Niob macht Stahl fester und zugleich leichter, in Fernleitungen, Brückenträgern und Kampfjets. Die Europäische Union führte 2024 rund 4.135 Tonnen ein, 60 Prozent mehr als vier Jahre zuvor. Keine Tonne davon stammte aus einer europäischen Mine.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenEinkäufer in deutschen Unternehmen bestellen Stahlgüten wie S355MC oder X70. Auf dem Lieferschein steht kein Niob, in der Legierung stecken trotzdem ein paar hundert Gramm je Tonne. Während Europa seine Rüstungsproduktion hochfährt, entscheidet sich die Belastbarkeit dieser unsichtbaren Zulieferkette gut 9.000 Kilometer entfernt im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Förderland: Brasilien lieferte 2025 rund 104.000 der weltweit 112.000 Tonnen Niob, Kanada 6.000 Tonnen. Alle übrigen Länder zusammen kamen auf gut 1.600 Tonnen.
- Steigende Einfuhr: Die EU-Importe wuchsen von 2.577 Tonnen im Jahr 2020 auf 4.135 Tonnen im Jahr 2024, ein Plus von 60 Prozent.
- Kein Kreislauf: Die Recycling-Einsatzquote liegt bei null Prozent. Niob gehört zu den zehn kritischen Rohstoffen, die in der EU überhaupt nicht zurückgewonnen werden.
- Zweite Reihe: In der EU-Rohstoffverordnung zählt Niob als kritisch, aber nicht als strategisch. Niob-Vorhaben können deshalb keine beschleunigten Genehmigungen bekommen.
Bluff oder Wissen? Der Niob-Check
1 Welches Land förderte 2025 rund 93 Prozent des weltweiten Niobs? Aufklappen ↓
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2 Wofür wird der weitaus größte Teil des Niobs verwendet? Aufklappen ↓
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3 Wonach ist das Element Niob benannt? Aufklappen ↓
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4 Wie hoch ist die Recycling-Einsatzquote von Niob in der EU? Aufklappen ↓
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5 Wie viel Niob steckt ungefähr in einer Tonne mikrolegiertem Baustahl? Aufklappen ↓
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Was ist Niob und wie kommt das Metall in die Erdkruste?
Niob ist ein silbergraues Übergangsmetall mit der Ordnungszahl 41, das in der Natur fast nie rein vorkommt, sondern gebunden in den Mineralen Pyrochlor und Columbit steckt. Die wirtschaftlich wichtigen Vorkommen liegen in Karbonatiten, also in magmatischen Gesteinen mit mehr als 50 Volumenprozent Karbonatmineralen.
Karbonatite entstehen aus Schmelzen, die aus dem oberen Erdmantel aufsteigen und dabei unter anderem Niob, Seltene Erden und Phosphor mitführen. Solche Schmelzen sind selten. Weltweit kennt die Geologie nur einige hundert Karbonatit-Vorkommen, und nur eine Handvoll davon enthält genug Pyrochlor für einen Tagebau.
Die Anreicherung besorgt anschließend das Klima. Über Millionen Jahre löst tropische Verwitterung die Karbonatminerale aus dem Gestein heraus, während das schwer lösliche Pyrochlor liegen bleibt. In Araxá hat dieser Prozess eine Laterit-Decke hinterlassen, in der die Niob-Gehalte um ein Vielfaches über dem Ausgangsgestein liegen.
Genau diese Kombination erklärt die Landkarte: Ein Karbonatit allein reicht nicht, tropische Verwitterung allein auch nicht. Beides zusammen kommt praktisch nur in Brasilien in dieser Größenordnung vor. Kanada fördert in Saint-Honoré bei Chicoutimi aus einem unverwitterten Karbonatit, mit deutlich niedrigeren Gehalten und entsprechend höheren Förderkosten.
| Land | Förderung 2025 (Tonnen Niobinhalt) | Reserven (Tonnen) |
|---|---|---|
| Brasilien | 104.000 | 14.000.000 |
| Kanada | 6.000 | 640.000 |
| Kongo, Demokratische Republik | 970 | keine Angabe |
| Russland | 300 | 3.000 |
| Ruanda | 200 | keine Angabe |
| China | 40 | 6.500.000 |
| Vereinigte Staaten | keine Förderung | 210.000 |
| Welt gesamt (gerundet) | 112.000 | über 21.000.000 |
Die Reservenspalte enthält eine Pointe, die in der Debatte um Abhängigkeiten gern untergeht: China sitzt auf 6,5 Millionen Tonnen Niob-Reserven und förderte 2025 trotzdem nur 40 Tonnen. Der US-Geologiedienst führt die Bestände, doch aus diesen Erzen lässt sich Niob zu heutigen Preisen offenkundig nicht wirtschaftlich abtrennen, sonst stünde in der Förderspalte mehr als eine Randnotiz. Reserven im Bericht und Metall im Ofen sind zwei verschiedene Dinge.
Niob braucht zwei geologische Zufälle zugleich: einen Karbonatit und Millionen Jahre tropische Verwitterung darüber. Diese Kombination erklärt, warum ein einziger Tagebau in Minas Gerais den Weltmarkt versorgt, während China auf großen, aber schwer aufbereitbaren Reserven sitzt.
Wer entdeckte Niob und wie wurde daraus ein Weltmonopol?

Am 26. November 1801 stellte der britische Chemiker Charles Hatchett der Royal Society ein neues Metall vor, das er Columbium nannte. Sein Ausgangsmaterial war ein unscheinbarer schwarzer Stein aus der Mineraliensammlung des British Museum, den John Winthrop, der erste Gouverneur von Connecticut, in den 1750er Jahren nach England geschickt hatte.
Die Entdeckung verschwand dann für Jahrzehnte in der Schublade. William Hyde Wollaston untersuchte 1809 Columbit und Tantalit nebeneinander und erklärte beide Metalle für identisch. Diese Fehldiagnose hielt sich 35 Jahre.
Erst der Berliner Chemiker Heinrich Rose wies 1844 nach, dass im amerikanischen Mineral eine andere Metallsäure steckt als im Tantalit. Rose taufte das Element Niob, nach Niobe, der Tochter des Tantalos. Der Name war ein chemischer Witz, denn die Verwandtschaft der beiden Metalle steckt schon im Verwandtschaftsverhältnis der beiden Sagengestalten. Bis 1949 stritten amerikanische und europäische Fachleute weiter über Columbium und Niobium, dann entschied die IUPAC zugunsten von Niob.
Die industrielle Geschichte beginnt viel später und an einem einzigen Ort. 1955 gründeten brasilianische Unternehmer die Companhia Brasileira de Metalurgia e Mineração, kurz CBMM, 1961 startete der Tagebau in Araxá im Bundesstaat Minas Gerais. In derselben Zeit lernte die Stahlindustrie, was winzige Niobzugaben mit einem Walzprodukt anstellen, und die Nachfrage nach Ferroniob begann zu steigen.
Die Familie Moreira Salles, die auch die Großbank Itaú Unibanco kontrolliert, hält bis heute 70 Prozent an CBMM. Die restlichen 30 Prozent gingen 2011 in zwei Paketen zu je 15 Prozent an ein japanisch-südkoreanisches Konsortium um JFE Steel, Nippon Steel, Sojitz und die staatliche JOGMEC sowie an ein chinesisches Konsortium um Citic und die Stahlkonzerne Anshan, Shougang, Baosteel und Taiyuan. Beide Pakete zusammen brachten damals rund 3,4 Milliarden Euro ein und bewerteten das Bergbauunternehmen mit gut 11 Milliarden Euro.
Die Konstruktion ist bemerkenswert. Statt Konkurrenten zuzulassen, hat CBMM die größten Abnehmerländer zu Miteigentümern gemacht. Wer 15 Prozent an der Quelle hält, gründet keine Konkurrenzmine. Der Goldrausch fiel bei Niob also aus, weil der Marktführer ihn eingekauft hat.
- 1801 bis 1844: Hatchett entdeckt Columbium, Wollaston erklärt den Fund für Tantal, Rose korrigiert und benennt Niob.
- 1961: Der Tagebau Araxá geht in Betrieb, parallel entsteht der Markt für mikrolegierte Stähle.
- 2011: Japanische, südkoreanische und chinesische Abnehmer kaufen sich zu je 15 Prozent bei CBMM ein, statt eigene Minen zu erschließen.
Wie hat Niob die Weltkarte verändert?

Niob hat keine Kolonialkriege ausgelöst und keine Grenzen verschoben, aber der Stoff hat eine Abhängigkeit geschaffen, die härter ist als bei fast jedem anderen kritischen Rohstoff: 93 Prozent der Weltförderung kommen aus einem einzigen Land, und rund drei Viertel davon aus einem einzigen Unternehmen. Die Geopolitik des Niobs ist deshalb keine Geschichte von Eroberungen, sondern eine von Verträgen, Beteiligungen und nationaler Symbolik.
Wie Brasilien aus einem Tagebau ein Politikum machte
In Brasilien ist das Metall nie ein Industriethema geblieben. Unter Präsident Jair Bolsonaro wurde der Stoff zum Versprechen umgedeutet, das Land könne sich mit einem einzigen Rohstoff aus der Krise fördern. Bolsonaro nannte Niob wiederholt als Schlüssel zum Wohlstand, und dieselbe Rhetorik lieferte das Argument, Schutzgebiete zu öffnen. Das Netzwerk Ressourcenwende dokumentiert diese Verknüpfung am Beispiel des Naturschutzgebiets Morro dos Seis Lagos im Bundesstaat Amazonas, das auch indigene Gebiete umfasst und auf großen Niobvorkommen sitzt.
Der Mechanismus ist alt und lässt sich in jeder Rohstoffgeschichte wiederfinden: Ein knapper Stoff wird zum nationalen Interesse erklärt, und was dem nationalen Interesse dient, braucht keine Rücksicht mehr. Bei einem Stoff wie diesem greift das Muster besonders leicht, weil kaum jemand außerhalb der Fachwelt einschätzen kann, wie viel Metall die Welt tatsächlich braucht. Die Antwort lautet: gemessen an anderen Metallen erstaunlich wenig. Der gesamte Weltbedarf von 112.000 Tonnen passt rechnerisch in rund 4.500 Sattelzüge.
Warum das Monopol kein Kartell ist
Bei Erdöl regelt die OPEC die Menge, bei Seltenen Erden setzt China Ausfuhrgenehmigungen ein. Niob funktioniert anders. CBMM verkauft rund 95 Prozent der Produktion ins Ausland und hat den Preis über Jahrzehnte auffällig stabil gehalten, statt Knappheit zu bewirtschaften. Der Grund liegt in der Substituierbarkeit: Steigt Ferroniob im Preis, wechseln Stahlwerke zu Vanadium, Molybdän oder Titan. Ein Monopolist, der zu weit zieht, züchtet sich seine eigene Konkurrenz heran.
Diese Selbstbeschränkung ist der eigentliche Grund, warum der Stoff so lange keine Schlagzeilen produzierte. Ein Rohstoff, dessen Preis nicht ausschlägt, taucht in keiner Krisenberichterstattung auf. Genau daraus entsteht die Verwundbarkeit: Niemand legt Lager an, niemand qualifiziert Zweitlieferanten, niemand baut Recyclingpfade. Die Stabilität selbst erzeugt die Sorglosigkeit.
| Rohstoff | Steuerungsinstrument | Wirkung auf den Preis |
|---|---|---|
| Erdöl | Fördermengen-Absprachen der OPEC | Gezielte Verknappung, hohe Ausschläge |
| Seltene Erden | Ausfuhrgenehmigungen Chinas | Politisch ausgelöste Preissprünge |
| Niob | Marktbeherrschung durch einen Anbieter, Abnehmer als Miteigentümer | Bewusst stabil gehaltene Preise, kaum Ausschläge |
Wohin das brasilianische Ferroniob fließt
Der US-Geologiedienst wertet für 2024 die Handelsstatistik unter der Zolltarifnummer 7202.93 aus. Brasilien führte in diesem Jahr 92.000 Tonnen Ferroniob aus, davon 49 Prozent nach China, 17 Prozent in die Niederlande, 9 Prozent nach Singapur sowie je 8 Prozent nach Südkorea und in die Vereinigten Staaten. Der niederländische Anteil ist dabei kein Endverbrauch, sondern Rotterdam als Drehscheibe für die europäische Stahlindustrie.
China ist damit zugleich größter Abnehmer und Miteigentümer des Lieferanten. Dieselbe Volkswirtschaft, die bei Seltenen Erden, Grafit und Gallium die Ausfuhr steuert, hat sich bei Niob rechtzeitig an der Quelle abgesichert. Europa hat das nicht getan, wie die Abhängigkeit bei Naturgraphit ebenfalls zeigt.
Anteil an der Weltförderung 2025
Wohin Brasiliens Ferroniob 2024 ging
Reserven gegen Förderung
Warum ist Niob für die Weltwirtschaft so wichtig?

Niob ist der Hebel, mit dem sich Stahl leichter machen lässt, ohne ihn schwächer zu machen: Schon 0,01 Prozent Zugabe heben die Streckgrenze nach Angaben der Werkstofftechnik um 35 bis 40 Megapascal, und mikrolegierte Stähle sparen bis zu 20 Prozent Material gegenüber unlegierten Güten. Aus einem Stoff, von dem die Welt nur 112.000 Tonnen im Jahr fördert, entsteht so eine Wirkung auf hunderte Millionen Tonnen Stahl.
Die Mechanik dahinter ist Metallurgie im Kleinstmaßstab. Niob bildet beim Walzen feine Karbid- und Nitridausscheidungen, die das Wachstum der Austenitkörner bremsen. Am Ende steht ein Ferritgefüge mit Korngrößen von wenigen Mikrometern, und feines Korn bedeutet zugleich höhere Festigkeit und bessere Zähigkeit. Übliche Zugaben liegen bei 0,03 bis 0,08 Prozent.
Der wirtschaftliche Effekt liegt nicht im Metall, sondern im eingesparten Stahl. Eine Fernleitung mit der Gütesorte X70 kommt mit dünneren Wandstärken aus als eine mit älteren Güten, ein Brückenträger mit weniger Querschnitt, eine Fahrzeugkarosserie mit weniger Blech. Der Hebel beträgt grob das Tausendfache: Ein halbes Kilogramm Niob verändert die Auslegung einer ganzen Tonne.
Die Verbrauchsstruktur folgt daraus. In den Vereinigten Staaten gingen 2025 nach Erhebung des US-Geologiedienstes rund 77 Prozent des Niobverbrauchs in Stähle und 23 Prozent in Superlegierungen. Der amerikanische Verbrauch lag bei geschätzten 9.900 Tonnen, sechs Prozent unter dem Vorjahr, und stammte zu 100 Prozent aus Einfuhren, davon 67 Prozent aus Brasilien und 28 Prozent aus Kanada.
Für Deutschland fehlt eine vergleichbar saubere Einzelstatistik, die Größenordnung lässt sich aber aus der Stahlproduktion ableiten. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl meldete für 2025 eine Rohstahlerzeugung von 34,1 Millionen Tonnen, neun Prozent unter dem Vorjahr und der niedrigste Stand seit der Finanzkrise 2009. Ein Rechenbeispiel: Wären davon zehn Millionen Tonnen mikrolegiert und mit 0,05 Prozent Niob versetzt, entfielen auf die deutsche Stahlindustrie rund 5.000 Tonnen Niob im Jahr, also gut vier Prozent der Weltförderung.
Die schrumpfende Stahlproduktion ist dabei kein Entwarnungssignal. Sinkt die Menge, während der Anteil hochfester Güten in Fahrzeugbau, Windkraft und Rüstung steigt, bleibt der Niobbedarf hoch, während die Verhandlungsmacht der Einkäufer abnimmt. Ein Werk, das weniger bestellt, bekommt selten bessere Konditionen.
- Hebelwirkung: 0,03 bis 0,08 Prozent Niob im Stahl sparen bis zu 20 Prozent Material.
- Verwendung: In den USA gingen 2025 rund 77 Prozent in Stähle und 23 Prozent in Superlegierungen.
- Deutschland: 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl 2025 bedeuten sinkende Mengen bei gleichbleibend hohem Bedarf an hochfesten Güten.
In welchen Produkten steckt Niob und was steht ohne den Stoff still?

Niob steckt in Erdgasfernleitungen, Autokarosserien, Brücken, Turbinenschaufeln von Kampfjets, Magnetresonanztomografen und seit 2025 auch in schnellladenden Batteriezellen, ohne je auf einem Etikett zu erscheinen. Der Stoff ist ein Zutatenmetall: Er verschwindet im Endprodukt und taucht dort nur als Werkstoffnorm wieder auf.
Teil eins: Wo der Stoff überall drinsteckt
Die größte Gruppe sind Rohre und Bleche. Fernleitungsrohre der Güte X70 oder X80 enthalten Niob, weil dünnere Wandstärken bei gleichem Betriebsdruck Stahl und Schweißarbeit sparen. Autokarosserien nutzen mikrolegierte Feinbleche, um Crashstrukturen leichter zu bauen. Brückenträger und Offshore-Fundamente folgen derselben Logik: höhere Streckgrenze bei gleichem Querschnitt.
Die zweite Gruppe sind Superlegierungen. Nickelbasiswerkstoffe wie Inconel 718 enthalten das Metall im Prozentbereich und halten die Temperaturen in Gasturbinen aus. Genau hier liegt die Verbindung zur Rüstung: Turbinenschaufeln von Kampfjets und Hubschraubern, Raketenantriebe und Bauteile für Hyperschallflugkörper hängen an diesen Legierungen. Das Netzwerk Ressourcenwende ordnet Niob deshalb ausdrücklich als Rüstungsmetall ein und nicht nur als Werkstoff der Energiewende.
Die dritte Gruppe ist klein an Menge und groß an Wirkung. Niob-Titan bleibt bis heute der Standardsupraleiter für die Magnete in Magnetresonanztomografen und in Teilchenbeschleunigern. Ohne diese Drähte funktionierte keine MRT-Untersuchung im heutigen Sinn. Dazu kommen Nioboxid in Spezialgläsern und Lithiumniobat in der Optik und Nachrichtentechnik.
Die jüngste Gruppe ist die umstrittenste. Toshiba lieferte am 4. Juni 2025 erste Muster der Zelle SCiB Nb aus, die statt Graphit eine Anode aus Niob-Titan-Oxid nutzt. Der Hersteller nennt 80 Prozent Ladung in zehn Minuten und eine geschätzte Lebensdauer von 15.000 Zyklen. Entwickelt wurde die Zelle zusammen mit CBMM und Sojitz, erprobt an einem Elektrobus am CBMM-Werk in Araxá. Von einer breiten Anwendung ist die Technik weit entfernt, doch die Richtung stimmt nachdenklich: Ein Wechsel von Graphit zu Niob tauscht lediglich eine chinesische Abhängigkeit gegen eine brasilianische.
| Produktgruppe | Konkretes Beispiel | Form des Niobs |
|---|---|---|
| Rohre und Bleche | Fernleitungsrohr X70, Fahrzeugkarosserie, Brückenträger | Ferroniob, 0,03 bis 0,08 Prozent Niobinhalt |
| Superlegierungen | Turbinenschaufeln in Triebwerken, Raketenantriebe | Niobmetall, mehrere Prozent in Nickelbasislegierungen |
| Supraleiter | Magnetspulen in Magnetresonanztomografen, Teilchenbeschleuniger | Niob-Titan-Draht |
| Optik und Nachrichtentechnik | Spezialgläser, optische Modulatoren | Nioboxid, Lithiumniobat |
| Batteriezellen | Toshiba SCiB Nb, seit Juni 2025 als Muster verfügbar | Niob-Titan-Oxid als Anodenmaterial |
Teil zwei: Was ohne Niob wegfiele
Die ehrliche Antwort lautet: kein einziges Alltagsprodukt verschwände vollständig. Anders als bei Kobalt in Akkus oder Neodym in Magneten existieren für Niob technische Ersatzstoffe. Der US-Geologiedienst listet Molybdän, Vanadium und Titan als Legierungselemente in hochfesten Stählen sowie Tantal, Wolfram und keramische Verbundwerkstoffe für Hochtemperaturanwendungen.
Der Preis dieses Ersatzes fällt allerdings unterschiedlich aus. Bei Baustahl kostet der Wechsel Geld und Prozessumstellung, technisch bleibt er machbar; wie stark der Ausweichpfad selbst unter Druck steht, zeigt der Blick auf den Vanadiummarkt. Bei Superlegierungen für Turbinen sieht die Lage anders aus: Dort ist jede Werkstoffänderung ein mehrjähriger Qualifizierungsprozess mit Zulassungsbehörden. Ein Triebwerkshersteller wechselt die Legierung nicht in einem Quartal.
Die eigentliche Kipplinie verläuft deshalb nicht zwischen Produkten, sondern zwischen Zeithorizonten. Fällt brasilianisches Niob für sechs Wochen aus, merkt das kaum jemand, weil Stahlwerke Vorräte halten. Fällt der Stoff für sechs Monate aus, werden Fernleitungsprojekte teurer und Fahrzeugkarosserien schwerer. Fällt er für zwei Jahre aus, steht die Zulassung neuer Triebwerksbauteile still, und dort hilft kein Vorrat mehr.
Die Kipp-Logik: was ein Lieferausfall wann auslöst
Wie setzt sich der Preis von Niob im fertigen Stahl zusammen?

Ferroniob kostete 2025 im Schnitt 22,50 Euro je Kilogramm Bruttogewicht, und weil in einer Tonne mikrolegiertem Stahl nur rund ein halbes Kilogramm Niobinhalt steckt, liegt der Materialanteil bei etwa 17 Euro je Tonne. Der Rohstoff, an dem eine ganze Werkstoffklasse hängt, taucht in der Kalkulation also im niedrigen einstelligen Prozentbereich auf.
Die Zahl stammt aus den Mineral Commodity Summaries des US-Geologiedienstes, der für 2025 einen durchschnittlichen Handelswert von 26 US-Dollar je Kilogramm Ferroniob ausweist. Umgerechnet zum Referenzkurs der Europäischen Zentralbank vom 10. August 2026 mit einem Euro zu 1,1555 US-Dollar ergeben sich 22,50 Euro. Weil Ferroniob rund 65 Prozent Niobinhalt enthält, kostet das reine Metall 34,60 Euro je Kilogramm.
Ein Rechenbeispiel macht die Größenordnung greifbar. Angenommen, eine Tonne Baustahl wäre mit 0,05 Prozent Niob mikrolegiert. Dann steckten darin 500 Gramm Niobinhalt, also rund 769 Gramm Ferroniob, und der Legierungszusatz käme auf gut 17 Euro. Bei einem Marktpreis von grob 700 bis 800 Euro je Tonne Baustahl entspräche das etwa zwei Prozent des Materialwerts.
| Rechenbeispiel | Niobinhalt | Kosten des Legierungszusatzes |
|---|---|---|
| 1 Tonne mikrolegierter Baustahl (0,05 Prozent Niob) | 500 Gramm | rund 17 Euro |
| 1 Fahrzeugkarosserie mit 300 Kilogramm mikrolegiertem Blech | 150 Gramm | rund 5 Euro |
| 1 Kilometer Großrohr DN 1200, Wandstärke 20 Millimeter | rund 295 Kilogramm | rund 10.200 Euro |
| 1 Tonne Nickelbasis-Superlegierung (5 Prozent Niob) | 50 Kilogramm | rund 1.730 Euro |
Die Verteilung der Erlöse folgt der Marktstruktur. Ein Stahlwerk zahlt den Weltmarktpreis für Ferroniob an CBMM oder Magris, dazu Fracht von Santos nach Rotterdam und den Zoll. Für Ferroniob mit weniger als 0,02 Prozent Phosphor oder Schwefel erheben die Vereinigten Staaten fünf Prozent Wertzoll, für Nioboxid 3,7 Prozent. In der Endpreiskette landet der weitaus größte Teil der Wertschöpfung im Walzwerk und beim Weiterverarbeiter, nicht beim Förderland.
Genau diese Asymmetrie erklärt, warum niemand über den Niobpreis spricht. Ein Kostenanteil von zwei Prozent löst keine Beschaffungsprojekte aus. Verdoppelte sich der Preis morgen, verteuerte sich eine Tonne Stahl um 17 Euro, was in der Statistik untergeht. Verschwände die Lieferung dagegen ganz, wäre kein Preis hoch genug, weil der Ersatz nicht am Preis scheitert, sondern an der Zulassung.
Fernleitungsrohre, Baustahl, Fahrzeugbleche, Offshore-Konstruktionen
Turbinenschaufeln, Luft- und Raumfahrt, Rüstungstechnik
Der Weg vom Erz in die Rechnung
Die Versorgungslage der Verbraucherländer
Wer verdient an Niob und wer zahlt drauf?

Am Niob verdient vor allem eine brasilianische Familienholding, für Brasilien als Volkswirtschaft bleibt der Rohstoff dagegen eine Randgröße: Die 92.000 Tonnen Ferroniob-Ausfuhr des Jahres 2024 entsprechen zum heutigen Handelswert überschlägig gut zwei Milliarden Euro. Ein Rettungsanker für eine Volkswirtschaft mit über 200 Millionen Einwohnern sieht anders aus.
Genau diese Rechnung entzaubert den brasilianischen Niob-Mythos. Über Jahre kursierte in politischen Debatten die Vorstellung, unter dem Boden von Minas Gerais und Amazonas liege der Ausweg aus der Staatsverschuldung. Der Überschlag zeigt eine Ausfuhr in der Größenordnung eines mittelgroßen deutschen Maschinenbauers. Ein Monopol auf einen kleinen Markt bleibt ein kleines Geschäft.
Auf der Gewinnerseite steht die Familie Moreira Salles mit 70 Prozent an CBMM, dazu die japanischen, südkoreanischen und chinesischen Miteigentümer, die seit 2011 nicht nur Dividenden, sondern vor allem Liefersicherheit halten. Gewonnen haben außerdem die Stahlwerke weltweit, weil ein stabiler Niobpreis ihnen jahrzehntelang planbare Kalkulationen ermöglichte.
Auf der Verliererseite stehen zuerst die Menschen rund um den Tagebau. Das Netzwerk Ressourcenwende dokumentiert für Araxá eine schwere Umweltkatastrophe im Jahr 1982, bei der Grundwasser und Trinkwasser mit Schwermetallen und toxischen Substanzen verseucht wurden, sowie anhaltende Belastungen durch Wasserkontamination und Luftverschmutzung. Ein Rechtsstreit von mehr als 500 Klägerinnen und Klägern endete 2018 mit der Abweisung der Schadensersatzklagen.
Im April 2026 kam ein zweiter Befund dazu. Laut einer Recherche von Repórter Brasil vom 3. April 2026 stellte das brasilianische Arbeitsministerium bei einer Prüfung zwischen Februar und Mai 2025 fest, dass 21 Lkw-Fahrer im Niob-Transport von Araxá zu den Häfen Santos und Guarujá unter sklavereiähnlichen Bedingungen arbeiteten. Der Prüfbericht nennt Arbeitstage von mehr als 15 Stunden, über 100 Überstunden im Monat und Fahrten von bis zu 41 Tagen ohne Unterbrechung.
Beschäftigt waren die Fahrer laut derselben Recherche nicht bei CBMM, sondern beim Speditionsunternehmen Expresso Nepomuceno. Der Bergbaukonzern erklärte gegenüber Repórter Brasil, keine Geschäftsbeziehung mehr zu dieser Spedition zu unterhalten und ein strukturiertes Programm für verantwortungsvolle Lieferketten zu betreiben. Die Spedition widerspricht den Schlussfolgerungen der Prüfung und hat Berufung eingelegt.
| Wer | Position in der Kette | Was dabei herauskommt |
|---|---|---|
| Familie Moreira Salles | 70 Prozent an CBMM | Kontrolle über rund drei Viertel des Weltangebots |
| Konsortien aus Japan, Südkorea und China | je 15 Prozent seit 2011 | Liefersicherheit an der Quelle statt eigener Minen |
| Stahlwerke weltweit | Abnehmer | Stabile Preise, dünnere Wandstärken, weniger Materialeinsatz |
| Anwohner in Araxá | Nachbarn des Tagebaus | Wasserkontamination seit 1982, Klagen 2018 abgewiesen |
| Europäische Verarbeiter | Einfuhr ohne Alternative | Volle Abhängigkeit von einer einzigen Herkunft |
Der klassische Ressourcenfluch greift hier deshalb nur halb. Brasilien leidet nicht unter einer aufgeblähten Rohstoffwährung, weil die Erlöse dafür zu klein sind. Das Land leidet an etwas anderem: an einer Erzählung, die den tatsächlichen Beitrag eines Rohstoffs zur Volkswirtschaft um Größenordnungen überschätzt und damit politische Entscheidungen über Schutzgebiete und indigene Rechte vorprägt.
CBMM liefert drei Viertel des Weltniobs, und die EU-Rohstoffverordnung führt den Stoff trotzdem nur als kritisch, nicht als strategisch. Damit bekommt ausgerechnet das Metall, das Panzerstahl und Turbinenschaufeln fester macht, kein einziges beschleunigtes Genehmigungsverfahren.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Der Niobhandel ist gemessen an seiner strategischen Bedeutung erstaunlich klein: gut zwei Milliarden Euro Ausfuhr im Jahr. Die Gewinne konzentrieren sich auf wenige Eigentümer, die Lasten tragen die Anwohner des Tagebaus und, laut dem Prüfbericht des brasilianischen Arbeitsministeriums, die Fahrer eines Subunternehmens.
Wie mächtig ist die Niob-Lobby?

Die stärkste Lobbyarbeit für Niob läuft nicht über Verbände in Brüssel, sondern über Eigentumsanteile und über eine nationale Erzählung in Brasilien. Ein Anbieter, der seine größten Abnehmerländer als Miteigentümer an Bord hat, braucht keinen Verband, der für ihn spricht.
In Brasilien wirkt die zweite Ebene. Ex-Präsident Jair Bolsonaro etablierte Niob als vermeintlichen Retter der Volkswirtschaft, und dieses Framing lieferte laut dem Steckbrief des Netzwerks Ressourcenwende zugleich das Argument, regulatorische Schutzrahmen für indigene Gebiete zu lockern. Der Wissenschaftler Ricardo Fernandes Gonçalves hält dem entgegen, dass die stabile Weltmarktnachfrage keine weiteren Minenerschließungen erfordere.
Auf der europäischen Seite fällt die Gegenprobe mager aus. Der Europäische Rechnungshof kommt in seinem Sonderbericht 04/2026 zu dem Ergebnis, dass die Wirkung der EU-Finanzierung auf die Versorgung mit kritischen Rohstoffen unklar bleibt und die Diversifizierung der Einfuhren bislang keine greifbaren Ergebnisse gebracht hat. Wo keine Wirkung messbar ist, lohnt sich für einen Rohstofflieferanten auch keine Abwehrlobby.
Die Kritik kommt stattdessen von der Kapitalseite. Der Dachverband Kritische Aktionärinnen und Aktionäre trug die Vorwürfe rund um den Niobabbau auf den Hauptversammlungen von Volkswagen und Traton vor und forderte, die Wirksamkeit der konzernweiten Sorgfaltspflichtsysteme zu überprüfen. Beide Konzerne forschen gemeinsam mit CBMM und Toshiba an niobhaltigen Batteriezellen.
Für deutsche Unternehmen entsteht daraus eine unangenehme Lage. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz verlangt eine Risikoanalyse entlang der eigenen Lieferkette, doch Niob erreicht ein Werk in aller Regel als Legierungsbestandteil einer eingekauften Stahlgüte. Der Stoff sitzt damit tief in der mittelbaren Lieferkette, wo Sorgfaltspflichten schwächer greifen und Herkunftsnachweise ausdünnen.
- Beteiligung statt Verband: Abnehmerländer sitzen seit 2011 als Miteigentümer an der Quelle.
- Nationale Erzählung: Der Niob-Mythos dient in Brasilien als Argument gegen Schutzgebiete.
- Schwache Gegenseite: Der Rechnungshof findet keine messbare Wirkung der EU-Rohstofffinanzierung.
Wie kommt Europa von brasilianischem Niob los?

Kurzfristig gar nicht: In Europa existiert keine Niobmine, keine nennenswerte Rückgewinnung und kein zweiter Lieferant außer Kanada, dessen gesamte Jahresförderung von 6.000 Tonnen kaum mehr als das Anderthalbfache der EU-Einfuhren deckt. Die realistischen Pfade heißen deshalb Substitution, Recycling und neue Projekte, in dieser Reihenfolge der Wirksamkeit.
Substitution: der schnellste, aber teuerste Weg
Der US-Geologiedienst nennt Molybdän, Vanadium und Titan als Legierungselemente für hochfeste und rostfreie Stähle sowie Tantal, Wolfram, Molybdän und keramische Verbundwerkstoffe für Superlegierungen. Jede dieser Alternativen bringt Leistungsverlust oder höhere Kosten mit sich. Wolfram und Tantal stehen zudem selbst auf der Liste kritischer Rohstoffe, Vanadium hängt an China und Russland. Der Ausweg führt also von einer Abhängigkeit in die nächste.
| Weg | Wirkung bis 2030 | Haken |
|---|---|---|
| Substitution durch Vanadium, Molybdän, Titan | sofort möglich bei Baustahl | Leistungsverlust oder Mehrkosten, neue Abhängigkeiten |
| Substitution in Superlegierungen | frühestens nach Jahren | Werkstoffzulassung durch Luftfahrt- und Rüstungsbehörden |
| Recycling aus Stahlschrott | bislang null Prozent | 0,05 Prozent Legierungsanteil lassen sich nicht abtrennen |
| Neue Minen in Nordamerika | ein Projekt in Nebraska in Vorbereitung | Genehmigung, Finanzierung und Hochlauf dauern ein Jahrzehnt |
| Neue Minen in der EU | keine bekannt | Niob gilt nicht als strategisch, also kein beschleunigtes Verfahren |
Recycling: der Pfad, den bisher niemand gebaut hat
Die Recycling-Einsatzquote von Niob liegt in der EU laut Rechnungshof bei null Prozent. Der Stoff gehört damit zu den zehn von 26 untersuchten kritischen Rohstoffen, die überhaupt nicht zurückgewonnen werden. Der Grund liegt in der Verdünnung: Ein halbes Kilogramm je Tonne lässt sich aus Stahlschrott technisch nicht sinnvoll abtrennen, weshalb das Niob beim Einschmelzen im neuen Schrottstahl landet.
Ganz verloren ist der Stoff dadurch nicht, er verliert nur seine Funktion. Aus mikrolegiertem Schrott einfachen Betonstahl zu gießen verschenkt die Wirkung des Legierungselements. Genau hier setzt die Forderung nach digitalen Produktpässen und sortenreiner Schrottsortierung an, wie sie auch in der Debatte um den Kreislauf des Eisens geführt wird.
Neue Projekte: viel Ankündigung, wenig Tonnage
In den Vereinigten Staaten entsteht in Nebraska ein Vorhaben für Niob, Scandium und Titan. Der US-Geologiedienst hält fest, dass das US-Kriegsministerium dem Betreiber im August 2025 zehn Millionen US-Dollar, umgerechnet rund 8,7 Millionen Euro, für den Aufbau einer heimischen Scandium-Lieferkette bewilligte, wovon auch die Niob- und Titanpläne profitieren sollen. Nach Inbetriebnahme wäre der Standort die einzige Niobmine der Vereinigten Staaten.
Die europäische Lage bleibt dünner. Die Rohstoffverordnung der EU führt Niob als kritischen, nicht als strategischen Rohstoff. Der Rechnungshof benennt die Folge unmissverständlich: Vorhaben, die Niob oder Vanadium betreffen, können nicht als strategische Projekte eingestuft werden, obwohl beide Stoffe für Technologien der sauberen Energie entscheidend sind. Beschleunigte Genehmigungen, gezielte Lieferkettenmaßnahmen und die politische Priorität der 17 strategischen Rohstoffe gehen an Niob damit vorbei.
Realistisch bedeutet das: Vor 2030 verändert sich an der Herkunft des europäischen Niobs wenig. Der wirksamste Hebel liegt nicht in einer neuen Mine, sondern in Lagerhaltung, in Zweitqualifizierungen bei Superlegierungen und in der sortenreinen Schrotterfassung. Alles drei kostet Geld, das heute niemand einplant, weil der Rohstoff nur zwei Prozent des Materialwerts ausmacht.
Substitution führt in die nächste Abhängigkeit, Recycling existiert bei null Prozent, und neue Minen brauchen ein Jahrzehnt. Der einzige kurzfristig wirksame Hebel heißt Lagerhaltung und Zweitqualifizierung, ausgerechnet dort, wo der Kostendruck am größten ist.
Was bedeutet die Aufrüstung für Deutschland?

Europas Rüstungsprogramme heben die Nachfrage nach genau jenen Werkstoffen, für die Niob unverzichtbar ist, während die deutsche Stahlindustrie mit 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl auf dem niedrigsten Stand seit 2009 arbeitet und ihre Einkaufsmacht damit sinkt. Aus einem unauffälligen Legierungszusatz wird so eine Beschaffungsfrage mit sicherheitspolitischer Kante.
Die Bundesregierung hat den Zusammenhang erkannt, wenn auch nicht unter dem Stichwort Niob. Außenminister Johann Wadephul forderte am 3. Juli 2026 nach seiner Südamerikareise eine rasche Aufstockung des Rohstofffonds, der mit einem Volumen von bis zu einer Milliarde Euro Beteiligungen und Garantien an Bergbauprojekten ermöglichen soll. Das Mercosur-Abkommen zwischen der EU und Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay trat Anfang Mai 2026 vorläufig in Kraft und nannte Wadephul einen Gamechanger.
Für die konkrete Versorgung ändert das zunächst wenig. Ein Fonds beteiligt sich an Projekten, und Projekte für einen Rohstoff, der in Europa nirgends im Boden liegt, bedeuten Beteiligungen im Ausland. Näher an der Wirkung läge ein Instrument, das die EU bisher nicht kennt: eine Bevorratung auf Werkstoffebene, so wie Japan sie über die staatliche JOGMEC seit Jahrzehnten betreibt.
Für deutsche Unternehmen ergeben sich daraus drei Fragen, die sich in einer einzigen Beschaffungsrunde beantworten lassen:
- Welche eingekauften Stahlgüten sind mikrolegiert und damit niobabhängig?
- Wie viele Wochen Vorlauf hat der Lieferant bei einer Störung im Zulauf?
- Existiert für sicherheitskritische Bauteile eine qualifizierte Zweitlegierung?
Drei Szenarien für die kommenden Monate
| Szenario | Was passiert | Folge für deutsche Betriebe |
|---|---|---|
| Optimistisch | CBMM hält den Preis stabil, die Ausfuhren über Santos laufen unverändert | Etwas längere Lieferzeiten bei Superlegierungen, sonst keine Wirkung |
| Realistisch | Luft- und Raumfahrt sowie Rüstung ziehen mehr Superlegierungen ab | Hersteller bedienen zuerst langfristige Verträge, kleinere Verarbeiter warten länger |
| Pessimistisch | Handelskonflikt, gerichtliche Auflage nach den Prüfbefunden oder Logistikausfall zwischen Araxá und Santos | Verzögerungen um Monate, ohne dass der Preis vorher warnt |
Der schmalste Punkt der Kette liegt dabei nicht in der Mine, sondern auf der Straße. Die gut 600 Kilometer zwischen Araxá und dem Hafen Santos sind der Engpass, an dem sich Umweltauflagen, Arbeitsrecht und Logistik gleichzeitig verknoten.
Was Sie jetzt konkret tun können
Als Einkäufer lohnt sich eine Bestandsaufnahme der Werkstoffnormen im eigenen Zukaufteil. Als Geschäftsführer eines Fertigungsbetriebs lohnt sich die Frage nach der Vorlaufzeit für sicherheitsrelevante Bauteile, und zwar schriftlich beim Lieferanten. Als Verbraucher merken Sie von alldem nichts, und genau darin liegt die Pointe dieser Stoffgeschichte: Der Rohstoff, der Ihr Auto leichter und Ihre Gasleitung sicherer macht, kostet weniger als ein Mittagessen und hängt trotzdem an einem einzigen Tagebau auf der anderen Seite der Erdkugel.
- Nachfrage: Rüstung und Luftfahrt ziehen genau die Superlegierungen, für die Niob keinen schnellen Ersatz kennt.
- Politik: Der Rohstofffonds soll aufgestockt werden, greift aber erst über Beteiligungen im Ausland.
- Betrieb: Werkstoffnormen prüfen, Vorlaufzeiten schriftlich abfragen, Zweitlegierungen für kritische Bauteile qualifizieren.
Glossar: 14 wichtige Fachbegriffe rund um Niob

Austenitkorn
Austenitkorn bezeichnet das Gefügekorn des Stahls im heißen Zustand während des Walzens. Niob bremst über feine Ausscheidungen das Kornwachstum, wodurch nach dem Abkühlen ein feineres Ferritgefüge entsteht. Feines Korn bedeutet zugleich höhere Festigkeit und bessere Zähigkeit.
Carbonatit
Carbonatit ist ein magmatisches Gestein mit mehr als 50 Volumenprozent Karbonatmineralen. Solche Gesteine entstehen aus Schmelzen des oberen Erdmantels und enthalten häufig Niob, Seltene Erden und Phosphor. Fast alle wirtschaftlich abbaubaren Niobvorkommen der Welt liegen in Carbonatiten.
CBMM
CBMM (Companhia Brasileira de Metalurgia e Mineração) ist das brasilianische Bergbauunternehmen, das den Tagebau in Araxá betreibt und rund drei Viertel des weltweiten Niobangebots stellt. Die Familie Moreira Salles hält 70 Prozent, je 15 Prozent liegen seit 2011 bei asiatischen Konsortien.
Columbit
Columbit ist ein Erzmineral aus Eisen, Mangan, Niob und Tantal, in dem Charles Hatchett 1801 das später Niob genannte Element fand. Der Name geht auf Columbia als poetische Bezeichnung für Nordamerika zurück. Gemeinsam mit Tantalit bildet Columbit das umgangssprachliche Coltan.
Ferroniob
Ferroniob ist eine Vorlegierung aus Eisen und Niob mit rund 65 Prozent Niobinhalt und die mit Abstand wichtigste Handelsform des Metalls. Stahlwerke dosieren Ferroniob direkt in die Schmelze. Der Welthandel läuft unter der Zolltarifnummer 7202.93.
HSLA-Stahl
HSLA-Stahl (High Strength Low Alloy) bezeichnet hochfeste, niedriglegierte Stähle, deren Festigkeit aus winzigen Zugaben von Niob, Vanadium oder Titan stammt statt aus hohen Legierungsanteilen. Typische Anwendungen sind Fernleitungsrohre, Fahrzeugbleche und Konstruktionsprofile.
Kritischer Rohstoff
Kritischer Rohstoff ist in der EU-Rohstoffverordnung ein Stoff von hoher wirtschaftlicher Bedeutung mit hohem Versorgungsrisiko. Die Einstufung beruht auf historischen Daten und löst nur Standardverfahren aus. Das Metall gehört zu dieser Gruppe, nicht zur engeren Gruppe der strategischen Rohstoffe.
Mikrolegierung
Mikrolegierung nennt die Werkstofftechnik Zugaben im Bereich von 0,02 bis 0,15 Prozent, die das Gefüge eines Stahls verändern, ohne seine Grundzusammensetzung anzutasten. Bei Niob liegen übliche Werte zwischen 0,03 und 0,08 Prozent, also bei 300 bis 800 Gramm je Tonne.
Nioboxid
Nioboxid (Niobpentoxid) ist das Zwischenprodukt der Niobverarbeitung und zugleich Handelsform für Anwendungen außerhalb der Stahlerzeugung. Spezialgläser, optische Bauteile und Batteriematerialien greifen darauf zurück. Die Vereinigten Staaten beziehen Nioboxid zu 89 Prozent aus Brasilien.
Niob-Titan-Oxid
Niob-Titan-Oxid (NTO) ist ein Anodenmaterial für Lithium-Ionen-Zellen, das Graphit ersetzt und sehr schnelles Laden erlaubt. Toshiba lieferte im Juni 2025 erste Muster einer solchen Zelle aus, entwickelt gemeinsam mit CBMM und Sojitz. Eine breite Anwendung steht bislang aus.
Pyrochlor
Pyrochlor ist das wichtigste Niobmineral der Welt und ein komplexes Oxid aus Natrium, Calcium und Niob. Weil Pyrochlor der tropischen Verwitterung besser widersteht als das umgebende Karbonatgestein, reichert sich das Mineral in Laterit-Decken an, auf denen der Tagebau in Araxá aufsetzt.
Strategischer Rohstoff
Strategischer Rohstoff ist in der EU-Rohstoffverordnung eine Untergruppe von 17 kritischen Rohstoffen mit höherer politischer Priorität. Nur für diese Stoffe gelten beschleunigte Genehmigungsverfahren, die Benennung strategischer Projekte und gezielte Lieferkettenmaßnahmen. Ausgerechnet dieses Metall fehlt dort.
Streckgrenze
Streckgrenze bezeichnet die Spannung, bis zu der sich ein Werkstoff elastisch verformt und danach dauerhaft nachgibt. Gemessen wird der Wert in Megapascal, und er bestimmt, wie dünn ein Bauteil ausgelegt werden darf. Schon 0,01 Prozent Niob heben den Wert um 35 bis 40 Megapascal.
Supraleiter
Supraleiter sind Werkstoffe, die unterhalb einer Sprungtemperatur den elektrischen Widerstand verlieren. Niob-Titan ist der industrielle Standardsupraleiter für Magnetspulen und steckt in praktisch jedem Magnetresonanztomografen sowie in den Magneten großer Teilchenbeschleuniger.
FAQ: Niob: Ein Land liefert 93 Prozent der Weltförderung

Ist Niob ein seltenes Metall?
In der Erdkruste ist Niob häufiger als Blei, selten ist nur die abbauwürdige Anreicherung. Weltweit förderten alle Länder zusammen 2025 rund 112.000 Tonnen, davon 104.000 Tonnen in Brasilien. Die bekannten Reserven liegen bei über 21 Millionen Tonnen und reichen damit rechnerisch für weit mehr als ein Jahrhundert.
Was kostet Niob pro Kilogramm?
Ferroniob kostete 2025 im Handel durchschnittlich 22,50 Euro je Kilogramm Bruttogewicht, umgerechnet aus 26 US-Dollar zum Referenzkurs der Europäischen Zentralbank vom 10. August 2026. Da Ferroniob rund 65 Prozent Niobinhalt trägt, entspricht das etwa 34,60 Euro je Kilogramm reinem Niob.
Gibt es Niob-Vorkommen in Europa?
In der Europäischen Union wird kein Niob gefördert, die gesamte Menge kommt aus Einfuhren. 2024 führte die EU rund 4.135 Tonnen ein, 60 Prozent mehr als 2020. Der einzige größere Produzent außerhalb Brasiliens ist Kanada mit rund 6.000 Tonnen im Jahr, gefördert bei Saint-Honoré in Québec.
Lässt sich Niob recyceln?
Technisch ja, praktisch bislang nicht. Der Europäische Rechnungshof weist für Niob eine Recycling-Einsatzquote von null Prozent aus. Der Grund ist die Verdünnung: Bei rund 500 Gramm je Tonne Stahl lohnt sich keine Abtrennung, das Metall wandert beim Einschmelzen unsortiert in den nächsten Schrottstahl.
Wodurch lässt sich Niob ersetzen?
Der US-Geologiedienst nennt Molybdän, Vanadium und Titan als Legierungselemente in hochfesten und rostfreien Stählen sowie Tantal, Wolfram, Molybdän und keramische Verbundwerkstoffe für Superlegierungen. Jeder Ersatz bringt Leistungsverlust oder höhere Kosten mit sich, und bei Turbinenwerkstoffen dauert die Neuzulassung Jahre.
Warum gilt Niob in der EU nicht als strategischer Rohstoff?
Die EU-Rohstoffverordnung führt Niob als kritischen Rohstoff, nicht als einen der 17 strategischen. Die Einstufung als kritisch beruht auf historischen Versorgungsrisiken und löst nur Standardverfahren aus. Der Europäische Rechnungshof kritisiert genau das: Niob-Vorhaben können deshalb nicht als strategische Projekte gelten und bekommen keine beschleunigten Genehmigungen.
Quellen
U.S. Geological Survey | Mineral Commodity Summaries 2026, Kapitel Niobium (Columbium), Februar 2026 | https://pubs.usgs.gov/periodicals/mcs2026/mcs2026-niobium.pdf | besucht am 11.08.2026
Europäischer Rechnungshof | Sonderbericht 04/2026: Kritische Rohstoffe für die Energiewende, Keine solide Strategie vorhanden | https://www.eca.europa.eu/ECAPublications/SR-2026-04/SR-2026-04_DE.pdf | besucht am 11.08.2026
Netzwerk Ressourcenwende | Steckbrief Niob: Metall zwischen Energiewende, Hightech und Aufrüstung, März 2026 | https://www.ressourcenwende.net/wp-content/uploads/2026/03/Steckbrief_Niob.pdf | besucht am 11.08.2026
Toshiba Corporation | Toshiba Starts Sample Shipments of SCiB Nb, Pressemitteilung vom 4. Juni 2025 | https://www.global.toshiba/ww/news/corporate/2025/06/news-20250604-01.html | besucht am 11.08.2026
Wirtschaftsvereinigung Stahl | Jahresbilanz der Stahlproduktion 2025: Viertes Krisenjahr in Folge | https://www.wvstahl.de/pressemitteilungen/jahresbilanz-der-stahlproduktion-2025-viertes-krisenjahr-in-folge/ | besucht am 11.08.2026
Repórter Brasil | MTE aponta escravidão no transporte de nióbio da CBMM, do grupo Moreira Salles, April 2026 | https://reporterbrasil.org.br/2026/04/mte-escravidao-niobio-moreira-salles/ | besucht am 11.08.2026
Dachverband Kritische Aktionärinnen und Aktionäre | Wirksamkeit von Sorgfaltsprozessen in der brasilianischen Niob-Lieferkette kritisch hinterfragen, Rede von Matthias Bachmann | https://www.kritischeaktionaere.de/traton/wirksamkeit-von-sorgfaltsprozessen-in-der-brasilianischen-niob-lieferkette-kritisch-hinterfragen-rede-von-matthias-bachmann/ | besucht am 11.08.2026
dpa-AFX über onvista | Wadephul: Rohstofffonds für seltene Erden schnell aufstocken, 3. Juli 2026 | https://www.onvista.de/news/2026/07-03-wadephul-rohstofffonds-fuer-seltene-erden-schnell-aufstocken-0-10-26528658 | besucht am 11.08.2026
Europäische Zentralbank | Euro-Referenzkurse, Stichtag 10. August 2026 | https://www.ecb.europa.eu/stats/policy_and_exchange_rates/euro_reference_exchange_rates/ | besucht am 11.08.2026
Association for Iron and Steel Technology | Japan-Korea Partnership to Invest in Brazilian Niobium Producer CBMM | https://www.aist.org/japan-korea-partnership-to-invest-in-brazilian-niobium-producer-cbmm | besucht am 11.08.2026
Institutional Investor | Chinese Consortium Buys CBMM Stake | https://www.institutionalinvestor.com/article/2bsytbe73b5scmkwlq1og/innovation/chinese-consortium-buys-1-95b-cbmm-stake | besucht am 11.08.2026
Tantalum-Niobium International Study Center | Niobium, Early History | https://tanb.org/niobium/early-history/ | besucht am 11.08.2026