsalz und Kalisalze. Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie beschreibt diese Reihenfolge in seiner Broschüre zum „Gestein des Jahres 2022“. Wer heute im Südharz vor einer weißen Felswand steht, sieht also den Bodensatz eines Meeres, das längst verschwunden ist.

Dieses Meer hieß Zechstein. Das Zechsteinmeer bedeckte vor rund 255 Millionen Jahren weite Teile Mitteleuropas, wie das Gips-Datenbuch des Bundesverbands der Gipsindustrie festhält. Die Zechstein-Lager gelten als die ältesten in Deutschland und erreichen bis zu 98 Prozent Gipsgehalt. Jüngere Vorkommen stammen aus dem Muschelkalk und dem Keuper, sie ziehen sich von Baden-Württemberg über Franken bis nach Hessen.

Unter dem Druck darüberliegender Schichten verliert Gips sein Kristallwasser und wird zu Anhydrit, dem wasserfreien Calciumsulfat. Steigt das Gestein später wieder nahe an die Oberfläche, nimmt der Anhydrit Grundwasser auf und verwandelt sich zurück in Gips. Der Großteil der heute nutzbaren Gipsrohstoffe ist auf diesem Umweg entstanden. Die Rückverwandlung hat eine Nebenwirkung, die Bauingenieure fürchten: Das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau in Baden-Württemberg beziffert die Volumenzunahme auf 61 Prozent, bezogen auf die feste Phase. In Staufen im Breisgau hoben quellende Anhydritschichten nach Erdwärmebohrungen im September 2007 die Altstadt an, an mehr als 260 Gebäuden entstanden Schäden.

EigenschaftGipsHalbhydrat (gebrannt)Anhydrit
Chemische FormelCaSO₄ · 2 H₂OCaSO₄ · ½ H₂OCaSO₄
Kristallwasser20,92 Massenprozent6,21 Massenprozentkeines
Härte nach Mohs2entfällt, Pulver3 bis 3,5
EntstehungEindampfung, Wasseraufnahme von AnhydritBrennen bei 120 bis 180 °CEntwässerung von Gips unter Überdeckung
Gips und seine Verwandten. Quellen: Bundesverband der Gipsindustrie, Gips-Datenbuch (2013); HLNUG (2022)

Gips ist das weichste Gestein, das die Industrie in großen Mengen abbaut. Auf der Härteskala nach Mohs dient das Mineral mit der Härte 2 als Referenz, ein Fingernagel ritzt die Oberfläche. Anhydrit liegt eine Stufe darüber. Diese Weichheit macht Gips leicht zu brechen, zu mahlen und zu brennen. Für die Bauindustrie zählt aber vor allem eine zweite Eigenschaft: Erhitzt auf 120 bis 180 Grad Celsius, gibt Gips drei Viertel seines Kristallwassers ab und wird zu Halbhydrat. Mit Wasser angerührt, bindet das Pulver die Feuchtigkeit wieder und härtet in Minuten aus.

Die Natur liefert Gips in mehreren Sorten. Alabaster heißt die kompakte, durchscheinende Variante, aus der Bildhauer seit der Antike Gefäße und Figuren schneiden. Marienglas bildet klare, blättrige Kristalle, Fasergips seidig glänzende Stränge, und in Wüsten wächst Gips zu rosettenförmigen Wüstenrosen. Für die Industrie zählen dagegen Reinheit und Weißgrad, denn Ton und Dolomit im Gestein stören beim Brennen.

Wie groß Gipskristalle werden können, zeigt die Kristallhöhle von Naica im mexikanischen Bundesstaat Chihuahua. Bergleute stießen dort im Jahr 2000 in 290 Metern Tiefe auf Selenitsäulen von bis zu 11 Metern Länge und einem Meter Dicke. Der spanische Kristallograf Juan Manuel García-Ruiz und sein Team wiesen nach, dass die Kristalle in heißem Wasser von etwa 54 Grad wuchsen, knapp unter der Schwelle, ab der Anhydrit stabiler wird als Gips.

Knapp wird Gips nicht wegen der Geologie. Der US Geological Survey (USGS) bezeichnet die weltweiten Reserven schlicht als „groß“ und meldet für 2025 Förderung in 78 Ländern. China allein hat Reserven von 1,8 Milliarden Tonnen ausgewiesen, Thailand 910 Millionen, Iran 750 Millionen. Deutschland veröffentlicht keine Reservenzahl. Die Engpässe entstehen dort, wo Gipsgestein unter Naturschutzgebieten liegt oder wo eine zweite, industrielle Quelle versiegt.

Diese zweite Quelle ist der REA-Gips aus der Rauchgasentschwefelungsanlage. Kohlekraftwerke waschen das Schwefeldioxid aus ihren Abgasen mit Kalksteinsuspension heraus, als Reaktionsprodukt fällt Gips an, der chemisch dem Naturgips entspricht. Wie ein Abfallprodukt zum gefragten Rohstoff wird, zeigt auch die Stoffgeschichte über Schwefel, den Abfall des Öls. In den USA stammte 2025 laut USGS rund 39 Prozent des heimischen Gipsangebots aus solchen synthetischen Quellen.

Die Förderkosten von Naturgips sind niedrig, weil die meisten Lager im Tagebau liegen. Der USGS nennt für 2025 einen Durchschnittswert von rund 12 Euro je Tonne Rohgips ab Grube und rund 55 Euro je Tonne gebranntem Gips ab Werk. Bei so niedrigen Tonnenpreisen schlägt jeder Transportkilometer spürbar auf den Warenwert durch. Gipswerke stehen deshalb dicht an der Grube oder am Kraftwerk.

Auf den Punkt
  • Meeresboden: Gips ist eingedampftes Meerwasser, die deutschen Lager aus dem Zechstein sind rund 255 Millionen Jahre alt
  • Zwillingsgestein: Anhydrit wird mit Wasser zu Gips und dehnt sich dabei um bis zu 61 Prozent aus
  • Billig im Boden: Rohgips kostet ab Grube rund 12 Euro je Tonne, der Transport frisst den Preisvorteil schnell auf

Wer entdeckte Gips und wie begann der Rausch?

Vase mit Preisschild und Platte vor weißem Hintergrund
Vom Gipsputz in Kleinasien vor 9.000 Jahren bis zur Gipskartonplatte von 1894.

Einen Entdecker hat Gips nicht. Menschen in Kleinasien verputzten ihre Wände schon vor rund 9.000 Jahren mit gebranntem Gips. Zum Massenbaustoff wurde das Mineral erst 1894, als der Amerikaner Augustine Sackett die Gipskartonplatte patentierte.

Gips gehört zu den ältesten Baustoffen der Menschheit, weil schon ein Lagerfeuer genügt, um ihn zu brennen. Das hessische Landesamt datiert die ersten Gipsputze in Kleinasien auf ein Alter von rund 9.000 Jahren. Im alten Ägypten kannte man vor 4.500 Jahren durchscheinende Fensterscheiben aus Alabaster. Archäometriker um den Chemiker Armin Reller fanden 1992 in Mörtelproben aus der Cheops-Pyramide, der Chephren-Pyramide und der Sphinx Gips, Anhydrit sowie Calcit.

Den Ruf als Stadtbaustoff erwarb sich Gips in Paris. Die Pariser Region verfügt über reiche Gipsvorkommen, und 1667 ordnete Ludwig XIV. an, dass die hölzernen Fachwerkfassaden der Stadt mit Gips zu verputzen seien, wie das Musée du Plâtre in Cormeilles-en-Parisis dokumentiert. Im Englischen heißt gebrannter Gips bis heute „plaster of Paris“.

Warum Gips überhaupt abbindet, klärte 1765 ein 21-jähriger Chemiker. Antoine Laurent de Lavoisier trug der Pariser Akademie der Wissenschaften seine erste Abhandlung vor, die „Analyse du gypse“. Er zeigte, dass Gips beim Erhitzen Wasser verliert und beim Anrühren genau dieses Wasser wieder aufnimmt. Die Arbeit erschien 1768 im Druck.

Im selben Jahr 1768 veröffentlichte ein Pfarrer aus Hohenlohe eine Schrift, die Gips auf den Acker brachte. Johann Friedrich Mayer aus Kupferzell empfahl gemahlenen Gips als Dünger für Klee und Futterpflanzen. Der Agrarwissenschaftler Johann Nepomuk von Schwerz verlieh ihm später den Beinamen „Gipsapostel von Kupferzell“, so verzeichnet ihn die Deutsche Biographie.

ZeitpunktEreignis
vor rund 9.000 JahrenErste Gipsputze in Kleinasien
vor rund 4.500 JahrenGipsmörtel in den Pyramiden von Gizeh, Alabasterscheiben als Fenster
1667Ludwig XIV. lässt die Pariser Fachwerkfassaden mit Gips verputzen
1765Lavoisier erklärt das Abbinden von Gips
1768Pfarrer Mayer empfiehlt Gips als Dünger
1852Mathijsen beschreibt den Gipsverband
1894Patent auf Sacketts Gipsplatte
190230 Firmen gründen die United States Gypsum Company
1932 und 1933Alfons und Karl Knauf sichern Abbaurechte und eröffnen ihr erstes Werk
1958Erste Gipsplatten von Knauf aus Iphofen
Meilensteine der Gipsgeschichte. Quellen: HLNUG, Musée du Plâtre, Deutsche Biographie, USG, Knauf

Auch die Medizin entdeckte das weiße Pulver. 1852 beschrieb der niederländische Militärarzt Antonius Mathijsen einen Verband aus Leinenbinden mit eingeriebenem Gipspulver, die angefeuchtet um den gebrochenen Knochen herum aushärteten.

Den eigentlichen Rausch löste ein Ingenieur aus New York aus. Augustine Sackett hatte 1888 die Idee, eine Schicht Gips zwischen Papierlagen zu pressen, 1894 erhielt er das Patent auf das „Sackett Board“. 1902 schlossen sich 30 unabhängige Gipsfirmen zur United States Gypsum Company zusammen, kurz USG. Der neue Konzern kaufte 1909 Sacketts Firma und brachte 1917 seine Platte unter dem Markennamen Sheetrock auf den Markt.

Den Deutschland-Bezug stellten zwei Brüder aus dem Saarland her. 1932 sicherten sich Alfons und Karl Knauf Abbaurechte für Gips an der Obermosel in der Gemeinde Schengen, 1933 nahmen sie im saarländischen Perl ihr erstes Werk in Betrieb. Nach dem Krieg zog das Familienunternehmen 1949 ins fränkische Iphofen, wo Gips aus dem Keuper ansteht, und produzierte 1958 seine ersten Gipsplatten. Aus diesem Start wuchs der heute größte Gipskonzern der Welt.

Mit dem Wachstum kam früh die Konzentration. In Europa teilten sich wenige Konzerne den Plattenmarkt: British Plaster Board, die französische Lafarge, die belgische Gyproc und Knauf. In den USA dominierte USG über Jahrzehnte. Die Branche lebt von Gruben, Kraftwerksverträgen und Werken in Lkw-Reichweite, ein Neuling braucht für all das Jahre. Diese Marktstruktur sollte die Konzerne später teuer zu stehen kommen.

Auf den Punkt

Gipsputz ist rund 9.000 Jahre alt, die Pyramiden von Gizeh enthalten Gipsmörtel, und Paris verputzte ab 1667 seine Fachwerkhäuser mit Gips. Zur Industrie wurde das Mineral mit Sacketts Platte von 1894 und Konzernen wie USG oder Knauf.

Wie hat Gips die Weltkarte verändert?

Ein Kranmodell hebt einen Betonblock mit Warnhinweis und einem „FRACHT“-Schild
Gips reist nur übers Wasser weit: Oman exportierte 2023 über Salalah 11,2 Millionen Tonnen.

Gips hat keine Grenzen verschoben und keinen Staat gegründet, dafür ist das Gestein zu billig und zu weit verbreitet. Seine Geopolitik spielt im Kleinen: Kartelle teilten Märkte auf, Knauf geriet mit seinem Russlandgeschäft in die Kriegspolitik, und drei Bundesländer streiten über denselben Gipskarst.

Warum Gips nie Kolonialware wurde

Die europäischen Kolonialmächte holten Kautschuk, Kupfer und Baumwolle über die Ozeane, Gips ließen sie liegen. Der Grund steht in jeder Preisliste: Bei einem Tonnenwert von rund 12 Euro ab Grube lohnt sich der Transport über Kontinente fast nie. Gips blieb ein Rohstoff der Nachbarschaft, gebrochen und gebrannt in Reichweite der Baustelle. Fernhandel lohnt sich bis heute nur dort, wo ein Schiff billiger fährt als ein Lkw.

Zwei dieser Ausnahmen prägen den Weltmarkt. Spanien, mit 11 Millionen Tonnen 2025 der größte Förderer der EU, lieferte zwischen 2021 und 2024 laut USGS 38 Prozent der US-Importe. Der Rest kam überwiegend aus Mexiko (30 Prozent) und Kanada (28 Prozent). Kanadische Ware versorgt vor allem die Ostküste, mexikanische die Westküste der Vereinigten Staaten.

Die zweite Ausnahme liegt am Arabischen Meer. Über den Hafen Salalah exportierte das Oman 2023 laut dem Fachdienst Global Gypsum 11,2 Millionen Tonnen Naturgips, 47 Prozent davon gingen nach Indien. Global Gypsum zufolge stammen rund 90 Prozent der indischen Gipsimporte aus dem Sultanat. Mit 14 Millionen Tonnen Förderung 2025 ist das Oman laut USGS die Nummer drei der Welt, hinter den USA und Iran.

Wie Kartelle den Plattenmarkt aufteilten

Wo die Fracht teuer ist, bleiben Anbieter unter sich, und das lädt zu Absprachen ein. Die EU-Kommission verhängte am 27. November 2002 gegen vier Hersteller von Gipsplatten Bußgelder von zusammen 478 Millionen Euro. Lafarge sollte 249,6 Millionen zahlen, BPB 138,6 Millionen, Knauf 85,8 Millionen und Gyproc Benelux 4,32 Millionen Euro. Nach den Feststellungen der Kommission bildeten die Konzerne von 1992 bis 1998 ein Kartell, betroffen waren die Märkte in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und den Benelux-Staaten.

Laut der Kommission begann das Kartell bei einem Treffen in London Anfang 1992, 1996 trafen sich die Beteiligten in einem Hotel in Versailles. Die vier Firmen versorgten laut Kommission rund 80 Prozent der Kunden in den betroffenen Ländern. In den USA endete ein ähnlicher Streit vor Gericht mit Vergleichen: Im Verfahren „Domestic Drywall Antitrust Litigation“ zahlten sechs Hersteller, darunter American Gypsum, National Gypsum und PABCO, an Abnehmer zusammen umgerechnet rund 171 Millionen Euro. Die Kläger hatten Preisabsprachen ab 2011 beklagt.

UnternehmenBußgeld der EU-Kommission 2002
Lafarge249,60 Mio. €
BPB138,60 Mio. €
Knauf85,80 Mio. €
Gyproc Benelux4,32 Mio. €
Zusammen478 Mio. €
Das europäische Gipsplattenkartell von 1992 bis 1998. Quelle: Europäische Kommission, IP/02/1744

Wie Knauf in den Krieg geriet

Der Ukrainekrieg machte aus einem Familienunternehmen aus Iphofen einen Fall für die Außenpolitik. Knauf betrieb seit Anfang der Neunzigerjahre Gruben sowie Werke in Russland mit mehr als 4.000 Beschäftigten und blieb nach der Invasion 2022 im Land. Im Frühjahr 2024 berichtete das ARD-Magazin Monitor, Knauf-Produkte seien beim Wiederaufbau des besetzten Mariupol verbaut worden, unter anderem in einem Wohnprojekt im Auftrag des russischen Verteidigungsministeriums. Knauf erklärte dem Magazin, sich an alle Sanktionen zu halten, weder aus der EU nach Russland noch nach Mariupol zu liefern und keinen Einfluss darauf zu haben, wo unabhängige Händler die Produkte absetzen. Im April 2024 kündigte der Konzern an, das Russlandgeschäft an das lokale Management abzugeben.

Der Ausstieg scheiterte. Am 7. Oktober 2025 teilte Knauf mit, der russische Verhandlungspartner habe die Gespräche abgebrochen, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtete. Das Geschäft läuft seitdem sanktionskonform und organisatorisch getrennt unter lokaler Leitung weiter, Gewinne fließen nicht an die Gruppe. Im Konzernabschluss 2024 hatte Knauf die russischen Aktivitäten bereits wertberichtigt, der Jahresüberschuss fiel um 46,9 Prozent auf 857 Millionen Euro.

Wem der Gips unter dem Harz gehört

Die heftigste Grenzfrage um Gips liegt mitten in Deutschland. Der Gipskarst des Südharzes zieht sich als mehr als 100 Kilometer langer Höhenzug durch Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, der Naturschutzbund nennt ihn einzigartig in Europa. Unter den Höhlen, Erdfällen und Buchenwäldern liegt zugleich einer der reinsten Gipsvorräte des Landes. Jedes der drei Länder entscheidet anders darüber, wie viel davon abgebaut werden darf.

Sachsen-Anhalt hat sich festgelegt. Der Landkreis Mansfeld-Südharz genehmigte am 9. Dezember 2024 sieben Probebohrungen bei Uftrungen, Breitungen und Hainrode, mit denen Knauf das Vorkommen erkunden wollte. Der BUND legte Widerspruch ein, im Februar 2025 stoppte das Oberverwaltungsgericht in Magdeburg die weiteren Bohrungen im Eilverfahren. Am 27. Mai 2026 entschied der Koalitionsausschuss der Landesregierung, die rund 125 Hektar bei Breitungen im Landesentwicklungsplan als Vorranggebiet für Natur und Landschaft zu belassen.

Thüringen ließ ein Gericht entscheiden. Ein Bergbauunternehmen aus Nordthüringen, das Gips und Anhydrit abbaut, wollte die Naturparkverordnung Südharz aus dem Jahr 2010 kippen, die den Abbau im Schutzgebiet verbietet. Das Thüringer Oberverwaltungsgericht lehnte den Normenkontrollantrag im Juni 2026 ab und ließ keine Revision zu.

Niedersachsen dagegen lebt vom Gips. Das Land lieferte 2020 laut Gicon-Gutachten 1,37 von 5,2 Millionen Tonnen deutschem Naturgips, also gut ein Viertel. Für Spezialgipse in Medizin, Keramik und Formenbau ist das Land besonders wichtig: Nach einer Erhebung von 2002, die das Gutachten zitiert, stellten sechs große Unternehmen dort etwa 80 Prozent der deutschen Spezialgipse her. 22 von 26 Gipsbrüchen sind in Betrieb. Der Gipskompromiss von 2002 wies im Südharz rund 280 Hektar Vorranggebiete für den Abbau aus. Die genehmigten Vorräte reichen nach dem Stand von 2022 für Baugips noch 8 bis 16 Jahre. Solange Sachsen-Anhalt und Thüringen ihre Schutzgebiete halten, lastet der Abbaudruck auf dem niedersächsischen Teil des Karsts.

LandEntscheidungStand
Sachsen-AnhaltRund 125 Hektar bei Breitungen bleiben Vorranggebiet für Natur und LandschaftKoalitionsausschuss, 27. Mai 2026
ThüringenAbbauverbot der Naturparkverordnung Südharz bleibt bestehenOberverwaltungsgericht, Juni 2026
NiedersachsenRund 280 Hektar Vorranggebiete für den Gipsabbau, 22 Brüche in BetriebGipskompromiss 2002, Stand 2025
Ein Gipskarst, drei Landesentscheidungen. Quellen: MSH-Online, dpa, Gicon-Gutachten

Wo der Gips heute fehlt

Die jüngste Verschiebung kommt aus Oklahoma. Die Knauf-Tochter USG legt ihr Werk in Southard samt Grube im November 2026 still, nach Berichten des Radiosenders KOSU fallen rund 250 Arbeitsplätze weg. Southard fertigt keine Wandplatten, sondern Spezialprodukte, darunter Alpha- und Beta-Halbhydrat. USG begründete den Schritt im Juli mit der wachsenden Komplexität und den Kosten, die Spezialprodukte des Standorts abzubauen und herzustellen. Global Gypsum meldete am 6. Oktober 2026 unter Berufung auf Branchenquellen einen Engpass bei Alpha- und Beta-Halbhydrat, Kunden suchten bereits nach Ersatzlieferanten oder stellten ihre Rezepturen um.

In Deutschland verschiebt sich die Landkarte leiser, aber dauerhaft. Das Gutachten „Gesamtlage des Rohstoffs Gips in Niedersachsen“ der Gicon Resources GmbH, im Mai 2026 vom Umwelt- und Wirtschaftsministerium in Hannover veröffentlicht, beziffert den deutschen Verbrauch auf rund 10 Millionen Tonnen im Jahr. 2023 standen dem 4,7 Millionen Tonnen Naturgips und Anhydrit, 3,4 Millionen Tonnen REA-Gips und rund 0,6 Millionen Tonnen Recycling- und Industriegips gegenüber. Die Lücke von mehr als einer Million Tonnen deckten vor allem Importe aus Marokko. Mit dem Kohleausstieg verliert Deutschland die eine Quelle und wird abhängiger von der anderen.

Förderländer und Abhängigkeiten
Gefördert wird Gips in 78 Ländern, gehandelt wird er vor allem übers Wasser
Oben sehen Sie die größten Förderländer 2025, unten die wichtigsten Lieferwege. Rohgips kostet ab Grube rund 12 Euro je Tonne, weite Wege rechnen sich nur per Schiff.
Gipsförderung 2025 (Welt: 160 Millionen Tonnen)
außerhalb der EUEU
USA
20,0 Mio. t
Iran
16,0 Mio. t
Oman
14,0 Mio. t
China
12,0 Mio. t
Spanien
11,0 Mio. t
Türkei
10,0 Mio. t
Thailand
8,7 Mio. t
Deutschland
4,7 Mio. t
Lieferwege und Abhängigkeiten
Spanien→USA
38 Prozent der US-Importe 2021 bis 2024, Spanien ist der größte Förderer der EU.
Mexiko→USA
30 Prozent der US-Importe, die Ware versorgt vor allem die Westküste.
Kanada→USA
28 Prozent der US-Importe, sie ergänzen die Versorgung an Ost- und Südküste.
Oman→Indien
5,3 Millionen Tonnen 2023 über den Hafen Salalah, rund 90 Prozent der indischen Gipsimporte.
Marokko→Deutschland
Hauptlieferant für die Lücke von mehr als einer Million Tonnen, die 2023 im deutschen Gipsbedarf klaffte.
Kraftwerk→Gipswerk
Deutscher REA-Gips: 6,81 Millionen Tonnen 2014, 2,9 Millionen Tonnen 2024.

Warum ist Gips für die Weltwirtschaft so wichtig?

Papiersack „Regler“ mit Pulver, Stein und orangem Anhänger auf weißem Grund
Rund ein Viertel des deutschen Gipses steckt als Abbinderegler in Zement und Beton.

Gips steckt in fast jedem Gebäude: in Wandplatten, Putzen, Estrichen und als Abbinderegler in jedem Sack Zement. Weltweit förderten Bergwerke 2025 rund 160 Millionen Tonnen, dazu kommt synthetischer Gips aus Kraftwerken. Fehlt der Rohstoff, stockt zuerst der Innenausbau und dann der Beton.

An der Weltwirtschaft gemessen ist Gips ein kleiner Posten. Der USGS bewertet die 20 Millionen Tonnen Rohgips, die US-Gruben 2025 förderten, mit rund 230 Millionen Euro. Seine Bedeutung liegt in der Hebelwirkung: Ein Rohstoff für ein paar Euro je Tonne hält Bauleistungen in Milliardenhöhe zusammen. Die Vereinigten Staaten verbrauchten 2025 rund 44 Millionen Tonnen und deckten 15 Prozent davon über Importe.

Für die größten Verbraucher zählt nicht nur die Grube. In den USA stammten 2025 laut USGS rund 39 Prozent des heimischen Angebots aus synthetischem Gips, vor allem aus Kraftwerken. Die Plattenwerke des Landes könnten jährlich rund 34 Milliarden Quadratfuß Wandplatten herstellen, verkauft wurden 26 Milliarden, gut drei Viertel der Kapazität. In Europa konzentriert sich die Förderung auf ein Land: Spanien stellt laut Eurostat-Daten im Gicon-Gutachten mehr als 60 Prozent der EU-Förderung von Gips- und Anhydritstein.

Gips wird an keiner Börse gehandelt. Die Preise handeln Gruben, Kraftwerksbetreiber und Plattenwerke in Lieferverträgen aus, oft über Jahre. Im internationalen Seehandel wird in US-Dollar abgerechnet, innerhalb Europas in Euro. Als Marktindikator dienen Durchschnittswerte, wie sie der USGS für Rohgips ab Grube und gebrannten Gips ab Werk veröffentlicht. Die Handelswege laufen über Massengutfrachter, die Gips aus Spanien, Mexiko oder dem Oman in Häfen nahe der Plattenwerke bringen. Ein Engpass entsteht dort weniger auf See als an Land: Jedes Werk ist auf eine Grube oder ein Kraftwerk in der Nähe angewiesen, und ein neuer Lieferant braucht Genehmigungen, Lager und Logistik. Die Schließung eines einzelnen Standorts wie Southard reicht deshalb, um ganze Abnehmergruppen umzustellen.

Am stärksten hängt die Zementindustrie am Gips. Im Zement verzögert gemahlener Gips das Erstarren, ohne diesen Regler würde der Zementleim zu schnell ansteifen und ließe sich nicht verarbeiten. Der USGS hält fest, dass Gips in der Herstellung von Portlandzement keinen praktikablen Ersatz hat. In Deutschland geht laut Gicon-Gutachten rund ein Viertel des Gipsbedarfs als Abbinderegler in Zement und Beton, und dieser Anteil lässt sich nie wieder zurückgewinnen.

Deutschland verbraucht nach Zahlen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) rund 10 Millionen Tonnen Gips im Jahr. Die elf Mitgliedsunternehmen des Bundesverbands der Gipsindustrie verarbeiteten 2024 in 34 Werken mit 5.900 Beschäftigten rund 5,7 Millionen Tonnen Gipsrohstoffe. Abgebaut wird laut BGR in 63 Abbaustätten, vom Südharz über Franken bis Baden-Württemberg. Gleichzeitig verließen 2023 rund 0,74 Millionen Tonnen Naturgips und Anhydrit das Land, überwiegend für ausländische Zementwerke.

JahrREA-GipsNaturgips und AnhydritRecyclinggips
20146,81 Mio. tkeine Angabekeine Angabe
20195,19 Mio. tkeine Angabekeine Angabe
20214,47 Mio. t6,26 Mio. t0,10 Mio. t
20224,42 Mio. t5,82 Mio. t0,10 Mio. t
20233,40 Mio. t4,73 Mio. t0,13 Mio. t
20242,9 Mio. tkeine Angabe0,13 Mio. t
Gipsrohstoffe in Deutschland. Quellen: BGR und Bundesverband der Gipsindustrie nach Gicon-Gutachten (2025), Bundesverband der Gipsindustrie (01.09.2026)

Die Tabelle zeigt den eigentlichen Befund. Binnen zehn Jahren hat sich die Menge an REA-Gips mehr als halbiert, und der Rückgang kam schneller als jede Planung. 2024 erreichte der REA-Gips bereits die 2,9 Millionen Tonnen, die Prognosen erst für 2030 vorgesehen hatten. Auf Kraftwerkshalden lagern nach Gicon-Angaben noch 14 bis 16 Millionen Tonnen, ein Puffer von wenigen Jahren.

Der Bedarf wächst trotzdem weiter. Eine Prognose von Ernst & Young im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2022 erwartet, dass die deutsche Nachfrage von 10 auf 15 Millionen Tonnen jährlich bis 2050 steigt. Das Angebot aus heimischen Quellen könnte im selben Zeitraum auf 3,9 bis 6,4 Millionen Tonnen fallen. Zwischen beiden Zahlen liegt der Streit, den Bauwirtschaft und Naturschutz seit Jahren um den Südharz führen.

Auf den Punkt
  • Kleiner Wert, große Wirkung: 20 Millionen Tonnen US-Rohgips sind rund 230 Millionen Euro wert, ohne sie stocken Bauleistungen in Milliardenhöhe
  • Zement ohne Ersatz: Rund ein Viertel des deutschen Gipses geht als Abbinderegler in Zement und Beton
  • Halbierte Quelle: REA-Gips fiel von 6,81 Millionen Tonnen 2014 auf 2,9 Millionen Tonnen 2024

In welchen Produkten steckt Gips und was verschwindet ohne ihn?

Zahnmodell, Tofublock und Etikett E 516 auf orangem Teller
Gips steckt in Zahnmodellen, Porzellanformen und als Zusatzstoff E 516 im Tofu.

Gips steckt in Wandplatten, Putzen, Fließestrichen und jedem Sack Zement, dazu in Zahnmodellen, Porzellanformen und Tofu. Bei einem Lieferausfall fiele zuerst die Zementproduktion aus, denn dort fehlt ein praktikabler Ersatz. Für Wandplatten existieren Alternativen, aber nicht in der nötigen Menge.

Die meisten Menschen haben Gips öfter in der Hand, als sie ahnen. Jede Gipskartonplatte von 12,5 Millimetern Stärke wiegt laut Rigips-Datenblatt mindestens 8,5 Kilogramm je Quadratmeter, und fast das gesamte Gewicht ist Gips zwischen zwei Lagen Karton. Eine Trennwand von zehn Metern Länge und 2,60 Metern Höhe, beidseitig einfach beplankt, verbraucht so mindestens 440 Kilogramm Platte. In der deutschen Gipsindustrie entfällt etwa die Hälfte der Produktion auf Platten, die andere Hälfte auf Putze, Spachtel und Estriche.

Weniger sichtbar ist der Gips im Fußboden. Calciumsulfat-Fließestrich wird flüssig in den Raum gepumpt, verläuft von selbst und härtet zu einer glatten Fläche aus, auf die später Parkett oder Fliesen kommen. Darunter, im Rohbau, steckt Gips im Beton der Decken und Fundamente, weil er im Zement das Erstarren regelt. Der Bundesverband der Gipsindustrie zählt auch die Fundamente von Windkraftanlagen zu den Abnehmern.

Eine eigene Welt bilden die Spezialgipse. Zahntechniker gießen aus Dentalgips die Modelle, nach denen Kronen und Brücken entstehen. Porzellan- und Keramikhersteller formen ihr Geschirr in Gipsformen, weil der poröse Gips dem Ton Wasser entzieht. Krankenhäuser nutzen Gips für Verbände und Abformungen. Das Werk in Southard, dessen Schließung gerade den US-Markt durcheinanderbringt, lieferte solche Spezialgipse.

Gips steckt sogar im Essen. Der Bundesverband der Gipsindustrie führt Calciumsulfat auch als Lebensmittelzusatzstoff E 516 auf, im Supermarkt begegnet er Ihnen etwa als Gerinnungsmittel im Tofu. In der Landwirtschaft wird gemahlener Gips seit dem Gipsapostel von Kupferzell als Dünger und Bodenverbesserer ausgebracht, er liefert Calcium und Schwefel.

ProduktkategorieBeispielGipsbasisErsatz bei Lieferausfall
InnenausbauTrockenbauwand, DeckenverkleidungGipsplatte, mindestens 8,5 kg je m²Lehmbau- und Holzwerkstoffplatten, bisher in kleinen Mengen
OberflächenInnenputz, Spachtelmassegebrannter GipsKalk- und Lehmputze
FußbodenFließestrich unter ParkettCalciumsulfat-BindemittelZementestrich
RohbauBeton für Decken und FundamenteGips als Abbinderegler im Zementkein praktikabler Ersatz
Medizin und HandwerkZahnmodell, PorzellanformSpezialgips, Alpha-HalbhydratUmstellung der Rezeptur, teils mit Zulassung
Lebensmittel und AckerTofu, BodenverbessererCalciumsulfat, E 516andere Gerinnungsmittel und Dünger
Wo Gips im Alltag steckt. Quellen: Gicon-Gutachten (2025), Bundesverband der Gipsindustrie, Rigips-Datenblatt, US Geological Survey

Was bei einem Ausfall zuerst wegfällt, entscheidet die Kipp-Logik aus Ersatz und Menge. Beim Zement fällt die Antwort eindeutig aus: Ohne Abbinderegler lässt sich Portlandzement nicht verarbeiten, und der USGS kennt keinen praktikablen Ersatz. Steht der Zement, stehen Betonwerke, Rohbauten und Infrastrukturprojekte. Gips ist damit das unscheinbarste Glied, an dem der ganze Rohbau hängt.

Für Wandplatten existiert Ersatz, aber keiner, der gleichwertig und in der nötigen Menge verfügbar wäre. Lehmbauplatten erreichten 2020 laut Gicon-Gutachten mit 220.000 bis 240.000 Quadratmetern gerade 0,1 Prozent des Volumens von Gipsplatten und brauchen für dieselbe Leistung etwa das doppelte Materialvolumen. Beim Estrich bleibt der Zementestrich als Alternative, bei Putzen der Kalk, dessen eigene CO₂-Last beim Brennen allerdings höher ausfällt als die von Gips.

Am schnellsten reagieren die Nischen, wie Oklahoma zeigt. Seit USG die Stilllegung von Southard angekündigt hat, stellen Kunden laut dem Branchendienst Drymix.Info ihre Rezepturen um oder beantragen Zulassungen für andere Sulfatquellen. Für einen Zahntechniker oder Formenbauer bedeutet ein neuer Gips neue Tests, neue Freigaben und im Zweifel Ausschuss. Der Rohstoff kostet wenig, die Umstellung viel.

Produkte und Lieferausfall
Alltag voller Gips
Sechs Dinge, denen Sie täglich begegnen. Die Markierung zeigt, was bei einem Lieferausfall passiert.
Trockenbauwand
Gipsplatte
Mindestens 8,5 Kilogramm Gips je Quadratmeter Platte, eine Zehn-Meter-Wand braucht rund 440 Kilogramm.
Ersatz nur in kleinen Mengen
Betondecke
Gips im Zement
Gips regelt das Erstarren des Zements, rund ein Viertel des deutschen Gipses geht in Zement und Beton.
Kein praktikabler Ersatz
Fließestrich
Calciumsulfat
Der flüssige Estrich verläuft selbst und trägt später Parkett oder Fliesen.
Ersatz: Zementestrich
Zahnmodell
Dentalgips
Aus Spezialgips gießen Zahntechniker die Modelle für Kronen und Brücken.
Rezeptur und Freigabe neu
Porzellanteller
Formgips
Die poröse Gipsform entzieht dem Ton Wasser, so entsteht Geschirr in Serie.
Rezeptur und Freigabe neu
Tofu
E 516
Calciumsulfat lässt Sojamilch zu Tofu gerinnen und steht als E 516 auf der Zutatenliste.
Andere Gerinnungsmittel
Kipp-Logik: Wandplatten, Estrich und Tofu lassen sich ersetzen, der Gips im Zement nicht. Fällt Gips aus, stoppt zuerst der Beton und damit der Rohbau.

Wie setzt sich der Preis einer Gipsplatte zusammen?

Graue Platte, oranger Anhänger mit „4,49€“ und Sticker „NICHT DRAN RIECHEN.“ vor weißer Wand
Ein Quadratmeter Gipsplatte kostet im Baumarkt 4,49 Euro, der Rohgips darin rechnerisch rund 10 Cent.

Ein Quadratmeter Gipskartonplatte kostet im Baumarkt rund 4,49 Euro. Der Rohgips darin ist nach US-Durchschnittswerten nur etwa 10 Cent wert, gebrannt rund 47 Cent. Den Großteil des Preises machen Herstellung, Trocknung, Transport, Handel und 72 Cent Mehrwertsteuer aus.

Der Preis einer Platte lässt sich im Baumarkt ablesen. OBI verlangte am 8. Oktober 2026 für eine Gipskartonplatte von 12,5 Millimetern Stärke im Format 60 mal 260 Zentimeter 7,00 Euro, umgerechnet 4,49 Euro je Quadratmeter. Eine imprägnierte Platte für Bäder kostete 6,39 Euro je Quadratmeter. Schwieriger sind die Bausteine dieses Preises zu ermitteln, denn deutsche Hersteller veröffentlichen keine Kalkulation und keine Rohstoffpreise je Tonne.

Eine belastbare Näherung liefert der USGS. Er nennt für 2025 Durchschnittswerte, die zum EZB-Referenzkurs vom 7. Oktober 2026 rund 12 Euro je Tonne Rohgips ab Grube und rund 55 Euro je Tonne gebranntem Gips ab Werk entsprechen. Ein Rechenbeispiel: Angenommen, in einem Quadratmeter Platte stecken die 8,5 Kilogramm, die Rigips als Mindestmasse angibt. Dann wäre der Rohgips darin etwa 10 Cent wert, der gebrannte Stuckgips rund 47 Cent. Der Rohstoff machte damit gut ein Zehntel des Ladenpreises aus.

Den größten Block bilden die Herstellkosten der Platte selbst. Im Werk wird der Gipsbrei zwischen zwei Kartonbahnen gegossen, geschnitten und anschließend in langen Trockenkanälen von überschüssigem Wasser befreit. Diese Trocknung ist nach einem Bericht von ingenieur.de vom April 2026 der energieintensivste Schritt der Produktion, schon zwei Grad Messfehler kosten bis zu zehn Prozent Energie. Hinzu kommen Karton, Löhne, Abschreibungen, die Fracht zum Händler sowie die Marge von Hersteller und Baumarkt.

Wie sich der Rest verteilt, zeigt die Rechnung nur grob. Sicher ist der Anteil des Staates: Von 4,49 Euro gehen 72 Cent als Mehrwertsteuer an das Finanzamt, rund 16 Prozent des Ladenpreises. Grubenbetreiber und Kraftwerke, die den Rohstoff liefern, bekommen nach dem Rechenbeispiel nur wenige Cent. Ein Förderland im klassischen Sinn fehlt in dieser Rechnung, weil der deutsche Gips überwiegend aus deutschen Gruben und Kraftwerken stammt. Der Rest verteilt sich auf Hersteller, Spediteure und Handel, ohne dass die Unternehmen die Aufteilung offenlegen.

Deutlich sichtbar sind dagegen die Preiserhöhungen. Laut Statistischem Bundesamt verteuerten sich Gipserzeugnisse für den Bau im Dezember 2024 um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. 2026 legten die beiden Marktführer kräftiger nach, wie die Preislisten des Baustoffhändlers von Guttenberg zeigen.

Gültig abHerstellerProduktgruppeAufschlag
01.02.2026KnaufBasisplatten aus Gipskartonbis zu 12 %
09.02.2026Rigips (Saint-Gobain)Gipsplatten RB und RF, 12,5 mmrund 12 %
09.02.2026Rigips (Saint-Gobain)übrige Gipsplattenbis zu 11 %
09.02.2026Rigips (Saint-Gobain)Spachtel und Putzebis zu 6 %
11.05.2026KnaufTrockenbau3 bis 5 %
11.05.2026KnaufPutz, Fassade, Boden4 bis 7 %
Preisanpassungen für Gipsprodukte 2026. Quelle: von Guttenberg, Preisanpassungen 2026 (Stand 15.12.2025) und Knauf-Kundenschreiben zum 11.05.2026

Knauf begründete den zweiten Aufschlag im Mai mit Spannungen „insbesondere im Nahen Osten“ und gestiegenen Kosten für Energie und Logistik. Ein Trockenbauer, der im Januar eine Trennwand kalkulierte, zahlte für dieselben Knauf-Platten im Sommer damit bis zu 17,6 Prozent mehr. Ob die Hersteller sinkende Energiepreise genauso schnell weitergeben wie steigende, lässt sich aus den Listen nicht ablesen; veröffentlicht werden nur die Aufschläge.

Der Dollarkurs spielt für den deutschen Plattenpreis eine kleine Rolle, weil Rohstoff und Produktion überwiegend im Land bleiben. Anders sieht das beim importierten Gips aus Marokko aus, dessen Seefracht international in Dollar abgerechnet wird. Je mehr REA-Gips durch Importe ersetzt werden muss, desto stärker schlägt der Wechselkurs auf den Plattenpreis durch.

Preiszusammensetzung
Was in 4,49 Euro für einen Quadratmeter Gipsplatte steckt
Ein Rechenbeispiel für eine 12,5-Millimeter-Platte aus dem Baumarkt (Oktober 2026). Der Rohstoff selbst macht nur einen kleinen Teil des Preises aus.
Rohgips ab Grube
0,10 €
2 % des Preises. Rund 8,5 Kilogramm Gips je Quadratmeter zum US-Durchschnittswert von rund 12 Euro je Tonne.
Brennen zu Stuckgips
0,37 €
8 % des Preises. Aufschlag bis zum gebrannten Gips ab Werk, US-Durchschnitt rund 55 Euro je Tonne.
Mehrwertsteuer
0,72 €
16 % des Preises. 19 Prozent auf den Nettopreis, der Anteil des Staates.
Platte, Werk, Weg und Handel
3,30 €
74 % des Preises. Karton, Formen und Trocknen, Energie, Löhne, Transport sowie die Marge von Hersteller und Baumarkt.
Rechenbeispiel: Für Deutschland veröffentlichen weder Hersteller noch Statistikämter Rohstoffpreise je Tonne, deshalb stehen die US-Durchschnittswerte des USGS für 2025 als Näherung. Umgerechnet zum EZB-Referenzkurs vom 07.10.2026.

Wer verdient an Gips und wer zahlt drauf?

Waage mit Münzen, moosbedecktem Stein und Schild „WER ZAHLT?“ auf Weiß
Knauf setzte 2024 mit Gips 11,2 Milliarden Euro um, im Südharz wird um den Karst gestritten.

Am Gips verdienen vor allem wenige Plattenkonzerne, allen voran das Familienunternehmen Knauf, das 2024 mit Gips 11,2 Milliarden Euro umsetzte. Draufzahlen Bauherren, die 2026 zweistellige Preisaufschläge verkraften müssen, und die Karstlandschaft des Südharzes, um deren Gipsvorräte gestritten wird.

Der größte Gewinner sitzt im fränkischen Iphofen. Die Gebr. Knauf KG setzte 2024 laut testiertem Konzernabschluss 15,553 Milliarden Euro um, 11,21 Milliarden davon im Bereich Gips, also 72,1 Prozent. Das operative Ergebnis vor Abschreibungen lag bei 2,392 Milliarden Euro. Mit der Übernahme der US Gypsum Company 2019, laut Pressemitteilung die größte Akquisition der Firmengeschichte, wurde Knauf zum größten Gipskonzern der Welt.

Neben Knauf teilen sich wenige Konzerne den europäischen Markt: Saint-Gobain mit der Marke Rigips und der belgische Baustoffkonzern Etex, der 2025 rund 3,75 Milliarden Euro umsetzte. Diese Konzentration zahlt sich für die Hersteller in Phasen knapper Rohstoffe aus. Steigen die Kosten, ziehen die Marktführer ihre Listenpreise im Abstand weniger Tage um denselben Prozentsatz an, wie die Aufschläge vom Februar 2026 zeigen. Plattenkäufern bleiben nur wenige Anbieter, zu denen sie ausweichen könnten.

Zu den stillen Gewinnern gehörten jahrzehntelang die Kraftwerksbetreiber. Ihr REA-Gips fiel als Nebenprodukt an und ließ sich verkaufen, statt deponiert werden zu müssen. Mit jedem stillgelegten Block verschwindet diese Einnahme, und den Gipswerken, die auf REA-Gips ausgelegt sind, fehlt der Rohstoff.

Auf der anderen Seite stehen die Bauherren. Gipsplatten verteuerten sich 2026 bei Knauf in zwei Schritten um bis zu 17,6 Prozent, und der Aufschlag steckt in den Baukosten jeder Mietwohnung, jedes Büros und jeder Schule mit Trockenbauwänden. In einer Zeit, in der Deutschland den Wohnungsbau beschleunigen will, verteuert ausgerechnet ein Rohstoff für ein paar Euro je Tonne die Innenausbauten.

Verlieren kann auch eine Landschaft. Der BUND hält renaturierte Gruben für keinen Ersatz des Gipskarsts, der über Jahrzehntausende mit Höhlen, Erdfällen und Bachschwinden gewachsen ist. Das Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz in Sachsen-Anhalt umfasst rund 30.000 Hektar. Gleichzeitig hängen in Niedersachsen laut Gicon-Gutachten rund 700 Arbeitsplätze in elf Unternehmen am Gipsabbau. Die Region verliert in jedem Fall etwas: Arbeit oder Landschaft. Am härtesten trifft der Wandel die Belegschaften, deren Werk schließt. In Southard in Oklahoma verlieren rund 250 Menschen ihre Arbeit, in Embsen bei Lüneburg schließt Knauf laut Gicon-Gutachten bis Jahresende ein Werk, in dem auch Gipsreste recycelt wurden. USG begründet die Schließung in Southard mit Kosten, nicht mit fehlendem Gestein.

Knauf sichert sich weltweit zusätzliche Naturgipsvorkommen, doch Sachsen-Anhalt und Thüringen verweigern den Abbau im Südharz.

Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
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Den Ressourcenfluch, der Ölstaaten wie Venezuela arm machte, kennt der Gips nicht. Der Mechanismus setzt hohe Renten voraus: Ein Rohstoff bringt so viel Geld ins Land, dass die Währung aufwertet, andere Exporte unrentabel werden und Regierungen sich aus Rohstoffeinnahmen statt aus Steuern finanzieren. Ökonomen nennen den ersten Teil dieses Effekts holländische Krankheit, nach den Folgen der großen Erdgasfunde in den Niederlanden für die heimische Industrie.

Gips erzeugt solche Renten nicht. Bei rund 12 Euro je Tonne ab Grube bringen selbst die 14 Millionen Tonnen des Oman nur einen Bruchteil der Exporterlöse, die das Sultanat mit Öl erzielt. Der Rohstoff macht keinen Staat reich und keinen Staat abhängig. Seine Wirkung ist lokal: Er entscheidet, ob ein Gipswerk in der Region bleibt und ob eine Landschaft erhalten wird.

LandRohstoffUmgang mit den EinnahmenFolge
NorwegenÖl und GasStaatsfonds seit 1990, Einnahmen werden im Ausland angelegtgilt als Gegenbeispiel zum Ressourcenfluch
VenezuelaÖlStaatshaushalt hängt direkt am ÖlpreisWirtschaftskrise nach dem Ölpreisverfall ab 2014
OmanÖl, dazu GipsGips als zusätzliches Exportgut über SalalahGips bringt Arbeit, aber keine Staatsrente
DeutschlandNaturgips und REA-GipsGips bleibt überwiegend im LandKonflikt zwischen Abbau und Naturschutz statt Rentenfluch
Rohstoffrenten im Vergleich. Quellen: Norges Bank Investment Management, US Geological Survey, Global Gypsum, eigene Einordnung
Auf den Punkt

Knauf erzielte 2024 mit Gips 11,2 Milliarden Euro Umsatz, Bauherren zahlen 2026 bis zu 17,6 Prozent mehr für Platten. Einen Ressourcenfluch löst Gips nicht aus, sein Konflikt spielt lokal zwischen Arbeitsplätzen und Karstlandschaft.

Wie mächtig ist die Gips-Lobby?

Weißes Megafon mit orangefarbenem Rand und Aufkleber „FLÄCHE“ auf weißem Grund
Knauf meldete 2025 rund eine halbe Million Euro Lobbyausgaben, die Branche fordert Abbauflächen.

Die Gips-Lobby ist klein, aber gut organisiert. Knauf meldete für 2025 im Lobbyregister des Bundestags Ausgaben von 530.000 bis 540.000 Euro, der Bundesverband der Gipsindustrie 40.000 bis 50.000 Euro. Die Branche wirbt nicht um Subventionen, sondern um Abbauflächen und schärfere Recyclingregeln.

Das Lobbyregister des Bundestags zeigt die Größenordnungen. Die Knauf Gips KG gab für das Geschäftsjahr 2025 530.001 bis 540.000 Euro für Interessenvertretung gegenüber Bundestag und Bundesregierung an. Saint-Gobain meldete 130.001 bis 140.000 Euro, der Zementkonzern Heidelberg Materials 720.001 bis 730.000 Euro. Der Bundesverband der Gipsindustrie, der die elf Hersteller vertritt, kam auf 40.001 bis 50.000 Euro.

Die Gegenseite ist finanziell nicht schwächer, verteilt ihr Geld aber auf viele Themen. Der BUND gab für 2025 im selben Register 820.001 bis 830.000 Euro an, der NABU 2,28 bis 2,29 Millionen Euro. Beide Umweltverbände führen ihre Lobbyarbeit zu Klima, Landwirtschaft und Verkehr, der Gipskarst ist darin ein Thema unter vielen. Vor Ort ziehen dagegen oft die Landesverbände des BUND gegen Probebohrungen vor Gericht, in Sachsen-Anhalt mit Erfolg.

OrganisationAusgaben für Interessenvertretung 2025
Heidelberg Materials720.001 bis 730.000 €
Knauf Gips KG530.001 bis 540.000 €
Compagnie de Saint-Gobain130.001 bis 140.000 €
Bundesverband der Gipsindustrie40.001 bis 50.000 €
BUND (alle Themen)820.001 bis 830.000 €
NABU (alle Themen)2.280.001 bis 2.290.000 €
Lobbyausgaben gegenüber Bundestag und Bundesregierung. Quelle: Lobbyregister des Deutschen Bundestags, abgerufen am 08.10.2026

Die Forderungen der Branche sind regulatorisch. Der Bundesverband der Gipsindustrie verlangt in seiner Medieninformation vom 1. September 2026 Rechtssicherheit für Recyclinggips, strengere Vorgaben zur Abfalltrennung beim Rückbau, eine Verordnung zum Ende der Abfalleigenschaft und ein Deponieverbot für recyclingfähigen Gips nach österreichischem Vorbild. In Österreich dürfen Gipsplatten seit dem 1. Januar 2026 nicht mehr deponiert werden. Vor allem aber fordert der Verband zusätzliche Flächen für den Abbau von Naturgips.

Das Framing der Branche verbindet Gips mit dem Wohnungsbau. Geschäftsführer Holger Ortleb sagt, Deutschland werde „auch künftig auf Naturgips angewiesen sein“. Der baupolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Niedersachsen, Christian Frölich, legte nach: „Wer mehr Wohnungsbau will, muss auch sagen, woher die Baustoffe kommen.“ Gipsplatten gelten in diesem Bild als leichter, ressourcenschonender Baustoff, Naturschutz als Bremse für bezahlbares Bauen.

Politisch steht eine offene Frage im Raum. Die CDU/CSU-Fraktion wollte 2022 per Kleiner Anfrage im Bundestag wissen, mit welchen Maßnahmen die Bundesregierung den durch den Kohleausstieg wegfallenden REA-Gips über zusätzlichen Naturgipsabbau ausgleichen will. Das Kohleverstromungsbeendigungsgesetz verpflichtet die Bundesregierung in Paragraf 54, bei ihren Überprüfungen auch die Auswirkungen auf Rohstoffe zu untersuchen, „insbesondere Gips“. Eine dieser Überprüfungen ist 2026 fällig.

Subventionen im engeren Sinn spielen keine Rolle, eine eigene Bundesförderung für Gipsabbau oder Gipsrecycling haben wir bei unserer Recherche nicht gefunden. Die Macht der Branche liegt in den Regionalplänen und Genehmigungsverfahren der Länder. Dort entscheidet sich, ob eine Grube erweitert werden darf, und solche Verfahren dauern laut Gipsverband 10 bis 15 Jahre.

Auf den Punkt
  • Lobbybudget: Knauf meldete 2025 rund eine halbe Million Euro, der Gipsverband 40.000 bis 50.000 Euro
  • Forderungen: Abbauflächen, Deponieverbot nach österreichischem Vorbild, Rechtssicherheit für Recyclinggips
  • Offene Prüfung: Das Kohleausstiegsgesetz verlangt eine Prüfung der Folgen für Gips, die nächste ist 2026 fällig

Wie kommen wir von Gips los?

Kleine orange Mülltonne gefüllt mit Bauschutt und einer Arbeiterfigur, Schild „KREISLAUF“
Recycling lieferte 2024 erst 128.500 Tonnen Gips, die Anlagen laufen zu rund 60 Prozent.

Ganz los kommt Deutschland vom Gips nicht, realistisch ist nur weniger frischer Gips. Recycling lieferte 2024 erst 128.500 Tonnen, das Potenzial liegt bei 300.000 bis 400.000 Tonnen. Den Wegfall von rund drei Millionen Tonnen REA-Gips gleicht das Recycling nicht aus, im Zement fehlt jeder Ersatz.

Die größte Hoffnung ruht auf dem Recycling. Der Bundesverband der Gipsindustrie zählte 2024 rund 578.600 Tonnen Gipsabfälle, daraus entstanden 128.500 Tonnen Recyclinggips, eine Quote von 22,18 Prozent. Der gesamte Recyclinggips geht zurück in die Produktion. Die vier aktiven Anlagen in Großpösna, Zweibrücken, Ennigerloh und Pulheim könnten zusammen 277.000 Tonnen verarbeiten, waren 2024 laut Gicon-Gutachten aber nur zu rund 60 Prozent ausgelastet.

Der Engpass liegt also nicht in den Anlagen, sondern auf der Baustelle. Viele Gipsplatten landen beim Abriss im gemischten Bauschutt oder auf der Deponie, weil sie nicht sortenrein ausgebaut werden. Hinzu kommt ein Mengenproblem: 2022 entstanden in Deutschland rund 295.275 neue Wohnungen, abgerissen oder umgewidmet wurden nur etwa 16.500. Gipsplatten werden erst seit den Achtzigerjahren in großem Stil verbaut, die großen Rückbaumengen kommen erst noch.

Neue Kapazität entsteht trotzdem. Knauf und die BSR Bodensanierung Recycling GmbH haben für eine Anlage in Neuhof an der Zenn die Genehmigung für bis zu 90.000 Tonnen im Jahr erhalten, der Betrieb soll 2027 starten. Technisch sind dem Recycling Grenzen gesetzt: Platten und Putze vertragen nach dem Gicon-Gutachten höchstens rund 30 Prozent Recyclinggips. Gips aus dem Zement lässt sich ohnehin nie zurückgewinnen.

Industrielle Ersatzquellen bleiben klein. Phosphogips, ein Abfall aus der Phosphorsäureherstellung für Dünger, kann radioaktive Stoffe wie Uran und Thorium enthalten. In Deutschland endete die Phosphorsäureproduktion 1991, im Knauf-Werk Embsen werden geringe Mengen aus einer Halde verarbeitet. Gips aus der Titandioxidherstellung spielt nach dem Gicon-Gutachten derzeit keine Rolle. Bleiben die REA-Halden an den Kraftwerken mit 14 bis 16 Millionen Tonnen, ein Vorrat für wenige Jahre.

QuelleMengeGrenze
Recyclinggips128.500 t (2024), Potenzial 300.000 bis 400.000 thöchstens rund 30 Prozent in Platten und Putzen
REA-Halden14 bis 16 Mio. t Vorratendlich, reicht nur wenige Jahre
PhosphogipsAltmaterial von Haldenkann Uran und Thorium enthalten
Importeüber 1 Mio. t (2023), vor allem aus MarokkoSeefracht, Dollarkurs, Abhängigkeit
Naturgips4,7 Mio. t (2023)Genehmigung 10 bis 15 Jahre, Konflikt mit Naturschutz
Womit Deutschland den REA-Gips ersetzen kann. Quellen: Bundesverband der Gipsindustrie, Gicon-Gutachten (2025)

Nach Sektoren getrennt fällt die Bilanz unterschiedlich aus. Am schnellsten kann der Innenausbau sparen, wo Recyclinggips, Lehm- und Holzwerkstoffplatten Teile des Bedarfs übernehmen. Beim Estrich ist Zement die naheliegende Alternative, bei Putzen der Kalk. Als letzter Sektor wird der Zement unabhängig, denn für den Abbinderegler kennt die Branche keinen Ersatz, und der Zementbedarf wächst mit jedem Infrastrukturprojekt.

Realistisch ist deshalb ein Umstieg auf mehr Naturgips, nicht ein Ausstieg. Der Bundesverband der Gipsindustrie rechnet mit einem Naturgipsbedarf von 6,5 Millionen Tonnen 2030, 7,6 Millionen Tonnen 2035 und 9,1 Millionen Tonnen 2040. Der Bedarf von 2040 läge damit fast doppelt so hoch wie die 4,7 Millionen Tonnen, die Deutschland 2023 förderte. Neue Gruben brauchen nach Branchenangaben 10 bis 15 Jahre bis zur Genehmigung, die Lücke wäre also schon heute zu planen.

Eine öffentliche Kostenschätzung für den Umstieg haben wir nicht gefunden. Teurer wird der Gips in jedem Fall: Importe kosten Seefracht, Recyclinggips braucht Sammlung und Aufbereitung, neue Gruben brauchen Ausgleichsflächen. Eine Gegenfrage bleibt der Politik: Wäre ein Deponieverbot nach österreichischem Muster nicht der billigste Schritt, bevor der erste Hektar Karst fällt?

Auf den Punkt
  • Recycling: 128.500 Tonnen 2024, Anlagen nur zu rund 60 Prozent ausgelastet, weil sortenreiner Rückbau fehlt
  • Grenzen: Höchstens 30 Prozent Recyclinggips in Platten, Gips im Zement ist verloren
  • Naturgips: Bedarf steigt laut Gipsverband bis 2040 auf 9,1 Millionen Tonnen

Was bedeutet die Gips-Lücke für Deutschland?

Sanduhr vor weißem Hintergrund mit orangefarbenem Schild „2030“ und Schild „UNTER VORBEHALT“
Bis Ende März 2030 gehen das Rheinische Revier und große Lausitzer Blöcke vom Netz.

Die Gips-Lücke trifft Deutschland, bevor das letzte Kohlekraftwerk schließt. Schon 2024 lag der REA-Gips auf dem für 2030 erwarteten Niveau, bis Ende März 2030 gehen das Rheinische Revier und große Lausitzer Blöcke vom Netz. Bauherren spüren das an steigenden Plattenpreisen, Hersteller an teureren Rohstoffen.

Der Anlass dieser Stoffgeschichte liegt fünf Wochen zurück. Am 1. September 2026 meldete der Bundesverband der Gipsindustrie, dass der REA-Gips 2024 bereits auf 2,9 Millionen Tonnen gefallen war, den Wert, den Prognosen erst für 2030 vorhergesagt hatten. Geschäftsführer Holger Ortleb warnte, die Lücke könne „nur durch gesteigerten Naturgipsabbau geschlossen werden“. Am 6. Oktober meldete Global Gypsum aus den USA bereits Engpässe bei Spezialgips vor der Schließung in Southard.

Der Fahrplan des Kohleausstiegs macht die Rechnung konkret. Nach Anlage 2 des Kohleverstromungsbeendigungsgesetzes gehen die Blöcke A bis D in Jänschwalde bis Ende 2028 vom Netz, Weisweiler 2028 und 2029, Boxberg N und P Ende 2029. Am 31. März 2030 folgen Niederaußem K sowie Neurath F und G, damit endet die Braunkohleverstromung im Rheinischen Revier. Den Hintergrund zum Ausstieg selbst liefert die Stoffgeschichte über Kohle, den Rohstoff, den alle totsagen.

Für Verbraucher zeigt sich die Lücke im Preis. Ein Quadratmeter Gipsplatte kostete im Oktober 2026 im Baumarkt 4,49 Euro, nach Aufschlägen von bis zu 17,6 Prozent allein in diesem Jahr. Ein Rechenbeispiel: Angenommen, ein Dachgeschossausbau braucht 100 Quadratmeter Platte. Zum Ladenpreis vom Oktober wären das rund 449 Euro, und würde der Handel die Herstelleraufschläge von bis zu 17,6 Prozent voll weitergeben, läge derselbe Einkauf rund 67 Euro über dem Vorjahrespreis.

Unternehmen sorgen sich um ihre Versorgungssicherheit. Plattenwerke, die auf REA-Gips ausgelegt sind, müssen auf Naturgips oder Importe umstellen, und Knauf beschreibt im Lagebericht 2024 eine Strategie zur Umstellung auf Naturgips sowie Recyclinggips. Zementwerke brauchen jedes Jahr rund ein Viertel des deutschen Gipses und haben keinen Ersatz. Betriebe, die Spezialgips verarbeiten, sehen in Oklahoma, was passiert, sobald ein Lieferant ausfällt: Rezepturen umstellen, Zulassungen beantragen, Ausschuss einkalkulieren.

Die Bundesregierung muss nach Paragraf 54 des Kohleausstiegsgesetzes 2026 die Folgen für Gips überprüfen, veröffentlicht ist ein Ergebnis bislang nicht. Die Länder entscheiden über Flächen, und dort gehen die Antworten auseinander: Sachsen-Anhalt und Thüringen halten ihre Schutzgebiete im Südharz, Niedersachsen trägt die Hauptlast des Abbaus. Ein Deponieverbot für Gipsabfälle fehlt in Deutschland bislang. Unsere Einschätzung: Mit diesen Mitteln wird die Lücke nicht rechtzeitig geschlossen.

Drei Szenarien für die kommenden Monate

  • Optimistisch: Die Bundesregierung legt mit der Kohle-Überprüfung einen Gipsplan vor, inklusive Deponieverbot und schnellerer Genehmigungen für Grubenerweiterungen. Die Plattenpreise bleiben 2027 stabil.
  • Realistisch: Die Überprüfung verschiebt sich, die Hersteller gleichen den REA-Rückgang über Importe, vor allem aus Marokko, aus. Die Preise steigen 2027 erneut im einstelligen Prozentbereich.
  • Pessimistisch: Ein harter Winter oder neue Spannungen im Nahen Osten treiben die Energiepreise, gleichzeitig fallen Kraftwerksblöcke früher weg. Spezialgipse werden wie in den USA knapp, Lieferzeiten für Platten und Estrich verlängern sich.

Für Bauherren folgt daraus eine einfache Regel: Platten, Putz sowie Estrich früh bestellen und bei längeren Projekten auf Festpreise oder klare Preisgleitklauseln achten. Unternehmer im Ausbau sollten Lieferverträge mit mehr als einem Hersteller prüfen und beim Rückbau Gipsplatten sortenrein trennen lassen, denn je mehr Recyclinggips in den Kreislauf kommt, desto weniger hängt der eigene Einkauf am letzten Kraftwerk. Gips bleibt ein Massenrohstoff für ein paar Euro je Tonne. Knapp wird der Rohstoff trotzdem, weil Deutschland seine billigste Quelle gerade abschaltet.

Auf den Punkt

Bis Ende März 2030 verliert Deutschland mit dem Rheinischen Revier und großen Lausitzer Blöcken einen Großteil seines REA-Gipses. Ohne Deponieverbot und neue Abbauflächen schließen Importe die Lücke, und die Plattenpreise steigen weiter.

Glossar: 16 wichtige Fachbegriffe zu Gips

Geöffnetes Buch mit Zettel, Kristall und QR-Code-Lesezeichen auf grauem Grund
Das Glossar erklärt 16 Fachbegriffe von Abbinderegler bis Zechstein.

Abbinderegler

Abbinderegler sind Zusätze, die im Zement das Erstarren verzögern, damit sich Beton mischen, transportieren und einbauen lässt. Gemahlener Gips ist der klassische Abbinderegler. In Deutschland fließt rund ein Viertel des Gipsbedarfs in diese Aufgabe, der Gips bleibt danach dauerhaft im Beton gebunden.

Alabaster

Alabaster heißt die feinkörnige, dichte und durchscheinende Form von Gips. Bildhauer bearbeiten den Stein seit der Antike zu Gefäßen, Figuren und Lampenschirmen, im alten Ägypten dienten dünne Alabasterscheiben als Fenster. Mit Mohshärte 2 lässt sich der Stein gut schnitzen, er ist aber kratzempfindlich und verträgt kein Wasser.

Anhydrit

Anhydrit ist wasserfreies Calciumsulfat, chemisch CaSO₄. Gips verwandelt sich unter Überdeckung und Wärme in Anhydrit, nimmt das Gestein wieder Wasser auf, entsteht erneut Gips. Bei dieser Rückverwandlung wächst das Volumen der festen Phase um bis zu 61 Prozent, was bei Bohrungen wie in Staufen zu Hebungsschäden führen kann.

Calciumsulfat-Fließestrich

Calciumsulfat-Fließestrich ist ein Estrich auf Gipsbasis, der flüssig eingepumpt wird und sich selbst nivelliert. Er bildet eine ebene Fläche für Parkett, Fliesen oder Teppich und eignet sich gut für Fußbodenheizungen. Feuchträume und Außenbereiche verträgt der Estrich schlecht, dort kommt in der Regel Zementestrich zum Einsatz.

Evaporit

Evaporite sind Eindampfungsgesteine, die entstehen, wenn Meer- oder Salzwasser in abgeschlossenen Becken verdunstet. Je nach Salzgehalt fallen nacheinander Karbonate, Sulfate wie Gips und Anhydrit sowie Chloride wie Steinsalz aus. Die großen Gipslager Mitteleuropas sind Evaporite aus dem Zechstein, dem Muschelkalk und dem Keuper.

Gipskarst

Gipskarst ist eine Landschaft, die durch die Lösung von Gips im Grund- und Regenwasser entsteht. Typisch sind Höhlen, Erdfälle, Dolinen und versickernde Bäche. Der Südharz gilt als herausragendes Gipskarstgebiet Europas, weshalb dort Naturschutz und Gipsabbau unmittelbar aufeinandertreffen.

Gipskartonplatte

Die Gipskartonplatte besteht aus einem Kern aus abgebundenem Gips, der beidseitig mit Karton ummantelt ist. Augustine Sackett ließ sich die Bauweise 1894 patentieren. Eine Standardplatte von 12,5 Millimetern wiegt mindestens 8,5 Kilogramm je Quadratmeter und ist der Grundbaustoff im Trockenbau für Wände, Decken und Verkleidungen.

Halbhydrat

Halbhydrat ist gebrannter Gips, der beim Erhitzen auf etwa 120 bis 180 Grad Celsius drei Viertel seines Kristallwassers abgegeben hat. Mit Wasser angerührt, bindet das Pulver wieder ab und härtet aus. Beta-Halbhydrat entsteht trocken und dient als Stuckgips, Alpha-Halbhydrat entsteht unter Wasserdampf und liefert harte Spezialgipse.

Holländische Krankheit

Die holländische Krankheit beschreibt, wie hohe Rohstoffeinnahmen die Währung eines Landes aufwerten und andere Exportbranchen verdrängen. Der Begriff geht auf die Folgen der niederländischen Erdgasfunde zurück. Bei Gips tritt der Effekt nicht auf, weil der Rohstoff je Tonne zu wenig Geld einbringt.

Kohleverstromungsbeendigungsgesetz

Das Kohleverstromungsbeendigungsgesetz (KVBG) regelt den Ausstieg aus der Kohleverstromung in Deutschland bis spätestens 2038. Anlage 2 legt die Stilllegungsdaten der Braunkohleblöcke fest. Paragraf 54 verpflichtet die Bundesregierung, bei regelmäßigen Überprüfungen auch die Folgen für Rohstoffe zu untersuchen, insbesondere für Gips.

Lobbyregister

Das Lobbyregister des Deutschen Bundestags verzeichnet Organisationen und Unternehmen, die Interessen gegenüber Bundestag und Bundesregierung vertreten. Die Einträge nennen unter anderem die jährlichen Ausgaben für Lobbyarbeit in Spannen von 10.000 Euro. Für die Gipsbranche sind dort Knauf, Saint-Gobain und der Bundesverband der Gipsindustrie eingetragen.

Phosphogips

Phosphogips fällt als Nebenprodukt an, wenn Rohphosphat mit Schwefelsäure zu Phosphorsäure für Dünger verarbeitet wird. Das Material kann radioaktive Stoffe wie Uran oder Thorium enthalten und ist deshalb nur eingeschränkt nutzbar. In Deutschland endete die Phosphorsäureproduktion 1991, alte Halden bleiben eine kleine Rohstoffquelle.

REA-Gips

REA-Gips entsteht in Rauchgasentschwefelungsanlagen von Kohlekraftwerken, in denen Kalkstein das Schwefeldioxid aus den Abgasen bindet. Das Produkt ist chemisch mit Naturgips identisch. Die Menge fiel in Deutschland von 6,81 Millionen Tonnen 2014 auf 2,9 Millionen Tonnen 2024 und endet mit dem Kohleausstieg.

Recyclinggips

Recyclinggips wird aus sortenrein gesammelten Gipsabfällen gewonnen, vor allem aus Gipsplatten von Baustellen und Abbruch. Anlagen trennen Karton sowie Fremdstoffe ab und mahlen den Gips zu neuem Rohstoff. In Deutschland entstanden 2024 rund 128.500 Tonnen, in Platten und Putzen sind bis zu rund 30 Prozent Anteil möglich.

Vorranggebiet

Ein Vorranggebiet ist eine Fläche, die ein Landesentwicklungs- oder Regionalplan für eine bestimmte Nutzung reserviert, etwa für Rohstoffabbau oder für Natur und Landschaft. Andere Nutzungen, die diesem Vorrang widersprechen, sind dort ausgeschlossen. Über solche Ausweisungen entscheidet sich, wo im Südharz künftig Gips abgebaut werden darf.

Zechstein

Der Zechstein ist ein Abschnitt der Erdgeschichte vor rund 255 Millionen Jahren und zugleich der Name des flachen Meeres, das damals Mitteleuropa bedeckte. Beim Eindampfen dieses Meeres entstanden die großen Salz- und Gipslager Deutschlands. Die Zechstein-Gipse im Harz erreichen bis zu 98 Prozent Reinheit.

FAQ: Wird Gips knapp, wenn das letzte Kohlekraftwerk schließt?

Eine weiße Karte mit Schornsteinausstanzung, oranger Rauchwolke und dem Text FAQ
Häufige Fragen zu Gips: Knappheit, Umweltbilanz, Anhydrit, Recycling, Abbau und Preise.

Wird Gips in Deutschland knapp?

Gips wird in Deutschland knapper, weil mit dem Kohleausstieg der REA-Gips aus Kraftwerken wegfällt, der zuletzt rund ein Drittel des Bedarfs deckte. 2024 lieferten die Kraftwerke nur noch 2,9 Millionen Tonnen. Ersetzen lässt sich die Menge nur durch mehr Naturgipsabbau, Recycling und Importe.

Ist Gips ein umweltfreundlicher Baustoff?

Gips braucht beim Brennen nur Temperaturen von 120 bis 180 Grad und setzt dabei kein Prozess-CO₂ frei, anders als Kalk oder Zement. Umstritten ist der Abbau von Naturgips, weil Gruben im Südharz eine einzigartige Karstlandschaft verändern. Recyclinggips schont dagegen frisches Gestein.

Was ist der Unterschied zwischen Gips und Anhydrit?

Gips enthält zwei Moleküle Kristallwasser, Anhydrit ist wasserfreies Calciumsulfat. Beide Gesteine gehen in der Natur ineinander über. Nimmt Anhydrit Wasser auf, wird er zu Gips und dehnt sich dabei deutlich aus, was beim Bohren zu Hebungsschäden führen kann.

Kann man Gipsplatten recyceln?

Gipsplatten lassen sich recyceln, wenn sie beim Rückbau sortenrein getrennt werden. Spezialanlagen trennen Karton und Fremdstoffe ab, der Gips geht zurück in die Produktion. 2024 entstanden in Deutschland rund 128.500 Tonnen Recyclinggips aus 578.600 Tonnen erfassten Gipsabfällen.

Wo wird in Deutschland Gips abgebaut?

Gips wird in Deutschland in 63 Abbaustätten gewonnen, vor allem im Südharz, in Franken, in Baden-Württemberg und in Hessen. Niedersachsen lieferte 2020 gut ein Viertel des deutschen Naturgipses. 2023 förderte Deutschland 4,7 Millionen Tonnen Gips und Anhydrit.

Was kostet eine Gipskartonplatte?

Eine Standard-Gipskartonplatte von 12,5 Millimetern kostete im Oktober 2026 im Baumarkt rund 4,49 Euro je Quadratmeter, imprägnierte Platten für Bäder rund 6,39 Euro. Knauf und Rigips haben ihre Listenpreise 2026 um bis zu 12 Prozent angehoben, Knauf im Mai um weitere 3 bis 5 Prozent.

Quellen

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Gicon Resources GmbH für das Niedersächsische Umwelt- und Wirtschaftsministerium | Gesamtlage des Rohstoffs Gips in Niedersachsen (2025, veröffentlicht 07.05.2026) | https://www.mw.niedersachsen.de/download/228093/Gipsgutachten_Niedersachsen.pdf | besucht am 08.10.2026

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Global Gypsum | Oman’s exports of gypsum rise in 2023 (08.01.2024) | https://globalgypsum.com/news/2191-oman-s-exports-of-gypsum-rise-in-2023 | besucht am 08.10.2026

Global Gypsum | Etex raises recurring earnings in 2025 (19.03.2026) | https://globalgypsum.com/news/2490-etex-raises-recurring-earnings-in-2025 | besucht am 08.10.2026

Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie | Gips: Gestein des Jahres 2022 | https://www.hlnug.de/fileadmin/shop/publikationen/geologie/GdJ_2022_Gips_final.pdf | besucht am 08.10.2026

Bundesverband der Gipsindustrie | Gips-Datenbuch (2013) | https://www.wecobis.de/fileadmin/images/Grundstoffe/bindemittel/gipsdatenbuch_2013.pdf | besucht am 08.10.2026

Bundesverband der Gipsindustrie, D. Schroeder | Gipsvorkommen und Abbaupotentiale in Hessen, Ressourcenschutzkonferenz (25.11.2025) | https://www.hlnug.de/fileadmin/dokumente/abfall/ressourcenschutz/Ressourcenschutzkonferenz/2025/03_Schroeder.pdf | besucht am 08.10.2026

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Meistertipp | Gips wird knapp: Kohleausstieg trifft die Bauwirtschaft (03.09.2026) | https://www.meistertipp.de/aktuelles/news/gips-wird-knapp-kohleausstieg-trifft-die-bauwirtschaft | besucht am 08.10.2026

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Deutscher Bundestag | Lobbyregister, Eintrag Compagnie de Saint-Gobain (R005253) | https://www.lobbyregister.bundestag.de/suche/R005253/83035 | besucht am 08.10.2026

Deutscher Bundestag | Lobbyregister, Eintrag Heidelberg Materials (R001318) | https://www.lobbyregister.bundestag.de/suche/R001318/81685 | besucht am 08.10.2026

Deutscher Bundestag | Lobbyregister, Eintrag BUND (R002287) | https://www.lobbyregister.bundestag.de/suche/R002287/83610 | besucht am 08.10.2026

Deutscher Bundestag | Lobbyregister, Eintrag NABU (R001667) | https://www.lobbyregister.bundestag.de/suche/R001667/86542 | besucht am 08.10.2026

Statistisches Bundesamt via news aktuell | Erzeugerpreise gewerblicher Produkte, Dezember 2024 (20.01.2025) | https://www.presseportal.de/pm/32102/5952276 | besucht am 08.10.2026

von Guttenberg | Preisanpassungen 2026 Trockenbau und Hochbau (Stand 15.12.2025) | https://www.vonguttenberg.de/wp-content/uploads/2025/12/VG-Preiserhoehung-Trockenbau-Hochbau-2026-Stand-15.12.2025.pdf | besucht am 08.10.2026

OBI | Gipskarton 12,5 mm x 600 mm x 2600 mm | https://www.obi.de/p/2826519/gipskarton-12-5-mm-x-600-mm-x-2600-mm | besucht am 08.10.2026

Europäische Zentralbank | Euro foreign exchange reference rates (07.10.2026) | https://www.ecb.europa.eu/stats/policy_and_exchange_rates/euro_reference_exchange_rates/ | besucht am 08.10.2026

EUWID Recycling und Entsorgung | Knauf und BSR erhalten Genehmigung für Gipsrecyclinganlage in Bayern (19.05.2026) | https://www.euwid-recycling.de/news/wirtschaft/knauf-und-bsr-erhalten-genehmigung-fuer-gipsrecyclinganlage-in-bayern-190526/ | besucht am 08.10.2026

Global Gypsum | USG to mothball Southard gypsum plant and mine (21.07.2026) | https://www.globalgypsum.com/news/2518-usg-to-mothball-southard-gypsum-plant-and-mine | besucht am 08.10.2026

KOSU | Northwest Oklahoma plant to close, affecting 250 jobs (20.07.2026) | https://www.kosu.org/local-news/2026-07-20/northwest-oklahoma-plant-to-close-affecting-250-jobs | besucht am 08.10.2026

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ingenieur.de | Saint-Gobain optimiert Trocknung: Gipskartonplatten, wie 2 °C Messfehler 10 % Energie kosten (15.04.2026) | https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/bau/gipskartonplatten-wie-2-c-messfehler-10-energie-kosten/ | besucht am 08.10.2026

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