Daniel Netzl, Datenwissenschaftler aus Österreich, ruft zum öffentlichen Abschied von Instagram und TikTok auf: ein bis sieben Tage Abschiedsposts, danach die Apps löschen. Seine Kampagne zielt auf eine Falle, die Ökonomen in der Fachzeitschrift American Economic Review nachgewiesen haben.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAm Ende steht ein letzter Post, danach verschwinden die Apps vom Handy. Diesen Ablauf schlägt Netzl auf der Website seiner Kampagne The Great Logout vor.[1] Ein stiller Abschied verpufft seiner Ansicht nach, ein sichtbarer soll andere zum Nachdenken bringen.
Das Wichtigste in Kürze
- The Great Logout begleitet den Ausstieg mit Postvorlagen und einer kostenlosen E-Mail-Reihe.
- In einer US-Studie wären 60 % der aktiven TikTok-Nutzer besser gestellt, fiele die App für alle weg.
- Allein verzichten wollten dieselben Studierenden nur gegen Geld.
- Die EU-Kommission geht gegen die suchtfördernde Gestaltung von TikTok, Instagram und Facebook vor.
Wie läuft der öffentliche Ausstieg ab?

Teilnehmer wählen ein, drei oder sieben Tage. Jeden Tag erklärt ein Post einen Grund für den Abschied, etwa die verlorene Zeit im Feed oder die Macht weniger Konzerne.[1] Im Sieben-Tage-Plan nennen die Aussteiger am fünften Tag ihre Kontaktwege nach dem Abschied: E-Mail, Telefon, Messenger oder ein Treffen. Ein Generator liefert fertige Grafiken für Instagram und TikTok, die E-Mail-Reihe umfasst 25 Mails über rund 15 Monate.
Das Manifest der Kampagne fasst die Haltung in einen Satz: „Wir verlassen den Feed, nicht einander.“ Netzl trägt die Kosten nach eigenen Angaben selbst, Spenden nimmt das Projekt über die Spendenplattform Ko-fi an. Laut Website steht die Kampagne in keiner Verbindung zu Instagram, TikTok, Meta oder X.[1]
Warum steigt kaum jemand allein aus?
Eine soziale Falle haben die Ökonomen Leonardo Bursztyn, Benjamin Handel, Rafael Jiménez-Durán und Christopher Roth in Experimenten mit mehr als 1.000 US-Studierenden nachgewiesen.[2] Für einen eigenen Verzicht auf TikTok verlangten die Teilnehmer Geld. Fiele die App dagegen an der ganzen Hochschule weg, wären 60 % der aktiven Nutzer besser gestellt, bei Instagram 46 %. Draußen zu bleiben, während der Freundeskreis weiterpostet, kostet Anschluss.
In einer Mail an die Redaktion beruft sich Netzl auf diesen Befund aus unserem Fachartikel Wäre die Welt ohne Social Media besser? Der angekündigte Abschied soll die Falle von innen öffnen: Sehen Freunde den Ausstieg kommen, können sie mitgehen. Erst dann sinkt der Preis für jeden Einzelnen.
Einzelne steigen aus und ziehen vielleicht ihren Freundeskreis mit, eine Massenbewegung sehe ich darin nicht.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was zeigen frühere Ausstiegswellen?
Im Jahr des Datenskandals um Cambridge Analytica hatten laut dem US-Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center 26 % der erwachsenen US-Facebook-Nutzer die App binnen zwölf Monaten vom Handy gelöscht, 42 % pausierten mehrere Wochen.[3] Facebook meldete für Ende Juni 2018 trotzdem 2,23 Milliarden monatlich aktive Nutzer, 11 % mehr als ein Jahr zuvor.[4]
Die EU-Kommission nimmt sich inzwischen das Design selbst vor. Im Februar 2026 wertete sie endloses Scrollen, automatische Wiedergabe, Push-Benachrichtigungen und personalisierte Empfehlungen bei TikTok vorläufig als Verstoß gegen das Gesetz über digitale Dienste (Digital Services Act), im Juli folgten Instagram und Facebook.[5][6] Bestätigt sich der Befund, drohen Bußgelder bis 6 % des weltweiten Jahresumsatzes.[7] TikTok und Meta haben laut Medienberichten widersprochen. China will suchtfördernde Algorithmen für Minderjährige verbieten, in den USA muss Mark Zuckerberg im nächsten Prozess um Social-Media-Sucht aussagen.
Für Unternehmen folgt daraus eine Hausaufgabe. Feeds zeigen ohnehin immer weniger Beiträge von Freunden, wie unser Beitrag Warum Social Media nicht mehr sozial ist beschreibt. Steigen Kunden aus, erreichen Sie diese Menschen nur noch über Newsletter, Website oder Telefon. Sammeln Sie Kontakte deshalb in Kanälen, die Ihnen keine Plattform abschalten kann.
Quellen
7 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- Daniel NetzlThe Great Logout, Website der Kampagne (abgerufen am 16. Oktober 2026)
- Leonardo Bursztyn, Benjamin Handel, Rafael Jiménez-Durán, Christopher RothWhen Product Markets Become Collective Traps: The Case of Social Media, American Economic Review 115 (12)
- Pew Research CenterAmericans are changing their relationship with Facebook
- FacebookFacebook Reports Second Quarter 2018 Results
- Europäische KommissionCommission preliminarily finds TikTok’s addictive design in breach of the Digital Services Act
- Europäische KommissionCommission preliminarily finds the addictive design of Instagram and Facebook in breach of the Digital Services Act
- Verordnung (EU) 2022/2065 (Digital Services Act), Artikel 74
Mehr Newshunger?
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