Schwefel fällt in Raffinerien als Abfall an, den niemand bestellt hat. Seit die Straße von Hormus im Februar 2026 für Trockenfrachter gesperrt wurde, kostet die chinesische Notierung rund dreimal so viel wie zwölf Monate zuvor. Deutsche Landwirte zahlten im Juni 2026 für Düngemittel 17,0 Prozent mehr als ein Jahr davor.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenKaum ein Industriegut bleibt so unsichtbar und wird zugleich so wenig ersetzt. Rund 90 Prozent der Weltproduktion wandern in Schwefelsäure, gut die Hälfte davon in Mineraldünger. Stockt der Nachschub, steht am Ende der Kette das Brot.
Das Wichtigste in Kürze
- Über 80 Prozent des Weltangebots an Schwefel sind Abfall: Raffinerien und Gasaufbereiter ziehen den Stoff aus Öl und Erdgas, weil Motoren und Kraftwerke ihn nicht ausstoßen dürfen.
- 10. April 2026: China stoppte den Export von Schwefelsäure bis August 2026 und strich damit eine Jahresquote von 700.000 Tonnen ersatzlos.
- 180 Dollar je Tonne kostete elementarer Schwefel 2025 im US-Jahresmittel, nach 46,42 Dollar im Jahr davor. Der USGS nennt das die stärkste Preisbewegung der jüngeren Statistik.
- 872 Euro je Tonne zahlten deutsche Landwirte im Juli 2026 für Diammonphosphat. In jeder dieser Tonnen stecken rund 0,4 Tonnen Schwefel.
Kurzer Härtetest: Kennen Sie Schwefel wirklich?
1 Woher stammt der größte Teil des heutigen Weltangebots an Schwefel? Aufklappen ↓
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2 Welches Verfahren beendete um 1900 das sizilianische Schwefelmonopol? Aufklappen ↓
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3 Welcher Anteil der Weltproduktion von Schwefelsäure fließt in Düngemittel? Aufklappen ↓
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4 Wie viel Schwefel steckt rechnerisch in einer Tonne Diammonphosphat? Aufklappen ↓
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5 Welcher Rohstoff fehlt auf der EU-Liste der 34 kritischen Rohstoffe von 2023? Aufklappen ↓
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Was ist Schwefel und wie entsteht das gelbe Element?
Schwefel ist das chemische Element mit der Ordnungszahl 16, in reiner Form ein gelber Kristall. Mehr als vier Fünftel des Weltangebots fallen heute als Nebenprodukt bei der Reinigung von Erdöl und Erdgas an. Die Natur liefert den Stoff auf drei Wegen: elementar an Vulkanschloten, gebunden als Schwefelwasserstoff in sauren Gasfeldern und als Sulfid in Kupfer-, Zink- und Nickelerzen.
Elementare Lagerstätten entstehen dort, wo Bakterien über Jahrtausende Sulfat aus Gips und Anhydrit reduzieren oder wo vulkanische Gase an der Erdoberfläche abkühlen. Am Krater des indonesischen Kawah Ijen läuft dieser Vorgang bis heute sichtbar ab: Aus Rohren tritt heißes Gas aus, kühlt an der Luft und erstarrt zu leuchtend gelben Platten. Geologisch ist das ein Wimpernschlag, wirtschaftlich eine Randnotiz.
Der eigentliche Nachschub kommt aus der Chemieanlage. Im Claus-Verfahren wandeln Raffinerien und Gasaufbereiter Schwefelwasserstoff in elementaren Schwefel um. Moderne Anlagen holen dabei über 97 Prozent des enthaltenen Stoffs heraus. In Europa stammen fast 80 Prozent des Angebots aus solchen Claus-Anlagen. Gebaut wurden sie nicht, um einen Rohstoff zu gewinnen, sondern um Grenzwerte einzuhalten.
Damit fehlt diesem Rohstoff etwas, das jede andere Stoffgeschichte selbstverständlich mitbringt: eine Reservenstatistik. Rohöl enthält je nach Herkunft ein bis drei Gewichtsprozent Schwefel, saures Erdgas deutlich mehr. Wie viel davon auf den Markt kommt, entscheidet nicht die Nachfrage nach dem Element, sondern der Durchsatz der Raffinerien. Das Angebot folgt einem fremden Takt.
Qualitätsunterschiede bestehen trotzdem. Flüssiger Schwefel ab Raffinerietor bleibt der billigste Handelsweg, verlangt aber beheizte Tanks und kurze Strecken. Für den Seetransport wird der Stoff granuliert oder pastilliert, was Staub und Handling beherrschbar macht und den Preis hebt. Für Elektronikqualität jenseits von 99,9 Prozent Reinheit zahlen Abnehmer ein Vielfaches.
Wie groß der Betrieb dahinter ist, zeigt die US-Statistik. Der United States Geological Survey zählte 2025 landesweit 86 Betriebe in 26 Bundesstaaten, die zusammen rund 8,1 Millionen Tonnen lieferten, davon 7,6 Millionen Tonnen elementar aus Raffinerien, Gasanlagen und Kokereien. Louisiana und Texas allein stehen für etwa 54 Prozent der amerikanischen Förderung.
- Kein Bergwerk: Über 80 Prozent des Schwefels entstehen als Pflichtabfall der Entschwefelung, nicht als Fördergut.
- 97 Prozent Rückgewinnung schafft eine moderne Claus-Anlage, in Europa die Quelle von fast 80 Prozent des Angebots.
- Keine Reserven: Die Menge hängt am Durchsatz der Raffinerien, nicht an einer Lagerstätte.
Wer machte aus dem Vulkangestein ein Industriegut?

Bis um 1900 kam der Schwefel der Welt fast vollständig aus Sizilien, dann brach der deutschstämmige Chemiker Hermann Frasch das Monopol mit einer Bohrtechnik, die den Stoff flüssig aus dem Boden holte. Innerhalb weniger Jahre verschob sich das Zentrum des Welthandels vom Mittelmeer an den Golf von Mexiko.
Die sizilianischen Solfataren waren im 19. Jahrhundert ein Musterbeispiel harter Rohstoffarbeit. Gebrochen wurde untertage von Hand, aufbereitet in offenen Meilern, transportiert auf dem Rücken. Der Stoff ging als Grundlage für Schwefelsäure, Streichhölzer, Schießpulver und Rebschutz in die Fabriken Nordeuropas. Wer die Insel kontrollierte, kontrollierte die Schwefelsäure des Kontinents.
Frasch drehte diese Logik um. Sein um 1890 patentiertes Verfahren presste überhitztes Wasser durch ein Rohr in die Lagerstätte, schmolz den Schwefel unter Tage und drückte ihn mit Druckluft nach oben. 1901 förderte seine Union Sulphur Company rund 3.000 Tonnen, 1903 bereits 23.000 Tonnen. Ab 1904 deckte allein dieses Verfahren den gesamten Bedarf der Vereinigten Staaten. Bis zum Ablauf der Patente 1908 hielt das Unternehmen faktisch ein Weltmonopol.
Auf Sizilien kippte darüber die Existenzgrundlage ganzer Landstriche. Die Deutsche Biographie überliefert, dass sizilianische Schwefelarbeiter Frasch nach dem Leben trachteten und der Konflikt erst durch ein Abkommen über getrennte Absatzgebiete zwischen beiden Ländern entschärft wurde. Ein Verfahrenspatent hatte eine ganze Regionalwirtschaft entwertet.
Die deutsche Spur in dieser Geschichte führt nicht an eine Lagerstätte, sondern in ein Labor. Der deutsch-britische Chemiker Carl Friedrich Claus ließ sich 1883 in Deutschland und England ein Verfahren patentieren, das Schwefel zunächst aus dem Calciumsulfid der Sodaproduktion zurückholte. Um 1930 erweiterte die IG Farbenindustrie den ursprünglich einstufigen Prozess um einen thermischen Reaktor mit Abhitzekessel und hob Durchsatz wie Ausbeute deutlich an. Genau diese Bauform steht heute in jeder Raffinerie.
Die alte Methode ist damit nicht verschwunden, sie ist nur an den Rand gewandert. Am Kawah Ijen tragen Arbeiter bis heute Körbe mit bis zu 70 Kilogramm aus einem 250 Meter tiefen Krater über eine drei Kilometer lange Strecke zur Verladestation, bis zu 100 Kilogramm am Tag. Ein Arbeitstag bringt selten mehr als acht Euro. Schutz gegen die ätzenden Gase bietet meist nur ein feuchtes Tuch.
Ein einziges Verfahrenspatent verschob den Weltmarkt für Schwefel binnen weniger Jahre von Sizilien nach Louisiana. Seit die IG Farbenindustrie den Claus-Prozess um 1930 großtechnisch machte, entsteht der Stoff nicht mehr am Vulkan, sondern in der Abgasreinigung.
Wie hat Schwefel die Weltkarte verändert?

Schwefel hat keine eigene Landkarte, sondern erbt die des Erdöls: Große Mengen entstehen zwangsläufig dort, wo schweres, saures Rohöl verarbeitet oder saures Erdgas gefördert wird, ganz ohne Bergbaukonzession. Daraus folgt eine Machtverteilung, die mit der Chemie des Elements nichts zu tun hat.
Der Nahe Osten liefert nach Marktschätzungen fast die Hälfte der Weltproduktion, weil dort die sauren Gasfelder liegen. Kasachstan häufte am Ölfeld Tengiz über Jahre gelbe Blöcke zu Halden auf, weil die Entschwefelung schneller lief als der Absatz. Kanada speicherte Schwefel in Alberta ebenfalls im Freien. Ein Rohstoff, den niemand bestellt, wird zunächst zum Entsorgungsproblem.
Am 28. Februar 2026 endete diese Sorglosigkeit. Mit der Schließung der Straße von Hormus für den Trockenladungsverkehr fiel der wichtigste Ausgang des Golfs weg. Der Datendienst Kpler zählte im April über 600.000 Tonnen Schwefel, die auf Schiffen im Golf festsaßen. Für die globalen Exporte errechnete der Dienst einen Rückgang von 45 Prozent gegenüber dem Stand von Ende Februar. Eine Seestraße entschied über die Düngerversorgung dreier Kontinente.
Peking zog daraus eine nationale Konsequenz. Am 10. April 2026 kündigte China ein vollständiges Exportverbot für Schwefelsäure bis August 2026 an und ersetzte damit die bis dahin geltende Jahresquote von 700.000 Tonnen. Das Land hatte 2025 rund 4,65 Millionen Tonnen ausgeführt, 73 Prozent mehr als im Vorjahr. Argus Media schätzt, dass die Sperre mindestens drei Millionen Tonnen aus dem Seehandel nimmt. Auch Russland untersagte den Export.
| Stufe der Kette | Kontrolle liegt bei | Kennzahl |
|---|---|---|
| Rohschwefel aus saurem Gas | Golfstaaten, Kasachstan, Kanada | knapp die Hälfte der Weltproduktion aus dem Nahen Osten |
| Seehandel mit Schwefelsäure | China | 4,65 Mio. Tonnen Export 2025, seit Mai 2026 gesperrt |
| Phosphatchemie als Großabnehmer | Marokko mit dem Staatskonzern OCP | rund 70 Prozent der weltweiten Phosphatvorkommen |
| Metalllaugung | Chile, Indonesien, Kasachstan | Chile bezog 2025 37,1 Prozent seiner Säureimporte aus China |
| Transportweg | Straße von Hormus | seit 28. Februar 2026 für Trockenfracht gesperrt |
Die Abhängigkeiten fallen dort am härtesten aus, wo ein Land beide Enden der Kette importiert. Indonesien holte über 75 Prozent seines Schwefels aus dem Nahen Osten und 61,6 Prozent seiner Säureeinfuhren aus China. Kasachstan verbrauchte 2025 rund 1,85 Millionen Tonnen Schwefelsäure und liefert zugleich 39 Prozent der Welturanproduktion, die ohne Laugung nicht aus dem Boden kommt.
Ruhig geworden ist die Lage bis heute nicht. Am 17. August 2026 traf ein Projektil den unter liberianischer Flagge fahrenden Massengutfrachter Minoan Dignity in der Straße von Hormus, ein Seemann starb. Seit dem 14. Juli 2026 kontrollieren die Vereinigten Staaten wieder Schiffe im Verkehr mit iranischen Häfen. Über 80 Prozent der Schiffe wichen zuletzt auf die von den Vereinten Nationen genehmigte omanische Route aus.
Damit schließt sich ein Kreis, den diese Reihe von Rohstoff zu Rohstoff neu erzählt. Abhängigkeit erzeugt Konflikt, Konflikt erzeugt Ausweichrouten, Ausweichrouten erzeugen neue Abhängigkeit. Beim Schwefel läuft der Kreis nur schneller, weil kein Land ihn strategisch gefördert hat und deshalb auch niemand Vorräte anlegte.
Schwefel in allen Formen, Produktion 2025 in Millionen Tonnen
Drei Bruchstellen der Versorgung 2026
Warum hängt die Weltwirtschaft an einem Abfallstoff?

Schwefelsäure ist mit über 260 Millionen Tonnen Jahresproduktion die meistproduzierte Chemikalie der Welt. Rund 60 Prozent davon fließen in Düngemittel. Der Rest verteilt sich auf Kupfer- und Nickelgewinnung, Uranlaugung, Halbleiterfertigung und Raffineriebetrieb. Ökonomen nutzen den Verbrauch dieser einen Säure seit Jahrzehnten als Gradmesser für Industrialisierung.
Wie eng die Kette gespannt ist, hat 2022 eine Arbeit von Mark Maslin und Kollegen vom University College London im Fachjournal The Geographical Journal gezeigt. Die Autoren erwarten einen Anstieg der Nachfrage von 246 auf über 400 Millionen Tonnen jährlich bis 2040, getrieben von intensiverer Landwirtschaft und dem Hochlauf der Batteriefertigung. Zwei Drittel der Säure gehen bereits heute in Phosphatdünger.
Dem steht ein Angebot gegenüber, das mit der Dekarbonisierung schrumpft. Weil über 80 Prozent des Schwefels aus der Reinigung fossiler Brennstoffe stammen, sinkt die Menge in dem Maß, in dem Öl und Gas aus dem Energiesystem verschwinden. Die Londoner Forscher beziffern die jährliche Lücke für 2040 auf 100 bis 320 Millionen Tonnen Schwefelsäure, je nach Tempo des Umbaus. Das entspricht 40 bis 130 Prozent der heutigen Weltproduktion.
Der Handel selbst ist zweigeteilt und genau darin verwundbar. Granulierter Schwefel lässt sich als Schüttgut über Ozeane fahren, konzentrierte Schwefelsäure dagegen kaum: Der Stoff ist korrosiv, schwer und im Verhältnis zum Warenwert teuer im Transport. Fällt eine regionale Säurequelle aus, hilft ein entferntes Werk deshalb nur begrenzt. Der Markt zerfällt in Inseln.
In Europa laufen fast 80 Prozent des Angebots über die Rückgewinnung in Raffinerien. Die Düngerherstellung nimmt rund 50 Prozent des regionalen Verbrauchs auf, die chemische Verarbeitung knapp 25 Prozent, die industrielle Fertigung etwa 15 Prozent. Deutschland verarbeitet Rohöl noch an zehn Standorten. Jede Raffinerie, die schließt, nimmt neben Kraftstoff auch Schwefel vom Markt.
Für deutsche Einkäufer verbindet sich hier eine Abhängigkeit mit einer zweiten. Der Schwefel kommt aus fremden Raffinerien, das Rohphosphat aus wenigen Förderländern, und beide treffen sich erst in der Düngerfabrik. Wie schmal diese zweite Basis ist, zeigt unsere Stoffgeschichte über Phosphor als Rohstoff, ohne den nichts wächst. Zwei enge Ketten hintereinander ergeben keine doppelte Sicherheit, sondern doppeltes Risiko.
- 260 Mio. Tonnen Schwefelsäure pro Jahr machen den Stoff zur meistproduzierten Chemikalie der Welt.
- 100 bis 320 Mio. Tonnen Lücke erwarten Forscher des University College London für 2040.
- Transportsperre: Säure lässt sich kaum über weite Strecken fahren, der Markt zerfällt in regionale Inseln.
In welchen Produkten steckt Schwefel und was fällt ohne ihn weg?

Schwefel steckt in Brot, Autobatterien, Papier, Waschmittel, Reifen, Wein und Wandfarbe, meist nicht im Endprodukt selbst, sondern als unverzichtbarer Helfer im Herstellungsprozess. Genau diese Doppelrolle macht die Abhängigkeit für Verbraucher unsichtbar und für Einkäufer gefährlich.
Der größte Strang führt auf den Acker. Rohphosphat ist als Gestein für Pflanzen nutzlos und wird erst durch Schwefelsäure aufgeschlossen, also chemisch zugänglich gemacht. Ohne diesen Schritt kommt kein Phosphatdünger in der Menge zustande, die acht Milliarden Menschen ernährt. Zwei Drittel der Weltproduktion an Säure gehen in diese eine Reaktion.
Der zweitgrößte Strang liegt im Akku. Nickel und Kobalt gelangen über Drucklaugung mit Schwefelsäure in die Sulfatform, die Kathodenhersteller brauchen. Als die Säurepreise 2026 stiegen, fuhr der chinesische Produzent Huayou seine Laugungsproduktion nach Marktberichten um rund die Hälfte zurück, weil das Vormaterial über 50 Prozent der Herstellkosten ausmachte. Auch die klassische Starterbatterie im Auto fährt mit verdünnter Schwefelsäure.
Beim Kupfer hängt ein messbarer Teil der Weltversorgung an derselben Chemikalie. Rund 15 Prozent der globalen Kathodenproduktion entstehen im Laugungsverfahren, das ohne Säure nicht funktioniert. Wie eng der Markt für das rote Metall ohnehin ist, beschreibt unsere Stoffgeschichte über Kupfer als stillen Flaschenhals der Energiewende. Ein Säureengpass verschärft eine bereits knappe Lage.
| Produkt im Alltag | Rolle des Schwefels | Ersatz möglich? |
|---|---|---|
| Brot, Gemüse, Fleisch | Schwefelsäure schließt Rohphosphat zu Dünger auf | kein gleichwertiger Ersatz in dieser Größenordnung |
| Elektroauto-Akku | Laugung von Nickel und Kobalt zu Sulfaten | teilweise, über Batteriechemien ohne Nickel |
| Starterbatterie im Verbrenner | verdünnte Säure als Elektrolyt | kein Ersatz in dieser Bauart |
| Kupferkabel | Laugung von Erz, rund 15 Prozent der Weltproduktion | möglich über Schmelzrouten, mit höherem Energieeinsatz |
| Papier und Karton | Sulfatverfahren beim Aufschluss von Holz | teilweise, über andere Zellstoffverfahren |
| Waschmittel | Sulfonierung der waschaktiven Substanzen | begrenzt, mit anderen Tensidklassen |
| Autoreifen | Vulkanisation vernetzt den Kautschuk | kein gleichwertiger Ersatz |
| Wein | Sulfite als Konservierungsmittel, deklarationspflichtig | möglich, mit kürzerer Haltbarkeit |
Zwei weitere Verwendungen fallen im Regal gar nicht auf. Weißpigment aus Titandioxid entsteht im Sulfatverfahren und steckt in Wandfarbe, Lack und Zahnpasta. Und der Gips in jeder Trockenbauplatte kommt in Deutschland zu großen Teilen aus der Rauchgasentschwefelung von Kohlekraftwerken: 2021 deckte dieser Nebenstoff rund 40 Prozent des jährlichen Bedarfs von etwa 10 Millionen Tonnen.
Die Trennlinie im Sortiment verläuft nicht zwischen wichtig und unwichtig. Entscheidend ist, ob das Schwefelatom im fertigen Produkt sitzt oder nur den Weg dorthin ermöglicht. Wo der Stoff im Molekül bleibt, etwa im Sulfat des Düngers oder im vernetzten Gummi, verschwindet ohne Nachschub das Produkt. Wo er nur laugt oder aufschließt, bleibt ein teurerer Umweg.
Wie setzt sich der Preis einer Tonne Dünger zusammen?

Deutsche Landwirte zahlten im Juli 2026 im Mittel 872 Euro je Tonne Diammonphosphat, in der Spanne von 795 bis 945 Euro, und in jeder dieser Tonnen stecken rund 0,4 Tonnen Schwefel. Die Zahlen erhebt die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft über die Landwirtschaftskammern, jeweils zur Monatsmitte, netto und für lose Ware.
Der Weg vom Element zum Sack führt über vier Stufen. Aus Schwefel wird Schwefelsäure, aus Säure und Rohphosphat wird Phosphorsäure, aus Phosphorsäure und Ammoniak wird Diammonphosphat. Jede Stufe addiert Energie, Anlagenkosten und Fracht. Für eine Tonne des fertigen Düngers braucht die Anlage etwa 1,5 bis 2 Tonnen Rohphosphat, rund 0,4 Tonnen Schwefel und etwa 0,2 Tonnen Ammoniak.
| Stufe | Preis vor der Krise | Preis 2026 | Quelle und Stichtag |
|---|---|---|---|
| Elementarer Schwefel, US-Jahresmittel | 40 Euro je Tonne (2024) | 155 Euro je Tonne (2025) | USGS, Mineral Commodity Summaries 2026 |
| Schwefelsäure, US-Golf | 134 Euro je Tonne (25.02.2026) | 345 Euro je Tonne (06.05.2026) | Platts-Notierung, zitiert bei S&P Global |
| Schwefelsäure, Chile | Ausgangswert April 2026 | 44 Prozent höher binnen eines Monats | Exiger, April 2026 |
| Diammonphosphat, Deutschland | 863 Euro je Tonne (Juni 2026) | 872 Euro je Tonne (Juli 2026) | AMI über agrarheute |
| Düngemittel gesamt, Deutschland | Basis Juni 2025 | 17,0 Prozent teurer | Statistisches Bundesamt, 20.07.2026 |
Ein Rechenbeispiel macht den Hebel greifbar. Angenommen, ein Werk kauft den Schwefel für eine Tonne Diammonphosphat zum US-Jahresmittel des Vorjahres, dann kostete dieser Anteil rund 16 Euro. Zum Mittelwert des Jahres 2025 wären daraus etwa 62 Euro geworden. Die Differenz von rund 46 Euro entspricht knapp 5 Prozent des heutigen Verkaufspreises.
Genau darin liegt die Tücke dieser Kette. Der Kostenanteil bleibt klein, die Abhängigkeit dagegen absolut. Ein Düngerwerk ohne Schwefelsäure steht still, egal wie günstig Rohphosphat und Ammoniak gerade zu haben sind. Ein Nebenposten in der Kalkulation entscheidet über den Betrieb der ganzen Anlage.
Nach oben bewegt sich der Ladenpreis schnell, nach unten zäh. Der Handel sichert Ware im Voraus ab und gibt Entlastungen erst weiter, sobald die eingekauften Bestände abverkauft sind. Hinzu kommt der Währungseffekt: Schwefel und Säure notieren international in Dollar. Ein schwächerer Euro verteuert dieselbe Menge, ohne dass sich am Weltmarkt etwas ändert. Am 19. August 2026 lag der Referenzkurs der Europäischen Zentralbank bei 1,1605 Dollar je Euro.
Beim Förderland selbst bleibt von alledem fast nichts hängen. Schwefel entsteht dort als Pflichtübung der Ölverarbeitung, der Erlös läuft als Nebenertrag durch die Bücher. Verdient wird entlang der Verarbeitungsstufen: in der Säureanlage, in der Phosphatchemie, im Handel und beim Staat über Zölle und Mehrwertsteuer.
Wer verdient am Schwefel und wer zahlt drauf?

Gewonnen haben 2026 die Gasproduzenten am Golf, die Betreiber von Säureanlagen und der Zwischenhandel, verloren haben Landwirte, Metallhütten und Bergbauunternehmen, die auf Laugung angewiesen sind. Die Gewinne fallen dabei ausgerechnet dort an, wo niemand in Fördertechnik investiert hat.
Auf der Gewinnerseite steht zuerst, wer saures Erdgas verarbeitet. Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kasachstan liefern unter Langzeitverträgen und sehen einen Nebenertrag, der plötzlich zählt. Kanada verkauft Halden, die jahrelang als Ballast galten. Zweiter Gewinner ist die Aufbereitung: Am Standort Duisburg recycelt Grillo nach eigenem Verfahren jährlich rund 120.000 Tonnen Gebrauchtschwefelsäure und gehört damit zu den größten Aufbereitern Europas.
Auf der Verliererseite sammeln sich die Verarbeiter. Der US-Düngerkonzern Mosaic drosselte seine Phosphatproduktion nach Marktberichten um rund zwei Millionen Tonnen. Chile und Indonesien mussten Ersatzquellen für Säure suchen, die sie zuvor billig aus China bezogen. In Kasachstan hängt an derselben Chemikalie die Uranlaugung, also 39 Prozent der Welturanproduktion.
| Rolle | Betroffene Gruppe | Mechanismus |
|---|---|---|
| Gewinner | Gasproduzenten am Golf, Kasachstan, Kanada | Nebenprodukt ohne Zusatzinvestition wird zum Ertragsposten |
| Gewinner | Säureaufbereiter wie Grillo in Duisburg | Recycling ersetzt teure Frischsäure, rund 120.000 Tonnen im Jahr |
| Gewinner | Zwischenhandel und Reedereien | Umleitungen, Risikoprämien und kürzere Preisgültigkeiten |
| Verlierer | Landwirte in Europa | Düngemittel im Juni 2026 um 17,0 Prozent teurer als im Vorjahr |
| Verlierer | Kupfer- und Nickelproduzenten in Chile und Indonesien | Laugung ohne Säure nicht möglich, Vormaterial über 50 Prozent der Kosten |
| Verlierer | Verbraucher in einkommensschwachen Ländern | höhere Düngerpreise schlagen direkt auf Nahrungsmittel durch |
Der klassische Ressourcenfluch greift hier nicht, und genau das ist der interessante Befund. Kein Staat hat je eine Schwefelwirtschaft aufgebaut, kein Putsch wurde um Schwefelfelder geführt, keine Verstaatlichung galt diesem Stoff. Der Fluch liegt bei diesem Rohstoff auf der anderen Seite: Nicht das Förderland gerät in Abhängigkeit, sondern der Abnehmer.
Am unteren Ende der Kette trifft das Menschen, die von Schwefel nie gehört haben. Die Londoner Forschergruppe um Mark Maslin erwartet, dass profitablere Abnehmer aus der Batterie- und Metallindustrie die Düngerhersteller bei knapper Säure überbieten. Höhere Düngerkosten schlagen zuerst dort durch, wo Bauern sie am wenigsten abfedern können.
Ein Rohstoff ohne eigene Branche bekommt keine Lobby und keinen Notfallplan. Schwefel fehlt auf der EU-Liste der kritischen Rohstoffe, obwohl in jeder Tonne Dünger rund 0,4 Tonnen davon stecken.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Der Gewinn wandert an Produzenten, die den Stoff ohne Absicht herstellen, die Rechnung landet bei Verarbeitern, die ohne ihn nicht produzieren können. Diese Asymmetrie ist kein Marktversagen, sondern die Folge davon, dass Schwefel als Kuppelprodukt anfällt.
Wie mächtig ist die Schwefel-Lobby?

Eine Schwefel-Lobby fehlt, weil kein Konzern von diesem Stoff lebt. Genau diese Lücke erklärt, warum der Engpass 2026 die Politik kalt erwischt hat. Vertreten wird der Rohstoff allenfalls mittelbar, über die Verbände der Dünger-, Chemie- und Mineralölbranche.
Sichtbar wird die Interessenlage deshalb an anderer Stelle: beim Dünger. Mit der Verordnung (EU) 2025/1227 vom 17. Juni 2025 hob die Europäische Union die Einfuhrzölle auf Düngemittel aus Russland und Belarus deutlich an. Für Waren der Kombinierten Nomenklatur 3102 gelten vom 1. Juli 2025 bis zum 30. Juni 2026 ein Wertzoll von 6,5 Prozent plus 40 Euro je Tonne, für die Positionen 3105 gelten 6,5 Prozent plus 45 Euro. Weitere Stufen folgen bis 2028. Der Zollaufschlag hängt damit an der Tonnage, nicht am Warenwert.
Marktanalysten rechneten damals mit Aufschlägen von 10 bis 20 Prozent bei Ammoniak, 10 bis 15 Prozent bei Harnstoff und 2 bis 5 Prozent bei Diammonphosphat. Die Europäische Kommission beobachtet die Preise für die genannten Düngemittel über vier Jahre ab dem 21. Juni 2025. Getragen werden die Mehrkosten am Ende von den Landwirten.
Wie wirksam Lobbyarbeit im Detail bleibt, zeigt der CO2-Grenzausgleich. Seit 2026 erfasst der Mechanismus auch Düngemittel, doch die Kommission hob die Standardwerte für die Emissionsberechnung bei Dünger nur um 1 Prozent an, während Stahl, Aluminium, Zement und Wasserstoff mit 10 Prozent belastet wurden. Für den Preiseffekt nennt die Kommission rund 7 Prozent, verteilt auf Exporteur, Importeur, Zwischenhandel und Betrieb.
Die auffälligste Leerstelle steht in einem anderen Dokument. Die EU-Liste kritischer Rohstoffe von 2023 führt 34 Positionen, darunter Phosphor, Flussspat, Kupfer, Mangan und Nickel in Batteriequalität. Schwefel steht dort nicht. Ohne diesen Status greifen weder Monitoring noch Vorratspflichten noch die Förderinstrumente des europäischen Rohstoffgesetzes.
Diese Leerstelle ist keine Formalie, sondern der Kern des Problems. Eine Liste kritischer Rohstoffe entsteht aus Vorschlägen von Branchen, die um Aufmerksamkeit ringen. Ein Stoff, der bei niemandem in der Bilanz auftaucht, findet keinen Fürsprecher. Bei Schwefel bezahlt die Politik nun den Preis für eine Systematik, die nur benennt, was jemand anmeldet.
- 34 Positionen zählt die EU-Liste kritischer Rohstoffe von 2023, Schwefel gehört nicht dazu.
- 6,5 Prozent plus 45 Euro je Tonne Zoll gelten seit Juli 2025 auf russische Düngemittel der Position 3105.
- 1 statt 10 Prozent: So moderat hob die Kommission die CO2-Standardwerte für Dünger an.
Wie kommt die Industrie vom fossilen Schwefel los?

Vier Wege führen aus der Abhängigkeit: Säure recyceln, Schwefel aus Gips gewinnen, Phosphor aus Klärschlamm zurückholen und die Nachfrage über andere Verfahren senken. Keiner davon ersetzt die Raffinerie kurzfristig, in Summe verschieben sie die Bilanz jedoch spürbar.
Am weitesten ist das Recycling. Der United States Geological Survey beziffert die Menge zurückgewonnener Altsäure aus Raffinerien und Chemieprozessen auf 2,5 bis 5 Millionen Tonnen im Jahr. In Deutschland betreibt Grillo in Duisburg eine Anlage, die jährlich rund 120.000 Tonnen Gebrauchtschwefelsäure nach einem selbst entwickelten Verfahren aufarbeitet. Regenerierte Säure ist technisch gleichwertig und ersetzt Frischware ohne Qualitätsverlust.
Der zweite Weg führt zurück in die deutsche Industriegeschichte. Das Müller-Kühne-Verfahren spaltet Calciumsulfat, also Gips oder Anhydrit, oberhalb von 700 Grad mit Kohlenstoff und liefert Schwefeldioxid und Zementklinker zugleich. In Wolfen betrieb die chemische Industrie der DDR eine Großanlage nach diesem Prinzip, um aus heimischem Gestein Schwefelsäure zu erzeugen. Der Haken war damals wie heute der hohe Energiebedarf.
Ausgerechnet dieser Gips wird in Deutschland nun selbst knapp. Rund 40 Prozent des jährlichen Bedarfs von etwa 10 Millionen Tonnen stammten 2021 aus der Rauchgasentschwefelung von Kohlekraftwerken. Mit dem Kohleausstieg bis spätestens 2038 versiegt diese Quelle. Der Ausstieg aus der fossilen Energie nimmt Deutschland also zwei schwefelhaltige Nebenprodukte gleichzeitig.
Der dritte Weg setzt am Bedarf an. Ein geschlossener Phosphorkreislauf senkt den Säurebedarf für den Aufschluss von frischem Gestein. Die Klärschlammverordnung verpflichtet Betreiber von Kläranlagen mit mehr als 100.000 Einwohnerwerten ab 2029 zur Phosphorrückgewinnung, Anlagen zwischen 50.000 und 100.000 Einwohnerwerten ab 2032, sofern der Klärschlamm mindestens 20 Gramm Phosphor je Kilogramm Trockenmasse enthält. Wie stark Düngerpreise deutsche Betriebe treffen, zeigt unsere Stoffgeschichte über Kali und die kleinere deutsche Ernte.
Der vierte Weg läuft über die Batteriechemie. Zellen mit Lithium-Eisenphosphat kommen ohne Nickelsulfat aus und senken damit den Säurebedarf je Kilowattstunde deutlich. Zugleich sinkt der Schwefeleintrag in die Umwelt seit Jahrzehnten: Das Umweltbundesamt weist für Deutschland einen Rückgang der Schwefeldioxid-Emissionen um 96 Prozent seit 1990 aus. Sauberere Luft und knapperer Rohstoff sind zwei Seiten derselben Entwicklung.
- 2,5 bis 5 Mio. Tonnen Altsäure gewinnt die Industrie weltweit jährlich zurück.
- Gips als Quelle: Das Müller-Kühne-Verfahren funktioniert, kostet aber viel Energie.
- 2029 und 2032: Ab diesen Jahren gilt in Deutschland die Pflicht zur Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm.
Was bedeutet die Schwefelkrise für deutsche Betriebe?

Für deutsche Betriebe bedeutet die Lage vor allem Planungsunsicherheit, denn Chinas Ausfuhrstopp für Schwefelsäure läuft Ende August 2026 aus, ohne dass eine Verlängerung ausgeschlossen wäre. Die Straße von Hormus bleibt zugleich nur eingeschränkt befahrbar, mit Umleitungen über die omanische Route und erhöhten Versicherungsprämien.
Auf dem Acker sind die Folgen längst angekommen. Das Statistische Bundesamt meldete für Juni 2026 einen Anstieg der Düngemittelpreise um 17,0 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, chemische Grundstoffe verteuerten sich um 12,9 Prozent. Diammonphosphat kostete im Juli 872 Euro je Tonne, Triplesuperphosphat 744 Euro. Beide Werte lagen über dem Vormonat.
In der Industrie trifft der Preis andere Betriebe als erwartet. Galvanikbetriebe beizen mit Schwefelsäure, Batterierecycler laugen damit, Papierfabriken schließen Holz im Sulfatverfahren auf, Pigmenthersteller produzieren Titandioxid auf demselben Weg. Für diese Unternehmen ist die Säure ein Hilfsstoff mit kleinem Kostenanteil und ohne Alternative im laufenden Betrieb.
Politisch fehlt bislang jede Antwort. Eine deutsche oder europäische Schwefelstrategie existiert nicht, der Stoff steht auf keiner Liste kritischer Rohstoffe, und Vorratspflichten greifen nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass jede stillgelegte Raffinerie in Europa dem Kontinent zugleich eine Schwefelquelle nimmt. Der Umbau des Energiesystems schmälert die Versorgung mit einem Grundstoff, den dieser Umbau selbst braucht.
Für die kommenden Monate lassen sich drei Verläufe unterscheiden:
- Optimistisch: China lässt den Ausfuhrstopp Ende August auslaufen, der Verkehr durch Hormus normalisiert sich, und die Säurepreise fallen bis zum Jahresende in Richtung Vorkrisenniveau.
- Realistisch: Peking verlängert die Sperre in abgeschwächter Form, die Umleitung über Oman bleibt Standard, und Dünger sowie Säure verharren spürbar über dem Niveau von 2025.
- Pessimistisch: Eine erneute Eskalation am Golf unterbricht die Verschiffung erneut, und Düngerwerke in Europa drosseln die Produktion nach dem Vorbild von Mosaic in den Vereinigten Staaten.
Praktisch lohnen drei Schritte. Einkäufer in der Chemie und der Metallverarbeitung sollten Säurelieferungen über feste Mengenkorridore statt über Spotbezug absichern und den regionalen Lieferanten bewusst dem günstigeren Ferngeschäft vorziehen. Landwirtschaftliche Betriebe fahren mit einer frühen Deckung der Herbstdüngung besser als mit dem Warten auf sinkende Notierungen. Für Betreiber von Kläranlagen lohnt die Pflicht ab 2029 als Einkaufsvorteil, nicht als Kostenblock.
- Ende August 2026: Chinas Ausfuhrstopp für Schwefelsäure läuft aus, eine Verlängerung bleibt möglich.
- 17,0 Prozent teurer als im Vorjahr waren Düngemittel in Deutschland im Juni 2026.
- Keine Strategie: Schwefel taucht in keiner deutschen oder europäischen Rohstoffliste auf.
Glossar: 17 wichtige Fachbegriffe rund um Schwefel

Ammoniak
Ammoniak: Verbindung aus Stickstoff und Wasserstoff und zweiter Grundstoff der Phosphatdüngerherstellung. Für eine Tonne Diammonphosphat werden etwa 0,2 Tonnen benötigt. Der Preis hängt eng am Erdgaspreis, weil die Synthese viel Energie verbraucht.
Anhydrit
Anhydrit: Wasserfreies Calciumsulfat und damit ein natürlicher Schwefelspeicher. Im Müller-Kühne-Verfahren lässt sich daraus Schwefeldioxid gewinnen. Anders als Öl und Gas liegt dieses Gestein in Europa in großen Mengen vor, die Aufbereitung kostet allerdings viel Energie.
Claus-Verfahren
Claus-Verfahren: Chemisches Verfahren, das Schwefelwasserstoff aus Raffinerie- und Erdgas in elementaren Schwefel umwandelt. Carl Friedrich Claus ließ das Prinzip 1883 patentieren, die IG Farbenindustrie erweiterte den Prozess um 1930. Moderne Anlagen erreichen Rückgewinnungsraten über 97 Prozent.
CO2-Grenzausgleich
CO2-Grenzausgleich: Europäischer Mechanismus, der Einfuhren nach ihrem Kohlendioxidgehalt belastet und seit 2026 auch Düngemittel erfasst. Die Kommission erwartet einen Preiseffekt von rund 7 Prozent, verteilt über die gesamte Handelskette.
Diammonphosphat
Diammonphosphat: Mineraldünger aus Phosphorsäure und Ammoniak, im Handel als DAP geführt. Der weltweit meistgehandelte Phosphatdünger und für Landwirte der sichtbarste Preisträger der Schwefelkette.
Drucklaugung
Drucklaugung: Verfahren, das nickel- und kobalthaltige Erze unter hohem Druck mit Schwefelsäure aufschließt, im Fachjargon HPAL. Liefert die Sulfate, aus denen Kathodenmaterial für Lithium-Ionen-Zellen entsteht.
Frasch-Verfahren
Frasch-Verfahren: Fördertechnik von Hermann Frasch aus den 1890er Jahren. Überhitztes Wasser schmilzt Schwefel in der Lagerstätte, Druckluft hebt ihn nach oben. Das Verfahren beendete das sizilianische Monopol und verlagerte den Weltmarkt in die Vereinigten Staaten.
Kombinierte Nomenklatur
Kombinierte Nomenklatur: Warenverzeichnis der Europäischen Union für Zoll und Außenhandelsstatistik. Die Positionen 3102 und 3105 erfassen Stickstoff- und Mehrnährstoffdünger und bilden die Grundlage der Sonderzölle gegen russische Ware.
Kritische Rohstoffe
Kritische Rohstoffe: Liste der Europäischen Union, die seit 2023 34 Positionen umfasst, darunter Phosphor, Flussspat und Kupfer. Der Status löst Monitoring und Förderinstrumente aus. Schwefel steht nicht auf dieser Liste.
Müller-Kühne-Verfahren
Müller-Kühne-Verfahren: Verfahren zur Herstellung von Schwefelsäure aus Gips oder Anhydrit, bei dem zugleich Zementklinker anfällt. Die chemische Industrie der DDR nutzte das Prinzip in Wolfen, um ohne Importe auszukommen.
Phosphorsäure
Phosphorsäure: Zwischenprodukt der Düngerherstellung, das aus Rohphosphat und Schwefelsäure entsteht. Für eine Tonne Phosphorsäure werden etwa 0,4 bis 0,5 Tonnen Schwefel gebraucht. Ohne diesen Schritt bleibt der Phosphor im Gestein gebunden.
Pyrit
Pyrit: Eisensulfid, im Volksmund Katzengold. Bis ins 20. Jahrhundert die wichtigste Quelle für Schwefelsäure, heute nur noch in Nischen genutzt, weil die Röstung teurer ist als die Rückgewinnung aus Öl und Gas.
REA-Gips
REA-Gips: Gips aus der Rauchgasentschwefelung von Kohlekraftwerken. 2021 deckte dieser Nebenstoff rund 40 Prozent des deutschen Gipsbedarfs von etwa 10 Millionen Tonnen jährlich. Mit dem Kohleausstieg versiegt die Quelle.
Rohphosphat
Rohphosphat: Sedimentgestein mit Phosphatmineralen, Grundstoff jedes Mineraldüngers. Marokko kontrolliert mit dem Staatskonzern OCP rund 70 Prozent der weltweiten Vorkommen und zählt deshalb zu den größten Abnehmern von Schwefel.
Schwefeldioxid
Schwefeldioxid: Gasförmige Verbindung, die bei der Verbrennung schwefelhaltiger Brennstoffe entsteht und sauren Regen verursacht. In Deutschland sanken die Emissionen laut Umweltbundesamt seit 1990 um 96 Prozent.
Schwefelsäure
Schwefelsäure: Meistproduzierte Chemikalie der Welt mit über 260 Millionen Tonnen im Jahr. Rund 90 Prozent des gewonnenen Schwefels werden zu dieser Säure verarbeitet, die wegen ihrer korrosiven Eigenschaften kaum über weite Strecken transportiert wird.
Sulfat
Sulfat: Salz der Schwefelsäure und die Form, in der Schwefel in Dünger, Batteriematerial und Gips vorliegt. Sitzt das Sulfat im Endprodukt, lässt sich der Rohstoff nicht durch ein anderes Verfahren umgehen.
FAQ: Schwefel: Abfall des Öls, Grundlage der Ernte

Warum riecht Schwefel nach faulen Eiern?
Reiner Schwefel riecht nach nichts, der typische Gestank stammt von Schwefelwasserstoff, der bei Fäulnisprozessen und in saurem Erdgas entsteht. Genau diese Verbindung wandeln Raffinerien im Claus-Verfahren in festen, geruchsarmen Schwefel um.
Wie viel Schwefel steckt in einer Tonne Rohöl?
Rohöl enthält je nach Herkunft etwa ein bis drei Gewichtsprozent Schwefel, also rund 10 bis 30 Kilogramm je Tonne. Schwere und saure Sorten liegen am oberen Rand, leichte Nordseequalitäten deutlich darunter. Saures Erdgas trägt teils erheblich höhere Anteile.
Was kostet eine Tonne Schwefel im Jahr 2026?
Der United States Geological Survey weist für 2025 einen US-Durchschnittspreis von 180 Dollar je Tonne aus, nach 46,42 Dollar im Jahr 2024. In der ersten Jahreshälfte 2026 zogen die Notierungen infolge der Sperrung der Straße von Hormus und des chinesischen Ausfuhrstopps weiter an.
Warum lässt sich Schwefelsäure kaum über weite Strecken transportieren?
Konzentrierte Schwefelsäure ist schwer, stark korrosiv und im Verhältnis zum Warenwert teuer im Transport. Deshalb entstehen regionale Teilmärkte statt eines Weltmarkts. Fällt eine Quelle in der Nähe aus, hilft ein entferntes Werk nur begrenzt.
Warum ist saurer Regen in Deutschland kein großes Thema mehr?
Die Schwefeldioxid-Emissionen in Deutschland sind seit 1990 um 96 Prozent gesunken, vor allem durch Rauchgasentschwefelung und schwefelarme Brennstoffe. Der pH-Wert im Niederschlag stieg von 4,1 bis 4,6 auf 5,4. Genau diese Reinigung liefert zugleich den Rohstoff Schwefel.
Kann Deutschland seinen Schwefelbedarf selbst decken?
Nur zum Teil. Deutschland gewinnt Schwefel an zehn Raffineriestandorten sowie über die Aufbereitung von Altsäure, etwa bei Grillo in Duisburg mit rund 120.000 Tonnen im Jahr. Der übrige Bedarf kommt aus Importen, und jede Raffinerieschließung verkleinert die heimische Basis.
Quellen
United States Geological Survey | Mineral Commodity Summaries 2026, Kapitel Sulfur | https://pubs.usgs.gov/periodicals/mcs2026/mcs2026-sulfur.pdf | besucht am 20.08.2026
Statistisches Bundesamt | Erzeugerpreise im Juni 2026: plus 1,8 Prozent gegenüber Juni 2025 | https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/07/PD26_256_61241.html | besucht am 20.08.2026
agrarheute | Erzeugerpreise für Phosphordünger, Erhebung der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft | https://markt.agrarheute.com/duengemittel-4/phosphorduenger-21 | besucht am 20.08.2026
Kpler | Sulphur and sulphuric acid in 2026: the feedstock crisis cascading through copper, nickel and fertilisers | https://www.kpler.com/blog/sulphur-sulphuric-acid-in-2026-the-feedstock-crisis-cascading-through-copper-nickel-fertilisers | besucht am 20.08.2026
Exiger | China halts sulphuric acid exports as war squeezes global supply | https://www.exiger.com/perspectives/china-halts-sulphuric-acid-exports-as-war-squeezes-global-supply/ | besucht am 20.08.2026
S&P Global | Global sulfur prices surge on Middle East disruptions, China export ban | https://www.spglobal.com/energy/en/news-research/latest-news/agriculture/050726-global-sulfur-prices-surge-on-middle-east-disruptions-china-export-ban | besucht am 20.08.2026
The Geographical Journal, Royal Geographical Society | Mark Maslin und andere: Sulfur shortage, a potential resource crisis looming as the world decarbonises | https://rgs-ibg.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/geoj.12475 | besucht am 20.08.2026
University College London | Sulfuric acid: the resource crisis that could stifle green tech and threaten food security | https://www.ucl.ac.uk/news/2022/aug/analysis-sulfuric-acid-resource-crisis-could-stifle-green-tech-threaten-food-security | besucht am 20.08.2026
Donau Chemie Gruppe | Warum Schwefel 2026 plötzlich strategisch wird | https://blog.donau-chemie-group.com/de/blogbeitraege/warum-schwefel-2026-ploetzlich-strategisch-wird | besucht am 20.08.2026
Spherical Insights | Deutschland Schwefelsäure: Marktgröße und Analyse | https://www.sphericalinsights.com/de/reports/germany-sulfuric-acid-market | besucht am 20.08.2026
Grillo-Werke AG | Unternehmensbereich Chemie, Standort Duisburg | https://grillo.de/unternehmen/konzern/chemicals-gmbh/ | besucht am 20.08.2026
Umweltbundesamt | Schwefeldioxid-Emissionen in Deutschland | https://www.umweltbundesamt.de/daten/umweltzustand-trends/luft/luftschadstoff-emissionen-in-deutschland/schwefeldioxid-emissionen | besucht am 20.08.2026
Umweltbundesamt | Nasse Deposition saurer und säurebildender Regeninhaltsstoffe | https://www.umweltbundesamt.de/daten/umweltzustand-trends/luft/nasse-deposition-saurer-saeurebildender | besucht am 20.08.2026
Wirtschaftskammer Österreich | Importzölle auf Düngemittel aus Russland und Belarus nach Verordnung (EU) 2025/1227 | https://www.wko.at/aussenwirtschaft/importzoelle-duenger-russland-belarus | besucht am 20.08.2026
Europäisches Parlament | Zölle auf landwirtschaftliche Produkte aus Russland und Belarus | https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20250515IPR28464/zolle-auf-landwirtschaftliche-produkte-aus-russland-und-belarus | besucht am 20.08.2026
agrarheute | Düngerpreise 2026: Düngerkauf für Landwirte teuer, CO2-Grenzsteuer und Agrarkrise | https://www.agrarheute.com/markt/duengemittel/duengerpreise-2026-duengerkauf-fuer-landwirte-2026-teuer-co2-grenzsteuer-agrarkrise-638400 | besucht am 20.08.2026
Deutsche Rohstoffagentur | Chart des Monats März 2023: Liste kritischer Rohstoffe der Europäischen Union | https://www.deutsche-rohstoffagentur.de/DERA/DE/Downloads/DERA2023%20%20cdm-03-Rohstoffliste.pdf | besucht am 20.08.2026
Deutsche Biographie | Frasch, Hermann | https://www.deutsche-biographie.de/pnd117536598.html | besucht am 20.08.2026
chemie-schule.de | Frasch-Verfahren: Technik, Fördermengen und Ablösung des sizilianischen Monopols | https://www.chemie-schule.de/KnowHow/Frasch-Verfahren | besucht am 20.08.2026
Chemie Ingenieur Technik | Kühne: Entwicklung des Gips-Schwefelsäure-Verfahrens nach Müller-Kühne | https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/cite.330211105 | besucht am 20.08.2026
Landesamt für Umwelt Bayern | Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm, Fristen der Klärschlammverordnung | https://www.lfu.bayern.de/abfall/klaerschlamm/phosphor_recycling/index.htm | besucht am 20.08.2026
baustoffwissen | Gips: künftige Rohstoffsicherung nach dem Kohleausstieg | https://www.baustoffwissen.de/baustoffe/baustoffknowhow/grundstoffe-des-bauens/gips-kuenftige-rohstoffsicherung-rea-gips-kohleausstieg/ | besucht am 20.08.2026
Schiffsradar24 | Lagebericht Straße von Hormus, Stand 19. August 2026 | https://schiffsradar24.de/strasse-von-hormus/ | besucht am 20.08.2026
Europäische Zentralbank | Euro foreign exchange reference rates, Kurs vom 19.08.2026 | https://www.ecb.europa.eu/stats/policy_and_exchange_rates/euro_reference_exchange_rates/html/index.en.html | besucht am 20.08.2026